Gottesdienste Oststeinbek

Hier finden Sie unsere Andachten und Kurzpredigten

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema „Von der Rolle“

Jeremia Kaptiel 1, Vers 4–8 Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

 

„Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler.“

 

Diese Worte legte Shakespeare dem Jacques in „Wie es euch gefällt“ im zweiten Akt in den Mund. Das Leben als Bühne zu beschreiben, ist eine beliebte Metapher. Doch dieses Bild ist näher an der Realität als man oft denkt. Denn alle Menschen wachsen in ihrem Leben in eine Rolle hinein.

Jedes Leben eines Menschen wird von äußeren und von inneren Faktoren bestimmt. Einerseits gibt es die Kultur, die Umwelt, die persönlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Andererseits gibt es die Innenwelt des Individuums, die wiederum ganz andere Faktoren bei vielleicht gleichen äußeren Bedingungen mit in den Ring wirft. Hier kommen dann die Talente, Stärken und Schwächen, Vorlieben, Neigungen mit ins Spiel, die wiederum beeinflusst sind von der Energie, der Lust oder Angst, von Freiheit oder Blockaden und vielen weiteren Faktoren. All dies ist eine Art Knetmasse in unseren Händen, die wir in der Bedeutung für uns selbst und unser Leben neu und anders formen könnten, wenn wir denn wollen. Das Leben ist in gewisser Weise ein noch völlig unfertiges Drehbuch, das für jeden Menschen ganz viel an kreativem Potenzial beinhaltet.

Doch wer hat schon am Anfang seines Lebens eine Bedienungsanleitung, dieses Potenzial zu wecken und so seine Rolle im Leben zu finden?

Auch Jeremia ging es so. Gott wählte ihn aus, um zum israelischen Volk zu sprechen. Doch Jeremia zweifelt. Er fühlt sich zu jung, zu unerfahren; er weiß nicht, ob er dieser Rolle gewachsen ist.

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

So lesen wir es im ersten Kapitel bei Jeremia. Gott erklärt Jeremia, dass er noch vor der Geburt dafür bestimmt ist, seine Rolle anzunehmen. Er hat gar keine Wahl.

„Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ Diese Frage kennen wir alle aus unserer Kindheit. Im Laufe des Lebens richten wir uns aus und suchen ein Betätigungsfeld, dass uns erfüllt. Wir suchen unsere Berufung – daher ja auch das Wort „Beruf“. Doch scheuen wir oft vor unseren Wünschen zurück. Kann ich das? Wird es mich erfüllen?

Mal ehrlich: Sind wir uns immer sicher, dass wir den Beruf ausführen, zu dem wir berufen sind? Viele fühlen sich nicht fähig, der inneren Stimme zu folgen und sich auf das Wagnis einzulassen, genau das zu tun, wofür man „bestimmt“ ist. Dies sind die eigenen Blockaden, das fehlende Selbstbewusstsein, die Versagensängste. Aber auch äußerliche Blockaden sind zu überwinden, wie zum Beispiel die eigene wirtschaftliche Situation.

Gott hat uns unsere Talente mit in den Mutterleib, in die Wiege gelegt und wir müssen nur die Zeichen erkennen und ihnen folgen. Das ist einfach gesagt.

Woher nehmen Menschen den Mut, ihre Rolle anzunehmen und die Ängste zu überwinden? Wie schafft es eine Greta Thunberg, sich vor die UN-Versammlung zu stellen und Missstände anzuprangern? Woher nahm Martin Luther den Mut, sich gegen den Papst zu stellen?

Es geht auch allgemeiner: Wieso wird ein Mensch Krankenpfleger? Wieso Schauspieler?

Es ist die Berufung von Gott. Man kann sie spüren, wenn man es zulässt.

Und wir können dieser Berufung folgen, denn Gott gibt uns die Kraft, die wir brauchen. Jeden Tag aufs Neue.

Man braucht keine Angst zu haben, einen Weg einzuschlagen, denn Gott hat uns diesen Weg mitgegeben. Und noch etwas: Er verspricht uns, dass er bei uns ist und uns erretten wird.

Also, wagen wir es: Haben wir keine Angst und nehmen wir unsere Rolle an, denn wir können Gott vertrauen!

 

Amen

 

Psalm 34:

Ich will den Herrn loben allezeit;

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,

dass es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den Herrn

und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir

und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,

und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der Herr

und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des Herrn lagert sich um die her,

die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

Wohl dem, der auf ihn trauet!

Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!

Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

 

Wir beten:

Herr,

lass mich die Ruhe finden, damit ich die Talente finde, die in mir schlummern

und gib mir den Mut, Blockaden einzureißen, um deinen Weg gehen zu können.

Sei bei mir, wenn ich zweifle und gib mir die Kraft, die ich brauche, um deinen Plan zu verwirklichen.

Führe mich und halte mich.

Amen

 

Vaterunser

 

Segen:

Mögen auf dem Weg Deines Lebens immer wieder Zeichen erscheinen,

die Dir sagen, wohin Du unterwegs bist.

Mögest Du die Kraft haben, die Richtung zu ändern,

wenn Du den alten Weg nicht mehr gehen kannst.

Die Passionsandacht wurde von Volker Kasch erarbeitet.

 

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Reminiszere

Erster Sonntag der Fastenzeit – 28. Februar 2021

Jesaja 5, 1-7

57 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

3Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

5Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

7Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

(Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

So das einigermaßen bekannte Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr.

Zum ersten Mal bin ich auf dieses Gebet gestoßen, als es mir meine Mutter mitbrachte und ich mich fragte: „Warum eigentlich?“ Aber Geduld ist schon eines meiner Themen: Oft fällt es mir schwer, auszuhalten, dass Veränderungen so viel Zeit brauchen. Oder dass andere ein anderes Tempo haben als ich. Am schwersten fällt es mir aber geduldig auszuhalten, wenn ich etwas nicht auf die Reihe bekomme – und zwar am besten gleich:

Neulich z.B. wollte ich ein Workout mit meinem neuen Fitnessarmband starten. Aber das Display reagierte einfach nicht. Oder ging wieder zurück auf den Startbildschirm. Beim dritten Versuch habe ich das Armband in die Ecke geworfen.

Geduld ist endlich, aber: Man kann sie üben.

Im heutigen Jesajatext ist Gott mit seiner Geduld am Ende. Und zwar völlig. Jahrelang und auf ganz unterschiedlichen Wegen hat er versucht, sein Volk Israel von einem Weg mit ihm – mit Gott zu überzeugen. Aber die Menschen gingen immer wieder in andere Richtungen. Und nun lässt er seinen Propheten Jesaja ein lyrisch wunderschönes, aber inhaltlich schreckliches Lied singen: das Lied von einem Weinberg, der trotz all der vielen Bemühungen keine Frucht trägt und den der Winzer darum nun wüst lassen wird, ohne Pflege und ohne Schutz.

Geduld (oder Gelassenheit, Beharrlichkeit) gehört neben Barmherzigkeit, Beten, Fasten und natürlich Glaube, Liebe Hoffnung zu den christlichen Tugenden. Christinnen und Christen sollten sich also in Geduld üben, in Beharrlichkeit üben. Luther begründet das mit der unerschütterlichen Gewissheit, gerechtfertigt zu sein, also bereits alles gewonnen zu haben. Allerdings sollte Geduld auch seine Grenzen haben. Doch dazu später.

Zunächst aber: Wenn Christinnen und Christen sich in Geduld üben sollen, wie können wir das tun?

  1. Zunächst ist wohl das Bemühen entscheidend, im Hier und Jetzt zu sein.

Meine Geduld droht immer dann zu reißen, wenn ich gedanklich schon ein paar Schritte weiter bin, als es die Wirklichkeit ist:

Wenn ich z.B. Sport treibe, dann sehe ich mich schon viel fitter, als ich es tatsächlich bin. Und dann enttäuscht mich mein Tempo, enttäuscht mich mein Spiegelbild. Und ich kann die tatsächlich geschafften Entwicklungen – die ja zu meinem sportlichen Ideal führen! – gar nicht wahrnehmen und feiern.

Oder wenn ich eine elektrisierende Vorstellung davon habe, wie unser Team sich weiterentwickeln könnte und sollte. Aber da stellen immer wieder einige kritische Zwischenfragen oder haben ganz andere Ideen, dann stellt das meine Geduld auf die Probe. Statt dass ich wahrnehme, wieviel Energie und Engagement die Kritiker einbringen.

Je mehr ich im Hier und Jetzt bin, desto geduldiger kann ich all meine Energie und Klugheit in den nächsten Schritt, in bewusst gesetzte Teilziele stecken.

 

  1. Dann kann ich mich fragen, ob es immer die gleichen Situationen und Anlässe sind, die mich ungeduldig machen.

Ich bekomme z.B. Schweißausbrüche, wenn ich basteln soll oder wenn ich anderen etwas vormachen soll, von dem ich denke, sie könnten das viel besser.

Vielleicht hat das etwas mit der Schule zu tun. Jedenfalls habe ich in solchen Situationen schnell ein Prüfungsgefühl und reagiere unsicher und dünnhäutig und werde dann ungeduldig. Weil ich aus dieser Situation einfach nur raus will.

Aber wenn ich weiß, in welchen Situationen ich ungeduldig werde, dann kann ich mich bewusst auf solch einen Anlass einstellen und gelassener und spielerischer das Ganze angehen. Oder ich kann alternativ derartig stressende Situationen vermeiden. Weil ich nun wirklich weiß: Das ist nichts für mich!

  1. Mit Rückschlägen rechnen und Wartezeiten nutzen

Veränderungsprozesse kosten Zeit, oft viel Zeit. Und garantiert wird es zu Rückschlägen kommen. Das weiß jeder, der schon mal mit dem Rauchen aufhören wollte oder die Mitarbeit im Haushalt in seiner eigenen Familie erhöhen wollte. Ganz zu schweigen von Veränderungen in Teams oder gar der Gesellschaft. Änderungen brauchen viel Zeit und es wird Rückschläge geben!

Das zu erkennen, verhilft mir wiederum zur notwenigen inneren Einstellung: Ich bleibe im Hier und Jetzt und gehe den nächsten Schritt an und träume mich nicht schon ans Ende des Prozesses. Und auch investiere ich meine Kräfte an den Stellen, wo sie etwas bewirken, statt zu verpuffen.

Vielleicht schenken mir Wartezeiten und Rückschläge sogar unverhoffte Chancen: Ich kann die Zeit, die das Warten schenkt, nämlich nutzen. Für intensive Zusammenarbeit mit anderen beteiligten Menschen. Für innere Korrektur. Oder auch für völlig andere Dinge.

  1. Suche Dir MitstreiterInnen!

Und dann: Geh nie ein Projekt allein an! Du musst Dich nicht allein durchwurschteln! Nie! Es gibt immer Leute, die in eine ähnliche Richtung wollen. Oder Menschen, die Dich um Deiner Selbstwillen unterstützen möchten! Such Dir also unbedingt MitstreiterInnen. Und geht alles – von der Planung, über die Durchführung, bis zur Auswertung – gemeinsam an. Das mag manchmal kompliziert scheinen, ist aber am Ende viel hilfreicher und angenehmer, als alles alleine durchzuziehen. Und manchmal bekommst Du auch Unterstützung von Leuten, mit denen Du nicht gerechnet hast. Nimm sie an!

Aber auch, wenn Du Dich wunderbar in Geduld geübt hast: Manchmal sind Dinge auch einfach nicht dran. Egal, wie gut gedacht und wünschenswert sie auch sein mögen. Und es kann sein, dass Du mit einer zündenden Idee kommst und keiner will sie hören.

Besonders bitter ist es, wenn Du mit einem Projekt scheiterst und ein paar Monate später versucht es ein anderer und – hat Erfolg. Das liegt daran, dass es auf den richtigen Zeitpunkt ankommt: Ideen und Wünsche sind nicht für alle Zeiten gleich passend und hilfreich. Es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an, sie zu zünden. Niemand würde z.B. mitten im Winter im Garten pflanzen wollen. Aber es gibt unsere innere Uhr und die zieht uns jetzt fast von alleine in den Garten und in die Gartencenter. (Nun ja, unsere innere Uhr würde uns ins Gartencenter ziehen, wenn das denn ginge…) Meine Erfahrung ist: Achte auf Dein Gefühl! Es gibt Ideen, da denkst Du: „Man müsste eigentlich mal…“ Aber Du bekommst den Hintern nicht hoch. Aus gutem Grund wahrscheinlich! Und dann kannst Du andererseits bei einer Idee einfach nicht sitzen bleiben, weil Du weißt und spürst: Das ist es! Und zwar genau jetzt! Wenn das so ist, dann leg alles andere zur Seite und geh Deine Idee mit voller Kraft an! Nutze Deine Chance!

 

Aber ein Letztes ist mir wichtig: Wir haben schon gewonnen… Ihr erinnert Euch Luther: Bei Gott haben wir schon alles gewonnen und alles wird gut ausgehen. Das darf uns die Freiheit schenken, auch gewagte Sachen und Ideen anzugehen. Das darf uns den Mut schenken, Versuche zu wagen und auch scheitern zu können. Denn nur durch Versuch und Scheitern – trail and error – hat sich die Menschheit, hat sich jeder einzelne von uns weiter und zu dem entwickelt, der wir sind. Erinnert Euch, wie oft ein Kind versucht, aufzustehen und hinfällt, um dann endlich laufen zu können – irgendwann, nach 1000 vergeblichen Versuchen. Wagt etwas! Scheitert! Und versucht etwas Anderes und mit einem anderen, variierten Zugang.

Und dann kann man am Ende – wenn man alles versucht hat – auch Projekte ganz einstellen. Denn es gibt auch Grenzen den Geduld – es muss sie geben! Und das ist nicht schlimm! Schlimm wäre es, noch nicht einmal den Versuch zu wagen. Aber wenn wirklich nichts geht, dann kann man sich auch einen neuen Job, eine andere Stadt oder ganz andere Ideen suchen. Oder eben seinen Weinberg endlich loszulassen und links liegen zu lassen, dass etwas ganz anderes aus ihm werde.

Um dann mit voller Kraft und aller Hoffnung eine andere der Möglichkeiten zu wählen, die Gott und Dein Leben Dir schenken.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema „Alles auf Anfang“

Sprüche, Kapitel 823 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 29Als Gott dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. (Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

In diesen Versen hören wir die „Weisheit“. Die „Weisheit“ findet sich in der Bibel vor allem im Buch der Sprüche als eine literarische Gattung. Sie bemüht sich, das Leben zu ordnen und tut dies auf Grundlage menschlicher Erfahrungen. Immer wieder begegnet die Vorstellung, dass das, was Menschen tun – positiv oder negativ – auf sie zurückfällt: positiv oder eben negativ. So ist das ausgesprochen spannende und manchmal erheiternde biblische Buch der Sprüche voller Ratschläge „der Weisheit“ oder auch eines „Vaters“ und voller Sprichworte, wie z.B.: 1117Ein barmherziger Mann nützt auch sich selber; aber ein herzloser schneidet sich ins eigene Fleisch.

Hier nun verortet sich „die Weisheit“ ganz in der Nähe Gottes: Von Ewigkeit her sei sie eingesetzt und auch als Gott Himmel und Erde schuf, sei sie schon dabei gewesen. Auch als emotional beschreibt „die Weisheit“ ihre Nähe zu Gott: Sie sei seine Lust gewesen. Und dann wird es besonders interessant: Was sie tut, beschreibt „die Weisheit“ als spielen: Ich war Gottes Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Die Weisheit spielt? Erfahrung, die Dinge des Lebens einordnen und lernen sind eng verbunden mit Spielen?

Der Duden kennt natürlich das Spielen von Gesellschafts- und Glücksspielen und verbindet es eng mit Kindern. Aber er bietet auch eine etwas andere Bedeutung und definiert spielen als „sich zum Vergnügen, Zeitvertreib und allein aus Freude an der Sache selbst auf irgendeine Weise betätigen, mit etwas beschäftigen.“ Wenn ich nun dieses Verständnis von Spielen mit Weisheit, also Erkenntnis, Lernen, dem Einordnen von Lebenszusammenhänge und letztlich mit Lebensglück verbinde, dann ist der Ratschlag „der Weisheit“: Spielt mehr! Spielt mehr und ihr lernt für Euer Leben! Spielt mehr und ihr findet Lust bei Gott und Lust an den Menschenkindern! Spielt mehr und ihr gewinnt Lebensglück!

Nun frage ich mich persönlich: Wann habe ich das letzte Mal gespielt? Und um Brettspiele geht es hier ja nicht! Wann habe ich das letzte Mal aus reinem Vergnügen, einfach als Zeitvertreib oder aus Spaß an der Freud‘ mich mit irgendetwas beschäftigt? – Ich müsste lange nachdenken! Und das ist erschreckend! Ich lese gerne, ich wandere gerne, ich streife gerne durch Städte, aber ist das „spielen“? Vielleicht. Aber eher gemeint ist wohl eine leidenschaftliche und eben nicht zielorientierte Beschäftigung mit irgendeinem Steckenpferd, einfach, weil es mich fasziniert, mir Spaß macht und mich ausfüllt.

Warum „spiele“ ich so wenig? Sicher: Mein Tag ist eng getaktet. Und ich bemühe mich redlich, all die vielen, verschiedenen Jonglierkugeln meines Lebens in der Luft zu halten. Aber die Antwort ist doch viel erschreckender: Ich drohe zu verlernen, wie man spielt. Ich habe tief verinnerlicht, dass alles einem Zweck dienen sollte. Dass ich meine Zeit nicht vergeuden sollte. Dass mich Spiele nicht weiterbringen. Dass Spiele nervige Wettbewerbe, wer der Bessere ist, sind. Dass mich die so unglaublich intensiven Spiele von gestern heute schon nicht mehr interessieren und also die Beschäftigung mit ihnen kaum der Mühe wert ist. Vielleicht ist es aber ganz anders: Vielleicht verliere ich das Interesse an einem Spiel schlicht, weil ich schon alles über dieses Spiel oder durch dieses Spiel gelernt habe, was es zu lernen gibt. Denn wie es scheint, lernen wir kaum besser, als wenn wir spielen.

Zum Vergnügen, Zeitvertreib und allein aus Freude an der Sache selbst auf irgendeine Weise betätigen, mit etwas beschäftigen… Wie schön wäre das denn! Ein Urlaub für die Seele: Endlich Spielraum in meinem Alltag, der mich meine Lust an meinem Leben, an Gott und an den Menschenkindern spüren lässt. Endlich Spielraum in meinem Alltag, in dem ich mich im Ausprobieren, im Nachsinnen, in plötzlichen Erfolgen, im Zusammensetzen all der Puzzleteile verlieren kann. Um dann… Aber nein! Das wäre mindestens einen Schritt zu weit!

Impulsfragen

  1. Was spielte ich früher gerne? Was heute?
  2. Bin ich ein „anderer Mensch“, wenn ich spiele? Welche Seiten von mir kommen dabei raus?
  3. Wann ist ein Mensch für mich weise?
  4. Womit würde ich mich gerne „zum Vergnügen, Zeitvertreib und allein aus Freude an der Sache selbst auf irgendeine Weise betätigen, mit etwas beschäftigen“? Was könnte mich daran hindern, es zu tun?

 

Wochenpsalm

Psalm 911Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

3Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.

4Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,

vor dem Pfeil, der des Tages fliegt, 6vor der Pest, die im Finstern schleicht,

vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

7Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten,

so wird es doch dich nicht treffen.

8Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Frevlern vergolten wird.

9Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

10Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.

11Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

13Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.

14»Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.

15Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören;

ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.

16Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.

 

Gebet und Vaterunser

 

Segen

Der Segen des Gottes von Sarah und Abraham,

der Segen Jesu Christi, von Maria geboren

und der Segen des Heiligen Geistes, der über dich wacht, wie ein guter Vater und eine gute Mutter über ihr Kind,

er komme auf dich und bleibe bei dir, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Invokavit, Impulse zum Ersten Sonntag der Fastenzeit 

21. Februar 2021

Evangelium nach Johannes, Kapitel 1321 Als Jesus das gesagt hatte, war er im Innersten tief erschüttert. Er erklärte ihnen: „Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten.“22 Da sahen sich die Jünger ratlos an und fragten sich: „Von wem spricht er?“23 Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte, lag bei Tisch an der Seite von Jesus.24 Ihm gab Simon Petrus ein Zeichen .Er sollte Jesus fragen, von wem er gesprochen hatte.25 Der Jünger lehnte sich zurück zu Jesus und fragte ihn: „Herr, wer ist es?“ 26Jesus antwortete: „Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe.“ Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.

27Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm. Da sagte Jesus zu ihm: „Was du tun willst, das tue bald!“28 Von den anderen am Tisch verstand keiner, warum Jesus das zu Judas sagte.29 Weil Judas die Kasse verwaltete, dachten einige, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: „Kauf ein, was wir für das Fest brauchen.“ Oder sie dachten: Jesus hat ihm aufgetragen, den Armen etwas zu geben.30 Als Judas das Stück Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. (Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

Wie frei sind wir eigentlich in unseren Entscheidungen? Inwieweit haben wir unser Leben in den eigenen Händen? Bis zu welchem Punkt ist unser Leben „planbar“?

 

Oder andersherum gefragt: Was ist eigentlich in unserem Lebenslauf vorherbestimmt? Wie groß ist der Einfluss unseres Umfeldes, all der Sachzwänge, in denen wir stecken? Und was ist eigentlich „Schicksal“?

 

Die Pisastudie hat ja schmerzhaft deutlich gemacht, wie schwer es für Kinder aus „einfachen Verhältnissen“ ist, auf’s Gymnasium zu kommen:

Schafften 27% der Beamtenkinder diesen Schritt, waren es nur 11% die aus einem Arbeiterhaushalt kamen und 12% hatten arbeitslose Eltern.

Ein schlauer Kopf und Lernwille machen offenbar nur einen Teil der Aufstiegschancen aus…

 

Oder nehmen wir die aktuelle Diskussion um Flächenverbrauch und den Sinn von Einfamilienhäusern:

Die Zeit hat deutlich gemacht, dass – egal, ob noch weitere Bauflächen ausgewiesen werden oder nicht – sowieso nur noch diejenigen bauen können, die etwas geerbt haben. Für die meisten anderen wird ein eigenes Haus, eine eigene Wohnung schlicht zu teuer werden.

Der Traum von Adenauers Häuslebauern ist ausgeträumt. So oder so.

 

Oder: Habt Ihr die NS-Prozesse in Itzehoe und Neuruppin zur Kenntnis genommen? Da werden einer 95jährigen KZ-Sekretärin und einem 100jährigen KZ-Wachmann die Prozesse gemacht.

Beide geben an, sie hätten von all dem nichts gewusst. Und hätten eh keinen Anteil an den grauenhaften Massenmorden gehabt.

Aber genau darum geht es in diesen Prozessen: Verantwortung an Anteil und Freiheit der „kleinen Rädchen“ am großen Ganzen!

 

Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen?

Oder andersherum gefragt: Welche Gestaltungsfreiräume haben wir eigentlich in unserem Leben? Welche Rolle spielen Umfeld, Sachzwänge und – das „Schicksal“?

 

Am Abend, von dem uns das Johannesevangelium vorhin berichtet hat, kippte bei Jesus plötzlich die Stimmung. (Gut, dass nicht nur mir sowas ab und an passiert!)

Jesus hatte gerade einen sehr intensiven Abend mit seinen engsten Freundinnen und Freunden verlebt – es war der Abend, bevor es losging mit Verhaftung, Geißelung und Schauprozess…

– Jesus hatte seinen Freundinnen und Freunden die Füße gewaschen und sie so spüren lassen, wie lieb wir Menschen Gott sind und was Gott alles für uns zu tun bereit ist.

– Jesus hatte noch mal in einer kurzen Rede verdeutlich, wie wichtig ihm Gastfreundschaft, Nächstenliebe und radikale Hilfsbereitschaft sind: „Wer jemanden aufnimmt, der nimmt mich auf“, hatte er gesagt.

Und eben dann kippte seine Stimmung. Er wurde „betrübt im Geist“ und dann kippte ein Dominostein nach dem anderen die Stimmung der ganzen, gemütlichen Runde. Klar – nach solch einem Satz: „Einer von Euch wird mich verraten.“

 

Und dann tunkt Jesus sein Brot in das Essen, gibt es Judas Iskariot und damit ist klar, wie es weiter gehen wird: Für Judas, für Jesus, für seine Freundinnen und Freunde und selbst für uns.

 

Wie frei sind wir eigentlich in unseren Entscheidungen?

Und was ist Sachzwang, gar „Schicksal“?

Denn: Hatte Judas überhaupt eine Chance, sich anders zu verhalten?

Hat Jesus ihn gar zum Verräter gemacht, weil er ihm das getunkte Brot gab?

Oder hätte die Geschichte für Judas auch anders ausgehen können?

 

Philosophen, Theologinnen und ganz normale Leute haben sich solche Fragen oft gestellt. Und spätestens, wenn Du durch Krankheit und Leid in der Patsche sitzt, stehst Du vor ihr: Wie ist es eigentlich so gekommen? Und dann im nächsten Schritt vielleicht sogar: Wie konnte Gott das zulassen?

 

Einige sagen, dass Gott die einen Menschen zum Heil beruft und andere zum Unheil.

Für Judas wäre die Wahl Gottes also schlecht gelaufen und er hätte – wie der Pharao – nie eine Chance auf einen anderen Ausgang der Geschichte gehabt.

 

Andere sagen, der Mensch könne sich frei entscheiden.

Nach diesem Konzept hätte Judas also selbst gewählt, Jesus zu verraten und lief quasi sehenden Auges ins Verderben.

 

Wieder andere sagen, alle Menschen wären zum Guten berufen, aber irgendetwas in uns wird immer wieder zum Bösen gezogen – so, wie unsere Hand magisch vom Handy angezogen wird. Und dann tobt da in uns ein Kampf… Aber der Ausgang dieses Kampfes ist offen. Und zwar bis zum Schluss.

 

Und es sind wirklich viele äußere Umstände, die unser Leben formen und gestalten:

Mein Elternhaus, Kindheit und Jugend, das Umfeld und die Kultur meiner Geburt habe ich mir ebenso wenig ausgesucht, wie die Stadt – Berlin – in der ich aufgewachsen bin:

Wer wäre ich heute, wo würde ich stehen, wenn ich Kind syrischer Eltern wäre oder der Sohn von Putin?

 

Und auch mein Aussehen, meine Auffassungsgabe, meine Gesundheit sind mir in weiten Teilen mitgegeben worden.

 

Und dann kommen Schule, Freunde und selbst meine große Liebe hinzu: Hätte ich eine andere Fortbildung besucht, würde mein Leben wohl ganz anders aussehen.

Nennt es Zufall, nennt es göttlichen Plan:

Das ist mein Leben. Und ich muss mit ihm klarkommen. Und das komme ich auch! Denn ich bin sehr glücklich, wie es verlaufen ist, wie sich eins aus dem anderen ergeben hat, wie ich gewachsen bin und wie es jetzt ist. Jetzt in diesem Augenblick! Und ich freue mich auf jeden einzelnen Tag, der kommt und bin gespannt, was noch alles kommen wird.

Nichts von all dem nehme ich als selbstverständlich!

Und noch weniger ist verdient!

All das ist für mich ein großes Geschenk! Und mir ist schmerzlich bewusst, wie viele andere Menschen ein viel härteres Leben führen müssen.

 

So fällt es mir besonders leicht, Gottes Gnade in meinem Leben wahrzunehmen. Denn Gott wendet sich mit seiner Liebe, seiner Zuwendung jedem von uns zu. Und selbst in den harten Kloppern meines Lebens konnte ich Gottes Gegenwart erfahren. Und damit meine ich, dass Gott uns weder die schönen, noch die bitteren Dinge des Lebens schenkt oder aufnötigt. Und schon gar nicht hat Gott unser Leben bis ins Kleinste und bis zum Ende durchgeplant. Aber Gott begegnet uns in all dem. Er ist wie ein guter Vater, eine gute Mutter, er ist wie eine Freundin, ein Freund, der uns im Leben begleitet, der manches gut anlegt oder wendet, der aber eben nicht Schicksal spielt. Denn:

Wir sind keine Marionetten!

Wir sind Gottes Gegenüber!

Wir sind um Weniges kleiner von ihm geschaffen, als er selbst ist.

Wir sind Gottes Partnerinnen und Partner.

Und er nimmt uns ernst, traut uns manches zu. Er begleitet uns segnend und liebevoll. Und gestaltet mit uns – im Team – diese Welt.

 

Und so können wir uns auch gegen ihn entscheiden.

Können grobe Fehler machen.

Oder andere werden – aus ihren Beweggründen – an uns schuldig.

Und vielleicht hat Gott – wie ein Vater – schon so ein Gefühl, wie es wohl mit uns werden könnte. Aber wir selbst haben es in der Hand. Und können aus dem, was wir im Leben vorfinden und was sich in seinem Lauf ergibt, so viel formen und gestalten.

 

Judas hat sich gegen das Leben entschieden.

Oder er wollte mit seiner Entscheidung Jesus zwingen, endlich seine Macht zu zeigen und die Menschen zu sich zu bringen.

Aber Gott hat eben einen anderen Plan: Gott zwingt nicht. Sondern er ruft. Gott ruft und lädt ein: In die Gemeinschaft mit ihm und in sein Team des Lebens. Und er möchte, dass wir seinem Ruf folgen – aus freien Stücken.

 

Und am Ende ist es mit Judas‘ Entscheidung so, wie es so oft im Leben ist – auch in unserem Leben:

Gott gebraucht, Gott formt selbst das Bittere und manch falsche Entscheidung zu etwas Gutem, zum Segen:

Jesus wird nach Judas‘ Verrat ausgeliefert. Und er stirbt.

Aber ohne diesen Tod, hätte er nicht zu etwas Größerem werden können, hätte er nicht auferstehen können – damit wir leben.

 

Die Passionszeit, die Vorbereitung genau auf diese Geschichten und Ereignisse hat am Mittwoch, am Aschermittwoch begonnen.

Eine der Fastenaktionen – 7-Wochen-ohne – steht unter dem Motto „Spielraum! – 7-Wochen-ohne Blockaden“.

Wir können die kommenden sieben Wochen nun für uns nutzen, wenn wir wollen.

Und wir können gerade in all den Blockaden und Hindernisse der Jahre 2020 / 2021 eine Ahnung davon bekommen, an welchen Stellen Gott uns in all der Bedrängnis auf weiten Raum stellt und uns Möglichkeiten zum Handeln schenkt. Wir können mutig und beharrlich und mit viel Kreativität all die Begrenzungen, unter denen wir leiden, Stück für Stück nach außen schieben und unseren Lebensspielraum erweitern – um dann immer wieder gute Entscheidungen des Lebens zu fällen.

 

Wir können genau an dieser Stelle auch unsere Nachbarinnen und Nachbarn, all unsere Nächsten und Liebsten im Blick behalten und für ihren Spielraum streiten. Und wo wir selbst zu Blockierern werden, können wir sie frei geben.

 

An den Stellen aber, an denen wir nicht weiterkommen, lasst uns Geduld und Beharrlichkeit aufbringen. Lasst uns nicht vorschnell klein beigeben. Lasst uns vielmehr gewiss sein, dass Gottes Liebe und Zuwendung wirken und Leben schaffen wird, auch da, wo wir derzeit vielleicht nur Leid sehen.

 

Solche Geschichten lasst uns leben und erzählen:

Geschichten von Freiheit und Abenteuer.

Geschichten von Gott und uns.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Estomihi, Sonntag vor der Passionszeit – 14. Februar 2021

Jesaja 58, 1-9

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen? Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8  Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.

Gestatten Sie mir, die Betrachtung dieses an sich sehr ernsten Textes mit einem recht trivialen Erlebnis einzuleiten, dass ich vor etlichen Jahren, genauer gesagt Jahrzehnten, hatte. Damals, in meinen jungen Jahren, hatte ich einen polnischen Brieffreund namens Zygmunt, mit dem ich korrespondierte, natürlich noch ganz altmodisch mit Papier, Briefumschlag und Marke, wie das in jener Zeit noch üblich war. Einmal besuchte ich ihn seinem damaligen Wohnort, der Stadt Toruń (deutsch Thorn). Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Landsleute war Zygmunt alles andere als religiös. Dennoch ließ er sich dazu überreden, mit mir in eine polnische Messe zu gehen. Beim Mittagessen nach dem Gottesdienst witzelte er in Bezug auf das schlechte Wetter, eigentlich hätten wir jetzt besseres Wetter verdient, wo wir doch so schön fromm in die Kirche gegangen seien. Ich sah mich nun nicht zu tiefgründigen theologischen Erwiderungen in der Lage, und schon gar nicht auf Polnisch. Ich antwortete daher auf dem gleichen Niveau und sagte, er habe so viele Sünden auf dem Buckel, dass da ein einmaliger Gottesdienstbesuch nicht ausreiche. Zygmunt behielt allerdings das letzte Wort, indem er einwandte, er müsse doch so viel arbeiten, dass er gar keine Zeit zum Sündigen habe. Das ließ ich dann so stehen, denn ich wusste, dass er tatsächlich im Schichtbetrieb in einer Fabrik malochte.

So ganz Unrecht hatte Zygmunt ja mit seiner zunächst recht albern klingenden Bemerkung, treuer Gottesdienstbesuch müsse doch mit gutem Wetter belohnt werden, gar nicht. Hand aufs Herz: Sind wir wirklich völlig frei von solchen Gedanken? Haben wir vielleicht nicht doch schon einmal insgeheim gedacht: Eigentlich dürfte es mir etwas besser gehen, der liebe Gott müsste mich doch irgendwie dafür belohnen, dass ich ein so guter Christ bin.  Mit einer solchen Meinung befänden wir uns übrigens in bester biblischer und christlicher Gesellschaft. Viele Menschen in der Bibel, aber auch die Mitglieder nichtchristlicher Religionen, gehen davon aus, dass rituelle Handlungen – Opfer, Gebete, Gelübde, gottesdienstliche Zusammenkünfte – letztlich Gott oder die Götter günstig stimmen und zu verdientem Wohlergehen führen müssten. Die alten heidnischen Römer fassten dies mit dem Satz „Do ut des“ zusammen, d.h. „Ich gebe dir[Gott] etwas, damit du mir etwas gibst.“ Ist das grundsätzlich falsch? Ich komme noch einmal auf diese Frage zurück.

Dieser Zusammenhang zwischen frommem Verhalten und Wohlergehen ist ja oft auch Menschen bekannt, die dem Christentum und der Kirche distanziert gegenüberstehen, bzw. sie unterstellen ihn dann als Motiv uns, den sogenannten Frommen. Das geschieht oft durch ironische Bemerkungen wie bei meinem alten Freund Zygmunt. Aber sie unterstellen uns häufig auch noch etwas anderes, nämlich Heuchelei. Das schlägt sich dann in Bemerkungen nieder wie: „Was? Die wollen Christen sein. Die rennen jeden Sonntag in die Kirche, behandeln aber ihre Mitmenschen wie Dreck!“

Das Erstaunliche und für uns vielleicht Ärgerliche ist, dass der Verfasser unseres Predigttextes auf der Seite solcher modernen Kritiker zu stehen scheint. Er bezieht sich auf soziale Missstände, für die er seine Zuhörer bzw. Leser verantwortlich macht. Anschaulicher als in unserem Predigttext werden diese Missstände von Nehemia, einem Zeitgenossen des Propheten, beschrieben. In dem nach ihm benannten biblischen Buch heißt es (Nehemia 5, 1-4):

Die Männer des einfachen Volkes und ihre Frauen erhoben aber laute Klage gegen ihre jüdischen Stammesbrüder. Die einen sagten: „Wir müssen unsere Söhne und Töchter verpfänden, um Getreide zu bekommen, damit wir zu essen haben und leben können“. Andere sagten: „Wir müssen unsere Felder, Weinberge und Häuser verpfänden, um in der Hungerzeit Getreide zu bekommen.“ Wieder andere sagten: „Auf unsere Felder und Weinberge mussten wir Geld aufnehmen für die Steuern des Königs. Wir sind doch vom selben Fleisch wie unsere Stammesbrüder; unsere Kinder sind ihren Kindern gleich und doch müssen wir unsere Söhne und Töchter zu Sklaven erniedrigen. Einige von unseren Töchtern sind schon erniedrigt worden. Wir sind machtlos und unsere Felder und Weinberg gehören anderen.

Mit anderen Worten: Viele hatten sich in Notzeiten, etwa aufgrund von Missernten, verschuldet. Sie mussten Kredite aufnehmen, um Saatgut zu kaufen, zu einem von unserem heutigen Verständnis unglaublichen Zinssatz von 75%. Wenn sie diese Schulden nicht zurückbezahlen konnten, mussten sie ihre Kinder in die Schuldknechtschaft verkaufen, d.h. die Kinder mussten als Sklaven die Schulden auf den Feldern der Kredithaie abarbeiten. Am schlimmsten kam es aber, wenn auch das nicht ausreichte und sie ihre eigenen Felder und Weinberge, d.h. die Produktionsmittel, verkaufen mussten. Dann konnten sie nur noch als mittel- und landloses Proletariat in die Städte abwandern und als obdachlose Bettler auf die Mildtätigkeit  barmherziger Menschen hoffen.

Ja, schlimme Zeiten und schlimme Zustände waren das damals, mögen wir selbstgefällig sagen. Aber zum Glück gehört das längst der Vergangenheit an, oder wenn es das auch heute noch gibt, dann höchstens irgendwo in der Dritten Welt, in so einer Bananenrepublik. Wir haben ja, Gott sei Dank, einen Sozialstaat, der sich um solche Probleme kümmert, so dass eigentlich niemand hungern oder unter Brücken schlafen müsste. Gerade in der jetzigen Corona-Zeit haben doch viele die Großzügigkeit der öffentlichen Hand erfahren. Und von Wucherzinsen sind wir  meilenweit entfernt.

Da ist sicher etwas dran. In der Tat scheint bei uns niemand unter der extremen materiellen und sozialen Not zu leiden, welche die Propheten Jesaja und Nehemia so drastisch in Bezug auf ihre Zeitgenossen schildern. Der Sozialstaat, den viele auch schon für übertrieben halten, ist in der Tat eine gute Sache. Letzten Endes ist er eine Folge christlichen Predigens und Handelns, das aller Kritik und Unkenrufen zum Trotz im Laufe der Geschichte Gutes bewirkt hat, was wir heute als ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen. So scheint das, was Jesus im sogenannten Weltgericht positiv in Bezug auf seine Nachfolger sagt, auf den ersten Blick eine adäquate Beschreibung unseres Sozialstaates zu sein.

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist.

   Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt.

   Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt.

   Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet.

   Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.

   Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen (Matthäus 25,35-39)

Aber die Frage bleibt: Können wir uns wirklich von dieser Verantwortung freikaufen, etwa, indem wir den Sozialstaat mit unseren Steuern finanzieren oder wohltätige Organisationen durch Spenden unterstützen? In gewisser Weise schon, wenn wir erkennen und akzeptieren, dass Steuerhinterziehung und Geiz keine Option für Christen sind. Aber so wichtig das liebe Geld ist, es ist nur die „halbe Miete“. Nicht nur unser Geld, sondern wir selbst sind gefragt.

„Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut“ (Vers 7). Erinnert Sie dieser Satz des Propheten in unserem Predigttext an etwas? Dieses aus „deinem Fleisch“, bezogen auf den Mitmenschen, kommt auch in einer anderen Bibelstelle vor, die die meisten von Ihnen sicher gut kennen. Haben Sie eine Idee, welche ich meine? – „Das ist Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch“, sagt Adam im Schöpfungsbericht, als ihm Eva als Partnerin zugeführt wird.“. Und etwas weiter heißt es dann „die beiden werden ein Fleisch sein“ (1. Mose 2,23.24). Das bezieht sich nicht, wie es oft gesehen wird, ausschließlich auf die Ehe. Adam und Eva repräsentieren die Menschheitsfamilie in ihrem Ursprung. „Mein Fleisch“ – das bezieht sich nicht nur auf mich selbst, sondern auch auf meine Frau; aber nicht nur auf meine Frau, sondern auch auf meine Landsleute, meine „Stammesbrüder“, wie es bei Nehemia heißt; aber nicht nur auf meine Landsleute, sondern auf die ganze Menschheitsfamilie, die ihren Stammbaum auf Adam und Eva zurückführt.

Donald Trump ist jetzt zwar erst einmal von der politischen Bühne abgetreten, aber sein Wahlspruch „America first“ ist in Amerika noch sehr lebendig. Aber auch diesseits des Atlantiks, in unserem „christlichen Abendland“ ist uns dieses Denken nicht fremd. Das wird an dem unwürdigen Grapschen nach den Impfstoffen deutlich: Hauptsache, wir oder unser Volk sind versorgt, die anderen mögen sehen, wo wie bleiben.

Wenn ich den anderen, das andere Volk nicht als gleichberechtigten Partner annehme, oder meine, mir oder meinem Volk auf Kosten des Anderen etwas Gutes zu tun, schneide ich mir buchstäblich ins eigene Fleisch, weil der oder die Andere ja mein Fleisch ist („Das ist Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch“). Es ist, als verstümmelte ich meinen eigenen Körper. Tue ich dagegen dem/der Anderen etwas Gutes, tue ich mir damit auch selbst etwas Gutes. Das hat auch die Psychologie bestätigt.

In unserem Predigttext kritisiert Jesaja das Fasten, das stellvertretend für alle Formen gottesdienstlichen oder frommen Handelns steht,  und fordert stattdessen, sozusagen als dessen eigentliche Erfüllung, soziales Handeln. Bedeutet dies nun,  dass wir uns nur sozial engagieren sollen, und auf so „frommen Kram“ wie Gottesdienst, Kirchenbesuch, Beten, Fasten u.s.w. verzichten können?

Keineswegs! Auch Jesus hat sich neben seiner umfangreichen Heilungs- und Predigttätigkeit immer wieder Auszeiten für sich mit Gott genommen, auf Bergen, in Tempel und Synagoge, im Garten Gethsemane. Soziales Engagement und Gottesdienst in umfassendem Sinne gehören zusammen wie zwei Sphären einer Kugel oder zwei Schalen einer Muschel. Gottesdienst ohne tätige Nächstenliebe ist gar kein Gottesdienst. Umgekehrt reibe ich mich im sozialen Engagement auf, wenn ich mir nicht diese Auszeit mit Gott nehme. Aus dem Gottesdienst gehe ich gestärkt wieder hinaus zum Dienst am Nächsten und an und in der Welt.

Am Ende hatte mein polnischer Freund Zygmunt also doch Recht. Durch den Gottesdienstbesuch verbessert sich zwar nicht unbedingt das Wetter, dafür kann er aber einen Einfluss auf das Klima haben, sowohl das weltweite meteorologische als auch das soziale zwischenmenschliche Klima.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott

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Sexagesimä – 07. Februar 2021

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Letzter Sonntag nach Epiphanias – 31. Januar 2021

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Dritter Sonntag nach Epiphanias – 24. Januar 2021

Buch Rut, Kapitel 1 Es war die Zeit, als das Volk Israel noch von Richtern geführt wurde. Weil im Land eine Hungersnot herrschte, verließ ein Mann aus Betlehem im Gebiet von Juda seine Heimatstadt und suchte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen Zuflucht im Land Moab. Der Mann hieß Elimelech, die Frau Noomi; die Söhne waren Machlon und Kiljon. Die Familie gehörte zur Sippe Efrat, die in Betlehem in Juda lebte. Während sie im Land Moab waren, starb Elimelech und Noomi blieb mit ihren beiden Söhnen allein zurück. Die Söhne heirateten zwei moabitische Frauen, Orpa und Rut. Aber zehn Jahre später starben auch Machlon und Kiljon, und ihre Mutter Noomi war nun ganz allein, ohne Mann und ohne Kinder. Als sie erfuhr, dass der Herr seinem Volk geholfen hatte und es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren. Ihre Schwiegertöchter gingen mit. Unterwegs sagte sie zu den beiden: „Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt. Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.“

Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten und sagten zu ihr: „Wir verlassen dich nicht! Wir gehen mit dir zu deinem Volk.“ Noomi wehrte ab: „Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Habe ich etwa noch Söhne zu erwarten, die eure Männer werden könnten? Geht, meine Töchter, kehrt um! Ich bin zu alt, um noch einmal zu heiraten. Und selbst wenn es möglich wäre und ich es noch heute tun würde und dann Söhne zur Welt brächte – wolltet ihr etwa warten, bis sie groß geworden sind? Wolltet ihr so lange allein bleiben und auf einen Mann warten? Nein, meine Töchter! Ich kann euch nicht zumuten, dass ihr das bittere Schicksal teilt, das der Herr mir bereitet hat.“

Da weinten Rut und Orpa noch mehr. Orpa küsste ihre Schwiegermutter und nahm Abschied; aber Rut blieb bei ihr. Noomi redete ihr zu: „Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volk und zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!“

Aber Rut antwortete: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des Herrn soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!“

Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden. So gingen die beiden miteinander bis nach Betlehem. (Übersetzung: Basisbibel)

Liebe Gemeinde,

seltsam:

eine der schönsten, eine der bekanntesten Geschichten der Bibel – und ich habe noch nie über sie gepredigt. Gut: Bei Hochzeiten schon!

„Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. 1Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden“, das ist einfach eine Steilvorlage für Hochzeiten! Aber darüber hinaus? In bald 25 Jahren noch nicht einmal über diesen wundervollen Text gepredigt!

 

Wohlan also – stellt Euch folgende Geschichte vor:

 

Ein Paar zieht mit seinen beiden Söhnen von Deutschland in die Türkei. Denn dort wollen sie leben. Und das tun sie offensichtlich gut, denn die beiden Söhne heiraten türkische Frauen.

 

Dann aber sterben – wie das oft im Leben ist – die drei Männer (Vater und Söhne) viel zu früh.

Und zurück bleiben die drei Frauen, die nun vor der Entscheidung stehen, wie es weitergehen soll.

 

Die Mutter entscheidet, zurück nach Deutschland zu gehen und legt ihren Schwiegertöchtern nah, in ihre Herkunftsorte und Herkunftsfamilien zurück zu kehren und also in der Türkei zu bleiben. Und das tut die eine auch.

Die andere aber sagt zu ihrer Schwiegermutter nach langen Überlegungen und langem Ringen eben diesen Satz: „Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. 1Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden.“ Und dann geht sie tatsächlich mit. Und die beiden fangen noch einmal neu an. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Die beiden Frauen in dieser Geschichte heißen Noomi (die Schwiegermutter) und Rut (die Schwiegertochter). Und sie ziehen von Israel nach Moab und am Ende eben wieder zurück.

 

Zugegeben: Man muss ein wenig um die Ecke denken, wenn man wissen will, was diese Geschichte jenseits von Frauenfreundschaft und Familienherzschmerz mit uns zu tun hat.

 

Die Feststellung z.B., dass Migration etwas Uraltes ist:

Schon immer zogen Menschen in fremde Länder und fingen dort neu an. Und das hatte ganz unterschiedliche und gute Gründe. Manchmal mussten sie auch wieder zurückkehren: Wie Noomi etwa, die dann ihre Schwiegertochter mitbringt. Oder hier im Osten Hamburgs all die Deutschen, die einst in die unterschiedlichsten Ecken Russlands gezogen waren. Weil es da Arbeit gab. Und die dann wieder zurückkehrten. Nach 2. Weltkrieg, Stalinismus und nach der Wende von 1989:

Es gibt gute Gründe aus der Heimat wegzuziehen. Und das war offensichtlich schon immer so. Und ich habe einen riesigen Respekt vor Menschen, die ihr Leben in die eigenen Hände nehmen, mutige Entscheidungen fällen und neu anfangen. Und in den meisten unserer Familien gibt es Menschen, die diese schwere Entscheidung fällen mussten. Meine Familie z.B. kommt zum einen Teil der Legende nach aus Südfrankreich. Der andere Teil kam aus ehemaligen Westpreußen. Und diese beiden Familienteile trafen sich dann bei Aachen. Ich aber wuchs in Berlin auf, um mit meinen Kindern über Reutlingen, Kiel, Wuppertal nach Oststeinbek zu ziehen:

Migration ist Teil unserer Familien. Migration ist Teil unserer Geschichte! Haben wir also Respekt vor allen, die sich solche Schritte trauen! Und helfen wir ihnen, wo wir können! Nehmen wir sie auf! Und lassen sie Teil unseres Lebens werden, dass wir gemeinsam „Heimat“ finden.

 

Denn darum geht es in dieser Geschichte auf der Metaebene:

Wie nehmen wir Verantwortung füreinander wahr?

Und was schenkt uns Heimat? Wie finden wir sie?

 

Heimat: Bei meiner Freundin hängt ein Schild im Flur, auf dem steht: „Ich bin da zuhause, wo sich mein Handy automatisch ins Internet einwählt.“ Und da ist sicher etwas dran!

 

Mit Sicherheit aber hängen Verantwortung und Heimat eng zusammen:

Denn da, wo Menschen für mich Verantwortung übernehmen, da bin ich zuhause, da ist meine Heimat. Und auch da, wo ich meinerseits Verantwortung übernehme, da bin ich zuhause, da ist meine Heimat.

In dieser Geschichte hier wird das auf den Punkt gebracht: Noomi und Rut übernehmen füreinander Verantwortung. Und da, wo dann die andere ist, da ist für sie Heimat.

 

Wie stark die menschliche Bindung, die daraus entsteht, sein kann, wird an dann an der Rückkehrgeschichte deutlich: Noomi entscheidet, in ihre alte Heimat und Kultur zurückzukehren – nach all diesen Jahren! – und das ist wohl ein großer Schritt. Aber die Bindung zwischen ihr und ihrer Schwiegertochter ist inzwischen so eng, dass diese mitzieht. Und in der Folge Teil der Kultur, des Volkes und der Religion ihrer Schwiegermutter wird: Rut wird Jüdin – so eng ist die Beziehung zwischen den beiden Frauen. Da, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, da entsteht Heimat – ein weiter und hilfreicher Raum.

 

Ich habe einen Freund, dessen Eltern zogen einst mit ihm aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet nach Deutschland. Viele ihrer Familie taten das damals. Und heute wohnt ihre große Familie in Deutschland, in Holland und in Schweden.

Mein Freund konnte hier bei Hamburg mit viel Arbeit eine Autowerkstatt aufbauen; seine Kinder haben sie mittlerweile übernommen. Und er selbst engagiert sich – neben Familie und Firma – in der örtlichen Politik, in der Flüchtlingshilfe, bei Charity-Veranstaltungen und im Vorstand einer Kirchengemeinde: Wo Menschen wechselseitig Verantwortung übernehmen, da entsteht Heimat. Und beide Seiten finden wahre Schätze. Und das sind dann auch keine „Migranten“ mehr oder „Geflüchtete“ oder gar „Türken“, „Russen“ oder „Polen“. Es sind Deutsche. Und wir sind gemeinsam Teil einer Nation, Teil einer Kultur. Wir sind Nachbarn, vielleicht Freunde und immer häufiger auch: eine Familie. Und das macht mich froh!

 

Ein letzter Gedanke: Manchmal müssen wir kluge und mutige Entscheidungen fällen. Bei diesen Entscheidungen können wir einander beraten. Aber jeder und jede von uns muss diese Entscheidungen für sich selbst fällen:

 

Noomi, die Schwiegermutter fällte einst die Entscheidung von Israel nach Moab zu ziehen. Und das war eine mutige und wahrscheinlich auch kluge Entscheidung.

Als ihr Mann starb, rappelt sie sich auf, zieht Bilanz und fällt wiederum eine mutige Entscheidung, sie will für ihren Teil zurück in die alte Heimat ziehen. Und auch das ist keine leichte und darum eine mutige Entscheidung.

Vor ihren Schwiegertöchtern hat Noomi Respekt. Ihre Schwiegertöchter liegen ihr am Herzen, also gibt sie ihnen einen Rat, lässt diese aber dann selbst entscheiden. Und die eine entscheidet sich zu bleiben und in ihre Herkunftsfamilie zu gehen, die andere aber entscheidet sich, mit ihrer Schwiegermutter zu ziehen:

Manchmal müssen wir kluge und mutige Entscheidungen fällen. Und jeder und jede von uns muss diese Entscheidungen für sich fällen. Und wir können dies so oder so tun.

 

Und damit möchte ich Mut machen, diese Verantwortung für sich selbst auch anzunehmen und Entscheidungen nicht aus dem Weg zu gehen oder sie auf die lange Bank zu schieben – dadurch wird alles nur noch schwerer! – sondern mutig und dann klug zu entscheiden. Die Entscheidungen anderer sollten wir hingegen natürlich absolut respektieren. Auch, wenn wir es vielleicht anders gemacht hätten.

Und bei all dem sollten wir darauf zu vertrauen, dass es

Menschen gibt, die uns gut beraten und dass uns unser Bauchgefühl schon die richtigen Hinweise gibt.

Wir sollten darauf vertrauen, dass uns selbst aus schwierigen oder gar falschen Entscheidungen etwas Gutes erwachsen kann und dass wir jederzeit neu entscheiden können.

Und schließlich sollten und können wir darauf vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint und dass ER – mit allem, was er kann – unsere Entscheidungen segnen wird. Damit wir Heimat finden, an dem Ort und mit wem das Leben uns zusammenbringt. Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Zweiter Sonntag nach Epiphanias – 17. Januar 2021

Liebe Gemeinde, Zu Beginn des Jahres steht ein Wunder im Mittelpunkt des 2. Sonntages nach Epiphanias. Gott, der Herr erscheint sichtbar in der Welt.

Die Hochzeit zu Kana

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu dem Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Der Evangelist Johannes stellt dieses Wunder an den Empfang, damit alle verstehen, wer Jesus ist. Zu Beginn sollen wir, die Leser*innen begreifen und glauben, dass Jesus nicht ein gewöhnlicher Gast auf diesem Fest ist, sondern, dass er, der von Gott Gesandte ist.

Wir sehen das Bild einer Hochzeitsgesellschaft. Sie feiern im höher gelegenen Stock. Der Tisch ist reich gedeckt. Der Wein fließt reichlich. Die Gäste sind ausgelassen.

Im Nebengebäude spielt sich, währenddessen eine hektische Szene ab: Die Diener stellen fest, dass der Wein alle ist. Einer der Gäste und seine Mutter sind ebenfalls im Keller. Keiner weiß, warum. Als Jesus, und seine Mutter wieder in den Hochzeitssaal zurückgekehrt sind, hat sich das Wasser in den Steinkrügen, zu Wein verwandelt. Es wurde dort gelagert wird, um den Gästen Füße und Hände zu waschen. Die Diener bekommen alles mit. Sie tragen eine Kostprobe des neuen Weins zum Küchenchef. Der weiß von nichts, stellt ungehalten fest, dass der bessere Wein erst jetzt ausgeschenkt wird. Weder der Küchenchef, der Bräutigam, noch die Hochzeitsgesellschaft bekommen wirklich mit, was das Problem war und wie es gelöst wurde. Das Fest kann seinen ungestörten Gang gehen. Die Diener im Keller stellen staunend fest: Sie haben soeben ein wunderbares Zeichen miterlebt.

 

Welch ein Auftakt, das erste Zeichen Jesu macht deutlich: Die Zeit der Freude hat begonnen, ebenso die Zeit der Gottverbundenheit, die Zeit der Lebensfülle.

Beim Lesen dieses Textes habe ich das Bild der fröhlichen, lachenden und tanzenden Menge vor Augen. Das weckt in mir die Sehnsucht nach einer hoffnungsvolleren Zeit. Denn zurzeit durchleben wir alles andere als freudige und ausgelassene Zeit. Das Grau des Alltags bietet kaum Abwechslung, das Treffen und Feiern mit Menschen, die uns am Herzen liegen, ist beschwerlich geworden. Wir bleiben, bis auf einige Ausnahmen, zu Hause. Das zehrt an den Kräften. Vielen Menschen geht der Wein ihrer Lebensfreude aus. Diese Tief- Zeit scheint die Erinnerungen an Hoch-Zeiten zu verblassen.

Gott möchte, dass sich in unserem Leben die Momente häufen, in denen wir uns fühlen wie das Brautpaar bzw. die Gäste auf dieser Hochzeitsgesellschaft in Kana: Sie wissen, dass die Krüge randvoll mit gutem Wein gefüllt sind und sie weiter feiern können. Das Fest ist nicht vorbei, es kann weiterhin gelacht, getanzt werden. Jesus sorgt durch sein Wunder dafür, dass die Freude ungetrübt weiter gehen kann.

Was hilft dieses Wunder heute für mein Leben, meinen Glauben?

Gott möchte, dass wir unser Leben mit Freude leben. Ein Leben voller Freude darüber, anderen Menschen eine Freude zu machen, die Aufgaben, die uns gestellt sind, anzunehmen. Du kannst es, weil du die schöpferischen Kräfte in dir nutzen kannst. So denkt Gott uns aller Leben. Er ist ein Freund des Lebens. Vertrau dich ihm an, um deinen Durst nach Leben zu stillen. Liebe deine Leben, wie er dein Leben liebt. Halte dir selbst nicht mehr vor, was dir schon längst vergeben ist. Schaue nach vorn und nicht nach hinten. Lass die Freude in dir groß werden, auch im Alltag. Vertraue der schöpferischen Kraft Gottes, dass sie auch dich verwandeln möchte und kann.

Denn das Weinwunder in Kana macht uns aufmerksam auf das Wunder der Schöpfung, der Neuschöpfung durch Gottes Wort und Gottes Geist. Denn Gott verwandelt auch heute noch.

„Siehe ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Dies sprach der Engel den Hirten zu. Später in Kana den Brautleuten und den Gästen, heute soll sie uns allen widerfahren. Er möchte es so. Darum ist er Mensch geworden und hat unter uns gelebt, darum ist er von den Toten auferweckt worden, damit wir auch auferweckt werden aus einem freudlosen unerfüllten Leben hinein in ein Leben in Fülle und Freude. Glauben wir das? Mit diesem Glauben kann die Verwandlung unseres Lebens durch Gottes schöpferische Kraft geschehen.

Amen.

Gebet

Gott, du lädst uns ein zu deinem Fest

Wir bitten dich für alle, die etwas zu feiern haben:

Den Gastgebern schenke Großzügigkeit, den Gästen Freude.

Liebenden schenke Glück und Warmherzigkeit miteinander,

Jubilaren Dankbarkeit und Zufriedenheit.

 

Gott, was wir nicht ändern können, legen wir in deine Hände. Sei du bei uns, wenn sich das Leben um uns verdunkelt.

Trauer und Kummer trage du mit. Dein hoffnungsvolles Licht lass leuchten in den Krankenzimmern, den Pflegeheimen und Hospizen. Sei du bei den Sterbenden und schenke ihnen die Zuversicht, dass deine Herrlichkeit dem Tod das letzte Wort nimmt.

Vaterunser

 

Und der Friede Gottes , der höher ist als alle Vernunft,

der tiefer ist als unsere Verzweiflung,

der stärker ist als unser Glaube,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis

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Erster Sonntag nach Epiphanias – 10. Januar 2021

Römerbrief, 12

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2. Sonntag nach Weihnachten – 03. Januar 2021

Lukas 2, 41-51

Dieses Mal keine gedruckte Version, sondern per Video:

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Neujahr – 01. Januar 2021

Verlag am Birnbach Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

 

Jahreslosung 2021 : Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lukas 6, 36)

 

Im Corona-Jahr veränderte sich viel auf meinem Arbeitsweg zwischen Rödingsmarkt und Michel. Wo sonst unzählige Touristen zu finden sind und Büromenschen mittags Lokale und Geschäfte bevölkern, blieb es leer. Inmitten dieser Leere wurden sie plötzlich sichtbar: die zahnlose Frau aus dem Balkan, die täglich an der Brücke sitzt mit ihrem Pappschild „ich bin krank“. Der alte Mann, der mit seiner ganzen Habe eine Bank belegt oder der gestrandete Russe, der vor dem Supermarkt unentwegt seine Sicht der Dinge unter die Leute bringt.

Einige Menschen von Tausenden, die auf der Straße leben oder zumindest doch in bedrückenden Verhältnissen. Menschen, an denen man meist schnell vorbeigeht, ohne so genau hinzuschauen.

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist, sagt Jesus im Lukas-Evangelium.

 

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und wissen nur zu gut, dass man sich anstrengen und behaupten muss, um etwas zu erreichen. Daraus allerdings den Umkehrschluss zu ziehen, dass jemand, der am unteren Ende der Gesellschaft steht sich nicht genug bemüht hätte, wäre wohl zu kurz gedacht und würde dem einzelnen Menschen nicht gerecht.

Dennoch haben wir es ja nicht anders gelernt. Oder wie war es früher zuhause, wenn unsere

Eltern uns in den Ohren lagen? Eine 5 im Diktat? Tja, dann hast du wohl nicht genug geübt, hieß es. Keine Lehrstelle gefunden? Das liegt bestimmt an deiner vorlauten Art. Selbst Schuld geben. Und wenn der Kollege wieder nicht befördert wird? Wenn im Freundeskreis eine Ehe in die Brüche geht? Na ja, das kommt doch wohl nicht von ungefähr. Wahrscheinlich irgendwie selbst Schuld….

 

Ursache und Wirkung. Jeder ist seines Glückes Schmied.

 

Eine Haltung, die es leicht macht, Abstand zu halten zu denen, die es einfach nicht geschafft

haben, ein Leben zu führen, wie es – aus unserer ganz persönlichen Sicht- sein sollte.

Helfen tut man natürlich trotzdem, Geld spenden oder die aussortierte Winterjacke zur

Kleiderkammer bringen, klar. Aber länger über die Schicksale der Menschen nachdenken? Eher nicht.

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Jesus verlangt viel von uns. Nämlich nicht nach unseren eigenen Maßstäben zu unterscheiden, wer unser Mitleid vermeintlich verdient hat und wer nicht. Sondern ein offenes Herz für alle Schwachen zu haben. Ob sie uns nun in Gestalt der gebrechlichen Nachbarin begegnen, als entlassener Strafgefangener, als verwahrlostes Kind, als Flüchtling aus Somalia oder als Bettler mit einem klappernden Kaffeebecher in der Hand.

 

Das wiederum verlangt einen Perspektiv-Wechsel. Beim Blick auf das Gegenüber sollten wir nicht nur unsere eigenen Werte zugrunde legen. Vielmehr ist es wichtig, sich in den Anderen

hineinzuversetzen und sich selber dabei mal für einen Augenblick zu vergessen. „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist“ – so heißt es in einer alten indianischen Weisheit.

 

Die Zeitschrift „Hinz und Kunzt“ hat viel dazu beigetragen, die Lebenswege der Obdachlosen

bekannt zu machen. Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg. Den Halt verloren und abgestürzt.

Ja, in einem Leben, das sich auf der Straße abspielt ist etwas schief gelaufen. Aber selbst

Schuld? Wer hätte das Recht zu so einem Urteil?

Auf den ersten Blick haben wir offensichtlich alles richtig gemacht. Wir haben ein Dach über dem Kopf und jeden Tag genug zu essen. Klar, wir haben dafür gearbeitet, uns an die gesellschaftlichen Regeln gehalten. Und so schwer war es nun auch wieder nicht, dann und wann die Zähne zusammen zu beißen.

 

Aber wo endet der eigene Verdienst und wo war einfach Glück im Spiel oder der immense Vorteil, im richtigen Umfeld und der richtigen Familie aufzuwachsen?

Und wie oft sind wir selber schon in die Irre gelaufen, wurden aber mit sanfter Hand oder auch durch einen kräftigen Knall wieder auf den richtigen Weg gebracht? Da hat sich vielleicht ein Lehrer ganz besonders gekümmert, als eine wichtige Prüfung in Gefahr war. Oder die Eltern haben finanziell unter die Arme gegriffen, als das Geld nicht für die Miete reichte. Und die Freundin, der Freund hat einen vor einer großen Dummheit bewahrt. Gott sei Dank!

 

Tatsache ist: auch wir haben unsere Schwächen und Fehler. Aber die zeigen wir nicht gerne und zum Glück können wir sie ja meist hinter unserer bürgerlichen Fassade und ein paar

wohlgesetzten Worten verbergen. Dennoch: die Liste unserer Defizite ist uns meist sehr präsent.

Oft mehr als das, was uns gut gelungen ist. Wir wissen, was wir nicht können und wo wir unsere Ziele nicht erreicht haben und mögen es uns selber nur schwer verzeihen.

Vielleicht ist es einer der Gründe, warum wir oft einen Bogen machen um die Menschen, die uns in Fußgängerzonen und Hauseingängen mit ihrem Elend so unangenehm nahe kommen: wir könnten in ihren Gesichtern etwas sehen, das uns bekannt vorkommt. Ihre Geschichten könnten uns erinnern an unsere eigene Verletzlichkeit, unser eigenes Versagen, unsere Angst, unsere Schuld, unsere tiefe Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe.

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Wie gut, dass Gott nicht aufrechnet! Dass er nicht eine Liste schreibt von unseren Verdiensten und uns nur genau soviel Barmherzigkeit zukommen lässt, wie uns danach zustünde. Nein, Gottes Barmherzigkeit ist nicht die kleinliche Rechnung eines Buchhalters. Sie ist ein warmer Strom, wenn wir vor Kälte zittern. Sie ist das Licht, das unsere Dunkelheit hell macht. Sie ist die Luft, die uns nach überstandener Not durchatmen lässt. Und sie wird verteilt mit einem gerüttelten, geschüttelten Maß, das am Ende übervoll ist.

Wer selber in schwierigen Lebensabschnitten Gottes unendliche Güte erfahren hat, der wird

Anderen nicht nur ihre Fehler vorrechnen. Sondern der wird großzügig. Öffnet sein Herz. Lässt sich überraschen, was hinter dem vermeintlichen Bild unseres Gegenübers alles so zutage kommt: ein Mensch, ein Kind Gottes!

 

Durch eine zugewandte Haltung verbinden wir uns mit den Schwächsten der Gesellschaft.

Wir sind nicht länger die gönnerhaften Wohltäter, die peinlich berührt ein Bröckchen in die Schale werfen und dann schnell weitergehen. Sondern wir werden zu Mitmenschen, die den Segen, den wir selber erfahren haben, weiter verschenken. Die den Gescheiterten ein Stück Würde zurückgeben.

 

Darum: Seid barmherzig, so wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikantin Kirsten Puttfarcken-Müller

 

Spendenkonto „Mitternachtsbus“: Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit

Haspa: IBAN: DE76 2005 0550 1230 1432 55

 

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1. Sonntag nach dem Christfest – 27. Dezember 2020

Lukas 2, 25-39

Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wirdund auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth.

Andacht:

Der Predigttext erinnert Sie wahrscheinlich an eine vertraute Szene aus den weihnachtlichen Gepflogenheiten: Die Begegnung der ganz alten mit der ganz jungen Generation;  Oma und Opa nehmen ihren neugeborenen Enkel in Empfang und in die Arme. Meine Frau und ich hatten in diesen Tagen selbst die Gelegenheit dazu.

Die Geschichte, die im Predigttext erzählt wird,  macht zwei Verhaltensweisen deutlich, die bei betagten Menschen zu beobachten sind, wnn sie den jungen Nachwuchs hautnah erleben.

Da ist einmal Simeon, der jetzt ruhig und in Frieden mit seinem Leben abschließen kann, weil er weiß, dass sein Lebenswerk getan ist und dass es weitergeht, besser gesagt, dass in dem Kind Zukunft und Verheißung liegen. Seine Haltung ist passiv, im guten Sinne des Wortes, d.h. er lässt vertrauensvoll Gutes durch Gott geschehen: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren“ (Vers  29)

Etwas anders ist es bei Hanna. Bei ihr führt die Begegnung mit dem Kind noch einmal in ihren alten Tagen zu einer neuen Initiative in ihrem Beruf, besser gesagt in ihrer Berufung, als Prophetin. Sie wird noch einmal ganz neu aktiv, als Verkünderin der Taten Gottes: „…. Sie pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“ (Vers 38).

Zufrieden und würdevoll in den Ruhestand gehen, wobei hiermit nicht nur die Pensionierung gemeint ist;  oder noch einmal neu für andere aktiv werden – das sind zwei gleichwertige Optionen, die den Älteren, von uns oft als Senioren bezeichnet, zur Verfügung stehen. Dies geschieht sehr häufig, aber keineswegs ausschließlich in der Begegnung mit Enkeln.

Nun können sich Enkel und Großeltern zur diesjährigen Weihnachtszeit gar nicht so unbefangen begegnen, denn der Schatten von Corona liegt darüber. Über allem schwebt jetzt das Damoklesschwert der Infektion und stört die Idylle.

Bei dem Begriff Damoklesschwert fällt Ihnen vielleicht ein Wort aus dem Predigttext ein, das auch dort die auf den ersten Blick schöne und idyllische Geschichte stört. „Und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen.“ (Vers 35) – verkündet Simeon der Maria. Und dieses Schwert ist nicht nur Bedrohung wie das Damoklesschwert, sondern harte, unausweichliche Realität. Die junge Mutter, die jetzt ihr neugeborenes Kind in den Armen hält, wird einst als reife Frau den blutenden Leichnam ihres erwachsenen Sohnes in den Armen halten, wie es die bildende Kunst eindringlich in der Pietá darstellt. So enthält diese Weihnachtsgeschichte, symbolisiert durch das Schwert,  im Kern schon die Passionsgeschichte und einen Hinweis auf den Tod. Das ist aber nicht das letzte Wort, denn Simeon spricht in seiner Weissagung vom Fallen und Aufstehen vieler. Damit ist für beides dieselbe Gruppe gemeint ist (was in der Luther-Übersetzung nicht so deutlich wird), d.h. diejenigen, die fallen, sind auch diejenigen, die wieder aufstehen. Da im Griechischen für „Aufstehen“ dasselbe Wort steht wie für „Auferstehung“, ist dies ein Hinweis auf Tod und Auferstehung. Dies gilt zunächst für Jesus, dann aber auch für Christen in seiner Nachfolge.

Die frohe Botschaft ist also, dass auch wir nach dem Fall auf das Aufstehen/die Auferstehung hoffen dürfen. Mit Auferstehung verbinden wir in der Regel ein Leben nach dem Tode. Dies ist auch richtig. Kritiker des Christentums tun dies  aber gerne as bloße Vertröstung ab, die bestenfalls das Leiden in dieser Welt leichter ertragen lässt und schlimmstenfalls dazu verleitet, Unrecht geduldig hinzunehmen und nichts dagegen zu tun. Ungeachtet dieser Kritik hätten wir aber auch als Christen gern schon so etwa wie eine Auferstehung auch in diesem Leben.

Das ist ja auch in dem Text mit „Fallen und Aufstehen“ durchaus angedacht. Fallen und Aufstehen erleben wir auch in diesem Leben immer wieder. Sie kommen letztlich von Gott, aber sie haben auch viel mit unserem Handeln und Nichthandeln, mit unserem Wollen und Nichtwollen, mit unseren Entscheidungen zu tun. Das lässt sich am Beispiel unserer derzeitigen Krise zeigen.  Sie erinnert allerdings zunächst einmal nur an das Fallen, denn das Einzige, was zurzeit nicht fällt,  sind die Zahlen der Toten und Infizierten.

Ich denke und vertraue auf Gott, dass wir aus dieser Situation wieder aufstehen werden. Dazu ist auch unser Tun gefragt, d.h. beide Handlungsweisen, die jeweils durch Simeon und Hanna verkörpert werden, sind in der Pandemie gefragt. Da ist einmal die Gelassenheit des Simeon. In seinem Sinne lasse ich vieles sein, was ich eigentlich nicht unbedingt brauche  – große Partys, weite Reisen, überfüllte Weihnachtsmärkte, gesellige Weihnachtsfeiern und genieße ruhig das scheinbar Wenige, mit dem ich mich zufrieden geben muss. Kein Gegensatz, sondern eine Ergänzung hierzu ist die Handlung der Hanna. In ihrem Sinne engagiere ich mich, setze mich aktiv für hygienische Praktiken ein, komme mit allen, einschließlich Querdenkern und Coronaleugnern ins Gespräch.

Die Pandemie wird einmal überwunden sein, aber es geht auch darüber hinaus um die weitere Zukunft. Das ist ja auch die Faszination der traditionellen Weihnachtsgeschichte, der hoffnungsvolle Blick über die aktuelle Gegenwart hinaus in die Zukunft. Das geschieht besonders beim Anblick eines neugeborenen Kindes, das noch die ganze Zukunft vor sich hat.

Bei diesem besonderen Kind in unserem Text, dem „Christ“kind, geht es aber auch um eine besondere Zukunft, das Auf-uns-Zukommen des Reiches Gottes. Dieses wurde dann durch den erwachsenen Christus, durch sein Wirken, seinen Tod und seine Auferstehung eingeleitet.

Wir können dieses Kommen in dankbarer Gewissheit „passiv“ annehmen und empfangen, wie Simeon, oder ihm aktiv zuarbeiten wie Hanna. Beides sind gleichwertige Reaktionen. Wichtig ist, dass wir bei all dem nicht die große Zukunft aus dem Blick verlieren,  auch wenn die eigene persönliche Zukunft in diesem Leben mit jedem Tag weiter  dahinschwindet. Andernfalls könnte es leicht dahin kommen, dass uns der Vorwurf der jungen Leute, wir klauten ihnen die Zukunft, oder verhielten uns nach dem Motto „nach uns die Sintflut“ zu Recht träfe.

Durch das Christkind ist etwas Neues in diese Welt gekommen, an dessen Gestaltung wir uns beteiligen sollen und dürfen. Dazu haben wir einen Auftrag, der für jede/n unterschiedlich aussehen kann.

Allerdings müssen wir den Zeitpunkt erkennen, an dem wir diesen Auftrag erhalten. Das bedeutet auch geduldiges, aufmerksames Warten, wie es Simeon und Hanna vorlebten. Dann kommt dieses Kind irgendwann zu uns und fordert uns auf aufzustehen. Das ist mir bildhaft durch meinen zweijährigen Enkel deutlich geworden. Wenn wir als Erwachsene während der Feiertage so herumsaßen, kam er manchmal zu uns und sagte mit entsprechenden Gesten „auf“. Damit forderte er uns auf, aufzustehen, tätig zu werden, etwas mit ihm  oder für ihn zu tun. Auf diese Weise half er uns buchstäblich auf die Sprünge. So geschieht es auch durch das Christkind. Diese Aufforderung kann durch z.B. ein Ereignis geschehen, durch das wir auf einmal unseren Auftrag erkennen.

Ich möchte hierzu mal aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Vor acht Jahren predigte ich schon einmal hier in der Auferstehungskirche über diesen Text. Damals suchte ich selbst noch nach einem Auftrag Gottes in meinem Leben. So sagte ich in meiner damaligen Predigt „…wir [können] wie Hanna darauf vertrauen, dass auch im Alter noch eine Aufgabe auf uns wartet. Ich spüre gerade das oft in mir, wenn ich mir […] klarmache, dass sich in einigen Jahren auf die Pensionierung zugehe und mich frage: Was soll ich dann mit den zwanzig Jahren, die mir nach der Statistik der Lebenserwartung noch zustehen, anfangen? Wir können darauf vertrauen, dass eine Aufgabe  [auf uns wartet]  von der wir im Moment vielleicht noch nichts ahnen.“

Gut zwei Jahre später sah ich dann tatsächlich für mich einen solchen Auftrag, so wie Hanna, wenn ich auch noch nicht ganz so alt war. Es war genau an meinem 63. Geburtstag, als mich eine Bekannte zufällig beim Einkaufen traf und fragte, ob ich am Aufbau einer Flüchtlingshilfe in Glinde mitwirken wolle. Ich bejahte dies und erfülle diesen Auftrag bis heute. Mir wird aber inzwischen auch langsam bewusst, dass ich mich nicht ewig daran festhalten kann und mich auf den Zeitpunkt einstellen muss, an dem dieser Auftrag erledigt ist und ich mich wie Simeon beruhigt zurücklehnen kann.

Lassen Sie mich zusammenfassend sagen: Als Menschen, auch als Christen, leiden wir an und in dieser Welt, erleben in ihr unseren Fall. Gott aber liebt diese Welt und ist in dem Kind von Bethlehem Teil von ihr geworden. Er hat sie erlebt und erlitten, ist in ihr auferstanden und hat sie dadurch erlöst.

Die ganze endgültige Fülle dieser Erlösung und Auferstehung erleben wir noch nicht in unserer Zeit und in unserer Welt, ebenso wenig wie  dies Hanna und Simeon gleich damals nach ihrer Begegnung mit dem Kind im Tempel erlebten. Aber wir erleben hier und heute schon unsere ganz persönliche Weihnacht, unsere persönliche Begegnung mit dem Kind – dort, wo wir aufstehen, wo wir unseren Auftrag erkennen und damit beginnen, schon etwas von der künftigen Welt Gottes in dieser Welt in Angriff zu nehmen oder vielleicht sogar zu verwirklichen. Wir erleben sie aber auch dort,  wo wir erkennen, dass unser Auftrag erledigt ist und wir uns zur Ruhe legen können. So oder so ist dann auch durch uns schon ein Stück der Liebe Gottes zu seiner Welt sichtbar geworden. Und von dieser Liebe ist auch in dem  Lied „Gott liebt diese Welt“ (Nr. 409) die Rede.

Gebet:

Wir bitten dich

für die vielen Opfer der Pandemie,

für die Menschen, die mit ihnen leiden und sich ihnen doch nicht nähern dürfen.

für jene, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und in Depression leben,

für die, die  jetzt unter extremer Isolation leiden,

für ein friedvolles Zusammenlegen der Generationen

Wir bitten dich insgesamt für den Frieden in der Welt,

für den Frieden untereinander,

für den Frieden mit deiner Schöpfung,

für den Frieden mit uns selbst,

für den Frieden mit dir.

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott.

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2. Weihnachtstag – 26. Dezember 2020

Votum:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.

 

Dieses Weihnachtsfest verlief für uns alle ganz anders als wir es uns vorgestellt hatten, liebe Gemeinde. Das ganze Leben hat andere Vorzeichen und Prioritäten bekommen. Deutlich und spürbar ist es für uns alle, wie verletzlich unser Leben ist und wie sehr wir uns alle schützen müssen vor einem kleinen Virus.

Und dennoch ist es Weihnachten geworden, auch ein Virus kann Weihnachten nicht verhindern. Es verhindert zwar, dass wir Weihnachten nicht so feiern können, wie wir es gewohnt sind, mit den Gottesdiensten, den gemeinsam gesungenen Liedern, den Begegnungen und Gesprächen. Es verhindert Weihnachten nicht!

Für viele Menschen fühlt sich diese Zeit an, als ob ein großer schwerer Sturm über uns hinweg fegt. Diese Erfahrung teilen wir mit vielen Menschen in Deutschland, in Europa, ja der ganzen Welt.

 

So empfindet es auch die Malerin Beate Heinen. Sie malt jedes Jahr ein Bild zu Weihnachten. Dabei nimmt sie das vergangene Jahr in den Blick und fragt sich, welches gesellschaftliche Thema das wichtigste gewesen ist? Ihre Antwort setzt sie mit der Weihnachtsgeschichte in Beziehung und malt dazu ein Bild. In diesem Jahr heißt es: Gott mit uns- im Sturm der Zeit.

Mit kräftigen Farben malt sie eine große Welle Inmitten dieser Welle ein Boot mit Menschen, Kinder sind auch dabei. Im Vordergrund steht die Heilige Familie. Die Welle umhüllt dieses Boot. Es findet Schutz in mitten dieser Welle, in diesem Sturm. Maria auf dem Bild steht im Mittelpunkt. Wir sehen sie ganz deutlich. Sie hält das Kind im Arm und gleichzeitig eine Kerze, das Licht. Es erleuchtet die umliegenden Menschen. Das Kind hält die Augen geschlossen, ob es schläft, ist nicht eindeutig. Es strahlt jedenfalls Ruhe aus. Ruhe in dieser bedrohlichen Situation, da die Wellen und Wogen hochschlagen. Nicht alle Menschen sind gelassen und beruhigt auf diesem Boot. Es gibt auch Menschen, denen ist die Angst ins Gesicht geschrieben. Mit aufgerissen Augen schauen sie uns an. Sie scheinen die Bedrohung zu spüren und fürchten sich. „Fürchtet euch nicht“ spricht der Engel zu den Hirten. Vertraut auf Gott und seht, „euch ist ein Kind geboren, welcher ist der Christus!“ Es ist Weihnachten geworden. Gott ist auf die Erde zu uns Menschen gekommen. Das Licht leuchtet- auch für euch!

Miteinander sind die Menschen unterwegs in den Stürmen der Zeit. Auf dem Bild werden sie bewahrt.

Im vergangenen Jahr sind leider viele Menschen umgekommen, im Meer, in den Krankenhäusern. Wir können nicht die Welt retten, aber wir können uns mit ihnen solidarisieren. In dieser Zeit ist kein innerer Rückzug gefragt, sondern unser Mitgefühl gefragt.

Die heilige Familie, das Kind, das Licht macht dieses Bild hell und hoffnungsfroh. Das Licht steht für Hoffnung. Gott ist in Jesus Mensch geworden, damit er uns Menschen nahe sein kann. Nicht irgendwelchen Menschen, sondern Dir und mir, allen möchte er nahe sein, damit wir mit Hoffnung und Zuversicht haben können.

An diesem Weihnachten wird deutlich, dass Gott uns nicht vor den Stürmen in unseren Leben schützen kann, er aber bei uns ist auf unserem Lebensboot. Gott kann nicht verhindern, dass wir in diesem Boot hin und her schaukeln und ordentlich durchgerüttelt werden, aber er will uns die Angst nehmen. Das Boot hier auf dem Bild ist wie in einer Höhle geborgen und beschützt. Der Sturm bringt das Boot nicht zum Kentern. Das weihnachtliche Licht strahlt hell. Die Hoffnung ist, dass wir geborgen sind und gehalten werden. Das Licht der Welt ist zu uns gekommen. Es ist Weihnachten! AMEN

 

 

Gebet

Guter Gott,

du bist Mensch geworden, klein und verletzlich. In Christus kommst du zu uns und bist uns nahe. Dafür sind wir dir dankbar.

Wir bitten dich für alle Menschen, die einsam und verzweifelt sind. Stelle Ihnen Menschen an ihre Seite. Lass es in ihrem Leben hell werden.

Wir bitten dich für die Menschen, die um ihr Leben bangen müssen, sei es durch Krankheit, oder durch Hunger, Krieg und Gewalt. Nimm dich ihrer an. Sei Du ihnen Licht, so dass sie neue Hoffnung und Lebensmut finden können.

Wir bitten dich für alle Menschen, die sich danach sehnen, dass ihr Leben heil wird. Berühre sie, lass sie dich spüren.

 

Guter Gott, es ist Weihnachten geworden. Öffne unsere Herzen für dich. Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis

 

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Heiligabend 2020

An Heiligabend, dem Ersten und dem Zweiten Feiertag wird die Auferstehungskirche zwischen 10.00 und 18.00 Uhr festlich beleuchtet, geschmückt und geöffnet sein. Besucherinnen und Besucher erhalten so die Möglichkeit zur individuellen, weihnachtlichen Einkehr. Gleichzeitig können das Friedenslicht und eine kleine Weihnachtsüberraschung mitgenommen werden.

Ab Heiligabend ist ein Gottesdienst der Gemeinde im Internet zu sehen:

Weihnachtsspecial für Kinder mit Gemeindepädagogin Ines Hombach:

Andere Angebote (Predigten zum Mitnehmen, Impulse auf Instagram und Youtube, Predigten zum Mitnehmen etc.) werden nun geplant werden.

Eine Bitte haben wir: Spenden Sie bitte für Brot für die Welt! Allein in Oststeinbek kamen jedes Jahr bis zu knapp 4.000 Euro zusammen. Diese wichtige Unterstützung für die internationalen Partner der evangelischen Kirchen drohen nun wegzufallen. Hier die Kontoverbindung:

IBAN: DE 10 1006 1006 0500 5005 00 Verwendungszweck: „Hilfe weltweit“ plus Ihr Name und Adresse.

Wir danken Ihnen sehr!

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Gottesdienst zum 1. Advent

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Predigt vom 5. Juli 2020

  1. Sonntag nach Trinitatis – Röm 12,17-21 (II)

Liebe Gemeinde,

kommende Woche bin ich wieder auf dem Friedhof. Und darf einen Menschen, eine Familie, auf dem letzten Weg begleiten. Und das mache ich wirklich sehr gerne! Zum Ende meiner Ansprache kommt dann immer der Abschied. Und dieser Abschied gehört für mich zu einem der schönsten und hilfreichsten Abschnitte unserer Liturgie:

Wer ihn oder sie geliebt und geachtet hat, trage diese Liebe und Achtung weiter.

Wen er oder sie geliebt hat, danke ihm oder ihr alle Liebe.

Wer ihr oder ihm etwas schuldig geblieben ist an Liebe in Worten und Taten, bitte Gott um Vergebung.

Und wem sie oder er wehgetan haben sollte, verzeihe ihr oder ihm, wie Gott uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten.

So nehmen wir Abschied, mit Dank und im Frieden.

 

Abschied nehmen. Mit Dank. Und im Frieden. Ich finde: Darum geht es. Aber: Nicht nur bei Beerdigungen! Denn mit Dank und im Frieden sollten wir jeden Tag auseinander gehen. Sollten wir jeden Tag beenden.

Paartherapeuten empfehlen ja dringend auch sich nach einem Streit nie ohne Versöhnung einfach umzudrehen und einzuschlafen. Aber: Wie schnell wähle ich diese scheinbar einfachere Lösung des Umdrehens und Wegschlafens?

Und wenn Ihr alleine an Eure letzte Woche zurückdenkt: An welchen Tagen – Sonntag, Montag, Dienstag… – ist es Euch gelungen diesen Tag – ein wundervolles, wertvolles Geschenk Gottes –im Frieden und mit Dank zu beenden?

Wer ihn oder sie geliebt und geachtet hat, trage diese Liebe und Achtung weiter.

Und wem sie oder er wehgetan haben sollte, verzeihe ihr oder ihm, wie Gott uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten…

Am Grab sind mir diese Worte unendlich wertvoll. Und hilfreich. Aber im Grunde kommen sie zu spät: Wenn sie nur und erst am Grab gesprochen und gelebt werden und nicht zuvor schon, als man es noch gemeinsam konnte. Und welche Last tragen wir mit uns herum – jeden Tag, jede Sekunde – wenn wir unversöhnt sind, wenn wir diese tiefe Dankbarkeit nicht in uns tragen?

Und darum geht es Jesus mit seinem „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet“ erst einmal um einen selbst:

Versöhnung soll nach einem Streit erst einmal mich versöhnen. Und den Frieden wieder herstellen: In mir. Mit meinem Leben. Und – mit dem anderen. Versöhnung dient also nicht in erster Linie dem Anderen oder gar dem Weltfrieden. Versöhnung dient mir. Und führt mich in mir über den Frieden wieder zum Dank. Denn wer mit sich selbst nicht im Reinen, nicht im Frieden ist, der wird mit anderen seinen Krieg ausfechten. Oder auch gegen sich selbst. Und wenn er auch nur mit 68 die nächste Diät anfängt.

Vielleicht kann mir das die Wut aus den Segeln nehmen, wenn ich anderen den Frieden nicht gönnen will: Von einer Versöhnung habe ich am meisten. Weil ich all den Sch… endlich hinter mir lassen kann. Und mein Leben wieder ins Gleichgewicht bringen. Um dann neu und befreit anzufangen.

Und noch eine Beobachtung hilft mir einen anderen, mit dem ich verquer liege, in Frieden gehen zu lassen. Biblisch drückt sich das so aus: „Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Rache ist vielleicht ein sehr starkes Wort. Aber auch Rachegefühle stecken ja in uns. Wir haben nur gelernt, sie zu verbergen. Und Gott sagt: Darum musst Du Dich nicht kümmern! Und: Wie oft habe ich es erlebt, dass Menschen etwas später auf die Füße gefallen ist, dass ich zutiefst ungerecht und ärgerlich fand?

Leute, die sich nach Streitigkeiten im Freundeskreis auf die andere Seite schlugen, mich plötzlich nicht mehr kannten, ohne wirklich auch nur einmal nach meiner Sicht zu fragen…

Leute die sich immer nach Vorne drängeln, um im Bus in der ersten Reihe zu sitzen und die dann später – selbstverständlich! – das größte Stück Kuchen schaufeln…

Oder der HSV, der all die Jahre nicht abgestiegen ist, obwohl die so grottig spielten…

Wie oft ist das Leuten später auf die Füße gefallen, was ich zutiefst ungerecht und ärgerlich fand! Es ist also nicht meine Aufgabe, die Balance der Gerechtigkeit wieder herzustellen. Damit muss ich mich nicht auch noch rumschlagen! Denn ich habe mit meiner Seite und mit meinen Verletzungen schon genug zu tun. Den anderen darf ich da getrost in Frieden gehen lassen. Und ihm – wenn ich all das dann irgendwann wirklich hinter mir habe – dereinst sogar alles Gute wünschen und Gottes Segen. Und dann ist mein Leben wieder vollends im Gleichgewicht.

Versöhnung spielt sich also in mir ab. Sie ist eine Änderung der Wahrnehmung, der Haltung. Und ich habe am meisten davon, wenn ich mich versöhnen lasse…

 

Paulus meint nun aber Im Römerbrief: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Und da steckt ja nun schon die eine und die andere Einschränkung drin!

Zu Einen: Einen billigen Frieden darf es nicht geben!

Jesus selbst war einer, der anderen durchaus seine Meinung um die Ohren hauen konnte (und Paulus auch): Erinnert Euch nur, wie Jesus die Händler aus dem Tempel schlug – mit Worten und mit seinem Gürtel. Oder wie Paulus in seinen Briefen den Gegner ihr Fett abgab. Und so gibt es eine Menge Streitigkeiten, die müssen wir einfach aushalten. In denen dürfen wir nicht klein beigeben. Es gibt Auseinandersetzungen, da ist es unsere Aufgabe beharrlich zu bleiben.

Und das sind all die Streitereien, bei denen es uns in Familie, Freundschaft und Gemeinde darum geht: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben, miteinander umgehen, dass jeder und jede Platz zum Leben, Luft zum Atmen und zur Entfaltung hat.

Und das sind all die Auseinandersetzungen, die ich unter der Überschrift „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ einsortieren kann: Wann immer das pralle Leben mit Füßen, mit Gewalt, mit lauten Worten getreten, bedroht und zerstört wird, will ich nicht klein beigeben! Nur um endlich meinen Frieden zu haben. Denn das wäre ein Scheinfrieden! Wenn Schwächere oder Randgruppen bedrängt werden, dann möchte ich mich mutig auf ihre Seite stellen.

Ein Vorbild ist mir da Ghandi und natürlich Jesus. In ihrer Beharrlichkeit. In ihrer Klarheit. Mit ihrer Liebe. Zu Opfern, aber auch zu Tätern, zum Leben eben. Ghandi und natürlich Jesus sind mir ein Vorbild, mich nicht wegzuducken und es mir einfach zu machen, aber auch die richtige Energie in einen Streit zu stecken: Nämlich keinen Hass, der auf Hass antwortet. Nämlich keine eigene Gewalt, die nur wieder neue Gewalt hervorruft. Und auch keine Parteibildung, die aus einem „Wir“ ein zerstörerisches „Wir“ und „die anderen“ macht.

Die richtige Energie stecke ich in einen Streit, der sich lohnt, in Beharrlichkeit. Voller Liebe zum Leben und zu jedem einzelnen Menschen. Und auch die Bedürfnisse all der beteiligten Menschen möchte ich den Blick bekommen. Aber auch klar benennen, wo Grenzen überschritten und Schwächere unterworfen werden. Denn ein billiger Friede ist kein Frieden, er ist nur Scheinfrieden. Unter der Decke aber schwelt der Konflikt, schwelt die Gewalt.

 

Der andere Vorbehalt des Paulus führt mich dann wieder an den Anfang zurück: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

„Soviel an euch liegt…“ Wahrscheinlich ist das am Schwersten: Aufbauend damit umzugehen, wenn ein anderer mir einfach nicht vergeben kann. Und immer wieder die alten Geschichten bei ihm oder ihr aufploppen. Oder die verschiedenen Abneigungen mir immer wieder ins Gesicht schlagen.

„Soviel an euch liegt…“ schreibt hierzu Paulus… Und es liegt leider nicht alles, vielleicht sogar das wenigste bei uns. Auf soviel haben wir keinen Einfluss. Und schon gar nicht auf die Haltung, die Einstellung eines anderen. Aber was wir ändern können, das können, das sollten wir ändern. An uns. Und unserer Wahrnehmung, unserer Haltung: Auch der andere ist immer ein Mensch, der Glück will, der geliebt werden will, der mit seinen Verletzungen zu kämpfen hat. Den anderen wieder als Mensch, als Mitgeschöpf Gottes in den Blick bekommen und nicht nur seine Taten, hier beginnt Versöhnung. In mir. Oder um es mit dem ollen Albert Schweitzer zu sagen:

Wir alle sind „Leben inmitten von Leben, das Leben will.“ AMEN.

Die Predigt wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm.

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Predigt am 14. Juni 2020

1. Sonntag nach Trinitatis, Apg 4,32-37

 

Liebe Gemeinde,

was hat diesen Josef bloß bewegt?

 

Verkauft seinen Acker und legt das Geld den Aposteln, den Jüngern Jesu zu Füßen!

 

Ganz am Anfang der christlichen Gemeinden war das.

Also Jesus gerade gestorben war.

Und es dennoch weiter- und sogar bergauf ging mit seiner Gemeinde.

 

Josef war ein Reisegefährte des Paulus.

Er war ein guter Prediger.

Heute wäre er vielleicht Prädikant. Also schon einigermaßen engagiert in der Gemeinde.

 

Aber das, was hier von Josef erzählt wird, ist ja ein wiederkehrendes Motiv in der Bibel:

Menschen, die mit Gott unterwegs sind, die hauen voll rein für ihn.

Menschen, die von Gottes Liebe berührt wurden, die geben voller Liebe einen und auch mehr aus.

Menschen, den Anteil gegeben wird an Gottes Wirken, die wollen Teil seines Teams werden. Mit dieser oder jener Fähigkeit. Mit ihrem Geld. Mit ihrer Zeit.

 

Denkt nur an die Kollekte für die verarmte Gemeinde in Jerusalem, um die Paulus bittet.

Oder denkt an den Reichen Jüngling, der Jesus fragt, was er tun soll, um ganz dicht bei Gott zu sein und der es nicht packt, seinen Besitz dann loszulassen.

Oder denkt dran, dass mit Jesus ständig das Brot geteilt wurde, ständig Menschen geheilt wurden, ständig nach dem nächsten gemeinsamen Schritt gefragt wurde.

 

Es geht darum, die Liebe Gottes zu teilen.

Und Teil seines Wirkens zu werden.

 

Und genau darum geht Josef hin und verkauft seinen Acker.

Weil die Gemeinde irgendein gutes Projekt am Laufen hatte.

Und Gottes Liebe und Gegenwart unter die Menschen brachte.

 

Und nun frage ich mich: Warum ich nicht?

Ok, ich habe keinen Acker, aber:

Ich bin weit davon entfernt mich von meinem Besitz zu lösen und mit radikaler Großzügigkeit was ich habe und andere gebrauchen können zu verschenken.

 

Und nein, das liegt nicht daran, dass ich Schiss hätte, es könne mir so gehen, wie Melinda und Bill Gates:

Da gibst Du viel, da gibst Du dein halbes Vermögen. Und irgendwelche Verschwörungstheoretiker unterstellen Dir, Du wollest die Welt zwangsimpfen.

 

Wobei ja, in 19 Jahren Pfarramt ist mir auch immer wieder dieser unangenehme Zug begegnet, den es in unseren Gemeinde geben kann:

Da engagiert sich wer über alles Maßen und auch noch selbstlos für die Gemeinschaft.

Und dann kann irgendein anderer das nicht aushalten.

Und dann unterstellt der oder die hintenrum egoistische Eigeninteressen.

Oder zerrt am Steuerrad, weil er oder sie, viel lieber andere Schwerpunkte setzen möchte.

 

Aber das ist es bei mir nicht!

 

Vielleicht ist es eher die Angst, zu kurz zu kommen.

 

Oder es ist der Sog meines Wohlstands: Wer hat, der will noch mehr!

 

Oder meine mangelnde Radikalität liegt daran, dass es unter uns in Gemeinde und Kirche dieses Vorbild, diese allgemeine Haltung nicht gibt. Und darum tue ich es auch nicht.

 

Oder ich sehe nicht den Bedarf nicht, die große Not, die ich lindern könnte,

nicht das begeisternde und damit zwingende Projekt, hinter dem ich mit Haut und Haaren stehen würde.

 

Und selbst in meiner Zeit bei den Methos habe ich den biblischen Zehnten nicht gegeben. Denn das sagt ja die Bibel:

„Gib 10% all Deiner Einnahmen für Gott.“

Denn alles, was Du hast, ist von Gott.

Wobei solch eine Regelung auch nicht unbedingt etwas mit einer Herzenshaltung zu tun haben muss, sondern schlicht eine klar geregelt Steuer wäre, ein Mitgliedsbeitrag quasi.

 

Und wir geben als Mitgliedsbeitrag eben 9% on Top auf unsere Lohnsteuer.

Wenn wir denn im Solidarsystem der Kirche sind.

Und wenn wir überhaupt Einkommenssteuer zahlen.

 

Wenn Du also 100 Euro Einkommenssteuer & Co. zahlst, dann zahlst Du 109 Euro.

Und diese 9 Euro gehen – abzüglich Dienstleistungsprämie für den Staat – an die Kirche.

Und die schüttet das dann aus.

 

Und dann geben die meisten von uns Kollekte und wir spenden hier und dort.

Und das kann ganz schön viel sein!

Ich bin dankbar für unsere vergleichsweise hohen Kollekten und für all die Daueraufträge und auch für die ein oder andere Erbschaft.

Aber dennoch ist es keine allgemeine Bewegung.

Radikale Großzügigkeit ist unter uns keine Haltung, die unsere Gemeinde und Kirche so faszinierend anziehend machen würde, wie es damals bei Josef wohl der Fall gewesen sein muss.

 

Vielleicht gäbe es sogar Gründe, das auch gar nicht zu wollen:

Eine persönlich schwierige Lage, in der man steckt.

 

Oder Druck und Zwang. Denn die gaben damals freiwillig aus einem übervollen Herzen heraus und waren ja keine Kommunisten.

 

Oder auch Geld und Kraft und Zeit, die gar nicht da ankommt, wo sie biblisch hingehört, könnte mich abhalten.

Denn biblisch geht das Geld vor allem in die Unterstützung der Armen.

Und in die Kommunikation des Evangeliums.

Es gibt also gute Gründe, die mich von Josef‘ Beispiel abhalten könnten.

Aber es gibt noch gewichtigere mich von ihm inspirieren zu lassen.

Und neben überquellender Liebe

und begeisternden Projekten

ist das der Kampf gegen den Mammon!

 

Ihr wisst schon Jesu Satz, dass man nur einem dienen könne: Gott oder dem Geld.

 

Und das stimmt wohl: Meist wollen wir von dem, was wir haben noch mehr.

Und darum können wir nur dem Geld, dem Besitz folgen

oder Gott

und den Menschen, die er uns zeigt.

 

Also: Hau’s raus!

Lass es geh’n!

 

Denn alles, was Du hast ist ein Geschenk Gottes!

Schenk es ihm zurück, indem Du Dich engagierst!

Und wenn es stimmt (was wir glauben) nämlich dass im Himmel Fete sein wird

und wenn Du außerdem nichts mitnehmen kannst in Deinem letzten Hemd,

dann lass Deinen Reichtum fahren!

Er ist nur Mittel zu einem Zweck, den Du ihm gibst.

Und was gäbe es Sinnvolleres und Schöneres und Bewegenderes, als mit sein Geld, seinen Besitz, seine Fähigkeiten und seine Zeit andere zu widmen?!

Und das hat alles mit der Liebe Gottes zu tun, um die es uns Christinnen und Christen geht:

Lassen wir uns durch Gott berühren!

Lassen wir uns lieben!

Um dann Gottes Liebe weiterzugeben.

 

Und darum ist unser Umgang mit Geld, ist unser Geben eine zutiefst geistliche Haltung:

An unserem Umgang mit Geld wird deutlich, wo wir stehen:

Ob wir der Angst folgen – oder der Zuversicht.

Ob wir uns von Gott weiten lassen – oder eng bleiben.

Ob wir eine Aufgabe, einen Platz in Gottes Team gefunden haben (wie Josef) – oder noch suchen.

 

Und es kann so unendlich frei machen, Großzügigkeit zu lernen:

Die ökumenische Gemeinschaft im französischen Taizé gibt zum Jahresende alles weg, was sie noch auf den Konten hat, und fängt neu an:

Um Gutes zu tun.

Und um Gott eine Chance zu geben, mit ihrer Gemeinschaft eben auch wieder neu zu starten.

Das ist für mich ein schönes Vorbild für ein Leben aus Gottes Hand!

 

Und wir?

Was sollen wir mit diesem Text heute tun?

Unsere Gemeinde engagiert sich schon sehr:

Wir haben vergleichsweise hohe Kollekten.

Wir haben Dauerspender für die Stelle von Ines Hombach.

Unsere Orgel wurde letztes Jahr nur aus Spenden finanziert.

Die Nähdamen sitzen schon wieder im Keller uns hoffen, dass unser Basar trotz Corona stattfinden kann.

Wir haben eine ökumenische Partnerschaft nach Südafrika. Wobei es hier nicht ums Geld geht!

Wir engagieren uns für Geflüchtete und haben unsere Häuser, unser Leben für sie geöffnet.

Und es gibt neue Projekte, wie Zeit zu zweit

Unsere Gemeinde engagiert sich schon sehr!

 

Und genau hier sollten wir weitermachen!

 

Wir sollten uns selbst und einander motivieren, noch großzügiger zu werden.

Dass man von uns auch sage (wie von Josef‘ Gemeinde), wir seien ein „Herz und eine Seele!“ Und hätten gleichzeitig immer noch die Türen weit offen für andere Menschen.

 

Und: Welche Kraft – welche Power und Anziehungskraft – hätten wir, wenn wir uns zusammentäten, wirklich zusammenlebten?!

 

Wir würden einander und diesen Ort noch viel mehr prägen.

 

Und wir selbst würden Josefs Erfahrung noch viel häufiger machen:

 

Wer schenkt, macht sich selbst glücklich.

Wer am meisten gibt, hat selbst besonders viel davon. AMEN.

Die Predigt wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

 

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Predigt am 07. Juni 2020

Liebe Gemeinde,

das Beste kommt zum Schluss.

Zumindest beim Essen ist das bei mir so.

Und auch beim Gottesdienst.

Denn nach viel Musik, nach einigen Gebeten und nach vielen, vielen Worten, da kommt im Gottesdienst der Segen. Und der ist für mich das Beste:

Der Segen, den ich empfange. Und der Segen, den ich spende.

Viele stehen dann da und öffnen ihre Hände. Um Gottes Segen zu empfangen. Der quasi von mir abgeleitet wird und auf Euch gerichtet wird, wie von einer Parabolantenne. Dass er Euch voll erwische, der Segen Gottes.

Und im Segen ist dann alles, was man braucht: Er ist voller Kraft. Er ist volle Zuwendung. Voller Liebe. Der Segen schenkt Dir Leben. Und Gelassenheit. Und die unverbrüchliche Gegenwart Gottes.

Der Segen kommt von außen, kommt vom lebendigen Gott, geht durch einen anderen Menschen hindurch und wird Dir dann zuteil. Segen wird Dir geschenkt – kann nur geschenkt, gespendet werden von einem anderen – und ist dann in Dir, bleibt bei Dir. Kann Dir durch nichts und niemanden genommen werden.

 

Ihr erinnert Euch sicher, wie Mose ganz am Anfang nicht so recht wollte oder konnte, als Gott ihm sagte, er solle das Volk Israel in die Freiheit führen. Und ja, es gibt Situationen im Leben, da muss man seinen Mann, seine Frau stehen, muss ordentlich was raushauen und sich auch angreifbar machen. Und man hat dann keine Ahnung: Reicht meine Kraft? Will ich das wirklich? Was werden die Nachbarn sagen? Und wieso eigentlich immer ich?!

Mose wollte damals Gott einen Korb geben und sagte: „Chef, ich kann nicht reden! Wie soll dieser Pharao da auf mich hören?“ Und dann kann man wunderbar erkennen, wie Gott uns segnet: Wenn Gott etwas von uns will, dann lässt er uns damit nie allein. Wirklich nie! Wenn da ein schweres Gespräch auf Dich wartet. Oder viel zu viel Arbeit. Wenn da eine Krise oder eine Krankheit ist. Oder wenn Du vor der Aufgabe Deines Lebens stehst: Dann lässt Gott Dich nie allein mit all dem:

Zu Mose sagt er: „Wenn Du nicht meinst reden zu können, dann nimm doch Aaron mit, Deinen Bruder. Und ihm gebe ich die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Und Aaron kann Euch und das Volk segnen. Und dann werde ich bei Euch sein, wird alles da sein, was Ihr braucht. Und so soll er sprechen:

Der Herr segne dich und behüte dich;

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

 

Und dann führen Mose und sein Bruder Aaron das Volk Israel aus der Gefangenschaft in die Freiheit. Sie führen sich und das Volk durch persönliche Krisen und auch durch schwere Auseinandersetzungen. Und oft dachten sie auf ihrem Weg: „Unsere Kraft reicht nie und nimmer!“

Aber am Ende kamen sie dort an, wo Gott sie haben wollte: Im gelobten, im verheißenen Land.

Gott öffnet Dir Lebensräume. Er gibt Dir Aufträge. Und manchmal kann das auch alles ganz schön schwer werden, aber: Gott lässt Dich nie allein! Er schenkt Dir seinen Segen. Und in dem steckt alles, was Du für Deinen Weg brauchen wirst. Gott stellt Dir Menschen an die Seite. Nimm diese Menschen wahr! Und lass sie an Dich ran! Und dann geht gemeinsam, als Team Euren Weg. Denn:

Gott segnet mit seinem Segen von Mensch zu Mensch. Nie können wir uns selbst die Hände auflegen und uns segnen! Immer brauchen wir die Hände, den Segen eines anderen Menschen und manchmal sogar – in besonderen Momenten – gleichzeitig die segnenden Hände mehrerer Menschen.

Und genauso wirkt Gott, genauso begleitet er uns, so schenkt er seinen Segen: Gott segnet uns, wenn wir uns einander zuwenden. Gott segnet uns, wenn wir einander wahrnehmen, wirklich wahrnehmen und erkennen. Gott segnet uns, wenn wir innehalten in all dem, was uns so umtreibt und uns Zeit und Aufmerksamkeit schenken, spontan und mitten im Trubel des Alltags. Gott segnet uns, wenn wir seine Liebe in die Welt tragen und uns verschenken. Wenn wir andere heilen von ihren Verletzungen. Wenn wir kämpfen. Gegen Rassismus. Gegen Ungerechtigkeit. Gegen jede Gewalt.

Gott segnet uns, wenn wir uns einander zuwenden und einander die Hände auflegen – im übertragenen Sinn oder tatsächlich – und einander spüren lassen: „Ich bin für Dich da. Und ich wünsche Dir alles erdenklich Gute. Und was immer ich habe, das teile ich mit Dir.“ Gott segnet Menschen durch Menschen. Und er verbindet uns miteinander. Dass wir endlich spüren: Wir sind eins. Und er – Gott – ist mitten unter uns. Und dann los – husch, husch – ran an den nächsten Schritt:

Sei gespannt. Und offen, neugierig auf das, was kommt!

Und das ist vielleicht die einzige Einschränkung, die es bei Gottes Segen geben kann. Und es gibt sonst ja keine Einschränkungen, keine Bedingungen: Alle können den Segen empfangen und niemandem darf oder müssen wir ihn vorenthalten: Weder Schwarzen vielleicht oder Homosexuellen und auch Menschen nicht, die nicht oder anders an Gott glauben – wenn jemand anders ist also Du (und das sind die meisten), dann ist das kein Grund, ihm Gottes Segen vorzuenthalten: Denn wer nach Gottes Segen verlangt, wer sich wünscht, von uns gesegnet zu werden, den dürfen, den müssen wir segnen. Und unser Segen wird seine Wirkung – garantiert! – entfalten. Alle dürfen wir also segnen. Und:

Alle dürfen wir segnen. Denn auch, wenn hier in der Lutherbibel die Überschrift über unseren Abschnitt (nachträglich!) eingefügt wurde: Der priesterliche Segen, so ist Segnen nichts priesterliches. Zumindest nicht in dem Sinne, dass nur Priester oder Pastorinnen segnen dürften.

Sondern: Wenn wir einander segnen, dann ist unser Segen priesterlich. Dann werden wir einander zu Priestern Gottes. Dann werden wir zu Vermittlern des göttlichen Segens. Zu Parabolantennen für Gottes große Gnade und Liebe. Segnet also einander! Denn es gibt wenige Einschränkungen, wenn wir einander segnen: Jeder darf gesegnet werden. Und jeder darf und soll segnen.

Aber eine Einschränkung gibt es dann doch. Und die kann es in sich haben: Wir müssen nämlich offen sein für Gottes Segen. Wirklich offen. Denn ein Leben mit Gott und seinem Segen ist nicht wie eine Fahrt auf der Autobahn: Wunschziel ins Navi eingeben. Auto gepackt. Motor gestartet und dann los, rauf auf die Autobahn und dann mit Tempomat durchgeheizt bis ans Ziel Deiner Träume. So läuft ein Leben mit Gott und seinem Segen nicht. (Oder nur sehr, sehr selten.) Sei darum nicht traurig, wenn Dein Leben anders verläuft. Und hab bloß kein schlechtes Gewissen! Sondern sei gespannt, sei offen für das, was kommt, wenn Gott dich segnet! Denn ein Leben mit Gott und seinem Segen ist eher wie eine Fahrt über die Landstraße, wie eine Tour über die Dörfer. Und Du hast dann Dein Ziel natürlich im Kopf und all die Wege, die Gott uns baut, als Gefühl im Herzen. Und dann bist Du offen bei Deiner Landpartie mit Gott, offen an jeder Kreuzung: Lass Dir also Zeit. Höre in Dich hinein. Hol die Karte aus dem Handschuhfach und studiere sie mit Lust! Berate Dich mit Deinem Aaron da an Deiner Seite. Und dann entscheidet: Wo geht es lang mit Gott, rechts oder doch eher links? Oder: geradeaus, Euren Weg weiter. Und wenn Gott Euch dann wieder einmal einen besonders schönen Ausblick nur so hingezaubert habt, dann fahrt links ran. Und genießt das Leben, unsere Welt in all seiner Schönheit. Macht oft Pausen. In all den Gasthäusern und Cafés am Rand der Straße. Und seid offen für Begegnungen mit fremden Menschen. Denn besonders die Fremden können mit ihrem Segen zu wahren Engeln für Euch werden.

Das ist die einige Einschränkung, die es gibt: Ihr müsst Euch wirklich für Gottes Segen öffnen.

Und dann zu jeder Zeit all die großartigen Möglichkeiten, die Gott Euch zu bieten hat, erwarten.

Denn wenn Euch etwas versagt bleiben sollte, dann war das vielleicht gar nicht Euer Ding, wie Ihr dachtet. Dann hat Gott vielleicht noch was viel Besseres für Euch auf Lager. Öffnet Euch also, öffnet Euch wirklich für Gottes Segen.

 

Und klar: Das Leben ist kein Ponyhof und auch keine reine Urlaubsfahrt! Wenn es also in Eurem Spiel des Lebens etwas zu tun gibt, eine Baustelle etwa oder gar einen Unfall. Dann steigt aus! Und packt mit an! Macht Euch die Hände richtig schmutzig. Und helft! Denn Gott schenkt Euch seinen Segen. Und Ihr seid selbst ein Segen. Für alle anderen Menschen. Und diese wunderbare Geschenke haltet nie zurück!

AMEN.

Die Predigt wurde zur Verfügun gestellt von Pastor Kelm

 

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Videobotschaft: Pfingstgrüße in 13 verschiedenen Sprachen

“Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.”

In der gemeinsamen Videobotschaft der beiden Hamburger Kirchenkreise steht die Verbundenheit zwischen den Menschen im Vordergrund. Pfingsten lädt dazu ein, Unterschiede und Sprachbarrieren zu überwinden und sich aufeinander einzulassen.

„Die Pfingstgeschichte erzählt davon, dass der Heilige Geist macht, dass wir einander verstehen auch wenn wir ganz andere Sprachen sprechen. Der Heilige Geist ebnet Unterschiedlichkeiten nicht ein, sondern bringt uns zusammen in unserer Vielfalt“, erläutert Pastor Frank Engelbrecht, St. Katharinen.

Die Vielfalt innerhalb unserer Kirchengemeinden wird auch in der Videobotschaft deutlich. 13 Menschen haben in 13 Sprachen an dem Clip mitgewirkt: Finnisch, Plattdeutsch, Italienisch, Kreol, Koreanisch, Russisch, Tamil, Gälisch, … und Dänisch sind dabei. Hören Sie genau hin – wie viele Sprachen können Sie erkennen?

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Andacht zum Sonntag Exaudi (Höre!) am 24. Mai 2020

Jeremia 31, Vers 31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den HERRN“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Im heutigen Bibelabschnitt geht es um einen Bund, den Gott mit seinem Volk schließen will: Gott bietet einen Vertrag an – und will sich auch selbst an ihn halten. Solch einen Bund hatte Gott bereits mit Abraham geschlossen, mit Noah (an den erinnert uns ein jeder Regenbogen) und später wird er ihn in und durch Jesus Christus uns Menschen anbieten.

Ich finde, diese Worte des Propheten Jeremia passen recht gut in unsere Zeit mit all ihren Bündnissen. Heute scheinen Verträge nicht mehr viel zu bedeuten. Und es erschreckt mich sehr, wie durch ein vielseitiges „Ich zuerst!“ feste Bündnisse in Frage gestellt werden, die bisher unser Leben sicher machten. Denken Sie nur an den Austritt der Briten aus der EU oder den Zerfall der Verlässlichkeit der USA. Aber auch bei Fußballspielern ist ein Vertrag oft nicht das Papier wert, auf dem er steht…

Hier aber träumt ein Prophet (ein Querdenker Gottes und glaubensbewegter Gottesmann) von einem all umfassenden Neuanfang. Er träumt von einem neuen, gemeinsamen Leben, wo andere nur noch an den allgemeinen Niedergang glauben konnten.

Dabei kann ich mir gut vorstellen, wie Jeremia damals fassungslos durch den zerstörten Tempel Jerusalems ging und wie jeder Schritt gut zu hören war. Durch das Knirschen der zerbrochenen Scheiben unter seinen Schuhsohlen. Denn die Babylonier hatten den Tempel zerstört und das Volk verschleppt… Ich kann mir gut vorstellen, wie es noch nach den verbrannten Rollen der heiligen Schrift roch. Und wie die verkohlten Überreste der heiligen Gegenständen noch schemenhaft in den Ecken standen. Dabei sollte doch gerade der heilige Tempel die Pracht des Königreiches Salomos ebenso ausdrückten, ebenso, wie die Größe des Glaubens Israels und die Größe seines Gottes. Nun aber: Alles zerstört! Alles am Ende! Überall Tod und Vertreibung! Und es schien fast so, als habe Gott seinen Job hingeschmissen und gekündigt…

In all dem steht nun aber Jeremia und spürt mitten im Niedergang die Gegenwart Gottes. Und er predigt Gottes Angeboten des Lebens. Und er berichtet von Gottes Segen. Und vom Neuanfang. Und von Vergebung. Und von einem unverbrüchlichen Leben in der Nähe Gottes. Jeremia redet von all dem, was nie geklappt hat und was immer gescheitert ist. Seit Generationen: dem verlässlichen, friedlichen, versöhnten Miteinander. Die einen nennen Jeremia einen Propheten und Botschafter Gottes. Die anderen aber kurz und bündig „Narr“ und „Phantast“.

Ich muss zugeben: Bei unseren heutigen Themen liegt mir auch die Skepsis, die Jeremia entgegenschlug, nicht so fern.

Und trotzdem! Und gerade jetzt! Ich treffe Hochzeitspaare, die sich von Corona nicht beeindrucken lassen. Stattdessen dringen sie zum Kern ihres Festes vor: ihrer Liebe, ihrem Versprechen. Und trotz aller Beschränkungen werden sie das feiern, nun eben im kleineren Kreis, mit den Menschen, auf die es wirklich ankommt.

Ich lese von Menschen, die sich gegen den Rassismus wenden, der asiatisch aussehenden Menschen nun gehäuft entgegenschlägt.

Und ich weiß auch, dass der Winter des Populismus und des nationalen Egoismus, der so erschreckend viele Länder gerade schwer erschüttert, nicht ewig sein wird.

Aber vor allem weiß ich, dass Gott treu ist. Auch im Chaos. Und gerade im Leid. Dann, wenn kein anderer mehr da zu sein scheint. Gott ist treu! Und er wird treu bleiben!

Baue also Dein Leben auf Gottes Verlässlichkeit auf! Stelle es nicht auf den schwenkenden Boden der Angst, der einfachen Antworten und des scheinbar schnellen Erfolgs! Denn Gott ist treu! Er steht zu seinem Vertrag, den er mit Dir geschlossen hat – oder Dir angeboten hat, sodass Du nur noch einschlagen musst. Und Jeremia spricht ja davon, dass Gott seinen Bund nicht auf ein Stück Papier schreibt, sondern in die Herzen der Menschen. Jeremia berichtet davon, dass Gott Menschen anrührt und verändert. Und Gott beginnt damit, dass er all unsere „Altlasten“ aus dem Weg räumt. Sodass wir neu anfangen können. Jetzt.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm.

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Andacht zum Sonntag Rogate (Betet!) am 17. Mai 2020

Spruch der Woche aus Psalm 66, Vers 20:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir Wendet.

 

Wochenpsalm: 95,1-7

1 Kommt herzu, lasst uns dem Herrn frohlocken

und jauchzen dem Hort unsres Heils!

2 Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen

und mit Psalmen ihm jauchzen!

3 Denn der Herr ist ein großer Gott

und ein großer König über alle Götter.

4 Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde,

und die Höhen der Berge sind auch sein.

5 Denn sein ist das Meer, und er hat’s gemacht,

und seine Hände haben das Trockene bereitet.

6 Kommt, lasst uns anbeten und knien

und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat.

7 Denn er ist unser Gott

und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand. Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet:

 

Text zur Predigt Matthäus 6, 5-16:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Predigt:

Das Thema dieses Gottesdienstes ist das Gebet. Warum beten wir Menschen eigentlich? Die Antwort wird deutlich, wenn wir uns klarmachen, dass „beten“ von dem Wort bitten kommt. Wir bitten eine höhere Macht um etwas, was nicht ganz selbstverständlich ist und sich nicht so leicht verwirklichen lässt. So lernen schon Kinder das Gebet kennen und zu gebrauchen. Hierzu eine kleine Episode aus meiner Grundschulzeit:

Ich hatte mir angewöhnt, vor Klassenarbeiten zu beten, d.h. um Erfolg zu bitten. Mein Freund und Sitznachbar Norbert, der im Gegensatz zu mir nicht aus einem christlich gesinnten Elternhaus kam, fand dies interessant und wollte es auch ausprobieren, zumal meine Praxis anscheinend nicht ganz erfolglos blieb. Da er aber Gebete nur als auswendig gelernte Texte kannte und nicht gewohnt war, sie wirklich selbst zu formulieren, funktionierte er einfach das damals bekannte Kindergebet „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm‘“ um zu „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich mit einer Eins-bis-Zwei davonkomm‘“

Wir mögen darüber lächeln, aber wir  haben wohl alle schon einmal in schwierigen Situationen oder vor Ereignissen mit ungewissem Ausgang, vor einem Examen, einem Vorstellungsgespräch, während einer Krankheit gebetet.

Ist das nun falsch? Sicher nicht. Schließlich werden wir in vielen Bibelstellen dazu ermuntert, Bitten vor Gott zu bringen. Und in Rom haben jüngst führende Vertreter von Christen, Muslimen und Juden die Gläubigen der drei Religionen aufgerufen, für eine Überwindung der Coronakrise zu beten. Problematisch ist nur, wenn das schon alles ist und sich unsere Beziehung zu Gott darauf beschränkt. Der vielleicht fromm gemeinte Spruch „Not lehrt beten“ meint ja dann im Grunde nichts anderes als: Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, wenn ich nicht ein noch aus weiß, fällt mir als letztes (verzweifeltes) Mittel noch das Beten ein.  Beten erscheint dann mitunter auch als Handlungsersatz. Die logische Folgerung bzw. Umkehrung wäre dann: Je mehr ich mir selber helfen kann, je mehr Mittel, Fähigkeiten und Helfer mir zur Verfügung stehen, desto weniger brauche ich das Gebet oder dann auch Gott. Von ungebrochenem Fortschrittsglauben beflügelt könnten wir dann so allmählich oder irgendwann einmal ganz auf das Gebet verzichten. Wenn, ja, wenn da dieser Fortschrittsglaube, wie jetzt in der Coronakrise,  nicht hin und wieder einen Dämpfer bekäme, der uns zum Innehalten und Umdenken zwingt. Freilich sollten wir dies als Christen, in gut gemeintem Einstehen für den Glauben, nicht allzu eilfertig oder gar schadenfreudig ausnutzen, indem wir auf diese Krisen und Nöte verweisen und dann das Gebet als Rettungsschirm anbieten. Damit würden wir nämlich das Gebet und vielleicht den christlichen Glauben überhaupt aus unserem normalen Alltag verbannen und zu einer Randerscheinung machen, wie etwa den Verbandskasten im Auto oder in der Hausapotheke, den wir hoffentlich nie benutzen müssen und so ein wenig verstauben, veralten und verkümmern lassen.

Hier ist es hilfreich, uns einmal vor Augen zu halten, was Jesus in diesem Abschnitt der Bergpredigt, den wir als Predigttext gehört haben, über das Gebet sagt. Erstaunlicherweise gibt er denen Recht, welche die Wunschmentalität, die oft hinter Gebeten steht, erst einmal in Frage stellen, indem er sagt: „Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.“ Die logische Ergänzung lautet: Ihr braucht deshalb keine lange und ausführliche Wunschliste vorzutragen.

Hier stellt sich dann aber die Frage: Wenn Gott ohnehin weiß, was wir brauchen und – so nehmen wir an – es uns auch gibt, warum sollen wir dann überhaupt beten?

Nun, im Gebet geht es wie gesagt nicht in erster Linie darum, eine Wunschliste vorzutragen, sondern Gott als Gegenüber zu akzeptieren und respektieren; zu erkennen, dass wir als Menschen nicht das Maß aller Dinge sind, sondern dass wir von Gott abhängig sind und eine Verantwortung vor ihm haben. Deshalb kommt auch in dem Vaterunser, das uns Jesus nicht so sehr als auswendig zu lernenden Text, sondern als Mustergebet lehrt, in den ersten Sätzen das Wort „ich“ oder „wir“ gar nicht vor, sondern da ist nur von Gott die Rede. Das kommt besonders in der Bitte „Geheiligt werde dein Name“ zum Ausdruck.

Also, erst einmal nehmen wir Gott als das erhabene Gegenüber wahr; danach dürfen wir dann  auch auf unsere Bedürfnisse zu sprechen kommen, die alle in der Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ zusammengefasst werden. Luther hat diese Bitte in seinem Katechismus folgendermaßen erklärt:

Was heißt denn täglich Brot? Alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, als: Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Diese von der landwirtschaftlichen Umwelt des sechzehnten Jahrhunderts geprägten Beispiele können wir ein wenig abwandeln und in Bezug auf unser eigenes Informationszeitalter ergänzen, etwa folgendermaßen: Unser tägliches Brot bedeutet funktionierende Software und Technik,  harmonische Familie, gute Kollegen, freundliche Vorgesetzte, Anstand und Rücksicht, verantwortungsvolle Regierung, Disziplin bei den Abstandsregeln,  gesunde Umwelt u.s.w.

Es kommt aber jetzt gar nicht so sehr auf Einzelheiten an. Wir können uns ruhig beispielhaft auf das „tägliche Brot“ im engeren Sinne beschränken. Dazu fällt mir eine Szene aus einer Sitcom ein, die ich einmal vor Jahren gesehen habe. Darin versammelt eine streng matriarchalische Mutter ihre große Familie am Mittagstisch um sich und lässt sie erst mit dem Essen beginnen, nachdem sie ihr anschauliches Tischgebet gesprochen hat. In dem Gebet dankt sie auch für das tägliche Brot, d.h. sehr konkret für die eingekauften Lebensmittel. Einmal wagt es ein schon erwachsenes Kind zu fragen: „Aber was hat denn das Brot mit Gott zu tun? Das haben wir doch im Supermarkt gekauft?“ In der Tat hätten wahrscheinlich auch wir damit Probleme, das im Supermarkt gekaufte Brot mit Gott in Verbindung zu bringen. Wenn,  dann würden wir das eher in Bezug auf das Getreide tun, das Gott so schön hat gedeihen lassen, u.a. dadurch, dass er uns genügend Regen schickt. Bis es vom Getreidehalm zum Brot kommt, sind aber lauter menschliche Aktivitäten erforderlich, zumindest die des Bauern, des Müllers und des Bäckers. Wo ist da noch Platz für Gott?

Aber genau das ist es. Gott hat sich, wie die Schöpfungsgeschichte zeigt, entschlossen, den Menschen zu seinem Partner auf der Erde zu machen. Der Mensch ist allerdings ein problematischer Partner, der vieles durcheinanderbringt, so dass ohne ihn in der Schöpfung eigentlich alles viel besser liefe. Gottes Schöpfung braucht uns nicht unbedingt, aber wir brauchen sie. Was wir haben und genießen ist Produkt göttlichen Segens und menschlicher Arbeit zugleich. Das eine schließt das andere nicht aus, wir können nicht beide gegeneinander ausspielen. Das kommt auch in dem Mustergebet Jesu, im Vaterunser zum Ausdruck, in dem es heißt: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden“. Mit „Himmel“ ist hier natürlich nicht der atmosphärisch sichtbare Teil des uns umgebenden Weltalls gemeint, der wie die Erde auch nur Werk und Teil der Schöpfung Gottes ist. Es ist vielmehr der unserer Vorstellung entzogene jenseitige Bereich Gottes, in dem wir auch nach unserem Tode mit ihm vereint zu werden hoffen. Eigentlich ist es klar und logisch, dass Gottes Wille in diesem Himmel geschieht. Anders ist es auf der Erde. Die hat ja Gott seinem problematischen Partner, dem Menschen, ein Stück weit zu verantwortlicher Verwaltung und Gestaltung überlassen, so dass da manches nicht im Sinne des Erfinders, d.h. des Schöpfers, verläuft. Gottes Wille soll aber, wie schon im Himmel, auch auf der Erde zur Geltung kommen, und das durch die Mitarbeit des Menschen.

Aber so wie wir als Menschen sind, bleiben wir hinter den Anforderungen, die Gott an uns als Verwalter seiner Schöpfung stellt, zurück, das heißt, wir bleiben ihm etwas schuldig und müssen so  auf die Nachsicht Gottes hoffen, also auf die Vergebung dieser Schuld. Außerdem bleiben wir als Menschen uns untereinander vieles schuldig. Eine vielleicht berechtigte, aber unbarmherzige Einforderung dieser Schuld, sei es die Schuld der Menschen gegenüber Gott oder der Menschen untereinander, führte zu unerträglichen Härten und schüfe viel Leiden. Nicht umsonst sind ja die Begriffe für Schuld und Schuldiger im Vaterunser aus dem Bereich des Ökonomisch-Finanziellen genommen. Wörtlich müsste die entsprechende Bitte heißen: „Erlass uns unsere Schuld, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen“. Ein Blick in die Geschichte veranschaulicht das beispielhaft. Ohne den Schuldenschnitt von 1953 wäre Deutschland nach dem selbstverschuldeten Schlamassel nie wieder auf die Beine gekommen. Und ohne einen Schuldenschnitt großen Stils werden wir auch aus den durch Corona und die Klimakatastrophe verursachten Problemen nicht wieder herauskommen.

Diese Probleme entstehen dadurch, dass wir als Menschen und Gottes Mitarbeiter immer wieder der Versuchung erliegen, das, was in dem Begriff „tägliches Brot“ enthalten ist, nicht als Lebensmittel, sondern als Machtmittel zu benutzen, auf Kosten anderer und der Umwelt, denen wir schaden,  wodurch wir uns aber letztlich selbst ins eigene Fleisch schneiden. Nur Gott kann und wird uns letztlich vor dieser Versuchung bewahren. Daher die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. D.h. „Lass uns nicht allein in der Versuchung“. Die Versuchung überwinden können wir letztlich nur mit Hilfe einer höheren Macht, und so endet das Mustergebet Jesu dort, wo es begonnen hat, bei Gott.  „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“

Lassen Sie mich zusammenfassen:

Ein Gebet ist kein Wunschzettel oder Wunschkonzert. Wir werden uns darin vielmehr bewusst, dass wir nicht das Maß aller Dinge sind, sondern dass da ein Gegenüber, Gott, ist, dem wir unsere Existenz verdanken und von dem wir zu verantwortlicher Mitarbeit berufen sind. Das Gebet ist wie ein Werkstattgespräch, in dem wir über Gelungenes und Nichtgelungenes sprechen können. Gott will, das in der Werkstatt unseres Lebens ein gutes Betriebsklima herrscht. So ist das Gebet, wenn wir es gemeinsam sprechen, nicht nur ein Ort der Geborgenheit, sondern auch der Verbundenheit untereinander.

Gott ist dann wie ein geduldiger Meister, der uns berät und hilft und zu dem wir mit unseren Problemen kommen können. Er biegt auch so manches Werkstück, das wir verbockt oder verbogen haben, wieder zurecht, damit wir dann in seinem Sinne weiter ans Werk, an unser Lebenswerk gehen. Dies kommt auch im Lied 494 Ausdruck.

Lied „In Gottes Namen fang ich“ EG Nr.  494

In Gottes Namen fang ich an, was mir zu tun gebühret; mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen tut, ist allenthalben recht und gut und kann uns auch gedeihen.

Gott ist’s, der das Vermögen schafft, was Gutes zu vollbringen; er gibt uns Segen, Mut und Kraft und lässt das Werk gelingen; ist er mit uns und sein Gedeihn, so muss der Zug gesegnet sein, dass wir die Fülle haben.

Nun, Jesu, komm und bleib bei mir. Die Werke meiner Hände befehl ich, liebster Heiland, dir; hilf, dass ich sie vollende zu deines Namens Herrlichkeit, und gib, dass ich zur Abendzeit erwünschten Lohn empfange.

In Gottes Namen fang ich an, was mir zu tun gebühret; mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen tut, ist allenthalben recht und gut und kann uns auch gedeihen.

Gott ist’s, der das Vermögen schafft, was Gutes zu vollbringen; er gibt uns Segen, Mut und Kraft und lässt das Werk gelingen; ist er mit uns und sein Gedeihn, so muss der Zug gesegnet sein, dass wir die Fülle haben.

Nun, Jesu, komm und bleib bei mir. Die Werke meiner Hände befehl ich, liebster Heiland, dir; hilf, dass ich sie vollende zu deines Namens Herrlichkeit, und gib, dass ich zur Abendzeit erwünschten Lohn empfange.

 

Gebet:

Herr, wir danken dir für deine Gegenwart in unserem Leben.

Zeige uns deinen Weg für uns und hilf uns, ihn zu gehen.

Wir bitten dich für deinen Beistand in dieser Krise,

in der vieles, was uns selbstverständlich schien, in Frage gestellt ist.

Wir bitten dich für jene, die unter Krankheit, Isolierung und Trennung leiden.

Lass jene, die in ihrer Existenz bedroht sind, Trost und Hilfe erfahren.

Führe die helfenden Hände jener, die im medizinischen Bereich wirken,

und gib Weisheit denen, die verantwortungsvolle Entscheidungen treffen müssen.

Hilf uns, bei unserem Tun dein Reich im Auge zu haben, dessen letzte Erfüllung nur von dir kommen kann.

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden.

Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott.

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Andacht zum Sonntag Kantate (Singet!) am 10. Mai 2020

Spruch der Woche aus Psalm 98, Vers 1:

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder (alle Bibeltexte nach Luther 2017).

 

Psalm der Woche

Psalm 98, 1 Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

2 Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.

3 Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

4 Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!

5 Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!

6 Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!

7 Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

8 Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich 9 vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten.

Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

 

Wochenlied „Du meine Seele singe“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 302

1) Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2) Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig ungetrübt.

5) Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.

8) Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen Seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in Sein Zelt,
ist´s billig, daß ich mehre / Sein Lob vor aller Welt.

Text: Paul Gerhardt, 1653

Text zur Predigt – 2. Chronik 5, 2-5, 12-1

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

12 Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

Predigt

Eine alte, wunderschöne Geschichte: Die Bundeslade, eine uralte Truhe mit den beiden Tafeln der zehn Gebote, wird in den neuen Tempel getragen. Die Truhe ist der Ort der Gegenwart Gottes. Salomon hatte, nach all den Kriegen seines Vaters, des alten Königs David, eine Zeit des Friedens und den Reichtum seines Volkes genutzt: Gott hatte er ein Haus gebaut, das sowohl die Größe seines Volkes, als auch die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte. Und nun wird Einweihung gefeiert: Das Volk und die Priester tragen die Bundeslade aus der alten Hütte herbei und überführen sie unter Musik in den neuen, wunderschönen Tempel. Welche eine Freude! Welch ein Glanz! Welch ein Fest! Plötzlich ist die lebendige, herrliche Gegenwart Gottes mitten in diesem Fest, mitten unter all diesen Menschen zu spüren: Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig!

Gegenwart und Herrlichkeit in einem Gottesdienst oder Fest zu spüren und zu teilen ist keine Selbstverständlichkeit! Einen dichten, lebendigen, inspirierenden Gottesdienst können wir nicht „machen“. Manchmal wird er uns aber geschenkt.

Heute, am Sonntag Kantate – Singet! – ist alles anders, als in dieser alten Geschichte: Wir feiern wir bewusst keinen Gottesdienst in Oststeinbek. Denn nur 16 Menschen dürften nach der Verordnung des Landes Schleswig-Holstein in unsere Auferstehungskirche und das unter erheblichen Auflagen. Streit um die Plätze und Unmut über all die freien Plätze wären vorprogrammiert, denn regelmäßig feiern mehr als 50 Menschen in Oststeinbek miteinander. Die überall üblichen Hygieneauflagen hingegen finde ich sinnvoll und gut, denn es gilt angesichts der Ansteckungsgefahr Menschenleben zu schützen. Und dennoch fehlt mir meine Gemeinde. Mir fehlen gemeinsames Gebet, kräftiger Gesang und das liturgische Miteinander.

Mir fällt auf, wie wichtig mir unsere Gottesdienste sind, welche Kraft und Inspiration sie mir schenken, wie sie mich trösten und mir hilfreiche Hinweise mitgeben für die Woche, die vor mir liegt. Und manchmal – eigentlich erstaunlich oft! – spüre ich auch die kräftige Gegenwart Gottes, wenn wir singen, wenn wir beten, wenn wir gemeinsam über Gottes Wort nachdenken. Und ganz zu schweigen von unserer Gemeinschaft im Anschluss an jeden Gottesdienst. Aber so ist das eben in dieser Corona-Zeit: Vieles, was wir genießen oder sogar zum Leben brauchen fehlt oder kann nicht so gelebt werden, wie wir es gewohnt sind und nun gerne hätten. Für mich sind das vor allem die Gemeinschaft mit Menschen und die Freiheit hingehen zu können, wohin ich will. Diese Einschränkungen werden uns eine Weile beschäftigen. Es gibt Forscher, die sagen, es gäbe keine Zeit nach Corona, es gäbe nur ein Leben mit Corona. Und ja: Ich kann mir derzeit kaum vorstellen, wie wir Heiligabend in unserer Kirche feiern können. Aber wenn das so sein sollte: Welche Dinge sollten wir dann genau darum in unserem Alltag leben und bewahren? Wie können wir unseren Alltag so verändern, dass wir genießen können, was wir brauchen? Welche neuen Möglichkeiten gäbe es, die wir ausprobieren könnten? Auf was können wir nicht warten, bis „alles vorbei ist“ und müssen neue Wege finden, es zu leben? In der Kirchengemeinde drucken wir darum die Predigten aus und stellen sie im Internet zur Verfügung – und noch mehr Menschen finden plötzlich Zugang zu ihnen. Wir schreiben Briefe und stellen sie mit einem Gruß „über den Zaun“ selbst zu – und wissen plötzlich viel mehr voneinander. Und auch telefonieren wir mehr miteinander oder treffen uns in Videokonferenzen – und reden vielleicht noch mehr als vorher miteinander. Wir öffnen jeden Tag unsere Kirche – und viel häufiger als sonst, wird sie genutzt. Aber es gibt auch Dinge, die können wir nicht einfach ersetzen oder neu erfinden. Und es fällt nun schmerzlich auf, wie wichtig uns etwas ist, was vordem beinahe selbstverständlich erschien: Die Gemeinschaft im Gottesdienst. Die Kraft des gemeinsamen Singens. Die Inspiration und der Trost, wenn man einander in die Augen schauen kann. Das gemeinsame Lachen bei einer Tasse Kaffee. Nichts von dem, was unser Leben ausmacht und schön macht, ist selbstverständlich! Wir sollten es mit vollen Zügen genießen! Und uns freuen, dass uns dieser Augenblick geschenkt wird. Und wenn er ausbleibt, sollten wir die Kraft und das Licht der Erinnerung in uns bewahren! Gott wird uns neue Augenblicke der Gemeinschaft schenken. So, wie es einmal war. Oder auch ganz anders. Denn Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.

Seien Sie gesegnet, Ihr / Euer Pastor Thorsten Kelm

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Aktion

Welche beiden Dinge habe ich in den letzten Wochen schätzen gelernt?

Worauf könnte ich verzichten?

Schreiben Sie mir (per Mail oder Briefkasten am Pastorat) oder rufen Sie mich an. Ihre Antworten baue ich (anonym) in meine nächste Andacht mit ein. Ich freue mich sehr über Ihre Antwort!

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de

Tel. 040 – 714 868 21

Instagram: @luthermansfriend

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Andacht zum Sonntag Jubilate am 03. Mai 2020

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Amen

 

Wir begehen gemeinsam den 3. Sonntag nach Ostern. Er trägt den Namen Jubilate übersetzt: Jubelt.

Vielen von uns ist in diesen Tagen und Wochen alles andere als zum Jubeln zu Mute. Angst, Ungeduld und Sorgen bestimmen eher unser Lebensgefühl als Jubel und unbeschwerte Lebensfreude.

Und dennoch halte ich es wichtig, sich vor Augen zu führen, worüber wir uns freuen können. Der Text für den Sonntag kann eine Hilfe sein.

 

Johannes 15,1-8: Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Lied EG Nr. 628 Gelobt seine Treu

 

EG 628 Gelobt seine Treu

 

1)Gelobt sei deine Treu, die jeden Morgen neu

uns in den Mantel deiner Liebe hüllt, die jeden Abend wieder,

wenn schwer die Augenlider, das schwache Herz mit Frieden füllt.

 

2) Wir wolln dem Namen dein im Herzen still und fein

lobsingen und auch laut vor aller Welt. Nie hast du uns vergessen,

schenkst Gaben unermessen, tagtäglich deine Hand uns hält.

 

3) Kleidung und Brot gibst du, der Nächte Ruh dazu,

und stellst am Morgen über jedes Dach des Taggestirn, das helle;

und mit der güldnen Welle des Lichts nimmst du das Ungemach.

 

4) Gelobt drum deine Trau, die jeden Morgen neu

uns deine abgrundtiefe Liebe zeigt. Wir preisen dich und bringen

dir unser Lob mit Singen, bis unser Mund im Tode schweigt.

 

 

Unser Leben lebt von Beziehungen. Ohne andere Menschen, ohne Eltern, Partner*in, Geschwister, Freunde, die es gut mit uns meinen, können wir nicht leben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen den Austausch mit anderen, das Mitteilen vom Erlebten und Gefühltem. Wir brauchen den Austausch, um uns zu vergewissern, um zu lernen und zu reifen.

Wir brauchen eine gute Qualität von Beziehungen. Die Erfahrungen von Wärme, Zuneigung und Geborgenheit sind elementar wichtig für unsere Seele, für unser gedeihliches Zusammenleben. Angst, Sorge, Misstrauen dagegen lähmen und verhärten uns, machen das Miteinander schwer, bisweilen unerträglich.

Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben

Dieser Vergleich bringt ganz klar zum Ausdruck: Gott und die Menschen gehören zusammen. Bleibt bei mir, sagt Jesus, bleibt im Glauben, bleibt in der Gemeinschaft der Christen. Diese Worte sind eine Einladung von Jesus an uns: Du kannst mit allem, was du auf dem Herzen hast, zu mir kommen. Du kannst Trost und den Halt finden, ganz gleich in welcher Lebenslage du dich befindest. Bleibe bei mir.

Bleibt bei mir

Diese Einladung richtet der Schreiber des Johannesevangeliums an Christen, die unter Druck geraten sind, die sich zu Jesus Christus bekennen. Ihnen schärft er ein, am Glauben festzuhalten. Ohne mich könnt ihr nichts tun. Johannes richtet diese Worte an die Christen nicht nur in dem Wissen, dass es ein rein menschliches Wort ist, sondern, das macht der Schreiber des Evangeliums von Beginn an deutlich. Im Logos, im Wort, kommt Gottes Wort zur Sprache. Dieses Wort ist im Johannesevangelium die göttliche Liebe, die sich in der Liebe Jesu Christi zeigt und diese im liebevollem geschwisterlichen Umgang untereinander sicht –und spürbar wird: Ohne die göttliche Liebe könnt ihr nichts tun, bleibt in dieser Liebe, ihr lebt von ihr. Diese Liebe ist die Quelle eurer Kraft, sie ist der Grund eures Lebens, sie ist das, was euch trägt, hält und lebendig macht. Gebt diese empfangene Liebe an die Mitmenschen weiter. Das ist die Botschaft der Weinstock-Rede Jesu.

Diese Einladung möchte den Hörer*innen Mut machen, am Glauben an Jesus Christus festzuhalten.

Liebe Leser*innen, in dieser Zeit wird besonders spürbar, dass wir einander brauchen. Der Austausch, die Wärme, die Geborgenheit, der Zuspruch des Freundes, der Freundin sind elementar wichtig für unser Leben. Ohne die Gewissheit, als Mensch geliebt zu sein, können wir die erfahrene Liebe an andere nicht weitergeben. Sie ist Lebensmittel.

Wir spüren aber auch noch etwas anderes in dieser Zeit: unser Leben ist zerbrechlich, verletzbar und endlich. Und wir können letztlich nichts dagegen tun.

Natürlich können und sollen wir uns und andere schützen und besonders achtgeben. Doch bei aller Um – und Vorsicht bleibt ein Restrisiko bestehen. Dies ist nicht nur in dieser Coronazeit so, sondern dies galt auch schon vorher. Diese Einsicht ängstigt uns und es stehen uns momentan wenige Ablenkungen zu Verfügung, dieser Angst zu entfliehen. Gegen die Angst hilft das Bild vom Weinstock. Vertrauen wir, dass wir als Rebe am Weinstock Gottes hängen, dann müssen wir uns nicht sorgen. ER sorgt für uns, ER pflegt uns. Dieser Glaube schenkt neuen Lebensmut. Mit allem, was uns Menschen persönlich ausmacht, sind wir gehalten. Diese Einladung ist ein Geschenk. Gegen die Angst hilft nur das Wagnis des Glaubens.

Ganz konkret müssen wir alle täglich die Frage beantworten: Was gibt meinem Leben Halt? Das Evangelium für diese Woche gibt darauf eine eindeutige Antwort. Unser Leben lebt von Beziehungen, es lebt von vom Glauben an die Liebe, die von Gott kommt. Diese Liebe ist es, die unser Leben erst ermöglicht. Sie ist unser aller Lebenselixier. In ihr zu bleiben, mit ihr zu leben, sie weiterzugeben, ist wirkliches Leben. Leben, das der Angst standhält. Darum: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ In diesem Vertrauen leben zu können und zu dürfen, ist wahrlich ein Grund zum Jubeln. Nehmen wir es an! – Amen.

 

Gebet

Gott, Quelle unseres Lebens, mit allem, was uns auf dem Herzen liegt kommen wir zu dir und legen es in deine Hände. Wir bitten dich: Nimm von uns, unsere Angst und stärke unser Vertrauen, dass Du bei uns bist. Lass uns spüren, dass wir mit deiner Liebe beschenkt sind, so dass wir einander diese Liebe unter uns Menschen weitergeben können AMEN

Vaterunser

Es segne und behüte uns, der allmächtige Vater, der Sohn und der Heilige Geist

Amen

Die Andacht wurde von Pastorin Sabine Spirgatis zur Verfügung gestellt.

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Andacht zum Misericordias Domini, 26.04.2020

1. Petrus 2, 21-25

Eingangspsalm (Luther 2017)

231 Ein Psalm Davids.

Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

 

Epistel und Predigttext (1. Petrus 2, 21-25)

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Evangelium (Luther 2017): Johannes 10,11-16

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,

denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

 

Predigt: 1.Petrus 2,21-25,

Liebe Gemeinde,

ich beginne mal mit dem Schluss des Predigttextes, und zwar damit, wie der Verfasser, der im Namen des Apostels Petrus schreibt, seine Zielgruppe schildert, eine kleine christliche Gemeinde in der heutigen Türkei, die den Brief vorgelesen bekommt.  Er bezeichnet sie als vormals irrende Schafe, die jetzt Jesus Christus, ihren Hirten gefunden hätten.

 

Können wir uns heute damit identifizieren? Unter normalen Umständen hätten wir als moderne Menschen sicher Schwierigkeiten damit, uns als eine Herde blökender Schafe zu betrachten, die hinter einem Hirten hertrottet. Vielmehr sind wir es gewohnt, uns als autonome selbstbewusste Menschen und Bürger zu sehen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen.

 

Aber wir leben ja nicht in normalen Zeiten. Jetzt in der Krise merken wir, wie ständig Entscheidungen für uns getroffen werden. Wir fühlen uns in der Tat wie irrende Schafe. Wir wissen nicht, wohin es geht und wie lange dieser Zustand des Umherirrens andauern wird. Wir möchten vielleicht sogar, dass da „Hirten“ auftreten und uns klare Weisungen geben, uns sagen, wo es langgeht, obwohl uns gerade das Evangelium und auch alttestamentliche Texte die Unzulänglichkeiten menschlicher Hirten, der „Mietlinge“, vor Augen führen.  Da ist es gut und ernüchternd zu sehen, dass auch einige dieser „Hirten“, auf die wir uns vielleicht allzu sehr verlassen möchten, in dieser Krise ein Stück Demut lernen. So z.B. Boris Johnson: Unmittelbar nach seiner Ansteckung hatte er sich noch bewusst kämpferisch gegeben und tapfer durchgehalten, bis zuletzt, bis ihn das Virus niederstreckte. Als er aus der Intensivstation kam, präsentierte er sich dann aber nicht mehr als blonder Hüne, der – quasi wie der Heilige Georg den Drachen – das Virus überwunden hätte, sondern sagte bescheiden, er verdanke sein Leben dem medizinischen Team, das ihn behandelt habe. Dem können wir als Christen zustimmen und die alte lateinische Weisheit ergänzen: medicus curat, natura sanat, Deus salvat = Der Arzt pflegt, die Natur macht gesund, Gott heilt.“ Viele Ärzte sehen dies auch so, sehen sich eben nicht als „Halbgötter in Weiß“ und wollen auch nicht als Helden hochstilisiert werden, sondern als Helfer und Unterstützer wirken, denen in der gegenwärtigen Krise auch die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten bewusst ist.

 

Als Christen wissen wir auch, dass wahre Heilung von Gott über Jesus kommt, dass – wie das Evangelium sagt – Christus der wahre und hütende Hirte ist. Was aber nicht frommes Hände-in-den-Schoß legen bedeutet, denn  – um in dem biblischen Bild zu bleiben – Schafe lassen sich ja von dem Hirten auch nicht das Gras ins Maul stecken, sondern müssen sich schon selbst auf die Beine und die Suche machen. Was für das Pflegepersonal gilt, gilt auch für uns: Unser Tun ist Teil des Heilungsprozesses.  Wenn wir hierfür aber von der Heiligen Schrift ganz klare, konkrete Handlungsanweisungen erwarten, werden wir enttäuscht. Der Text sagt uns eben nicht haargenau, wo es in unserer jeweiligen aktuellen Situation lang- und weitergeht. Aber er stellt uns Christus als Vorbild hin. Vorbild bedeutet, dass wir ein Bild vor uns haben, nach dem wir uns richten. Aber wir müssen dann selber unser eigenes Bild malen, das bei den einzelnen ganz unterschiedlich ausfallen kann. Wenn sich zwei Künstler denselben Gegenstand anschauen, um ihn abzubilden, werden daraus sehr unterschiedliche Bilder. Ein Kommentator hat es einmal in Bezug auf das Folgen in den Fußstapfen Jesu so ausgedrückt: Es ist, wie „wenn der Vater den Weg durch den hohen Schnee bahnt“; dann „folgt ihm das Kind in den gleichen Fußstapfen nach und doch in ganz anderer Weise“. Derselbe Kommentator erklärt das Wort Vorbild, griechisch υπoγραμμός (hypogrammόs) wörtlich als „Schreibmuster, das zu eigenem Schreiben anregen […] vom bloßen Kopieren bis zu Neuentwicklungen gehen kann“. So entwickelt jede/r seine/ihre eigene ganz individuelle Schrift. Dabei muss aber die Schrift immer noch als solche erkennbar, d.h. lesbar bleiben.

 

Lassen Sie mich dieses Beispiel von den väterlichen Spuren im Schnee noch durch ein eigenes Erlebnis, besser gesagt Miterlebnis ausführen. In meiner Grundschulzeit war einmal eine winterliche Schulwanderung auf den ca. 600 m hohen Eisenberg, eine Erhebung im nahen Mittelgebirge meiner hessischen Heimat, angesagt. Ziel war ein Ausflugslokal auf dem Gipfel. Unterwegs ging ein Teil der Klasse verloren. Im Schneegestöber kamen sie vom Weg ab. Doch sie handelten dann richtig. Sie gingen auf ihren eigenen Spuren zurück, bis sie wieder auf die Spuren der Lehrerin und der übrigen Klasse stießen. Denen folgten sie und kamen dann sicher im warmen Lokal an, wurden mit Hallo begrüßt und erzählten von ihrem Abenteuer.

 

Dabei hatten sie ja einiges auf sich nehmen müssen. Sie mussten sich viel länger als wir anderen der Kälte und Nässe aussetzen. Entsprechendes gilt auch für den Weg auf den Spuren Jesu. Aber Jesus nachfolgen ist dann doch noch einmal etwas anderes, oder? Können wir das als normal Sterbliche, die keine Helden oder Märtyrer sind, überhaupt? Und wie sollen wir uns das gerade in der jetzigen Situation vorstellen? Christus nachfolgen heißt ja aufstehen und handeln, aber genau das können wir ja im Moment schlecht, sofern wir nicht gerade zu den systemrelevanten Personen, den „Helden“ in den Heil- und Pflegeberufen und im Lebensmitteleinzelhandel gehören. Sind wir mehrheitlich nicht dazu verdammt, Hause zu sitzen und unter dieser erzwungenen Untätigkeit regelrecht zu leiden?

 

Weiterhelfen kann hier vielleicht einer, der auch dazu verdammt war zu sitzen, aber nicht in einem gemütlichen Zuhause, sondern im Gefängnis: Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag sich am Gründonnerstag zum 65. Male jährte. In seiner Zelle schrieb er über das Thema Leiden:

 

„Man muss damit rechnen, dass die meisten Menschen nur durch Erfahrungen am eigenen Leibe klug werden. So erklärt sich erstens die erstaunliche Unfähigkeit der meisten Menschen zu präventivem Handeln jeder Art – man glaubt eben selbst immer noch, um die Gefahr herumzukommen bis es schließlich zu spät ist; zweitens die Stumpfheit gegenüber fremden Leiden […] Christus – so sagt die Schrift – erfuhr alles Leiden aller Menschen an seinem Leibe als eigenes Leiden […] er nahm es auf sich in Freiheit. Wir sind gewiss nicht Christus und nicht berufen, durch eine Tat und eigenes Leiden die Welt zu erlösen, wir wollen uns nicht Unmögliches aufbürden und damit quälen, dass wir es nicht tragen können […], aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weise des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt […]. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrung am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.“

 

Bonhoeffer selbst hat so gehandelt, indem er wahres Mitleid suchte, d.h. indem er das sichere amerikanische Exil verließ, um nach Deutschland zurückzukehren und dort mit seinen Brüdern und Schwestern zu leiden. Er bezahlte dies mit seinem Leben, brachte also sich selbst zum Opfer. Dies ist übrigens auch mit der zentralen Osterbotschaft, dem Opfer in christlichem Sinne gemeint. In diesem Sinne kann auch in unserer Situation von Leiden und Opfer die Rede sein. Im Vergleich zu dem, was Bonhoeffer und andere Christen auf sich nehmen mussten, mag unser jetziges Leiden freilich trivial klingen, ist aber dennoch nicht unwichtig. Worin besteht es?

 

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde ja immer mal wieder die Meinung geäußert, man könne doch nicht das ganze Wirtschaftsleben wegen einer ziemlich kleinen Risikogruppe lahmlegen. Das wäre doch ein zu großes Opfer. Diese Vorstellung setzt freilich voraus, dass dennoch ein Opfer gebracht werden soll, nämlich von jener kleinen Gruppe besonders gefährdeter Menschen. Und manche von diesen haben dann sogar schon, sei es unter moralischem Druck der Öffentlichkeit, sei es aus eigenem altruistischem Entschluss, ihre Bereitschaft bekundet, dieses Opfer für die Mehrheit der Jüngeren auf sich zu nehmen. Nun wird hier freilich eine archaische Opfervorstellung wiederbelebt, die Einzelne dem Wohle der Gemeinschaft opferte. Gerade solche Opfer hat Jesus durch sein eigenes Opfer am Kreuz überflüssig gemacht (Hebräer 10,18), ein für allemal.

 

In Bezug auf die Coronakrise bedeuten das Leiden und das „Opfer“, zu dem wir als Christen aufgefordert sind, mit dieser Risikogruppe und für sie Unangenehmes auf uns zu nehmen. Für manche ist es echtes Leiden, für Menschen, die erhebliche Einkommensverluste hinnehmen müssen, oder solche, die sehr gesellig sind und von dem Kontakt mit anderen vor allem auch außerhalb der Familie leben, ganz zu schweigen von denen, die durch das Virus Angehörige verloren haben, oder von denen, die dann nicht einmal von einem geliebten Menschen Abschied nehmen dürfen. Für viele andere aber, zu denen ich auch mich selbst zähle, sind es jedoch eher ein paar relativ leicht zu verschmerzende Unannehmlichkeiten.

 

So gesehen und auch nach Bonhoeffer ist Leiden nicht einfach ein passives Erdulden, sondern ein aktives, freiwilliges, vielleicht sogar freudiges Auf-Sich-Nehmen. Die christliche Tat kann auch „Sitzen“, ein Verharren in Gebet und Hoffnung sein. Neulich stieß ich auf einen Bibelvers, der so klingt, als wäre er für die Coronakrise geschrieben: „Ihr Leute meines Volkes, geht in eure Häuser und schließt die Türen hinter euch zu. Haltet euch für kurze Zeit verborgen, bis das Strafgericht vorüber ist“ (Jesaja 26,20).  Wenn wir „Strafgericht“ nicht einseitig moralisch verstehen, sondern als einen Weckruf, der uns auch darüber nachdenken lässt, wie wir unser Leben nach dieser „kurzen Zeit“ gestalten wollen, dann ist das alles andere als passiv.

 

Und „danach“? In unmittelbarer Nähe des zitierten Jesaja-Verses heißt es: „…deine Toten werden wieder leben, die Leichen meines Volkes werden auferstehen“. Aber auch schon für das Diesseits wird für uns das gelten, was meine durchfrorenen und durchnässten Klassenkameraden damals in der Eisenberg-Geschichte erlebten: Sie wurden im warmen und trockenen Ausflugslokal mit ihren Freunden wiedervereint und konnten sich ihnen mitteilen. Das wünsche ich uns allen. Amen.

 

Lied zum Mutmachen: Nr 373, 1*3*5*6 (Jesu, hilf siegen)

 

Fürbittengebet

Herr, wir bitten dich für alle, die liebe Menschen verloren haben,

auch für jene, die nicht von den Verstorbenen Abschied nehmen durften.

Stärke alle, die jetzt Verzweiflung und Langeweile quält oder die sich Sorgen um ihre Arbeit und ihre Zukunft machen.

Wir bitten dich auch für den häuslichen Frieden in den Familien, der durch die Enge und die jetzt

geltenden Einschränkungen bedroht ist.

Wir befehlen dir jene an, die hohe Verantwortung in der Politik, der Medizin und der Wissenschaft tragen. Gib, dass sie verantwortungsvoll und weise handeln.

So bitten wir dich für alle, die ein Hirtenamt für andere ausüben

und danken dir für den einen wahren Hirten, Jesus Christus.

Amen.

 

Segen (sogenannter irischer Reisesegen)

Zurzeit müssen wir Abstand voneinander halten. Das gilt aber nicht in Bezug auf Gott. Er hält nicht Abstand zu uns, und für müssen nicht auf Distanz zu ihm gehen. Das kommt in dem Segen zum Ausdruck.

 

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu weisen.

Der Herr sei hinter dir, um dich vor heimtückischen Anschlägen zu schützen.

Der Herr sei neben dir, um dich zu umarmen.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der Dreieinige Gott.

Amen.

Die Andacht wurde vorbereitet von Prädikant Reinhold Trott

 

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Gedanken zum 1. Sonntag nach Ostern – Quasimodogeniti

19. April 2020

Jesaja, Kapitel 40, Verse 26-31

Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat! Seht ihr dort das Heer der Sterne? Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl. Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei. Aus der Menge, vielfältig und stark, darf kein einziger fehlen.
Wie kannst du da sagen, Jakob, wie kannst du behaupten, Israel: Mein Weg ist dem HERRN verborgen! Mein Recht entzieht sich meinem Gott!“
Hast du’s noch nicht begriffen? Hast du es nicht gehört? Der HERR ist Gott der ganzen Welt. Er hat die Erde geschaffen bis hin zu ihrem äußersten Rand. Er wird nicht müde und nicht matt. Keiner kann seine Gedanken erfassen.
Er gibt dem Müden neue Kraft und macht den Schwachen wieder stark.
Junge Burschen werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen.
Aber die auf den HERRN hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde.

                    Text nach der Basisbibel

Lied HELuM 83 „Wo Menschen sich vergessen“

 

In Konflikten sagt man ja gern: „Bleib ganz bei Dir! Erzähle, was das mit Dir macht – ohne Vorwürfe – dann kann der andere damit umgehen und es ändert sich (vielleicht) etwas!“

„Bleib ganz bei Dir…“ Ich finde, wir sind in diesen Corona-Zeiten sehr, vielleicht viel zu sehr auf uns selbst zurückgeworfen:

Letztens habe ich mich dabei ertappt, wie ich einem älteren Herren, der grad ihren vorgeschriebenen Einkaufswagen aus dem Blick verloren hatte, für ein paar Sekunden am liebsten die letzte Klopapierpackung geklaut hätte: „Muss die denn so viel bunkern?!“

Oder ich ärgere mich darüber, dass andere spazieren gehen, während ich doch so vorsichtig bin.

Oder ich denke: „Warum nehmen unsere Krankenhäuser überhaupt Leute aus anderen Ländern auf? Werden noch genug Plätze für uns frei bleiben?“

Oder Hamburger an unseren Schleswig-Holsteiner Küsten?

Oder ich leide darunter, dass ich ja abgeschottet und eingeschränkt leben muss – mit Haus und Garten, Familie und vor allem gesund.

Diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen und vielleicht ertappen Sie sich bei ähnlichen Gedanken…

Wir lassen uns viel zu sehr auf uns selbst zurückwerfen! Und haben darum viel zu oft viel zu schnell nur noch uns im Blick, mit unseren Bedürfnissen und unseren Problemen. Die ja wirklich auch nicht ohne sind, das will ich gar nicht abstreiten.

 

Jesaja hatte damals mit Leuten zu tun, die auch in ziemlichen Schwierigkeiten steckten und nicht mehr wussten, wie es weitergehen sollte. Er rät diesen Menschen, deren Land zerstört und besetzt war, die verschleppt wurden, den Blick zu heben: Richtet eure Augen nach oben!

Und das ist ganz praktisch gemeint: Heute habe ich mich z.B. dabei ertappt, wie ich hinter meinem Mundschutz den Blick zu Boden gerichtet habe und dann durch die Menge pflügte… Wie war das noch mit dem Mindestabstand?! Richtet eure Augen nach oben!

 

Wenn ich die Augen hebe und meine Mitmenschen sehe und Gott, dann kommt mein Seelenleben wieder ins Gleichgewicht.

Wenn ich die Augen hebe, dann verliere ich meine Bedürfnisse und Nöte nicht aus dem Blick. Ich weiß, was sich ändern, was ich noch regeln muss. Aber ich sehe auch all das, was mein Leben reich macht. Was ich dazugewonnen habe und auch in diesen Corona-Zeiten!

Wenn ich die Augen hebe und meine Mitmenschen sehe, dann spüre ich auch ihre Sorgen, wie auch ihre Stärken. Und ich erkenne mich in ihnen und kann mit ihnen mitfühlen. Und dann wünsche ich ihnen nur das Beste. Und ich wünsche mir, dass wir all das gemeinsam wuppen und bin bereit auf andere zuzugehen. Mit einem Lächeln, einem Dank, einer Geste, einem Anruf, einem Brief… Und wenn ich mich zuwende, dann sehe ich plötzlich wieder mich. Und all meine Stärken und Möglichkeiten. Richtet eure Augen nach oben!

Wenn ich die Augen hebe und Gott wahrnehme, erfüllt mich das zu allererst mit Dank. Dank dafür, dass Gott die Welt so wunderbar geschaffen, dass er Leben schenkt und uns erhält. Wenn ich die Augen hebe und Gott wahrnehme, spüre ich wieder Hoffnung und ein Ziel, ruhige Gewissheit und Gottes Großzügigkeit, die auch mich großzügig sein lässt.

 

Gebet

Gütiger Vater,

ich danke Dir für alle Menschen, die in diesen Tagen so unglaubliches leisten: In den Regierungen, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Gemeinden und Familien. Hab Dank für ihre Liebe, ihre Kraft, segne sie!

Ich danke Dirfür alles, was in unserem Leben möglich ist, was gelingt und uns reich macht: Die Nähe zueinander, unser Wohlstand, unsere Sicherheit, den Frühling. Lass uns all das genießen, daraus Kraft schöpfen und ein Lob finden für dich.

Ich danke Dir für allen Zusammenhalt auch über Grenzen hinweg.

Und ich bitte Dich für all die Krisenregionen unserer Welt: für den Corona-Hotspot USA, für die Flüchtlinge am Mittelmeer, für Syrien und den Hunger in Afrika. Auch wenn wir den Kopf nun voll haben: Lass uns spüren, dass wir eins sind und dass in unserer Einheit Segen und Stärke liegen. Und gib, dass wir uns einsetzen, wo wir es können: Für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Und nun geh mit uns durch die Woche: Schenke uns Gelassenheit und Momente der Begegnung mit Dir. Segne unser Tun und Lassen. Geh Du mit uns, gütiger und treuer Gott.

Amen.

Herzliche Grüße, Ihr / Euer Pastor Thorsten Kelm

 

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Ostern 2020

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Halleluja!

Liebe Gemeinde, der Ostergottesdienst beginnt mit diesem RUF, den auch heute alle Christen der Welt sprechen!

Sie können das Osterlicht zu Hause anzünden.

Ihre Osterkerze leuchtet.

Ein ganz anderer Morgen heute

An diesem Ostermorgen ist vieles anders. Oststeinbek/Havighorst ist stiller geworden. Wir können uns nicht gegenseitig besuchen. Und dennoch wissen wir: wir sind nicht allein und können uns an diesem Ostermorgen miteinander freuen. Jede/r an seinem Ort zu Hause, in der Natur. Wir sind gemeinschaftlich miteinander verbunden!!! Wir dürfen uns heute nicht in der Kirche treffen, um gemeinsam zu feiern, zu singen und zu beten. Und dennoch kann ein jeder/eine jede in diesen Osterjubel für sich oder in der Familie einstimmen.

Ein ganz anderer Morgen damals

Wir lesen das Osterevangelium. Markus 16, 1-8

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Gemeinde,

Es ist still, der Morgen noch jung. Die Natur erwacht als die Frauen sich aufmachen zum Grab. Sie haben wohlriechende Salben zubereitet, um den verstorbenen Jesus zu salben: ein letzter Liebesdienst. Sie sind traurig, ratlos. Mit dem Tod von Jesus, sind ihre Zukunftspläne, ihre Hoffnungen auf eine bessere Welt zunichte gemacht. Sie haben keine Idee, wie es weiter gehen soll. Gott sei Dank haben sie jetzt eine Aufgabe. Jetzt, hier auf dem Weg zum Grab.

Sie wissen zwar nicht, wie sie den großen Stein vom Grab weggewälzt bekommen. Dennoch machen sie sich auf den Weg. Sie vertrauen darauf, dass es für dieses Problem eine Lösung gibt. Welche wissen sie nicht.

Als sie am Grab eintreffen sehen sie, dass der Stein weg ist und Jesus nicht mehr im Grab liegt. Rat- und hilflos stehen die Frauen vor einem großen Loch. Vor einem großen Loch in ihrem Leben. Was sie dann zu hören bekommen ändert alles, was sie zu wissen glauben:

„Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.“

Ein Morgen, der den Tod entmachtet hat

Erinnert euch! Jesus hält sein Wort! Es ist die Erinnerung, die eine Brücke schlägt zwischen Jesus und den Frauen. Jesus hat vom Tod geredet – und von der Auferstehung, vom Kreuz – und vom Leben. Es ist kein Zufall: Als die Nacht schwindet und der Sonne immer mehr weicht, wird das Grab mit dem großen Loch zu einem Zeichen, dass der Tod entmachtet ist und keine Angst mehr verdient. Dennoch fliehen die Frauen. Sie können nicht glauben, was sie gehört und gesehen haben, unvorstellbar ist es. Sie begreifen Schritt für Schritt die Osterbotschaft: Sie ist ein Aufruf, aus dem Dunstkreis des Todes herauszutreten. Wider gegen die Resignation, hin zur Hoffnung.

Die Auferstehung Jesu ist von Anfang an geglaubt worden: Jesus ruft den Namen von Maria, sie hört und glaubt. Jesus begegnet den Emmausjüngern, sie erkennen ihn, mit dem Herzen und am Brechen des Brotes. Allen Jünger*innen ist gemein, dass sie durch die glaubende Begegnung ihr Leben neu ausgerichtet haben. Sie begriffen, dass ihre Hoffnungen nicht mit Jesu begraben wurden. Aus der anfänglichen Angst und Traurigkeit ist neuer Lebensmut erwachsen. Die Jünger*innen stehen auf- mitten im Leben. Der Glaube an die Auferstehung hat sie alle damals verwandelt. Dieser Glaube kann uns auch heute verwandeln.

Uns allen ist Auferstehung verheißen. Es wird eine neue Osterwelt Gottes geben. Schon jetzt begegnen uns kleine Zeichen dieser großen Auferstehung: Solidarität und Rücksichtnahme, die Nachbarschaftshilfe, die Verarztung und Pflege an den Betten der Kranken und alten Menschen. Kleine Osterspuren ahnen wir in der Erfahrung der Genesung, in der Sehnsucht und Vorfreude, uns nach dieser besonderen Zeit wiederzusehen, gemeinsam zu feiern, zu singen.

In diesem Sinne frohe und gesegnete Ostern!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

All unsere Bitten, unseren ganzen Dank fassen wir in dem einen Gebet Jesu zusammen:

Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

So segne und behüte uns alle der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiligerer Geist

Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis.

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Die folgenden Gedanken hängen heute, am Karfreitag, in der Kirche zum Mitnehmen! Kommen Sie vorbei!

Gedanken zu Karfreitag 2020

Karfreitag feiern wir in Oststeinbek traditionell eine Andacht zur Sterbestunde Jesu. Um 15.00 Uhr. Diese Andacht gehört für mich zu den wichtigsten und bewegendsten Gottesdiensten des ganzen Jahres. Sie ist Teil 1 von zwei Gottesdiensten, die unbedingt zusammengehören. Teil 2 wird dann einer unserer Gottesdienste am Ostersonntag sein: entweder zum Sonnenaufgang oder um 10.00 Uhr, den wir als Familiengottesdienst feiern.

Karfreitag will ich das Leiden und den Tod Jesu aushalten.

Ich finde, wir gehen viel zu oft über das Leiden und den Tod von Menschen hinweg. Auch dem eigenen Tod stellen sich wohl die wenigsten Menschen. Vielleicht liegt das daran, dass man bei Leiden und Tod schnell mit seinem Latein ans Ende kommt. Dass man keine Handlungsstrategien für sie hat. Keine Worte. Ich denke aber: Ziemlich lange können, ja müssen wir Leiden und Tod wohl erst einmal „nur“ aushalten. Wobei unser Aushalten oft schon so unendlich viel ist. Denn: Haltet einmal die Hand eines Menschen, der leidet, dann wisst Ihr was ich meine. Da muss man nicht viel sagen, aber das (Aus-) halten hilft unendlich.

Allerdings meine ich nun nicht, wir Leiden und Sterben hinnehmen müssen, wenn es eine Chance gibt etwas zu tun, zu kämpfen. Und vor allem unnötiges Leiden, ungerechten Tod müssen wir, dürfen wir nicht hinnehmen, sondern sollten für das Leben kämpfen. Das tut auch Gott. Er kämpft für das Leben.

Hier zum Beispiel, an diesem Karfreitag: Gott setzt sich für das Leben von uns Menschen ein. Gott gibt stellvertretend alles, was er geben kann: sein eigenes Leben. Um all die Lücken zu schließen, die in unserem Leben zu anderen, zu Gott und in uns selbst aufreißen, weil wir tun, weil wir lassen, darum gibt Gott sich selbst hin. Und schließt all die Lücken. Und schenkt Heilung. Gott handelt Karfreitag radikal konsequent, sagte Jesus doch einmal: „Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt.“ (Joh 15,13)

Ich finde: Das kann man auch dieser Tage wunderbar beobachten:

Was für mich unendlich kostbar ist, ist die Zeit, die ich mit anderen Menschen verbringen darf! Im Alltag fällt das gar nicht so auf und ich halte all die kleinen und großen Kontakte für normal. Manchmal habe ich auch abends keine Worte mehr, weil ich so viel geredet habe. Zuweilen nervt mich all die Interaktion gar. In diesen Wochen erlebe ich aber, wie kostbar jeder einzelne Kontakt ist. Und was ich mir entgehen lasse, mir selbst nehme, wenn ich an anderen vorbei hetze und einen vielleicht entscheidenden Augenblick verpasse.

In der 3. Corona-Woche mache ich mir so langsam Gedanken, was ich an kostbaren Erfahrungen aus dieser schweren Zeit behalten will, wenn alles wieder losgeht. Mehr Priorität für andere Menschen gehört auf jeden Fall dazu!

Und Dankbarkeit für all die Menschen, die mein Leben erst möglich machen, an denen ich im Alltag aber allzu oft vorbeihaste. Und es ist ja krass, welche Berufe uns auf einmal als „systemrelevant“ auffallen: Kassiererinnen im Supermarkt, Erzieher in der KiTa, Pflegerinnen in den Altenheimen… Wenn all diese Menschen so wichtig sind, sollten wir sie auch anerkennen, wenn alles wieder losgeht. Wir sollten dankbar sein, dass sie ihren Job machen. Und: Wir sollten ihnen auch mehr Geld für ihre Arbeit geben: „Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt…“

 

Gut. Darum geht es also an diesem finsteren Tag, an Karfreitag: Jesus stirbt. Damit wir leben können. Und ich weiß, das ist schwer auszuhalten. Aber vielleicht sollten wir die Liebe Gottes einfach annehmen. Wie die Liebe eines anderen Menschen: Liebe und Zuwendung anzunehmen, fällt ja oft so schwer.

Lest selbst, wie der Evangelist Markus die Geschichte erzählt! (Und viel mehr tun wir in der Andacht an Karfreitag zur Sterbestunde Jesu auch nicht: Wir singen, wir beten kurz und dann hören wir das Evangelium des Karfreitags.) Und halten aus. Das eine, wie das andere:

Mk 15,20b (nach der Basisbibel, Link unten) Und sie führten Jesus aus der Stadt, um ihn zu kreuzigen. 21 Da kam ein Mann vorbei. Es war Simon von Zyrene, der Vater von Alexander und Rufus. Er kam gerade vom Feld zurück. Den zwangen sie, für Jesus das Kreuz zu tragen. 22 Und sie brachten ihn zu der Stelle, die Golgota heißt, das bedeutet übersetzt „Schädelplatz“. 23 Sie wollten ihm Wein zu trinken geben, der mit Myrrhe versetzt war. Aber er nahm ihn nicht.

24 Dann kreuzigten sie ihn. Sie verteilten seine Kleider und losten aus, wer was bekommen sollte.

25 Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

26 Auf einem Schild stand der Grund für seine Verurteilung: „Der König der Juden“.

27 Mit Jesus kreuzigten sie zwei Verbrecher. Den einen rechts, den anderen links von ihm.

28 […]

29 Die Leute, die vorbeikamen, lästerten über ihn. Sie schüttelten ihre Köpfe und sagten: „Ha! Du wolltest doch den Tempel abreißen und in nur drei Tagen wieder aufbauen. 30 Rette dich selbst! Steig vom Kreuz herunter.«

31 Genauso machten sich die führenden Priester  zusammen mit den Schriftgelehrten  über ihn lustig. Sie sagten: „Andere hat er gerettet. Sich selbst kann er nicht retten. 32 Der Christus, der König von Israel, soll jetzt vom Kreuz herabsteigen. Wenn wir das sehen, glauben wir an ihn.“ Auch die beiden Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt waren, verspotteten ihn.

33 Es war die sechste Stunde, da breitete sich im ganzen Land Finsternis aus. Das dauerte bis zur neunten Stunde.

34 In der neunten Stunde schrie Jesus laut: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“ Das heißt übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

35 Als sie das hörten, sagten einige von denen, die dabeistanden: „Habt ihr das gehört? Er ruft nach Elija.“

36 Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf eine Stange und hielt ihn Jesus zum Trinken hin. Er sagte: „Lasst mich nur machen! Wir wollen mal sehen, ob Elija kommt und ihn herunterholt.“

37 Aber Jesus schrie laut auf und starb. 38 Da zerriss der Vorhang im Tempel  von oben bis unten in zwei Teile. 39 Ein römischer Hauptmann stand gegenüber vom Kreuz. Er sah genau, wie Jesus starb. Da sagte er: „Dieser Mensch war wirklich der Sohn Gottes.“

Basisbibel

 

Eigene Gedanken!

Welche Gedanken kommen Euch jetzt?

Woran bleibt Ihr hängen?

Was ärgert Euch, was lehnt Ihr ab?

Und vor allem: Was macht Euch Mut? Was gibt Euch Kraft? Was freut Euch? Das haltet fest:

 

 

Noch ein paar meiner Gedanken – Hohn & Spott

Ich finde es immer wieder krass, wie oft Menschen, die etwas wagen, die sich für andere einsetzen, die mal etwas ab von der Spur tun, Hohn und Spott ernten. Bei Jugendlichen habe ich das beobachtet: Wenn da einer Lust auf die Schule hat, eine etwas anderes trägt, einer freiwillig mithilft, eine mutig eigene Gedanken formuliert, dann macht sich garantiert jemand über ihn oder sie lustig. Aber selbst in einer unserer Gemeindegruppen ist mir das Schmähwort von den „Gutmenschen“ schon begegnet. Weil wir uns engagierten für und mit den Geflüchteten. Und weil das ja nicht helfe. Sondern alles nur noch schlimmer mache, darum seien wir „Gutmenschen“. Und das war nicht positiv gemeint.

Auch hier in diesem Text: Kaum auszuhalten, all der Hohn, der Spott! Woher stammt dieser Reflex in uns? Welche Verwundungen verbergen sich dahinter?

Ich möchte gern achtsam sein. Und die Vielfalt feiern. Und erstmal nachdenken, bevor ich werte. Und als Chance, als Ergänzung begreifen, wenn eine anders lebt, wenn einer sich so wunderbar engagiert.

 

Verlassenheit

„Mein, Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, schreit Jesus als letztes, bevor er stirbt. Und auch, wenn ich weiß, dass das Vers 2 aus Psalm 22 im biblischen Alten Testament ist. Und dass dieser Psalm mit einem Lobpreis Gottes endet. Möchte ich mich trotzdem nicht vorschnell auf die versöhnliche und harmlose Seite ziehen lassen: Das Kreuz ist kein Schmuckstück, sondern ein bestialisches Marterinstrument! Und die Einsamkeit Jesu hier erschütternd und sowas von völlig fern jeglicher „bright side of life“! Zum Aushalten von Leid und Tod habe ich ja schon oben etwas geschrieben… Nun aber noch etwas zur Verlassenheit an sich:

Ich weiß, dass niemand von uns allein ist! Egal, wie rau und unübersichtlich sich das Leben manchmal anfühlt: Immer gibt es eine, die an uns denkt. Einen, der dankbar ist, dass es uns gibt. Wir sagen einander das nur viel zu selten! Wir lassen einander das nur viel zu wenig spüren! Aus irgendeiner Sorge heraus… Und dann kann es sich anfühlen, als stünden wir allein da, aber: Nie bist Du allein! Da gibt es Menschen! Leute, die notfalls einfach nur Dein Leid aushalten. Die aber am liebsten das Leben mit Dir feiern würden.

Und dann ist da Gott. Gott ist Dir nah, wie sonst niemand! Er segnet und begleitet Dich. Er will, dass Dein Leben gelingt. Und wenn Dein Leben gerade den Bach runter geht, dann teilt er auch Dein Leid. Und lässt nicht los. Weil er Gott ist. Und weil er selbst das Leid erfahren, erlitten hat: Als sein Sohn litt und starb. Als Jesus sich verschenkte. NIE bist Du allein! Halt diesen Gedanken fest!

 

Ein Fremder erkennt’s!

Am Ende erkennt wieder einmal ein Fremder, was da gerade geschieht und was das bedeutet! Bei Jesu Kreuzigung war es ein römischer Hauptmann. Im Märchen vom nackten Kaiser war es ein Kind. Oft sind es die Fremden, die erkennen, was geschieht. Und uns sagen könnten, was das für uns bedeutet. Ich selbst kennen das von meinen Umzügen von Berlin nach Kiel, von Kiel nach Reutlingen, von Reutlingen nach Kiel, von Kiel nach Wuppertal und von Wuppertal nach Oststeinbek: Was ich alles sehe, spüre, rieche, wenn ich irgendwo neu bin! Wie mir viele Zusammenhänge spontan klar werden! Wie ich auch als Neuer kein Problem habe, gegen bestehende Strukturen aufzubegehren! Und Neues zu wagen. Und Offensichtliches anzusprechen. Irgendwann droht mich dann aber die Systemblindheit zu umarmen und ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr!

Ich möchte mir eine gewisse Fremdheit erhalten! Immer wieder aus den Routinen ausbrechen. Nach dem Blick der Fremden fragen. Unbekannte Wege für meine Pendelwege suchen. Und dann am Wegesrand das Kleine entdecken. Das Anliegende anpacken. Das Vergangene beenden. Und Neues wagen…

 

Ostersonntag feiern wir das Leben. Heute, Karfreitag (und in dieser schlimmen Zeit) halten wir Leiden und Tod aus. Und weichen doch nicht. Denn zwischen Karfreitag und Ostersonntag liegt der Durchgang vom Tod zum Leben. Und wir sind schon mittendrin. Miteinander. Und Gott ist mitten unter uns.

 

Segen

Karfreitag gehen wir schweigend – ohne Segen – auseinander. Aber ein Bibelwort geht mit uns, aus dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher, Kapitel 5, Vers 23:

„Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“

 

Das wünsche ich Dir und Ihnen!

Ihr Thorsten Kelm

 

 

Gebet

Jesus, heute sind wir ganz bei Dir. Wir denken an Deine Liebe zu uns und danken Dir. Wir denken an Dein Leiden, Dein Sterben und es tut uns weh. Wir bitten Dich: Lass uns ganz bei Dir sein, denn Du bist bei uns und verlässt uns nie, treuer Gott.

Jesus wir gestehen Dir, dass es uns so oft nicht gelingt, nach Deinen Vorstellungen zu leben: Wir haben Angst vor der Zukunft, verlassen uns viel zu wenig auf Dich und kosten uns so selbst Nerven und Kraft.

Wir gaben zurück, was Du uns schenkst und teilen viel zu wenig: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Wir bitten Dich: Lass uns Dir nah sein, lass uns einander nah sein und schenke uns Deinen Frieden.

Wir bitten Dich für Menschen, die in diesem Augenblick leiden: Die Corona–Kranken, den Flüchtlingen in den überfüllten Lagern, den Menschen in Syrien und den anderen Krisenherden unserer Welt. Lass Du uns die drängenden Probleme nicht aus den Augen verlieren und gib, dass wir es wagen so zu leben, dass Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sich durchsetzen.

Sei gelobt Gott, für Deine große Liebe und Treue. Sei gelobt, weil Du unser Leben so wunderbar gemacht hast und es erhältst. Sei gelobt, weil Du Gott bist, der Ewige und Allmächtige.

Amen. 

 

Im Evangelischen Gesangbuch (EG) finden Sie Lieder zur Andacht:

Lied 97,1-3 Holz auf Jesu Schulter

85,1+2+9+10 O „Haupt voll Blut und Wunden“

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Torsten Kelm.

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de / Instagram: @luthermansfriend

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Zuversicht — sieben Wochen ohne Pessimismus

Passionsandacht zum 08.04.2020

Sieben Wochen lang war es für viele Menschen der Leitgedanke gewesen, mit Zuversicht den Alltag zu gestalten. Zuversichtlich leben fällt in diesen Tagen schwerer denn je. Tagtäglich sind wir Menschen gefordert mit den jetzigen Einschränkungen umzugehen. Unser aller Leben hat sich grundlegend geändert. Homeoffice, Kurzarbeit, Lernen von zu Hause etc. Viele Vorhaben sind einfach gestrichen oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Ungewissheit ist groß; keiner weiß, wie lange diese Situation noch anhalten wird. Dieses ist schwer auszuhalten. Zurzeit bleibt uns nur, Tag für Tag zu leben und diesen sinnvoll zu gestalten. Aber was heißt hier “nur“? Auch das ist eine Aufgabe, die nicht jeden Tag leicht fällt. Dennoch können wir versuchen, unsere Tage mit Zuversicht zu beginnen. Mit gelingt es am Besten, wenn ich mir vor Augen führe, worüber ich dankbar bin. Es sind meist die sogenannten kleinen Dinge des Lebens, die auf einmal in den Vordergrund rücken: Die Hilfsbereitschaft vieler Menschen, freundliche und ermutigende Worte am Telefon. Ihnen fallen bestimmt noch mehr Alltagssituationen ein, wofür Sie persönlich dankbar sind. Dankbar sein zu können erleichtert es uns, den Blick auf das halbvolle Glas zu richten. Dagegen ist es nicht hilfreich, das Schlechte und Schwere so stark zu betonen. So wird alles Gute, was es im Persönlichen, in der Gemeinde, wie auch gesamtgesellschaftlich gibt, leicht vergessen und hat nicht die Kraft, gegen die trübe Stimmung anzukommen.

Leben bedeutet Veränderung und wir stehen jeden Tag neu vor der Aufgabe – aber wir sollten nicht in einer deprimierten Stimmung hängen bleiben, sondern unsere Aufgabe annehmen und mit Hoffnung in die Zukunft sehen, ohne dass wir immer schon wissen, was kommen wird

„Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin“, ruft Paulus uns Leser*innen in der Karwoche zu (Römerbrief 8,24). Die christliche Hoffnung begründet sich durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Glaube und Hoffnung gehören zusammen. Paulus erinnert uns daran, dass der Glaube an Jesus Christus Hoffnung auf eine Welt ist, die noch aussteht.

Keiner weiß, was kommen wird, wie lange alles dauern wird, wie die Welt nach der Pandemie aussehen wird. Trotzdem können wir hoffen, dass uns alles zum Besten dient. Hoffnung ist nicht das Wunschdenken, das immer alles so wird, wie ich es möchte. Hoffnung ist immer ungewiss. Sie hat keine Beweise, und sie gibt keine Garantien. Hoffnung beinhaltet das Vertrauen, dass ich die Kraft bekomme, anzunehmen zu können, wie es kommt, und das alles am Ende zum Besten dient. Zu dieser Hoffnung verhelfe uns der Glaube an den dreieinigen Gott. Amen.

 

Lied:

Meine Hoffnung und meine Freude,

meine Stärke, mein Licht:

Christus meine Zuversicht,

auf dich vertraue ich

und fürcht mich nicht,

auf dich vertrau ich

und fürcht mich nicht.

Kanon aus Taizé

Die Passionsandacht wurde von Pastorin Sabine Spirgatis erarbeitet.

 

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Andacht zum Palmsonntag Palmarum, 05. April 2020

Markus 14, (1-2) 3-9

Liebe Gemeinde, diese Andacht können Sie im Hause feiern. Nehmen sie sich Zeit und wenn Sie mögen, zünden sie ein Kerze an.

Wochenspruch:
Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Joh 3, 14b-15

 

Wir beten den Psalm 69

Gott, hilf mir!

Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;

Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.

Ich habe mich müde geschrien,

mein Hals ist heiser.

Meine Augen sind trübe geworden,

weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade;

Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

Errette mich aus dem Schlamm,

dass ich nicht versinke,

dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen,

und aus den tiefen Wassern;

dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge

und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.

Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich;

Wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit

und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte,

denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

Nahe dich zu meiner Seele und erlöse sie,

Gott, deine Hilfe schütze mich!

Amen


Lied EG 14

Dein König kommt in niedern Hüllen,

ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,

empfang ihn froh, Jerusalem!

Trag ihm entgegen Friedenspalmen,

bestreu den Pfad mit grünen Halmen,

so ist’s dem Herren angenehm.

 

Evangelium zur Predigt:

Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.

Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Markus 14,(1–2)3–9

 

Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem sitzend auf einem Eselsfüllen und begleitet von der jubelnden Menge, die ihren König begrüßt, steht bei Johannes und ist sicher vielen bekannt. Es ist ein eindrückliches Bild und prägt auch durch den Namen Palmsonntag unser Bild vom Beginn der letzten Tage Jesu vor seiner Kreuzigung.

Aber da gibt es noch eine andere Geschichte zu Palmarum. Sie ist unser heutiger Predigttext und handelt von der Salbung in Bethanien. Sie steht bei Markus. Im Zentrum dieser Geschichte steht nicht die Hosianna rufende Menge, die später genauso laut kreuziget ihn ruft, sondern eine namenlose Frau, die auf ihre Weise erkennt, welchen Weg Jesus gerade geht und dem sie durch ein besonderes Geschenk ihre Liebe ausdrückt.

Bethanien, ein kleiner Ort nahe Jerusalem. Dort ist Jesus, ein Teil seiner Jünger und andere Männer, zu Gast im Hause Simon des Aussätzigen. Zu Gast bei einem Aussätzigen? Seltsam, ein Aussätziger hat ein Haus? Fürchtet sich denn niemand sich anzustecken? Vielleicht ist Simon einer der vielen Kranken, die Jesus einmal geheilt hatte. Vielleicht hatte Simon auch nur eine harmlose, nicht ansteckende Hautkrankheit. Wir wissen es nicht.

Simons Haus war sicher kein Palast, eines Königs würdig, eher eine Hütte. Jesus saß zu Tisch in diesem Haus. Und dann geschieht etwas vollkommen Ungewöhnliches: eine Frau betritt den Raum, mitten hinein in diese Männergesellschaft. Sie hat ein Fläschchen mit Nardenöl bei sich, das sie zerbricht. Sie schüttet dieses sehr kostbare Nardenöl über den Kopf von Jesus. Dieses Öl war außerordentlich kostbar. Es wurde aus der Wurzel einer Pflanze gewonnen, die nur im Himalaya wuchs und hatte den Wert von 300 Silbergroschen, zu damaliger Zeit soviel wie der ganze Jahreslohn eines Tagelöhners.

Empörung macht sich breit. Wer ist diese Frau, die gleich mehrere Tabus auf einmal bricht:

  • Sie betritt ein Haus, in dem nur Männer zu Tisch sitzen, wie zu jener Zeit üblich. Frauen hatten da mit Ausnahme der Gastgeberin nichts zu suchen.
  • Sie zerbricht eine Alabaster-Flasche mit einem kostbaren Öl
  • Sie gießt es ohne zu fragen über Jesu Kopf.

Wer ist diese Frau? Sie hat keinen Namen. Man weiß nicht woher sie kommt. Wie kam sie zu Jesus? Außer, dass sie ein teures Öl besitzt, weiß man nichts von ihr. Sie sagt kein Wort. Sie handelt nur.

Hat sie den Auftrag, Jesus kurz vor seinem Tod zu salben, von Gott bekommen? Kannte sie ihn schon persönlich oder wusste sie nur aus Erzählungen von seinen Wundertaten, von den Heilungen vieler Menschen?

Die Männer ringsherum verstehen sie nicht. Sie sehen nur Verschwendung und unerhörtes Verhalten. Nur Jesus versteht sie und lässt sie gewähren. Sie gießt das Öl über seinen Kopf. Sie salbt ihn. Der Duft des Nardenöls ist betörend. Er beruhigt das Herz, verringert die Angst und schenkt inneren Frieden. Genau das, was Jesus braucht, denn er weiß, was auf ihn zukommt. Aus einer „empörenden“ Tat wird eine Szene liebevoller Hingabe. Eine Szene, die an das Hohelied Salomos erinnert, in dem die Braut sagt: „Solange mein König mir nahe ist, verbreitet mein Nardenöl seinen Duft.“ Die unbekannte Frau behandelt Jesus wie einen König und Jesus nimmt sie an wie ein Bräutigam seine Braut.

Dann weist Jesus die Männer zurecht: „Lasst sie in Frieden… Sie hat ein gutes Werk an mir getan… Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ Und weiter: „Wahrlich ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man sich auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“ Der ganz besondere Duft der Narde mit seiner besonderen Wirkung wird bei allen Gästen Simons die Erinnerung an diesen Tag, an diese Szene wachhalten.

Und wir, die wir Palmzweige schwingen und Blumen auf den Altar stellen, die wir Brot und Wein zu seinem Gedächtnis teilen, sollen hören und tun, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis, wann immer das Evangelium von der Salbung in Bethanien verkündet wird.

Amen

 

Lied EG 91

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,

mich in das Meer der Liebe zu versenken,

die dich bewog, von aller Schuld des Bösen

uns zu erlösen.

 

Wir beten das VaterUnser

Amen

 

Segen

Gesegnet seid ihr, die ihr euch auf Gott verlasst

Und eure Zuversicht auf Gott setzt.

Ihr seid wie ein Baum, am Wasser gepflanzt,

der seine Wurzeln zum Bach streckt.

Wenn Hitze kommt, fürchtet ihr euch nicht,

eure Blätter bleiben grün.

Ihr sorgt euch nicht, wenn ein dürres Jahr kommt,

ohne aufzuhören bringt ihr Früchte.

Gesegnet seid ihr.

Gehet hin in Frieden!

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung erarbeitet von der Gottesdienstprojektgruppe

(Kaiken Junge, Rüdiger Grünthal, Hartmut Junge, Volker Kasch).

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Bittet, so wird euch gegeben!

Passionsandacht 01.04.2020

Matthäus 7,7-11

7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

9 Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete?

10 Oder der ihm, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete?

11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

 

Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie ich einmal in der 9. Klasse richtig Streit mit einem guten Freund von mir hatte. Mein Freund hieß Erik und ich sehe uns noch heute in der Pause auf dem Schulhof stehen…

Ich bin sicher, Ihr kennt das auch: Da gerät man mit einem Freund oder einer Freundin oder meinetwegen auch mit einem Bruder oder einer Schwestern, den Eltern oder den Lehrern derart in Streit, dass da im Bauch nur noch Wut ist. Und ein Wort gibt dann das andere.

Wenn man hinterher so darüber nachdenkt, dann weiß man eigentlich gar nicht mehr genau wie das so los gegangen ist. Wer da angefangen hat. Um was es da eigentlich genau ging. Und wer nun wirklich recht hat. Und wer schuld.

Bei mir und Erik damals hatten wir beide schuld. Denn wir hatten einander falsch verstanden. Und uns dann tüchtig übereinander geärgert. Und dann gab ein Wort das andere.

Und was das Schlimme war: Eigentlich war es völlig unwichtig, wer nun recht gehabt hatte und wer schuld. Eigentlich habe ich mir nur gewünscht, dass wir irgendwie auf einander zu gehen könnten. Und sagen könnten: „Lass uns neu anfangen. Tut mir leid!“

Aber so einfach ist das nicht. Denn da könnte mir ja ein Zacken aus der Krone fallen oder ein Ast abbrechen. Denn wer gibt schon gerne zu, dass er einen Fehler gemacht hat? Ich jedenfalls nicht.

Dieses Problem: „Wie komme ich aus dem wieder raus, was ich einmal begonnen habe, und das onhe mein Gesicht zu verlieren?“, haben viele Leute und nicht nur ich oder vielleicht auch Ihr. Und weil viele Leute Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren, deshalb hat Jesus einmal, als er einer ziemlich großen Menschenmenge erklärte, wie dass mit Gott und uns Menschen ist, eine kleine Geschichte erzählt:

„Stell Euch vor, Ihr wärt Eltern und Euer Kind käme zu Euch und sagte: ‚Ich habe Hunger. Gib mir bitte ein Butterbrot,‘ würdet ihr ihm etwa einen Stein geben?

Oder stellt Euch vor, Euer Kind käme zu Euch und sagte: ‚Gib mir einen Fisch. Ich habe Hunger!‘ Würdet ihr ihm eine Schlange geben? Nein, sicher nicht!

Und nun überlegt mal,“ sagte Jesus, „Wenn Ihr schon versuchen würdet, jemandem, der euch um etwas bittet, den Wunsch zu erfüllen, wieviel mehr würde das Gott tun? Gott, der Euch liebt? Der Euch annimmt? Der Euch so haben will, wie Ihr eben seid? Genau! Gott wird Euch geben, worum Ihr ihn bittet!”

Ich mag diese einfache Geschichte sehr! Und ich glaube, Jesus hatte im Sinn, dass wir Gott wirklich um alles bitten können, was uns am Herzen liegt. Sei es um Beistand bei Angst vor der Schule. Oder wenn es zuhause Krach gibt. Sei es bei Streit mit Freunden. Oder, wenn ich mir wirklich große Sorgen mache, so, wie gerade. Und natürlich kann ich Gott bitten, mir zu verzeihen, wenn ich spüre, dass das nötig ist. Gott gibt einem, was man braucht. Und Gott öffnet seine Tür, wenn eine klingelt und was von ihm will.

 

Mit Erik hat sich dieser Streit damals nicht einfach so gelöst. Wir waren noch eine zeitlang zielich stinkig aufeinander. Aber mir hat eines geholfen: Obwohl ich da ganz sicher Dreck am Stecken hatte, wußte ich, dass Gott mich so annehmen würde wie ich bin.

Auch wenn ich mir selbst meine Stänkerei, meinen Ärger und meine Wut nicht so einfach verzeihe konnte, wußte ich: Gott kann das. Gott verzeiht mir. Und er fängt neu mit mir an. Und weil Gott mit mir neu anfängt, deshalb konnte ich auch hoffen, dass Erik wieder neu mit mir anfängt. Und darum habe ich Gott gebeten: Lass uns neu anfangen. Und wir haben neu angefangen. Erik und ich.

Das ist es, was Jesus in seiner Geschichte meinte, als er sagte: „Geht mit dem, was Euch Freude macht zu Gott. Aber geht auch mit dem, was Euch Angst macht oder Sorgen zu ihm. Sprecht mit Gott. Denn das meint beten: Beten kann wirklich jeder! Denn ein Gebet ist kein formvollendetes Schreiben an den Herrn Bundespräsidenten. Zu Gott zu beten, ist mit ihm zu sprechen, genau so, wie man mit einer guten Freundin oder einem guten Freund spricht.

Traut Euch das! Probiert es aus! Und wenn Ihr an Gottes Tür klopft, dann öffnet er. Wenn Ihr ihn bittet, dann gibt er Euch, was Ihr braucht. Wenn Ihr ihn sucht, so wird er sich finden lassen. Und wenn Ihr einmal „schuld seid“, dann fängt Gott mit Euch neu an, wenn Ihr ihn darum bittet.

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Torsten Kelm.

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de / Instagram: @luthermansfriend

 

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Andacht zum Sonntag Judika, 29. März 2020

Hebräerbrief, Kapitel 13, Verse 11-14

 

Hebräer 13

11 Beim Sündopfer bringt der Oberste Priester das Blut der Opfertiere ins Heiligtum. Ihre Körper werden außerhalb des Lagers verbrannt.

12 Darum hat auch Jesus außerhalb des Stadttores gelitten. Denn durch sein Blut wollte er das Volk heilig machen.

13 Lasst uns daher zu ihm hinausgehen vor das Lager. Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte.

14 Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt. Sondern wir suchen nach der zukünftigen Stadt.

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/basisbibel/bibeltext/

 

Am Ende des 1. Jahrhunderts schreibt ein gebildeter Christ, dessen Namen und dessen Aufenthaltsort wir nicht kennen, einen Brief an eine christliche Gemeinde in Italien. Vielleicht in Rom. Eigentlich ist sein Brief gar kein Brief, sondern eine lange Predigt in 13 Kapiteln. Am Ende dieser Predigt, die wir als Hebräerbrief kennen, kommt der Verfasser schließlich auf den Tod Jesu zu sprechen. Und er vergleicht den Tod Jesu mit einem alten Ritual aus dem Alten Testament und dem Großen Versöhnungstag des Judentums, Jom Kippur. An Jom Kippur wird im Alten Testament das Allerheiligste im Jerusalemer Tempel mit dem Blut von Tieren besprengt. Eine Opferhandlung zur Sühne für Tun und Unterlassen der Menschen. Das Blut wäscht gewissermaßen die Sünden weg. Die Opferreste der Tiere wurden dann draußen vor der Stadt verbrannt.

Der Hebräerbrief vergleicht nun dieses alte Ritual zu Jom Kippur mit dem Tod Jesu. Dieser Vergleich ist sinnvoll, denn der Autor konnte zum einen davon ausgehen, dass Jom Kippur den Empfängern seines Briefes bekannt war. Und zum anderen transportiert er natürlich mit diesem Vergleich Jom Kippur – Kreuzweg Jesu auch eine Botschaft, eine Theologie:

Denn den Tod Jesu auf der zentralen Hinrichtungsstätte vor den Toren Jerusalems, der Schädelstätte Golgatha, versteht der Autor als Opferung Jesu. Für uns alle, für alle Welt und alle Generationen:

 

Wo sonst der Abfall verbrannt wurde, vor der Stadt ist Jesus für uns gestorben, damit er – so meint es dieser Brief – die Teilung der Welt aufhebt.

Damals war die Teilung theologisch begründet, aber auch schon – ganz wie heute – kulturell oder von der unterschiedlichen Herkunft her:

Damals teilte sich die Welt zwischen rein und unrein. Zwischen heilig und unheilig. Zwischen drinnen und gut und draußen und zu Verdammnis bestimmt. Und Sünde, Schuld trennt, separiert, zerstört Gemeinschaft.

Diese Teilung hebt der Opfertod Jesu auf, so unsere Zeilen: Denn das Heiligste und Reinste und Unschuldigste überhaupt, der Sohnes Gottes, Gott selbst, opfert sich für jeden der unrein und unheilig und unwürdig ist. Und verändert damit das Wesen dieses Menschen und macht den Unreinen rein. Und den Unheiligen heilig. Und den Unwürdigen zutiefst würdig. Weil sein Blut – wie das Blut der Opfertiere zu Jom Kippur – allen Dreck abwischt. Und weil darüber hinaus Jesus alle Grenzen aufhebt:

Denn der Reine geht dorthin und stirbt dort, wo kein Heiliger sonst freiwillig hingeht. Nämlich auf die andere Seite der Grenze geht er, um seine Aufgabe zu erfüllen. Zu den Unreinen. Auf den Abfallhaufen vor der Stadt.

Indem er diese Grenze, die Menschen von Menschen trennt, einfach überschreitet, schenkt er den Unwürdigen und Ausgeschlossenen eine unvergleichliche Würde. Und aller Opferkult, ja aller Kult überhaupt, alle verzweifelte (und aussichtslose!) Anstrengung, es recht zu machen und Gott nah zu kommen, wird damit absolut überflüssig und reine Kraft- und Zeitverschwendung. Denn: Wir sind heilig. Und rein. Und würdig. Weil Gott zu uns kommt und wir Anteil an seiner Reinheit, Heiligkeit und Würde bekommen.

Vllt. kann man sich das so vorstellen, wie die Begegnung eines Penners mit der Queen (Nun, zumindest in den Zeiten vor Corona und den Telefonbildern der Queen): Wenn sie einem Menschen die Hand gibt, färbt etwas von ihrem Glanz und ihrer Würde und ihrer Aufmerksamkeit auf den anderen ab. Und er wird heller, würdiger und genießt die Aufmerksamkeit, die ihm sonst versagt wird.

Allerdings gibt es bei der Queen und Jesus bzw. dem Penner und uns einen Unterschied: Sobald die Kameras abgeschaltet sind, kehrt bei dem Penner wohl langsam wieder die Dunkelheit ein. Während Würde und Heiligkeit, die die Begegnung mit dem Sohn Gottes schenken, durch nichts und nie aufgehoben werden kann. (Und um es deutlich zu schreiben: Bei Gott gibt es keine großen Unterschiede zwischen vermeintlichen Königen und Pennern. Und zu wem Jesus wohl zuerst gegangen wäre, scheint mir auch recht klar…)

Soweit zur Opfertheologie des Hebräerbriefes. Und egal, wie man zu ihr steht: Das Aufregende, ja Explosive und unendlich Verheißungsvolle ist diese Kernbotschaft:

Gott akzeptiert keine Grenzen und Mauern und Gräben zwischen ihm und Menschen.

Und er überschreitet diese Grenzen nicht „einfach“, sondern mit inspirierender Konsequenz, ja Radikalität.

Das finde ich aufregend! Und die Sehnsucht Gottes, die unendliche Liebe, die ich dahinter entdecke, sind Grundlagen meines Lebens. Sie ist feste Grundlage gegen alle Hoffnungslosigkeit und alle Angst. Sie schenkt Handlungsmöglichkeiten gegen alle alten und neuen Grenzen und Egoismen. Von der Liebe möchte ich mich treiben lassen. Nicht von der Angst.

Ich bitte Sie jetzt, sich eine Minute zu nehmen. Und an die kommende Woche zu denken. Und an einen Menschen, der ihnen in dieser Minute spontan in den Sinn kommt: Einen, den Sie nur kurz gesehen haben und der hoffnungslos im Abseits saß. Eine, die sich nicht selbst zu helfen wusste, und Sie dachten: „Ob ich vielleicht…?“ An einen Fremden auf der Straße oder am Telefon… Eine, bei der Sie sich gerne melden würden, aber nicht genau wissen, ob Sie…? Einen, mit dem sie im Streit liegen und keine von Ihnen sagt mehr ein wirkliches Wort… Eine, die schwierige Fragen hat und wo sie nicht sicher sind, ob Sie wirklich…

Gott schenkt uns genau diesen Menschen. Und er schenkt uns alles was wir nun brauchen. Und vielleicht, vielleicht überschreiten Sie in der kommenden Woche diese eine verdammte Grenze. Und das Reich Gottes, die Liebe, fängt eben nicht mit großen theologischen Wahrheiten und theoretischen Konzepten an, sondern mit kleinen aber beherzten Schritten inmitten aller Unmöglichkeit und Angst.

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Torsten Kelm.

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de / Instagram: @luthermansfriend

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Meine Zuversicht ist bei Gott

Passionsandacht 25.03.2020

 

Psalm 62

Stille zu Gott

Ein Psalm Davids, vorzusingen, für Jedutun.

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde.

Wie lange stellt ihr alle einem nach, wollt alle ihn morden, als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer?

Sie denken nur, wie sie ihn von seiner Höhe stürzen, sie haben Gefallen am Lügen; mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.

Sela.

Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.

Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde.

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, / der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.

Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, / schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.

Sela.

Aber Menschen sind ja nichts, große Leute täuschen auch; sie wiegen weniger als nichts, so viel ihrer sind.

Verlasst euch nicht auf Gewalt und setzt auf Raub nicht eitle Hoffnung; fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.

Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört: Gott allein ist mächtig,

und du, Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er’s verdient hat.

 

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Kennen Sie auch einen richtigen Optimisten? So einen, der auch dann noch gut gelaunt ist, wenn Andere schon längst nicht mehr lachen können? Der nach dem Motto lebt: „don`t worry – be happy“ (sorge dich nicht, sei einfach glücklich).

Natürlich ist positives Denken eine wunderbare Eigenschaft. Aber einfach jede Schwierigkeit mit einem Scherz auf den Lippen beiseite wischen? Das funktioniert wohl doch nicht. Wenn es dann wirklich hart auf hart kommt, kann man mit dieser Einstellung ziemlich unsanft auf dem Boden der Realität landen.

„Meine Zuversicht ist bei Gott“, heißt es in Psalm 62. Zuversicht, das klingt auf den ersten Blick erstaunlich, denn der Beter des Psalms scheint in höchster Bedrängnis zu sein. Er fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Menschen, die ihm übelwollen haben es auf ihn abgesehen.

Auch wenn es zum Glück nicht immer um Leben und Tod geht, hat jeder doch schon Zeiten erlebt, in denen alles ins Wanken gerät. Schlimme Nachrichten in der Familie, Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz, Streit unter Freunden. Situationen eben, die man nicht einfach mit einem sonnigen Lachen überspielen kann.

Der Beter des Psalms verzweifelt bei aller Not nicht, denn er weiß sich aufgehoben in Gott.

Vertraue auf Gott – ER steht allezeit an deiner Seite. Das ist die Botschaft des Psalm 62.

Lass deine Angst los! Vertraue auf den Schutz, den Gott dir schenkt und auf die Wege, die ER dir aufzeigt.

 

Zuversicht, das ist mehr als Optimismus. Wer zuversichtlich in die Zukunft schauen kann, hat ein Fundament, das auch Stürmen stand hält.

Der Zuversichtliche blendet Schwierigkeiten nicht aus, er kann mit Schicksalsschlägen umgehen, denn er weiß sich gehalten durch das Vertrauen ins Leben, durch das Vertrauen in Gott. Auch wenn einem das Wasser manchmal bis zu Hals steht, lassen sich doch immer Spielräume und Auswege finden.

Der Kern der Zuversicht wird in dem berühmten Satz von Vaclav Havel deutlich: „Es geht nicht um die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern um die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht“.

Zuversicht haben wir alle in diesen Wochen und Monaten bitter nötig. Wir sind bedrängt von einem unsichtbaren Feind, dem Corona-Virus.  Immer mehr Menschen werden krank, viele sterben. Unser Leben verändert sich auf eine Weise, die wir nie für möglich gehalten hätten.

„Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele, denn er ist meine Hoffnung.“

Bei allem, was uns sorgt und bedrückt, bei aller Ungewissheit, die uns quält, können wir dieser Zeit doch auch Sinn geben. Wir können den erzwungenen Rückzug in unsere Wohnungen nutzen, um dem nachzuspüren, was uns trägt: die Liebe Gottes.

Liebe, die wir weitergeben können an diejenigen, die unsere Hilfe brauchen. Liebe, mit der wir all Jenen danken können, die bis zu Erschöpfung arbeiten, um Leben zu retten. Liebe, aus der vielleicht am Ende dieser schweren Zeit ein neues Miteinander zwischen den Menschen entsteht.

Wer nicht nur gebannt auf die Krise schaut, sondern auch auf die Möglichkeiten, die wir trotz allem haben, der kann sich Zuversicht bewahren und Gott danken.

Denn ER ist unser Heil, unsere Ehre und der Fels unserer Stärke.

 

Amen.

 

Kleine Notfall-Apotheke für trübe Stunden

Zuversicht wächst aus der Erfahrung. Wenn man zurückblicken kann auf Situationen, die trotz aller Schwierigkeit gut ausgegangen sind oder aus denen ganz überraschend Gutes entstanden ist, bleibt beim nächsten Mal gelassener.

Ein persönliches Ritual ist es, sich täglich positive Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen auf bunte Zettel zu schreiben. Kleine Dankgebete, die man zusammengefaltet in einem Glas aufbewahren kann. Ebenfalls in diesem Glas sammeln kann man Bibelverse oder Psalm-Worte, die einem besonders zu Herzen gehen.

Wenn dann mal wieder ein Tag ganz grau und voller Hindernisse ist, können Sie diese Zettel auffalten und lesen. Das wird Sie daran erinnern, dass es immer irgendwie weitergeht und die Lebensfreude wiederkommen wird.

So wird die Seele zuerst still, dann dankbar und letztlich zuversichtlich vor Gott.

Die Passionsandacht wurde von Kirsten Puttfarcken-Müller erarbeitet.

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Andacht zum Sonntag Lätare, 22. März 2020

Jesaja 66, 10, 14

Operngesang der Vögel – bitte klicken

Freue dich, freuet euch!

Liebe Gemeinde, diese Andacht können Sie im Hause feiern. Nehmen sie sich Zeit und wenn Sie mögen, zünden sie ein Kerze an.

Gebet:

Barmherziger Gott, mit allen was mir auf dem Herzen liegt, komme ich heute zu dir:

In deine Hände lege ich, was mich ängstigt und mir Sorgen bereitet.

Ebenso breite ich vor dir alles aus, was mir Freude macht, wofür ich dankbar bin und wonach ich mich sehne.

Nimm alles gnädig an und schenke mir deinen Trost und deine Zuversicht. Dieses erbitte ich durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn

Amen

 

Lesung von Jesaja 66, 10-14

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt an ihrem mütterlichen Reichtum! Denn so spricht der Herr: Sehr her: Wie einem Strom leite ich den Frieden zu ihr und denn Reichtum der Völker wie einen rauschenden Bach. Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln. Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste auch ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost. Wenn ihr das seht, wird euer Herz sich freuen und ihr werdet aufblühen wie frisches Gras

 

Liebe Gemeinde,

„Freuet euch,“ so ruft es uns der Prophet Jesaja mitten in der Passionszeit zu.

Können wir uns in dieser Zeit freuen, wo uns tagtäglich Nachrichten erreichen, die uns Sorgen bereiten und uns ängstigen?

Wir sind alle mehr oder weniger verunsichert. Jeden Tag gibt es neue Auflagen, unser öffentliches Leben wird mehr und mehr eingeschränkt und auch unsere Bewegungsfreiheit ist auf das Notwenigste reduziert. Wir alle müssen in großer Geschwindigkeit Lebensgewohnheiten verändern.

Hilft es, wenn ich ihnen zurufe. Freut euch, Freu dich! Was tröstet in einer solchen Situation?

Wie ging es damals den Israeliten, denen der Prophet Jesaja diesen Satz zurief. Auch sie hatten Unheil erlebt, die einen im Exil in Babylon, die anderen, die in Israel geblieben waren und unter den Besatzern litten. Sie alle konnten kaum auf eine bessere Zukunft hoffen. Doch diese verspricht Gott den Israeliten.

Jesaja vergleicht Gottes Handeln mit der Fürsorge einer Mutter für ihren Säugling, für ihre Kinder: Sie nährt und tröstet sie.

 

Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet, spricht Gott. Wenn Eltern ihre Kinder trösten, nehmen sie sie in den Arm, beruhigen sie und trocknen die Tränen. „Es wird alles wieder gut,“ ist der Satz den sie sagen. Sie vertrauen darauf, dass es so sein wird, auch wenn die Eltern dies im Moment nicht garantieren können. Und das Kind? Es glaubt daran, es vertraut, weil es die Eltern sind, die es gut mit ihm meinen. So lässt sich das Kind trösten. Und es wird dann auch alles wieder gut. Es braucht eine vertrauensvolle Beziehung, damit Trost gelingen kann.

Wir können darauf vertrauen, dass diese Zusage auch uns gilt. Dass Gott gegenwärtig bei uns ist und uns nährt und tröstet wie eine Mutter. Es sind Worte, die uns trösten wollen und Gesten, die uns diesen Trost fühlen lassen können.

Lasst uns in dieser Zeit auf diese Worte vertrauen, dass Gott uns tröstet.

Wenn wir uns alle wiedersehen, holen wir das; in „die Arme nehmen“, die Hände schütteln, nach.

Auch diese Freude drüber können wir schon jetzt spüren! Freute euch, freue dich!

AMEN

 

Liedvers 171,1:

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unseren Wegen. //:Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.://

 

Vaterunser

 

Liedvers 171,2-4

  1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden.

//:Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten.://

  1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen.

//:Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen.://

  1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns durch deinen Segen.

//: Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unsern Wegen.://

 

Gott behüte dich, er lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.

 

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis.

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„Ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.“

Passionsandacht 18. März 2020

Sich in das Leiden hineinbegeben

 

Herzlich willkommen zur Passionsandacht. Wie Sie wahrscheinlich wissen, bedeutet das Wort Passion „Leiden“.  Ich frage mich, wo kommt das Leiden, die Zerbrechlichkeit des Lebens in unserem Alltag vor? Höchstens in der Tagesschau jeden Abend? Meistens halten wir das Leiden möglichst von uns fern. Das ist völlig in Ordnung, denn so schützen wir uns vor Überwältigung. Anders ist die Situation, wenn es uns oder nahestehende Menschen direkt trifft. Aber Gott hält Schmerzen nie von sich fern. In Christus hat er sich ganz in das Leiden der Welt hineinbegeben. Das tut er heute auch noch. In dieser besonderen Zeit des Kirchenjahres, der Passionszeit, können wir uns mit Gott verbinden.

Wir wollen also heute das Leiden in unserem Leben, im Leben von anderen und in der Welt bedenken.

Wir singen das Lied aus dem Gesangbuch Nr. 637,

Der Lärm verebbt

 

Wir beten:

Ewiger, heiliger, geheimnisreicher Gott,

Ich komme zu dir.
Ich möchte dich hören, dir antworten.
Vertrauen möchte ich dir und dich lieben,
dich und alle deine Geschöpfe.
Dir in die Hände lege ich Sorge,
Zweifel und Angst.
Ich bringe keinen Glauben
und habe keinen Frieden.
Nimm mich auf.

Sei bei mir, damit ich bei dir bin, Tag um Tag,

Führe mich, damit ich dich finde

und deine Barmherzigkeit.

Dir will ich gehören,

dir will ich danken,

dich will ich rühmen,

Herr, mein Gott.

Amen                                                      (Gebet von Jörg Zink)

 

Unser Bibeltext für heute scheint nicht so recht in das Thema „Sieben Wochen Zuversicht“ zu passen. Er steht nämlich im Buch Hiob. Sie kennen wahrscheinlich die Geschichte Hiobs, aber ich möchte Sie kurz daran erinnern, was ihm alles passiert ist. Danach werden wir eine Zeit der Stille halten.

Hiob ist sehr reich, er hat viel Land und große Herden Vieh. Er und seine Frau haben 10 Kinder, sieben Söhne und drei Töchter. Hiob ist ein gerechter, frommer Mann, der viel Gutes tut. Bis er eine „Hiobsbotschaft“ nach der anderen bekommt. Aus dieser Geschichte stammt nämlich unser Begriff „Hiobsbotschaft“.

Hiobs Rinder und Esel werden gestohlen. Hiobs Schafe sterben durch ein Feuer. Die Chaldäer stehlen seine Kamele. Außerdem werden die Diener getötet, die sich um die Tiere kümmern. Und dann kommt das schlimmste Unglück: Das Haus, in dem Hiobs Kinder zusammen Geburtstag feiern, stürzt in einem starken Wüstensturm ein. Alle seine Kinder sind tot.

Zunächst duldet er das Unglück tapfer, sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen, der Name des HERRN sei gelobt.“ (1,21). Dann bekommt Hiob am ganzen Körper Geschwüre und hat schreckliche Schmerzen. Und zum Schluss verliert er auch noch die Unterstützung seiner Frau – denn sie findet seine Frömmigkeit jetzt lächerlich und fordert Hiob auf, sich von Gott loszusagen. Er versteht nicht, warum das alles passiert, und ist verzweifelt. Er verflucht den Tag, an dem er geboren wurde.

Drei Freunde Hiobs kommen, um bei ihm zu sein. Bald fangen sie an, auf ihn einzureden. 35 lange Kapitel des Buches sind voll mit den Erklärungen, Anschuldigungen und Ratschlägen der Freunde sowie mit Hiobs verzweifelten Antworten und Klagen. Aber noch am Anfang, in Kapitel 2, lesen wir etwas Interessantes über die Ankunft der drei Freunde (Hiob 2, 12-13):

Sie erhoben von ferne ihre Augen auf und erkannten ihn nicht wieder. Sie erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeglicher zerriss sein Obergewand, und sie streuten Aschenstaub auf ihr Haupt zum Himmel hin. Dann saßen sie mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang. Keiner sprach ein Wort, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.

Ich lade Sie jetzt ein, genau wie Hiobs Freunde in der Stille zu sitzen, einfach bei ihm in seinem Schmerz zu sein. Schließen Sie für ein paar Minuten die Augen, bevor Sie weiterlesen.

 

 

Bei Hiob 30, 24-31 lesen wir:

Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?  Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen?

Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine verdorren vor Hitze.

Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

 

Wer würde in dieser Situation nicht verzweifeln?  Ein Mensch schreit und klagt sein Leid.

Es ist ein sehr ehrlicher, offener Text. Ein zeitloser Text. Diese Geschichte wurde vor etwa 4.000 Jahren geschrieben und ist immer noch aktuell.

Lesen wir einige Verse noch einmal:

..wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?

Hiob stellt eine rhetorische Frage. Wer wird einem Verunglückten sagen, es sei nicht erlaubt, in der Not zu schreien und alles zu tun, um Hilfe zu bekommen? Das Bild der ausgestreckten Hand aus den Trümmern ruft in uns wahrscheinlich Fernsehbilder hervor, etwa von Erdbeben in der Türkei oder von zerstörten Gebäuden nach Bombenangriffen in Syrien. Helfer suchen nach Überlebenden, halten auch immer wieder inne, um vielleicht eine Stimme zu hören oder eine ausgestreckte Hand zu entdecken.

 

Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen?

Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.

In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

Warum passiert mir das? Womit habe ich das verdient? Habe ich in meinem Leben nicht genug getan, um anderen in Not zu helfen? Solche Fragen lassen Hiob nicht los. Es kocht in ihm vor Wut und Verzweiflung. Er spürt die Ungerechtigkeit ganz körperlich, wie einen Überfall erlebt er seinen Absturz und den kompletten Zerfall seines Weltbildes. Im Buch Hiob wird eine Frage erörtert, die man bis dahin nicht gewagt hatte zu stellen, die aber heute noch aktuell ist: Warum leiden die Gerechten?  Oder; etwas moderner ausgedrückt: „Wieso lässt Gott das zu?“

Das Buch Hiob macht deutlich: Diese Frage wird anders sein, je nach eigener Erfahrung: Wer direkt vom Unglück betroffen ist, wird nicht einfach sagen können: Gott macht alles gut.

 

Lesen Sie noch mal auf die starken Bilder der Verse 28 bis 30:

Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine verdorren vor Hitze.

Im letzten Vers fasst Hiob das Ganze zusammen: Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und meine Flöte zur weinenden Stimme. Hiob ist ganz körperlich gezeichnet, er beschreibt seine Schmerzen und innere Zerrissenheit in drastischen Bildern, die auch an viele Psalmen erinnern. Lesen Sie zum Beispiel Psalm 102, Vers 7: Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern. Oder denken Sie an Psalm 22,2 Warum hast du mich verlassen? Diese Worte hat auch Jesus am Kreuz gesprochen. Wir können uns mit unserem eigenen Leid in dieses Leiden hineinbegeben.

 

Es ist für Hiob ein ganz langer Prozess, der hier in vielen Kapiteln beschrieben wird. Erst am Ende des Buches wird klar, dass dieser Prozess notwendig und richtig war. Anders als seine Freunde nämlich redet Hiob in Klage und Anklage zu Gott, während seine Freunde über Gott reden. Das wird noch vor unserem Text im Vers 20 deutlich: Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich. Mit seinen Schreien möchte er durch ihre Lautstärke und Eindringlichkeit das Schweigen Gottes durchbrechen. Er sehnt sich nach Kontakt, nach Kommunikation. Er lässt damit nicht von Gott ab, und im Kapitel 38 wird seine Beharrlichkeit belohnt, denn Gott spricht endlich zu ihm.

Die Geschichte Hiobs steht in einer langen Tradition von Leidenden und Klagenden in der jüdischen Geschichte, eine Tradition, die vor ihm begann und durch die Jahrhunderte bis heute weitergetragen wurde. Anlass genug zum Klagen hat das jüdische Volk ja immer gehabt.  Das wir vor Kurzem an die Befreiung von Ausschwitz vor 75 Jahren erinnert haben ist ein aktuelles Beispiel.

Mit diesem Text werden wir auch an all das Leid in der Welt erinnert. Für mich bedeuten diese Worte: Es darf geklagt, geschrien werden! Die Opfer von Hanau und anderen Anschlägen, das Leiden der Menschen in Syrien oder an der Grenze zu Griechenland, die verlassenen Kinder in den Flüchtlingscamps, die Hungernden im Jemen und an vielen anderen Orten, wo schreckliche Konflikte herrschen und Katastrophen das Leben zerstören. Heutzutage wird uns auch immer wieder klar, wie die Schöpfung leidet und unsere Mitgeschöpfe, ganze Landschaften und das Klima von uns Menschen zerstört werden.

 

Ich lade Sie ein, für leidende Menschen und Geschöpfe eine Kerze anzuzünden. Wenn Sie mögen, sprechen Sie Ihr Gebet laut. Sie können aber auch in der Stille eine Kerze anzünden. 

 

Wir beten das Vaterunser

 

Wir singen zum Schluss das Lied aus dem Gesangbuch Nr. 473

Mein schönste Zier

 

Segen:

Es segne und behüte uns Gott:

Grund, der uns trägt,

Kraft, die uns aufrichtet,

Leben, das uns bewegt,

Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen

 

Die Passionsandacht wurde von Maureen Trott erarbeitet.

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7. März 2021 10:00 Familien-Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
14. März 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikantin Puttfarcken-Müller
21. März 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Pastorin Spirgatis
28. März 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
1. April 2021 19:00 AGAPE Feier Oststeinbek Pastorin Spirgatis, Pastor Kelm
2. April 2021 15:00 Andacht Oststeinbek Pastor Kelm
4. April 2021 6:00 Oster-Gottesdienst Oststeinbek Pastorin Spirgatis
4. April 2021 10:00 Oster Familien-Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
11. April 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikant Trott
18. April 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Godi-Projektgruppe

Bitte beachten Sie die folgenden Hinweise für die Besuche an unseren Gottesdiensten:

  • Verzichten Sie bitte bei Symptomen auf eine Teilnahme.
  • Max. Teilnehmer_Innen zahl: 36 Personen.
  • Die Kontaktdaten werden nach den staatlich vorgegebenen Aufbewahrungsfristen vernichtet.
  • Halten Sie bitte Abstände von 2 Metern ein.
  • Bitte verzichten Sie auf Gesang.
  • Bitte halten Sie die gängigen Hust-Nies-Abstands-usw Etiketten ein.
  • In den Bankreihen kann der Mund-Nasen-Schutz abgesetzt werden.

Wir freuen uns sehr auf die gemeinsamen Gottesdienste!

Grundlage des am 7. Juni 2020 beschlossenen Sicherheits- und Hygienekonzepts für Gottesdienste in der Auferstehungskirche der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Kirche in Steinbek sind die Landesverordnung über Maßnahmen zur Bekämpfung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein sowie die Handlungsempfehlung Kirchliches Leben im weiteren Verlauf der Corona-Pandemie der Nordkirche in ihrer jeweils aktuellen Ausgabe.


 

Gottesdienste in Oststeinbek:

7. März 2021 10:00 Familien-Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
14. März 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikantin Puttfarcken-Müller
21. März 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Pastorin Spirgatis
28. März 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
1. April 2021 19:00 AGAPE Feier Oststeinbek Pastorin Spirgatis, Pastor Kelm
2. April 2021 15:00 Andacht Oststeinbek Pastor Kelm
4. April 2021 6:00 Oster-Gottesdienst Oststeinbek Pastorin Spirgatis
4. April 2021 10:00 Oster Familien-Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
11. April 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikant Trott
18. April 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Godi-Projektgruppe
25. April 2021 10:00 Gottesdienst Pastorin Spirgatis
2. Mai 2021 10:00 Gottesdienst Pastor Kelm
9. Mai 2021 10:00 Maibaum-Gottesdienst Pastor Kelm