Gottesdienste Oststeinbek

22. Oktober 2021 15:30 Zwergenkirche Oststeinbek Ines Hombach
24. Oktober 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikantin Puttfarcken-Müller
24. Oktober 2021 18:00 Jugendgottesdienst Oststeinbek Ines Hombach
31. Oktober 2021 10:00 Gottesdienst zum Reformationstag Oststeinbek Pastorin Spirgatis
5. November 2021 15:30 Zwergenkirche Oststeinbek Ines Hombach
7. November 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikant Trott
14. November 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
14. November 2021 18:00 Jugendgottesdienst Oststeinbek Ines Hombach
21. November 2021 10:00 Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag Oststeinbek Pastorin Spirgatis & Pastor Kelm
28. November 2021 10:00 Gottesdienst zum 1. Advent Oststeinbek Pastor Kelm
5. Dezember 2021 10:00 Gottesdienst zum 2. Advent Oststeinbek Pastorin Spirgatis
12. Dezember 2021 10:00 Gottesdienst zum 3. Advent Oststeinbek Pastor Kelm
19. Dezember 2021 10:00 Gottesdienst zum 4. Advent Oststeinbek Prädikant Trott
24. Dezember 2021 11:00 Heiligabend Oststeinbek Diakonin Hombach
24. Dezember 2021 16:00 Heiligabend Oststeinbek Pastorin Spirgatis & Pastor Kelm

 


Hier finden Sie unsere Andachten und Kurzpredigten

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Andacht zum sechsten Sonntag nach Ostern – Exaudi

15. Mai 2021

Predigt zu Johannes 7, 37-39

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!

Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Sehnsucht nach vollem prallem Leben haben zurzeit viele Menschen, liebe Gemeinde. Vor allem ist die Sehnsucht nach unbeschwerter Gemeinschaft mit anderen Menschen groß. Laut Wikipedia ist Sehnsucht „ein inniges Verlangen nach Personen, Sachen, Zuständen oder Zeitspannen“.

Das innige Verlangen ist etwas ganz Menschliches und es gibt Bilder, die dieses Verlangen umschreiben und somit ganz körperlich werden lassen: Hunger und Durst können solche Bilder für Sehnsucht sein. Dabei geht es nicht um den kleinen Hunger, der sich zwischen Frühstück und Mittagessen schon mal bemerkbar macht oder um einen Durst, der mehr Lust auf ein schönes kühles Getränk ist. Wenn Hunger oder Durst als Bilder für Sehnsucht gebraucht werden, dann geht es um einen Hunger, einen Durst, der schwer zu stillen ist.

Unser Sehnen ist manchmal recht bescheiden. Eltern von kleinen Kindern sehnen sich z.B. mal wieder eine Nacht durchzuschlafen. Nach dem kalten Frühjahr sehnen sich viele nach Licht und Wärme. Und wenn die Arbeit mal wieder kein Ende nimmt, sehnen wir uns nach einem freien Tag oder dem nächsten Urlaub.

Aber es gibt auch andere Sehnsüchte, solche, bei denen wir nicht wissen, ob und wie wir sie stillen können. Es kann Lebensphasen geben, da sehnen wir uns schlicht und ergreifend nach einem anderen Leben, vielleicht auch nach so etwas wie dem „prallen“ Leben. Manchmal haben wir Hunger und Durst nach einem Leben, dass wir als erfüllt beschreiben können, ohne dass wir so genau wissen, wie dieses Leben aussehen würde, was genau uns erfüllen würde. Wenn wir die Sehnsucht spüren nach etwas Bestimmten oder Unbestimmten, beschreibt dieses Gefühl einen Mangel, den wir in unserem Leben spüren.

Diesen Mangel haben die Menschen in Israel damals wie heute: Wasser ist in Israel kostbar und knapp. Deshalb bitten die Juden bis heute um Wasser als Lebensgrundlage.

In Jerusalem feiern die Juden gerade das jährliche Laubhüttenfest. Es ist zum einen ein Erntedankfest, das im Herbst das Erntejahr abschließt und auch um Regen für die Zeit der kommenden Aussaat bittet. Denn jetzt im Herbst ist der letzte Regen lange her und das Land ausgetrocknet. Das Laubhüttenfest erinnert auch gleichzeitig an die Zeit, in der das Volk Israel, nach dem Auszug aus Ägypten durch die Wüste gewandert ist. Die Wüste ist ein Ort der Entbehrung und gleichzeitig ein Ort der Sehnsucht. Die Israeliten sind unterwegs zu einem Land, wo Milch und Honig fließt. Für die Pilger mag sich, auf ihrem Weg nach Jerusalem die jahreszeitlich bedingte Durststrecke des Landes mit den Durststrecken ihres eigenen Lebens verbinden. Beides bringen sie mit zum Laubhüttenfest. Es ist ein wichtiges und großes Fest und dauert eine volle Woche.

Jeden Tag hat auch die Bitte um Regen, um Leben spendendes Wasser, um neues Leben ihren festen Ort in Festablauf. Am letzten, am höchsten Tag dieses Festes hat in diesem Jahr einer einen aufsehenerregenden Auftritt, der im Festablauf nicht vorgesehen ist.

Jesus spricht laut zu den Menschen auf und löst eine Diskussion um seine Person aus. Das wird in dem Textabschnitt deutlich, der auf den Predigttext folgt.

 

Johannes 7, 37-39

Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Wasser, real und im übertragenen Sinne, war eines der zentralen Themen des Laubhüttenfestes. Wasser ist ein zentrales Bild in der Bibel. Es war den Menschen vertraut und sie verbanden damit Leben in Fülle, Erfüllung ihrer Sehnsucht, Stillung ihres Durstes. Und Durst, ungestillte Sehnsucht haben sie alle, sie sind Bestandteil des Lebens.

Jesus greift dieses Bild auf, bezieht es aber auf seine Person. Das ist natürlich ein großer Anspruch. Und so erklärt sich die Diskussion um die Person Jesu, die sich an seinen Auftritt anschließt.

Wenn jemand einen solchen Anspruch erhebt, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder er erhebt den Anspruch, ohne ihn einlösen zu können, dann ist er ein Scharlatan und Verführer, oder er erhebt den Anspruch zu Recht, und dann muss er der Messias sein. Denn nur von der Zeit des Messias wird das erwartet, was Jesus hier verspricht: Ewig quellendes, nie versiegendes Wasser, keine Durststrecken mehr.

Damals war die Frage: Soll man sich auf Jesus einlassen? Und die Frage stellt sich heute nicht wesentlich anders. Soll, kann ich mich auf Jesus einlassen?

Eine Antwort kann nicht von einem objektiven Standpunkt außerhalb gegeben werden: Es soll trinken, wer an mich glaubt, sagt der Text.

Nur wenn ich mich auf die Nachfolge Jesu einlasse, habe ich die Möglichkeit, eine Antwort zu finden.

Klar ist, dass auch der Glaubende und auch die Glaubensgemeinschaft nicht vor Durststrecken sicher sind. Aber ich traue unserem Glauben tatsächlich zu, dass er uns die Erfahrung der Ströme lebendigen Lebens machen lässt. Es ist nicht nur die lange Tradition, in der wir stehen und die ein gutes Fundament ist, es sind auch die eigenen Lebens- und Glaubenserfahrungen, die mein Vertrauen nähren.

Dass das Johannesevangelium die Ströme des lebendigen Wassers mit dem Heiligen Geist verbindet, das leuchtet mir sehr ein und macht mir auch Mut. Diesem Geist traue ich nämlich alles zu.

Er ist das Gegenteil von Verzagtheit, von Stillstand, von Langeweile. Er ist das Gegenteil eines Rinnsals. Er ist kraftvoll, Energie, Phantasie und Leben pur. Und er ist uns versprochen. Ich vertraue darauf, dass er an allen Orten und zu allen Zeiten weht, wirksam wird, Ideen gibt, in Bewegung setzt, Überzeugungsarbeit leistet.

Nicht all unser Verlangen wird auf diesem Weg gestillt. In dieser Welt werden wir als Einzelne und als Gemeinschaft immer wieder Durststrecken erleben, das bleibt nicht aus. Dort, wo wir mit diesem Durst noch leben müssen, haben wir Gottes Zusage, dass er um diesen Durst weiß und dass das Stillen dieses Durstes das Ziel ist, auf das hin er das einzelne Leben und schließlich die Welt zuführen will. Bis dahin sollten wir, so gut es uns möglich ist, die Sinne, die Herzen und den Verstand für den Heiligen Geist öffnen, wir sollten ihm zutrauen, dass er Ströme des lebendigen Wassers hervorquellen lässt, im Leben eines jeden, aber auch im Leben unserer Gemeinschaft. Wir brauchen nicht wie das Kaninchen vor der Schlange reglos vor der Botschaft vom vermeintlichen Bedeutungsverlust von Religion oder Kirche bewegungslos zu verharren. Wir können der frohen Botschaft und dem Wirken des Geistes vertrauen und erwartungsvoll Leben und Gemeinde mit Lust und Liebe gestalten.

AMEN

Die Predigt wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis

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Andacht zum fünften Sonntag nach Ostern – Rogate

09. Mai 2021

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Impulse zum vierten Sonntag nach Ostern – Kantate

2. Mai 2021

Evangelium nach Lukas, Kapitel 19

So kam Jesus zu der Stelle, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt. Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jüngerin lauten Jubel aus. Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten. Sie riefen: „Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt! Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!“
Es waren auch einige Pharisäer unter der Volksmenge. Die riefen ihm zu: „Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!“ Jesus antwortete ihnen: „Das sage ich euch: Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“
(Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

Auf der Rückfahrt letzten Sonntag von Büsum ein fünfteiliges Feature: Schorsch war in den 50ern und 60ern chemisch kastriert worden. Ohne Rücksprache mit den Eltern. Ohne Protokolle. Mit viel zu hohen Dosen. Schorsch war geistig behindert, auf Schutz anderer angewiesen. Und in dieser Zeit in einem kirchlichen, diakonischen Heim. Später musste er es verlassen. Er war aggressiv geworden. In letzter Zeit begegnen mir vermehrt derart schreckliche Rechercheergebnisse über Heime und auch kirchliche. Und auch der schleswig-holsteinische Diakoniepastor Heiko Naß hat dazu Stellung bezogen.
Das Schicksal von Schorsch und all der anderen macht mich unendlich traurig. Es verunsichert mich. Es lässt mich an den Menschen und an der Kirche zweifeln. Und das auch, wenn diese Fälle Jahrzehnte zurückliegen. Aber trotz Trauer und Verunsicherung ist es gut und unendlich hilfreich, dass endlich einer nachfragt und nachforscht. Es ist wichtig, dass aufgearbeitet und verstanden wird, wie so etwas passieren konnte. Es ist heilsam, wenn Schuld eingestanden und um Verzeihung gebeten wird. Und: Es ist der einzige Weg! Um die Opfer in den Blick zu bekommen. Und auch die Täter. Um für die Zukunft, unsere Zukunft zu lernen. Über uns selbst. Würde hingegen weiter geschwiegen, so würden „die Steine schreien.“
Es gibt viele derartige Themen, die erschrecken, die verunsichern, verletzen, die ratlos und müde machen: öffentlich, wie privat. Verdrängen und zu schweigen ist nie eine Lösung.
Die Jüngerinnen und Jünger bei Lukas: Nach Jerusalem ziehen sie ein und singen, erzählen laut von dem, was sie in den letzten Jahren mit Gott erlebt hatten: Heilungen von Krankheiten. Neue und intensive Nähe zu Gott. Wiederhergestellte Gemeinschaft der Ausgegrenzten. Befreiung von religiösen Ketten und religiöser Heuchelei. Reichlich Inspiration, was mit dem eigenen Leben anzufangen sei. Und auch eine innere Haltung der Freiheit gegen politische Unterdrückung. Gott wandelt das Leben! Und ist immer an der Seite der Unterdrückten! Das hatten sie erfahren. Und gemeinsam konnten sie das Schicksal ändern. Ein Einzelner, eine Einzelne konnte und musste dabei den Anfang machen: Indem er oder sie sich auf den weiten Raum einließ, den Gott schafft. Und sich Partnerinnen und Partner eines neuen Lebens sucht. Davon sangen sie bei Ihrem Einzug in Jerusalem: von Aufbruch, Veränderung, Freiheit, Lebensmut und Lebensglück. Und das passte einigen nicht. Natürlich. Aber: „Werden sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“ Steine können schreien. Denkt an die Stolpersteine, die an in der Nazizeit verschleppte und ermordete Menschen erinnern: Sie schreien, weil damals viel zu viele schwiegen. Denkt an Ruine, wie in Coventry oder Hamburg-St. Nikolai: Sie schreien, weil damals viel zu viele schwiegen. Denkt an die kleinen und großen Trümmersteine Eures Lebens: Sie bleiben da und machen sich bemerkbar – unberechenbar, schmerzhaft und unheilbar, wenn man sie zur Seite schiebt.
Schorsch – so das Rechercheergebnis – war einige Jahre zuvor verstorben – viel zu früh. Aber Wissen um und Sprechen über sein Schicksal holen ihn ein kleines Stück wieder zurück, lassen ihn verstehen und geben ihm Würde zurück. Im Laufe der Recherche kamen ihm wildfremde Menschen nah, waren betroffen von seinem Erleben und holten ihn – den Missbrauchten und Abgeschobenen – so zurück in die Gemeinschaft. Die Gespräche über ihn heilten die Wunden der Beteiligten und vor allem der Angehörigen und schenkten ihnen Frieden, wenigstens ein wenig. Und alle, die sich mit ihm nun beschäftigen, werden sensibel für Abgründe von Menschen und Systemen. Jedenfalls mir ging das so. Aber sie erspüren auch, wie Gott Menschen – und besonders die Bedrängtesten – begleiten und befreien möchtet und wie er Versöhnung und Neuanfänge schenkt. Und wenn sie sich darauf einlassen, dann werden sie Teil der Befreiung, die Gott wirkt. So singen wir am Sonntag Kantate von Gottes Handeln und menschlicher Freiheit und ändern damit – einfach alles.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/Auf-Spuren-von-Schorsch-Medikamentenversuche-an-Jugendlichen,audio868586.htm

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Dritter Sonntag nach Ostern

Jubilate 24. April 2021

 

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Korinther 5,17
So lautet der Wochenspruch für diese Woche

Liebe Gemeinde,
heute Morgen möchte ich mit Ihnen nach Athen vereisen: Im ersten Jahrhundert war Athen das geistige Zentrum des römischen Reiches. Die großen Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles haben ihre Spuren hinterlassen. Ihre Gedanken zogen noch immer Gelehrte an, in dieser Stadt zu leben. Gleichzeitig waren in Athen viele Religionen zu Hause. Nicht nur die griechischen Götter, sondern auch verschiedene Kulte existierten nebeneinander. Viele Gottheiten, abgebildet auf den Altären, trugen die Vielfalt zur Schau. Um keinen Gott zu vergessen, gab es auch einen Altar mit der Aufschrift „dem unbekannten Gott“. Die Stadt Athen glich einem Markt der verschiedenen Möglichkeiten.
In diese Atmosphäre hinein spricht Paulus auf seiner 3. Missionsreise zu den Männern auf dem Areopag.

Apg 17, 22-34 Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.
Paulus erzählt von seinem Glauben, worauf er in seinem Leben vertraut: An Gott den Schöpfer, der sich in Jesus Christus gezeigt hat. Sein Credo lautet: Es sind nicht zwei Götter, sondern Einer. Dieser hat sich auf Erden allem ausgesetzt bis zum Tod am Kreuz und er ist am dritten Tag ist er von den Toten auferstanden durch Gottes Schöpferkraft.
Für die gebildeten Athener, ist dieser Glaubenssatz – von der Auferstehung der Toten – absurd. Von den Toten ist noch kein Mensch wieder auferstanden. Und so ist es folgerichtig, dass die Männer von Athen für Paulus nur Hohn und Spott übrig haben. Einige kann er durch seine Rede auf dem Areopag überzeugen, so dass sie sich im anschlossen.

Liebe Gemeinde,
ein Stück öffentliche Theologie stellt uns der Apostel Lukas hier vor. Hier geht es um den innersten Kern unseres Glaubens: um die Gewissheit, dass da einer ist, der uns und die ganze Welt in seinen Händen hält. Dass dieser Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, damit der unsichtbare Gott, deutliche Konturen erhält. Sein Geist tröstet und begeistert uns. Die Botschaft Jesu von seinem Tod und seiner Auferstehung haben Folgen für jeden: befreites Leben.
Paulus wollte mit seiner Rede in Athen Menschen für den christlichen Glauben begeistern, die nichts vom Evangelium wussten, weil sie noch nie davon gehört hatten. Das ist heute bei uns anders. Viele bei uns haben durchaus eine Grundidee davon, was das Christentum ist. Doch nur eine leise Ahnung vom Christentum zu haben, reicht nicht aus. Es ist noch zu distanziert. Es geht darum, ob ich mich immer wieder neu von der Botschaft Jesu begeistern lasse. Ob ich hoffe und glaube, dass das diese alten Geschichten der Bibel für mein Leben auch heute gelten. Dass sie sich auch in meinen Leben einweben und mir Hilfe und Kraft sind. Das kann ich natürlich in meinem privaten Kämmerlein entscheiden, doch lebt der Glaube auch von der Gemeinschaft. Sie brauchen wir, um uns gegenseitig zu ermutigen und zu stärken, um uns zu vergewissern, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Das ist wichtig, da wir auch heute viele Weltanschauungen haben, die nebeneinander existieren. Die Botschaft Jesu ist und bleibt sperrig in einer Welt, in der viele Menschen nur an das glauben, was sie messen, zählen und ablesen können: Besitz, Macht, Geld, Ruhm, Schönheit und Erfolg zum Beispiel. Das sind vielleicht die Götterbilder unserer Zeit. Aber es gab sie in anderer Weise auch in der Antike, wenn es heißt: Paulus grenzte sich in Athen scharf ab von den „Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Paulus rät den Menschen dagegen zu etwas anderem. Nämlich „dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ Paulus predigt den Menschen in Athen auch von der Buße. Er meint, dass Gottes Geduld Grenzen hat und Umkehr notwendig ist. Das klingt für viele Ohren randständig. Aber vielleicht ist Umkehr noch nie so wichtig wie heute, und vielleicht ist es noch nie so vielen Menschen bewusst: dass wir nicht so weitermachen können wie bisher. Wer sollte das bestreiten angesichts des Klimawandels und der Millionen verzweifelter Menschen, die versuchen sich aus dem armen Süden und den Kriegsschauplätzen dieser Welt aufmachen ins reiche, sichere Europa oder diese Pandemie, in der wir uns zurzeit befinden? Die Dinge werden nicht wieder von alleine gut. Umkehr heute bedeutet nach meiner Überzeugung: Ein Umdenken in den eigenen Verhaltensweisen. Ein Herauskommen aus der eigenen Bequemlichkeit. Das Ringen um menschliche Lösungen, eine radikale Klimawende und eine Migrationspolitik, die das Problem bei der Wurzel packt, statt Mauern aufzubauen, auch wenn wir nicht garantieren können, dass es gelingt. So gesehen, sind Greta Thunberg und die vielen unbekannten Flüchtlingshelfer vielleicht so etwas wie die Gerichtspropheten unserer Tage. Sie erzählen von dem, woran sie glauben, und zeigen auf, was geändert werden muss. Auch das ist eine Art Mission. Öffentlich zeigen, woran man glaubt, und etwas tun, dass die Welt besser wird. Als Christen können wir vieles davon teilen. Wir glauben aber auch, dass für all unser Glauben und Tun gilt, was der Lieddichter Matthias Claudius einmal in einem bekannten Choral formuliert hat: „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ Daran können wir glauben und davon erzählen. Von dieser Gewissheit zu leben, dass Gottes Geist uns leitet, lässt uns unser Lob anstimmen. Gott sei Dank

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft bewahre unsere herzen in Christus Jesus

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis

 

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Sonntag nach Ostern (Miserikordias Domini)

18. April 2021

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme,  und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.

Psalm 23

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße

um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar

 

Misericordias Domini in aeternum cantabo – „Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen“

Wochenspruch: Joh. 10, 11a. 27-28a

 

Hesekiel 34 aus der Gute Nachricht Bibel

Das Wort des Herrn erging an mich, er sagte:

»Du Mensch, kündige den führenden Männern in Israel das Strafgericht an. Sag zu ihnen: ›So spricht der Herr, der mächtige Gott: Weh euch! Ihr seid die Hirten meines Volkes; aber anstatt für die Herde zu sorgen, habt ihr nur an euch selbst gedacht.

Die Milch der Schafe habt ihr getrunken, aus ihrer Wolle habt ihr euch Kleider gemacht und die besten Tiere habt ihr geschlachtet. Aber für einen guten Weideplatz habt ihr nicht gesorgt.

War ein Tier schwach, so habt ihr ihm nicht geholfen; war eins krank, so habt ihr es nicht gepflegt. Wenn eins ein Bein gebrochen hatte, habt ihr ihm keinen Verband angelegt. Die Verstreuten habt ihr nicht zurückgeholt, die Verlorengegangenen nicht gesucht. Alle Tiere habt ihr misshandelt und unterdrückt.Weil meine Schafe keinen Hirten hatten, verliefen sie sich und fielen den Raubtieren zur Beute.Sie irrten überall umher, auf Bergen und Hügeln, denn niemand war da, der sie suchte, niemand, der sich um sie kümmerte.

Darum, ihr Hirten, hört, was der Herr, sagt:

So gewiss ich lebe, der Herr, der mächtige Gott: Ich schaue nicht mehr länger zu! Meine Schafe wurden geraubt und von wilden Tieren gefressen, weil sie keinen Hirten hatten; denn meine Hirten haben nur für sich selbst gesorgt und nicht für meine Herde.

Darum hört, ihr Hirten, was der Herr sagt!

So spricht der Herr, der mächtige Gott: Die Hirten meiner Schafe bekommen es mit mir zu tun, ich fordere meine Herde von ihnen zurück!

Ich setze sie ab; sie können nicht länger meine Hirten sein; sie sollen nicht länger mein Volk ausbeuten! Ich reiße meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen ihnen nicht länger zum Fraß dienen!‹

›Der Herr, der mächtige Gott, hat gesagt:

Ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich um sie kümmern. Wie ein Hirt seine Herde wieder zusammensucht, wenn sie auseinander getrieben worden ist, so suche ich jetzt meine Schafe zusammen.

Ich hole sie zurück von allen Orten, wohin sie an jenem unheilvollen Tag vertrieben wurden.

Aus fremden Ländern und Völkern hole ich sie heraus; ich sammle sie und bringe sie in ihre Heimat zurück. Die Berge und Täler Israels sollen wieder ihr Weideland sein.

Ich lasse sie dort auf saftigen Wiesen grasen; auf den hohen Bergen Israels sollen sie ihre Weide finden und sich lagern.

Ich will selber für meine Herde sorgen und sie zu ihren Ruheplätzen führen. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott.

Ich will die Verlorengegangenen suchen und die Versprengten zurückbringen. Ich will mich um die Verletzten und Kranken kümmern und die Fetten und Starken in Schranken halten. [4] Ich bin ihr Hirt und sorge für sie, wie es recht ist.

Ihr aber, meine Herde, sollt wissen: Ich selbst, der Herr, der mächtige Gott, sorge jetzt für Recht; ich nehme die schwachen Tiere vor den starken in Schutz. Ihr Widder und Böcke,ist es euch nicht genug, das beste Gras zu fressen? Warum zertrampelt ihr den Rest? Ist es euch nicht genug, das klare Wasser zu trinken? Warum wühlt ihr auch noch den Schlamm vom Grund auf?Meine Schafe müssen fressen, was ihr zertrampelt habt, und trinken, was ihr verschmutzt habt.Darum sage ich, der Herr, der mächtige Gott: Jetzt werde ich selbst die schwächeren Tiere vor euch starken in Schutz nehmen!

Ihr habt sie mit Schulter und Hinterteil beiseite gedrängt, mit euren Hörnern gestoßen und weit von der Herde weggetrieben. Aber jetzt komme ich meinen Schafen zu Hilfe. Sie sollen nicht länger eurer Willkür ausgeliefert sein. Ich helfe den Schwachen gegen die Starken und verschaffe ihnen ihr Recht.‹

›Ich setze über meine Herde einen einzigen Hirten ein, der sie auf die Weide führen und für sie sorgen wird: einen Nachkommen Davids, der meinem Diener David gleicht. Er wird ihr Hirt seinund ich, der Herr, werde ihr Gott sein. Der Mann, der meinem Diener David gleicht, soll ihr Fürst sein. Ich habe es gesagt, der Herr, der mächtige Gott.

Ich schließe mit ihnen einen Bund und verbürge mich für Frieden und Sicherheit. Ich befreie das Land von wilden Tieren, sodass sie sogar in der Wüste sicher sind und in den Wäldern unbesorgt schlafen können.Ich mache das ganze Land rings um meinen Berg fruchtbar. Ich schicke Regen zur rechten Zeit,

sodass ihre Bäume und ihre Felder reichen Ertrag bringen. Sie werden in ihrem Land vor Feinden sicher sein. Ich zerbreche ihr Sklavenjoch und entreiße sie der Gewalt ihrer Unterdrücker. Dann werden sie erkennen, dass ich der Herr bin.

Weder fremden Völkern noch wilden Tieren werden sie mehr zur Beute; ohne Angst und Sorgen werden sie in ihrem Land wohnen.Ich mache ihr Land zu einem prächtigen Garten. Niemand von ihnen wird mehr verhungern und die anderen Völker werden sie nicht mehr verspotten.Dann werden sie erkennen: Ich, der Herr, ihr Gott, bin bei ihnen und sie, die Leute von Israel, sind mein Volk. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott.

Ihr seid meine Herde, für die ich sorge, und ich bin euer Gott. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott.‹«

 

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

leider wieder ein Sonntag ohne Live-Gottesdienst bei uns in der Auferstehungskirche in Oststeinbek – der wievielte? – ich will es gar nicht nachzählen, es tut einfach nur weh.

Seit über einem Jahr nun leiden wir alle unter den Auswirkungen des Covid-Virus.

Und es ist im Moment schon ein Enddatum richtig absehbar…

Der heutige Predigttext geht teilweise mit in diese Frage über.

Er steht im Alten Testament bei Hesekiel 34, der zugleich auch unser heutiger Predigttext ist, und hier geht es um den Beruf des guten Hirten.

Der Hirtenberuf an sich ist heute sehr rar. – Aber in der Bibel ist er einer der wichtigsten Alltagsberufe gewesen.

Aber wenn wir öfter mal in der Bibel gelesen haben, wissen wir, dass es auch hier nicht 1:1 um die klassische Hirten-Tätigkeit, also um das zuverlässige Hüten und Beschützen einer anvertrauten Schafherde, geht. – Nein, es geht um viel, viel mehr.

Das Bild der Hirten wird auch in diesem Bibeltext auf die Menschen übertragen, die in der Gemeinde das Sagen haben – oder z.B. auch eine Leitungsfunktion in Bezug auf andere Menschen in politischen Ämtern haben.

Schließlich wird das Hirtenbild für Gott und im Neuen Testament auch für Jesus verwendet.

Nicht immer werden in der Bibel die Hirten gelobt. Auch im ersten Teil unseres heutigen Bibel-Textes steht die harte Kritik gegenüber den Hirten Israels im Vordergrund.

Gott ist sauer: Sie haben die ihnen anvertraute Herde = die anvertrauten Menschen völlig vernachlässigt. Schon im zweiten Vers kommt die Hauptproblematik zum Ausdruck:

Weh euch! Ihr seid die Hirten meines Volkes; aber anstatt für die Herde zu sorgen, habt ihr nur an euch selbst gedacht.

 

Liebe Gemeinde,

nach über einem Jahr Pandemiezeit und den unzähligen Versprechen (doppelsinnig!?) unserer gewählten und ernannten Politiker kommt mir der heutige Predigttext sehr präsent vor, obwohl der Ursprung des Bibeltextes ja schon einige Jahrhunderte zurückliegt.

Im Bibeltext spricht endlich einmal jemand ein Machtwort und deckt die Unfähigkeit der Mächtigen auf!

Endlich übernimmt einer, der dazu befugt ist, wirklich Verantwortung.

In Vers 10 heißt es dazu:

Die Hirten meiner Schafe bekommen es mit mir zu tun, ich fordere meine Herde von ihnen zurück! Ich setze sie ab; sie können nicht länger meine Hirten sein; sie sollen nicht länger mein Volk ausbeuten! Ich reiße meine Schafe aus ihrem Rachen, sie sollen ihnen nicht länger zum Fraß dienen!

Ja, auch wenn die Worte aus dem Buch Hesekiel schon vor vielen Jahrhunderten aufgeschrieben wurden, sind sie – leider – noch immer aktuell.

Sie stellen aber nicht nur die Verantwortungsträger*innen in den verschiedenen Konstellationen infrage. Nein, ich meine, sie stellen jede und jeden von uns vor die Frage:

„Weiden“ wir nur uns selbst oder die uns anvertraute Herde?

Bemühen wir uns genug, dass es nur uns selber gut geht, oder auch unserem Nächsten, unseren Mitmenschen?

Sicherlich werden wir außer uns selbst (hoffentlich) auch für die eigene Familie, also Partner*in, Kinder, Eltern, Großeltern, Schwiegereltern und die Mitglieder der erweiterten Familie möglichst gute Weideflächen suchen und sie umsorgt hüten.

Vielleicht ist es in uns mit der Geburt mitgegeben, erst an uns und dann…mit (etwas!?) Abstand… an unsere Nächsten, unsere Mitmenschen zu denken.

Aber wenn ich eine Leitung, eine Verantwortung für Andere übernehme, dann muss ich auch über diesen Punkt ganz schnell hinwegspringen und meine Aufgabe verantwortungsvoll wahrnehmen, sonst gerate ich in einen massiven Gewissenskonflikt.

Hier noch einmal aus Vers 2:

Weh euch! Ihr seid die Hirten meines Volkes; aber anstatt für die Herde zu sorgen, habt ihr nur an euch selbst gedacht.

Die Versuchung ist groß und liegt teilweise einladend, offen vor uns.

Aber wir dürfen dieser Versuchung nicht nachgeben, ja, wir müssen sie bekämpfen und stark bleiben, um auf die uns anvertraute Herde zu achten und sie gut zu weiden.

Und wie steht es bei uns mit unseren politischen Hirten? Seit über einem Jahr warten wir auf Impfstoff – und werden, nach meinem Gefühl, immer wieder hingehalten und müssen mit Einschränkungen leben. Was notwendig ist, werden wir auch vernunftmäßig hinnehmen.

Aber wir sehen in den Medien, dass andere Länder, die vor einem Jahr teilweise weit mit den Impfplanungen hinter uns lagen, plötzlich weit vor uns liegen. Wie soll man das verstehen, wo wir doch bislang immer wirtschaftlich vorbildhaft in der Welt dastanden mit unserer deutschen Gründlichkeit. Uns jetzt? Viele Zusagen von vielen Politikern: Der Impfstoff kommt! Jedoch stattdessen fast jede Woche eine neue Regelung der Verteilung und der Reihenfolge.

Wo ist da der „rote Faden“, die Erfahrung des guten Hirten, der für seine ihm anvertraute Herde zuständig und auch verantwortlich ist?

Da können wir doch unseren heutigen Predigttext fast 1:1 vor Augen sehen.

Statt in der Kirche diesem Gottesdienst und dieser Predigt beizuwohnen – lesen wir ihn, jeder für sich allein zuhause – ohne die uns schon fast angewachsene Schutzmaske.

Um es klar zu stellen: Ich war selbst viele Jahre im Kirchengemeinderat, und ich habe Hochachtung vor der Entscheidung, im Moment noch keine Präsenz-Gottesdienste hier in Oststeinbek zuzulassen. Hier sind die Mitglieder unseres Kirchengemeinderates unsere Hirten und sie haben gemeinsam lange beraten und sich die Entscheidung bestimmt nicht leicht gemacht, dann aber die Entscheidung getroffen.

Für mich ist es auch egal, wenn sich hinterher herausstellt, man hätte doch schon unter gewissen Auflagen einen „Live-Gottesdienst“ zulassen können, wie es auch einige Kirchengemeinden in unserer Umgebung praktizieren; aber was ist, wenn sich z.B. in unserer (politischen und kirchlichen) Gemeinde die Inzidenzzahl erhöht, und auch Kirchenbesucher betroffen sind?

Dort, wo wir mit anderen Menschen miteinander arbeiten und leben, haben wir die Hirtensorge inne. Ebenso bei unseren Nachbaren, Freunden, Bekannten.

Gott, der sich als Hirte vor allem um seine verlorenen und verletzten Schafe kümmert, ist unser Vorbild, das auch wir uns vor allem vor die Menschen stellen und uns um diese kümmern, die in ihrem Leben ausgesetzt, schutzlos, verletzt oder verloren sind – sie brauchen unsere Fürsorge und unseren Schutz.

Lasst uns unsere Augen und Ohren und vor allem unsere Herzen öffnen, dann werden wir tagtäglich neue Möglichkeiten entdecken, wo wir zur Freude Gottes als Hirtinnen und Hirten in der heutigen Zeit unseren Einsatz leisten können. – Auch in dieser schwierigen Pandemie-Zeit.

Wenn wir danach handeln und versuchen, bessere Hirten zu sein, besteht hoffentlich nicht mehr die Gefahr, dass Gott uns vorwirft, wir kümmerten uns nur um uns selbst und sorgten nicht für die uns anvertraute Herde.

Amen

Gebet:

Herr, unser Gott!

Ob wir wandern im finstern Tal: Du bist da.

Ob wir wandern auf der schönsten Weide: Du bist da.

Wir kommen zu dir, mit allem, was in uns ist.

Mit den großen und kleinen Sorgen, mit den schlechten und guten Nachrichten, mit den Worten und Gedanken, die uns in der letzten Wochen begleiteten.

Schenke uns deine Worte und neue Gedanken, die heilen und froh machen, die Vertrauen wecken und Hoffnung stärken.

Amen

Vater Unser

 

Die Predigt wurde erstellt von Hartmut Junge

in Zusammenarbeit mit Alex Witte und Volker Kasch

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Quasimodogeniti (= „Wie die Neugeborenen“)

1. Sonntag nach Ostern, 11. April 2021

Predigttext Johannes 21,1⁻14

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:

 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.

 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.  Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.

Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.

 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

„Der Alltag hat uns wieder“. Vor Corona was das vielleicht ein Seufzer am Montagmorgen, am Beginn einer neuen Arbeitswoche, oder am ersten Arbeitstag nach dem Urlaub. Corona hat all dies verändert Die Pandemie bescherte vielen von uns ein allzu  „verlängertes Wochenende“ bzw. einen  nicht enden wollenden Zwangsurlaub. Viele sehnen sich nach jenem Alltag zurück, der uns früher immer viel zu schnell wiederkam. Das gilt auch für mich als Ruheständler, denn mich hält es nicht in diesem Ruhestand, und so hatte ich auch nach meiner Pensionierung vor gut zwei Jahren eine umfangreiche Vertretungstätigkeit an meiner alten Arbeitsstelle übernommen, der dann die Lockdowns zweimal ein jähes Ende bereiteten. Und so sehne ich mich wieder zurück in den beruflichen Alltag.

Das gilt natürlich erst recht für meine jüngeren Kollegen*innen, die mit beiden Beinen voll im Berufsleben standen und während der Lockdowns empfindliche Einkommenseinbußen hinnehmen mussten. Auch sie wünschen sich nichts sehnlicher, als in den früher manchmal so verwünschten Alltag zurückkehren zu können.

In einer ähnlichen Situation befinden sich auch die sieben Jünger in unserer Geschichte. Nach einer dreijährigen Unterbrechung kehren sie jetzt in ihren Alltag, den Fischfang am See Genezareth, zurück. Nun mögen Sie sich gegen diesen Vergleich sträuben: „Moment mal, diese drei Jahre, welche die Jünger mit Jesus verlebt hatten, waren doch kein Lockdown! Im Gegenteil, sie hatten Wunderbares und Aufregendes erlebt, viel gelernt und vielen geholfen.“ Richtig. Aber dann kam das bittere Ende, Karfreitag, das Aus aller Hoffnungen und Träume. Wie benommen waren sie. Da blieb dann nur noch die Rückkehr zu ihren Netzen und Booten.

„Und was ist mit Ostern“, mögen Sie fragen, „wurde da nicht alles auf eine ganze andere Art neu und besser? Haben sie da nicht den Auferstandenen erlebt, ihn mit eigenen Augen gesehen?“ Sicher, aber diese Begegnungen – im Johannesevangelium, in dem dieser  Text steht, hat es vorher zwei davon gegeben – lösten oft eher Verwirrung als Freude aus, und vor allem hatten sie etwas im wahrsten Sinne des Wortes „Unbegreifliches“. Dieser Auferstandene ließ sich nicht begreifen, auch nicht von Thomas, obwohl Jesus ihm anbot, in seine Nägelmale zu greifen. Sicher waren diese Begegnungen, die sie mit ihm nach seinem Tode hatten, erhebende Augenblicke, aber jedesmal entzog der Auferstandene sich ihnen wieder, verschwand genau so schnell, wie er gekommen war. Damit wussten sie am Ende nichts anzufangen, fühlten sich allein gelassen. Allein gelassen mit den Hoffnungen, die sie sich einst gemacht hatten, als er ihnen versprach, sie zu Menschenfischern zu machen. Sie sollten ja,  statt Fische aus dem Wasser zu ziehen, um sie dann zu verspeisen oder zu verkaufen,  fortan Menschen aus dem Wasser, d.h. aus den Wogen der sie bedrängenden Existenznöte, ziehen. Einmal hatten sie das in dieser Zeit tatsächlich erlebt, als sie – mit seiner Vollmacht ausgestattet – loszogen, Menschen predigten und sie heilten. Aber auch das war ja nur eine Episode geblieben. Und jetzt am Ende waren die Erscheinungen des Auferstandenen eher ein Grund der Verwirrung als der Freude.  Und so sehen wir sie nun zu ihrem Handwerk zurückkehren, nicht mehr als Menschenfischer, sondern als ganz normale Fischefischer. Sie wollen lieber wieder das tun, was sie gelernt haben und was sie gut können: im See Genezareth frische Fische fischen. Doch aus den frischen Fischen wird diesmal zunächst nichts. Und so sehen wir sie doppelt frustriert zum Ufer zurückkehren. Sie kommen mit leeren Netzen und sind selbst leer, d.h. müde und ausgelaugt. Das neue Leben mit Jesus ist ihnen entschwunden, aber auch der Versuch, in das alte Leben zurückzukehren, hat sich jetzt offensichtlich buchstäblich als Schlag ins Wasser erwiesen.

In dem Moment erscheint ihnen Jesus. Aber sie wissen das zunächst noch nicht, denn es heißt ja ausdrücklich, dass sie ihn nicht erkennen. Genauer gesagt erscheint ihnen eine geheimnisumwitterte Gestalt  in aller Herrgottsfrühe, taucht im Morgennebel wie aus dem Nichts vor ihren müden Augen auf. Was will oder macht der da so früh am Morgen? Seine Stimme dringt zu ihnen durch den Nebel herüber. „Hallo, Leute, habt ihr nichts zu essen?“ In dieser Stimme steckt aber etwas Besonderes, die Autorität eines, der weiß, was er will, und der anderen etwas zu sagen hat. Dem können sie sich nicht entziehen, auch als er den scheinbar absurden Rat gibt, das Netz noch einmal an der anderen Seite auszuwerfen. Einigen dämmert es, sie ahnen etwas. Das hatten sie doch schon einmal, vor drei Jahren erlebt, als alles anfing. Aber es kann doch nicht sein, dass er es wieder ist?! Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Oder vielleicht doch? – der gewaltige Fischfang, genau so wie damals. Die Fische sind ihnen aber jetzt schon fast egal, ihre ganze Aufmerksamkeit gilt jenem merkwürdigen Fremden am Ufer, der gleichzeitig so seltsam vertraut wirkt.

Was sie am Ufer vorfinden, ist ebenfalls seltsam trivial und mysteriös zugleich: ein Holzkohlefeuer, sozusagen ein Grill mit Fisch und Brot. An sich nichts Ungewöhnliches, aber wie und warum hat dieser Fremde dies alles allein an diesen einsamen Ort am Ufer geschafft? Während sie noch rätseln, erfolgt die Einladung zum Frühstück. Und plötzlich, als sie sehen, wie er das Brot bricht und verteilt, geht ihnen ein Licht auf. Diese Geste kennen sie nur zu gut. So kann nur einer das Brot brechen und verteilen. So war es ja auch in jener verhängnisvollen Nacht, als sie das letzte Mal mit ihm zusammen waren. Nur waren es eben damals Brot und Wein, und nicht Brot und Fisch. Aber irgendwie passt ja Fisch auch besser zu ihnen, die sie Fischer und keine Weinbauern sind. Und dennoch, Zweifel bleiben:  Dieser aus dem Nebel aufgetauchte Mensch ist ihnen so nahe und gleichzeitig auch so fern. Die Frage liegt ihnen auf der Zunge: „Bist du wirklich Jesus, unser Meister? Auch wenn du es bist, bist du nicht mehr derselbe. Wie sollen wir jetzt mit dir umgehen?“. Sie spüren und erahnen die Antwort. Aber gerade deshalb fürchten sie sich auch vor ihr und wagen nicht, die Frage zu stellen. Können Sie, liebe Gemeinde,  sich vorstellen, wie die nicht gegebene Antwort auf die nicht gestellte Frage lautet? Ich komme am Ende noch einmal darauf zurück und geben ihnen „meine“ Antwort Jesu, und dann können Sie sie mit der Ihren vergleichen.

Wir hier sind keine Fischer am See Genezareth, und dennoch kann der Auferstandene auch uns in unserem eigenen Alltag begegnen, so wie er den Jüngern in ihrem Fischerhandwerk begegnete.  Auf welche Weise erfolgt diese Begegnung dann aber für uns? Sie geschieht dadurch, dass uns zunächst in unserem Inneren etwas klar wird, was bisher hinter einem Nebel lag. Der Nebel lichtet sich und Jesus tritt uns entgegen, so wie die Jünger dies nach ihrer nächtlichen Bootsfahrt erleben.  Diese Begegnung kann in der Stille des Gebetes oder der Meditation geschehen, in einem feierlichen Gottesdienst,  in einem glücklichen Ereignis oder in der überwältigenden Begegnung mit einem anderen Menschen. Sie wird wie ein Gefühl der Befreiung erlebt. Das Resultat wird durch den Namen des Sonntags Quasimodogeniti  gut beschrieben: ein Gefühl, wie neugeboren zu sein. Wann und bei welchen Gelegenheiten haben Sie sich schon einmal wie neugeboren gefühlt, speziell im Zusammenhang mit Christus? … Hier stellt sich aber dann noch die Frage: Wie lange hält dieses Gefühl an? Den meisten von uns bleibt die Erfahrung nicht erspart, dass dann der Alltag wieder einkehrt, bei dem es nicht so schön und feierlich zugeht.  Er holt uns wieder ein und lässt uns nicht mehr viel von dieser Begegnung mit dem Auferstandenen spüren, so dass dann auch zumindest leichte Zweifel an dem Erlebnis selbst bleiben: Sind wir da wirklich dem Auferstandenen begegnet?

Hier dürfen wir zwei jener fünf Jünger, Petrus und Johannes, auf unsere eigene Erfahrungsebene herunterziehen und uns mit ihnen identifizieren. Die beiden sind ja zwei sehr unterschiedliche Charaktere.

Petrus ist der extrovertierte, der Draufgänger, der Handelnde, sich bisweilen selbst Überschätzende. Aber diesmal liegt und handelt er richtig. Beim Sprung ins Wasser versinkt er nicht, er kommt als erster zu Jesus und zieht allein und eigenhändig die Fische an Land.

Johannes ist dagegen der Stille, in sich Gekehrte, Zurückhaltende. Er wird nicht mit Namen genannt, sondern immer nur als der Jünger bezeichnet, den Jesus liebt. Damit ist wohl gemeint, dass er ein besonderes Vertrauensverhältnis zu Jesus hat, ihm wesensmäßig am nächsten steht und ihn auch am besten versteht.  So nimmt es nicht wunder, dass er in dieser Geschichte derjenige ist, der Jesus am schnellsten und klarsten erkennt.

Die zwei verkörpern – frei nach Goethe – zwei Seelen in unserer Brust, aber nicht zwei widerstreitende, sondern zwei einander ergänzende:

Da ist die Petrus-Seele, die tatkräftige Handelnde, auf Jesus zu rennende Seele. Der ins Wasser springende Petrus erinnert mich an ein bildhaftes Erlebnis, das ich bei einem Volkslauf durch das Watt von der Insel Neuwerk nach Cuxhaven hatte, oft knietief durch die Priele – ungeheuer erregend und belebend. Aber bei so einem Lauf kann man auch mal auf die Nase fallen. Und er ist nicht jedermanns/jederfrau Sache. Dann brauchen wir die Johannes-Seele, die aufmerksam betrachtende, erkennende, Jesus im tiefsten Inneren erfassende Seele. Ihren Wert hat uns ja in besonderer Weise die Corona-Zeit offenbart, die uns manches Äußere genommen hat.

Unser Weg, unsere Bootsfahrt durchs Leben, ist der Weg des Glaubens im Alltag. Wir gehen ihn nicht ohne den Auferstandenen, aber er ist nicht einfach immer greifbar, frei verfügbar. Dennoch ist er mit uns auf dem Weg, der oft durchs Dunkle oder durch Nebel führt, aber auch durch schöne Strecken.

Ich schließe mit der nicht, besser gesagt, der nicht direkt gegebenen Antwort Jesu auf die unausgesprochene Frage der Jünger: „Bist du es wirklich?“

Ich stelle mir vor, Jesus antwortet: „Ja, ich bin‘s. Aber es ist nicht mehr so wie früher. So wie ihr mich jetzt seht, in leiblicher Form, bin ich heute zum letzten Mal euer Gastgeber, sorge das letzte Mal für euer Mahl. Von jetzt an müsst ihr das Mahl selbst untereinander ausrichten und gegenseitig füreinander sorgen. Aber bei eurem gemeinsamen Mahl und bei dem, was ihr in eurem Leben tut, werde ich immer bei euch sein.“ Das gilt auch für uns, seine heutigen Jünger.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott

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Das Osterevangelium ist aufgeschrieben bei Markus im 16. Kapitel

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Osterwort

Der große Osterjubel will sich nicht so richtig einstellen. Kein festlicher Ostergottesdienst, keine große Familienfeiern. Alle lieb gewordene Rituale an Ostern feiern wir nur im engsten Kreis. Wir sind erschöpft, manchmal ratlos und verängstigt. Dennoch, es ist Ostern! Gott hat Jesus Christus aus dem Tod ins Leben gerufen. Ein Grund zum Jubeln.

Auch die Geschichte der Frauen, die am Ostermorgen zum Grab kommen und es leer vorfinden, endet nicht im festlichen Osterjubel. Vielmehr heißt es am Ende: „Und die Frauen gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“ Wieso fürchten sich die Frauen? Es sind mutige Frauen, die den Weg Jesu mitgehen bis zur Kreuzigung. Aber hier am Grab verlässt sie der Mut, ihre Zuversicht.

Denn, was jetzt am Grab geschieht, das erschüttert sie zutiefst. Der Mensch, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt hatten, war hingerichtet worden. Doch diesen Verlust ihrer Hoffnung, die Härte der Mächtigen – all dies konnten die Frauen realistisch in ihr Weltbild einordnen. So ist es eben in der Welt: Die Mächtigen regieren, Hoffnungen werden zerstört, am Ende herrscht der Tod.

Nun wird den Frauen am Ostermorgen diese letzte Gewissheit genommen. Selbst auf den Tod ist kein Verlass mehr. Ihnen bricht ihr Weltbild gänzlich zusammen. Es ist verständlich, dass sie sich fürchten. Dagegen das Wort des Engels: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ Jesus ist nicht bei den Toten, er ist nicht da, wo die Frauen ihn vermuten – er lebt.

Von diesem neuen Leben wissen wir nicht anders als die Frauen damals am Grab. Auch wir haben für dieses neue Leben keine Beweise. Wir haben wie die Frauen am Ostermorgen nur ein einziges Wort worauf wir unser Vertrauen setzten können: Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Mit diesem Wort des Engels wird auch uns heute die Frage gestellt: Woran glaubst du? Worauf gründest du dein Leben? Orientierst du dich am Tod als der letzten Bestimmung des Lebens – oder gründest du dein Leben auf das Wort: „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden“. Jesus Christus lebt. Gegen allen Augenschein können wir auf dieses Wort allein unsere Hoffnung setzen.

Ich verstehe sehr gut, dass die Frauen zunächst einmal vor dieser Frage fliehen. Kann man denn wirklich sein Leben auf das Wort eines Engels gründen? Auch wir haben den Auferstandenen nicht gesehen, wir haben wie die Frauen am Grab nur ein Wort: Jesus Christus lebt! Es bleibt immer nur ein Wort – aber dieses Wort beansprucht, letzte Wirklichkeit zu sein.

Man kann durchaus behaupten, das Grab Jesu sei zwar leer gewesen, man kann das behaupten und dann doch für sich selbst lieber realistisch mit dem Tod als der letzten Wirklichkeit des Lebens rechnen.

Wer über die Auferstehung Jesu Christi redet, der muss immer auch über sich selbst reden, über die Gegenwart und über die Zukunft. Wenn der Tod einmal überwunden worden ist, dann ist die Macht des Todes ein für allemal gebrochen. Dann ist der Tod nicht mehr die Bestimmung des Lebens, meines Lebens.

Wir stehen vor denselben Fragen heute wie die Frauen und Jüngern Jesu nach seinem Tod. Was sollen wir glauben? Woran sollen wir uns orientieren? Damals wie heute wirkt das kraftvolle Wort von der Auferstehung durch den Geist Gottes! Er will uns berühren, ergreifen und uns neu ins Leben rufen. Diese Hoffnung können wir in unseren Herzen groß werden lassen und darauf vertrauen, dass Gott in diese Welt bis heute eingreift. So verwandeln sich Angst, Sorge und auch Erschöpfung in Zuversicht. Darüber können wir uns allen freuen. FROHE OSTERN! Amen

                                                                                           Pastorin Sabine Spirgatis

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema

„Richtungswechsel“

Numeris 22, 21-32

Einführung

Vor den Toren des gelobten Landes lagert das Volk Israel auf dem Gebiet der Moabiter. Der König Balak weiß, dass dieses Volk von Gott gesegnet ist. Allein wird er diesem Volk nichts anhaben können. Deshalb schickt er eine Abordnung zu dem Seher Bileam. Er hat die Gabe ganze Völker zu segnen oder zu verfluchen. Der König möchte sich der Gabe Bileams bedienen. Er soll das Volk verfluchen. Doch das erste Angebot lehnt Bileam ab. Gott spricht zu ihm in der Nacht: „Gehe nicht mit ihnen! Verfluche das Volk nicht, denn es ist gesegnet!“ Der König lässt nicht locker, und reizt mit Geld, Ehre und Anerkennung. Eine zweite Delegation hat mehr Erfolg: Bileam macht sich auf den Weg auf seiner Eselin zum König:

Bibelstelle Numeri 22,21-32

Da entbrannte der Zorn Gottes, weil er ging, und der Bote des Herrn trat ihm als Widersacher in den Weg, während er auf seiner Eselin ritt und seine zwei Diener ihn begleiteten. Und die Eselin sah, wie der Bote des Herrn auf dem Weg stand, mit gezücktem Schwert in der Hand. Da wich die Eselin ab vom Weg und lief über das Feld. Bileam aber schlug die Eselin, um sie auf den Weg zurückzulenken. Da trat der Bote des Herrn in den Hohlweg zwischen den Weinbergen, wo auf beiden Seiten Mauern waren. Und die Eselin sah den Boten des Herrn und zwängte sich an die Wand und drückte Bileams Fuß gegen die Wand. Da schlug er sie wieder. Der Bote des Herrn aber ging weiter voraus und trat an eine enge Stelle, wo man weder nach rechts noch nach links ausweichen konnte. Und die Eselin sah den Boten des Herrn und ging unter Bileam in die Knie. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stock. Der Herr aber öffnete der Eselin den Mund, und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, dass du mich dreimal geschlagen hast? Da sprach Bileam zu der Eselin: Weil du deinen Mutwillen mit mir getrieben hast. Wäre ein Schwert in meiner Hand, so würde ich dich jetzt töten. Die Eselin aber sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, auf der du zeitlebens geritten bist bis zum heutigen Tag? War es je meine Art, es so mit dir zu treiben? Und er sprach: Nein. Da öffnete der Herr Bileam die Augen, und er sah, wie der Bote des Herrn auf dem Weg stand, mit gezücktem Schwert in der Hand. Und er verneigte sich und warf sich nieder auf sein Angesicht. Der Bote des Herrn aber sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin dreimal geschlagen? Sieh, ich bin als dein Widersacher ausgezogen, denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen.

Mit dem Kopf durch die Wand

So könnten wir das Verhalten von Bileam beschreiben. Bileam ist so darauf fixiert seinen Weg fortzusetzen, dass er das Anhalten und Ausweichen der Eselin als Widerstand gegen sich begreift und mit Zorn und Wut reagiert. Die Eselin und Bileam scheinen die Rollen vertauscht zu haben: Die Eselin ist umsichtig wie ein Seher, ein Prophet, Bileam dagegen ist stur wie ein Esel. Erst als die Eselin Bileam zur Rede stellt, sieht er die Gefahr durch den Engel mit seinen eigenen Augen.

Ob es immer ein Engel mit Schwert in der Hand ist, der uns den Weg verstellt, damit wir einen anderen Weg einschlagen?

Blockaden und Grenzen

Vom eigenen Körper erwarten wir, dass er funktioniert und aushält, was wir ihm zumuten. Ist eine Grenze des Zumutbaren erreicht, meldet sich der Körper zu Wort, in dem er schmerzt, oder wir krank werden. Der Schaden soll schnell behoben werden, damit wir so weiter machen können wie vorher. Meist sind mehre Anläufe unseres Körpers notwendig, damit wir einsehen: So wie ich ihn behandle, geht es nicht weiter. Ich muss umkehren und einen anderen Weg einschlagen.

In Freundschaften, in familiären Beziehungen kennen wir auch die Grenzen des Miteinanders, die wir nicht überschreiten sollten. Manchmal geschieht es dennoch. Ein unbedachtes Wort, ein stures Beharren auf die eigene Meinung, die eigene Sichtweise, verletzt die Grenzen des anderen. Es ist gut, wenn wir darauf hingewiesen werden, um einen anderen Weg einzuschlagen, bevor das Vertrauensverhältnis Risse erhält.

In der Krise die eigenen Spielräume entdecken

Bileam erkennt erst am Boden, am Tiefpunkt, was Gott von ihm möchte. Segnen soll er das Volk, nicht verfluchen. Bileam vollzieht innerlich einen Richtungswechsel. Nicht mehr die eigenen Interessen (Ruhm, Geld, Anerkennung) leiten ihn zum König, sondern der Auftrag Gottes. Jetzt kann er seinen Weg fortsetzen. Der Weg ist frei. Das Volk Israel wird am Ende dreimal gesegnet.

Wenn wir unseren Weg nicht mehr weiter gehen können, ist es gut inne zuhalten und zu pausieren. So schaffen wir Raum für Gott, der uns andere Wege, neue Richtungen aufzeigen kann. Diese Wege dürfen wir dann getrost einschlagen. Wir sind frei. AMEN

 

Gebet

Guter Gott, wir können immer wieder umkehren und neue Wege einschlagen.

Wir vertrauen auf deine Pläne und deine Wegweisung; und bitten dich:

Geleite uns auf unserem Lebensweg.

Sei unser Trost, wenn wir erleben, dass unsere gut gemeinten Pläne scheitern.

Zeige uns dann neue Möglichkeiten und stelle uns Menschen an unsere Seite, die uns begleiten.

Amen.

 

Vaterunser im Himmel…

 

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus

AMEN

 

Impulsfragen:

  1. Der Weg wird enger, aber ich muss immer weiter. Kenne ich eine solche Situation?
  2. Wer sind/waren die „Eselinnen“ in meinem Leben?
  3. Wann war/bin ich die „Eselin“ für andere?

Die Passionsandacht wurde von Pastorin Sabine Spirgatis erarbeitet.

 

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Impulse zum Ersten Sonntag der Fastenzeit

Palmsonntag 28. März 2021

Hebräerbrief, Kapitel 111 Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft –ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind. 2Aufgrund ihres Glaubens hat Gott den Alten das gute Zeugnis ausgestellt.

121 Wir sind also von einer großen Menge von Zeugen wie von einer Wolke umgeben. Darum lasst uns alle Last abwerfen, besonders die der Sünde, in die wir uns so leicht verstricken. Dann können wir mit Ausdauer in den Kampf ziehen, der vor uns liegt. 2Dabei wollen wir den Blick auf Jesus richten. Er ist uns im Glauben vorausgegangen und wird ihn auch zur Vollendung führen. Er hat das Kreuz auf sich genommen und der Schande keine Beachtung geschenkt. Dies tat er wegen der großen Freude, die vor ihm lag: Er sitzt auf der rechten Seite von Gottes Thron. 3Denkt doch nur daran, welche Anfeindungen er durch die Sünder ertragen hat. Dann werdet ihr nicht müde werden und nicht den Mut verlieren.

(Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

Drei Gedanken nehme ich aus diesen Briefzeilen mit:

1. Glaube ist ein Festhalten an der Hoffnung

Glaube ist Hoffnung – und ja auch ein Überzeugtsein von unsichtbaren Dingen:

Wie kostbar diese Hoffnung ist, macht einer meiner wichtigsten Lebenssätze deutlich, er stammt vom Theologen Jürgen Moltmann: „Wir leben von unserer Hoffnung und sterben an unseren Enttäuschungen.“ Menschen, die also ihre Hoffnung verlieren, sterben. Das ist etwas, was die biblischen Geschichten häufig erzählen, wenn sie von Menschen berichten, die tot sind, obwohl sie noch äußerlich lebendig sind, aber innerlich völlig vertrocknet und tot sind. Wie brüchig unsere Hoffnung sein kann, erleben wir in diesen Tagen, wenn das Auf und Ab der Corona-Zahlen uns innerlich mürbe macht und z.T. auch jede Vernunft zunichte, die uns doch sonst auszeichnet. Unsere Hoffnung ist also etwas, wofür wir etwas tun müssen. Sie ist wie ein Garten, der gepflegt und eben auch gewässert werden muss.

Was tun wir also für unsere Hoffnung? Wie pflegen wir sie? Was tut uns gut und: Wer tut uns gut? Welche Orte und Rituale können wir nutzen, weil sie uns innerlich stärken?

In der Corona-Zeit ist nun zu erkennen, dass es auch Zeiten und Notwendigkeiten gibt, die uns anregen (oder zwingen), neue Wege zu gehen, weil alte nicht mehr gangbar sind. In der Gemeinde leiden wir z.B. sehr darunter, wie unsere Gottesdienste beschnitten sind: Nach dem ersten Lockdown durften wir zuerst nicht mehr singen und mussten die Gottesdienste verkürzen. Seit Weihnachten nun haben wir die Gottesdienste ein ums andere Mal länger ganz und gar aussetzen müssen. Ein Kirchencafé und damit Gemeinschaft können wir seit über einem Jahr nicht mehr anbieten. Und so sind viele Begegnungen und Abläufe, die wir genießen, nicht oder kaum mehr möglich und ein Ende ist nur verschwommen in Sicht. So ist das manchmal im Leben! Auch Krankheiten, Umzüge, Trennungen, persönliche Entwicklungen werden uns zwingen, neue Wege zu gehen. Und die müssen nicht schlecht sein!

Jeder von uns wird aber ganz persönliche Glaubens- und Hoffnungssätze in sich tragen. Sie bilden unseren (spirituellen) Kern. Ihn zu schützen, stark und lebendig zu halten und zu erweitern, dazu laden mich diese Briefzeilen ein. Der Glaubenskern des Hebräerbriefes ist nun Tod und Auferstehung Jesu Christi, und damit die begründete Hoffnung, dass das Leben sich durchsetzt. Immer. Glaubenskern ist auch das Verständnis, dass er, Jesus Christus, sich selbst verschenkt hat, damit nichts uns von Gott trennen kann und damit wir leben können. Diesen Glaubens- und Hoffnungskern des Hebräerbriefes kann ich persönlich mir nicht oft genug ins Bewusstsein rufen – gerade am Palmsonntag, also dem Einzug in die Heilige Woche: So viele Ereignisse und Menschen lassen mich zweifeln. So viele Menschen und Ereignisse lenken mich von den Aufgaben ab, die sich für mich und mein Leben aus diesem Glaubens- und Hoffnungskern ergeben. Jesus Christus aber hat den Tod überwunden!

2. Im Glauben (wie im Leben) stehen wir nie allein, sondern sind Teil einer generationenüberschreitenden Gemeinschaft

Ein lebendiges Bild, fast ein Wimmelbild, dass der Hebräerbrief hier vor meinem inneren Auge malt: Wir sind Teil einer Wolke von Zeugen… Gemeint ist hier, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind, deren Zentrum Jesus Christus ist. Nun wird jede und jeder von uns sicher eine Art eigenen Glauben haben, wird unterschiedliche Vorstellungen von und Erwartungen an Kirche und Gemeinde haben. Aber nicht das Trennende ist entscheidend, sondern die große Mehrzahl an Gemeinsamkeiten und Überschneidungen, die wir teilen. Das zu betonen und bei jeder zwischenmenschlichen Begegnung bewusst zu haben, halte ich für überaus zentral, in Kirche und Gemeinde und in der Gesellschaft: Lasst uns denen nicht folgen, die Unterschiede instrumentalisieren oder die schlicht all das Gemeinsame nicht sehen und Unterschiede nicht schätzen können!

Eine Wolke der Zeugen also, deren Teil wir sind. Sie ist generationenübergreifend: Du stehst hier, weil andere vor Dir waren und Du selbst machst Nachfolgenden ihr Leben möglich. Die Wolke der Zeugen ist länder- und sogar kulturübergreifend. Ich kann mich also inspirieren lassen und bin ziemlich wahrscheinlich auch für andere inspirierend. Ich kann mir Verbündete holen und bin nie allein, selbst in Krankheit, Isolation oder Haft nicht. Die ganze Welt steht mir offen: Ich kann zu Gast sein oder heimisch werden, wohin und zu wem es mich zieht. Und andererseits kann ich mein Haus öffnen für Gäste oder sogar neue MitbewohnerInnen. (Und das ist wieder eine Dimension des Grenzen weitenden Lebens Jesu.)

3. Glaube und Hoffnung und Teil dieser Gemeinschaft zu sein, wird auch Mut und Durchhaltevermögen brauchen

Ich persönlich möchte wissen oder zumindest erahnen können, was auf mich zu kommt. Deswegen erwischt mich Corona auch auf dem falschen Fuß und ich verliere spürbar Energie und Lebenskraft, wenn da immer noch etwas nachkommt, was man mir auch vorher hätte sagen könnte. Ich muss wissen, ob ich mich auf einen Sprint oder einen Marathonlauf einstellen muss: Sagt es mir bitte!

Und eines ist für mich klar: Wenn man sich auf ein Leben mit Jesus Christus einlässt, wenn man das Schicksal anderer Menschen und Kreaturen nicht einfach ertragen oder verdrängen möchte, dann muss man sich wohl eher auf einen Marathon einstimmen. Und der Hebräerbrief benutzt hier im zweiten Teil Begriffe wie Sünde, Kampf, Kreuz, Schande, Widerspruch und stellt ihnen Geduld und Mut entgegen.

Zum einen macht mir das klar, dass ich mein ganzes Leben lang an meiner Haltung arbeiten muss:

Wenn mich das Leben, Schicksalsschläge oder schlicht der persönliche Schweinehund nicht wie einen Kieselstein abschleifen sollen, dann muss ich dem immer wieder mit der passenden inneren Haltung entgegentreten. Mut und Geduld sind nun zwei denkbare Tugenden solch einer Haltung. Und diese Briefzeilen machen mir deutlich, dass Mut und Geduld nicht von selbst kommen und in uns bleiben, sondern ganz zentral eben aus Glauben, Hoffnung und einem Leben in tragfähiger Gemeinschaft erwachsen.

Was mir persönlich Mut und Hoffnung schenkt? Z.B.: Seit ich in Oststeinbek lebe (also seit acht Jahren) gestalte ich Stück für Stück meinen kleinen Pastoratsgarten naturnah und tierfreundlich um: Zunächst habe ich die hölzernen Sichtblenden weggerissen und Buchenhecken gepflanzt. Dann kamen Obstbäume hinzu und Obststräucher. Ich habe eine Blühwiese gepflanzt und lasse über den Winter in den Ecken Laub liegen und abgetrocknete Halme stehen. Über die Jahre kamen Vogeltränken, eine Himmelburg und Futterstellen für Vögel hinzu. Und jedes Jahr hänge ich ein neues Vogel- oder Fledermaushaus auf. Ich habe beobachtet, wie Amseln und Eichhörnchen wegblieben und wiederkamen. Und in diesem Jahr habe ich so viele Vögel als MitbewohnerInnen, wie noch nie zuvor. Das gibt mir Mut und Hoffnung: Dass ich Teil des Lebens bin. Und dass ich tatsächlich sehe, was ich tun kann, dass neues Leben entsteht.

Weiterführende Fragen:

Was macht Dir gerade das Leben schwer?

Was möchtest / musst Du gerade angehen? Wofür brauchst Du Kraft?

Was schenkt Dir Hoffnung? Was tut Dir gut und: wer tut Dir gut? Welche Orte und Rituale kannst Du nutzen, weil sie Dich innerlich stärken?

Welche Verbündeten kannst Du in Anspruch nehmen?

Wie und wem kannst Du in der kommenden Woche hilfreich sein? Was geht Ihr zusammen an?

Kannst Du einen eigenen Glaubens- und Hoffnungssatz formulieren?

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm.

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema

„Geht doch!“

Genesis 13, 1-11

Streit  kommt in den besten Familien vor, sagt man. Aber was sich ein bisschen beschönigend anhört, wird oft zur bitteren Wahrheit. Familien, Nachbarn, alte Freunde oder Kollegen….manchmal reicht ein kleiner Anlass und die Harmonie ist dahin.

Bestenfalls spricht man nicht mehr miteinander. Schlimmstenfalls folgt ein Duell mit mehr oder weniger spitzen Nadelstichen. Und am Ende gewinnt keiner. Oder der, der den besseren Anwalt hat.

Lesen wir einmal, wie es in Abrahams Familie zum Streit kam (Auszug aus 1. Mose 13, 1-12):

Abraham kehrte mit seiner Frau und seinem ganzen Besitz an Tieren und Menschen in den südlichsten Teil des Landes Kanaan zurück. Abraham war sehr reich. Er besaß große Viehherden und viel Silber und Gold. Auch Lot, der mit ihm zog, hatte viele Schafe, Ziegen und Rinder und viele Zelte, in denen seine Hirten mit ihren Familien lebten.
Das Weideland reichte nicht aus für die Viehherden der beiden; sie konnten auf die Dauer nicht zusammenbleiben. Es gab immer Streit zwischen den Hirten Abrahams und den Hirten Lots.
Da sagte Abraham zu seinem Neffen: »Es soll doch kein Streit zwischen uns sein, auch nicht zwischen unseren Hirten. Wir sind doch Brüder!
Das Beste ist, wir trennen uns. Das ganze Land steht dir offen: Du kannst nach Norden gehen, dann gehe ich nach Süden; du kannst auch nach Süden gehen, dann gehe ich nach Norden.«
Lot schaute sich nach allen Seiten um. Er sah, dass es in der Jordanebene reichlich Wasser gab. Deshalb entschied sich Lot (…) und zog nach Osten. So trennten sich die beiden: Abraham blieb im Land Kanaan, Lot ging ins Gebiet der Jordanstädte und kam im Lauf der Zeit mit seinen Zelten bis nach Sodom.                                                                       

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Es reicht einfach nicht. Zwei Familien, zwei Herden – Wasser und Weideflächen werden knapp.

Es gibt Streit. Erst zwischen den Hirten, dann zwischen den Herren.

Man könnte nun die Fäuste ballen und den Kleinkrieg beginnen. Wer kann die Situation für sich entscheiden: Abraham, der Ältere, der Bedeutendere und Reichere oder Lot der Jüngere, der noch alle Zukunft vor sich hat?

Auf diesen Machtkampf will Abraham es nicht ankommen lassen. Er schlägt vor, das Land zu teilen und sich zu trennen. Dann herrscht Ruhe und jeder muss für sich sehen, wie er klarkommt.

Die Sache hat allerdings einen Haken. Da gibt es den steinigen, trockenen Westen, über den der Wind hinweg weht. Und es gibt den Hang hinunter zum Jordantal. Fruchtbares, grünes Land. Wer bekommt welchen Teil?

Wieder sollte man denken, dass es Abraham ist, der den ersten Zugriff hat. Aber was wäre damit gewonnen? Lot wäre unzufrieden und der Streit ginge weiter. Also lässt Abraham seinem Neffen die Wahl und der entscheidet sich (wen wundert es?) für den besseren Teil des Landes.

Um des lieben Friedens willen verzichtet Abraham auf etwas was ihm mit Fug und Recht zustünde. Bei ihm wirkt das so souverän. Aber in unserer Erfahrung sieht das ganz anders aus. Es fällt meist nicht leicht, vermeintliche Rechte aufzugeben oder hinter Anderen zurückzustehen. Eben auf den ersten Blick der Verlierer zu sein, ein „Loser“, wie man heute sagt.

Was hat Abraham also bewogen, sozusagen freiwillig zum Verlierer zu werden?

Der Klügere gibt nach, sagt das Sprichwort; und davon erzählt diese biblische Geschichte.
Abraham hat erkannt, dass es Wichtigeres und Wertvolleres gibt als das Gewinnen!
Er sieht: Der Frieden im Haus und auf dem Hof sind ein unschätzbares Gut und Geschenk.

Abraham und Lot – der Eine ist bereit nachzugeben, um den Zusammenhalt der Familie zu retten. Der Andere sucht sich ohne Skrupel das Filet-Stück aus. Aber wer Sieger oder Verlierer ist, das erkennt man manchmal erst auf den zweiten Blick. Auch bei Abraham und Lot.

Denn die Gegend, in die Lot zieht, offenbart in den folgenden Jahren ihre Gefahren. Einmal wird Lot von einem fremden durchziehenden Soldatenheer verschleppt. Nur durch eine wagemutige Aktion Abrahams wird er gerettet und kommt mit dem Leben davon. Später geht sein Besitz in Flammen auf, als die Städte Sodom und Gomorra durch einen Feuerregen zerstört werden. Seine Frau bleibt bei der Flucht als Salzsäule auf der Strecke.

Schließlich sitzt Lot wieder bei Abraham auf den Hochebene im Westen, ohne Hab und Gut. Er hat alles verloren, was doch eigentlich wie ein Hauptgewinn aussah.

Die Bibel erzählt das ohne einen Hauch von Schadenfreude. Und auch Abraham kennt dieses Gefühl hier nicht. Damals, als sie sich getrennt hatten, hat Abraham gewusst, was er wollte: Frieden. Und er kannte den Preis dafür: die Bereitschaft Lot das bessere Land zu überlassen. Diesen Frieden hat er gewonnen. Darum gibt es keine offene Rechnung mit Lot; kein Rachegefühl und keine Häme.

*****

Von diesem Punkt aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Jesus, der diese Haltung bis zum Letzten gelebt hat. Seine Bergpredigt ist davon durchzogen.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen – spricht er.

*****

Sich nichts bieten zu lassen, die Ellenbogen auszufahren – das ist leider oft eher die Realität in unserer Gesellschaft. Manchmal geht es am Ende gar nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, sich durchzusetzen, nicht zurückzuweichen. Aber muss man sich wirklich um jeden Preis behaupten, um nicht als Schwächling dazustehen?

Ist es wirklich so schlimm,  auch mal nachzugeben? Auf das Familiensilber zu verzichten, das ohnehin nur im Schrank liegen würde? Auf ein Stück vom Garten, weil die Hecke des Nachbarn dort hineinragt? Auf den Parkplatz vor der Tür, weil der Andere eben schneller war? Und kann es nicht auch ein gutes Gefühl sein, dem Freund die Hand zu reichen und zu sagen: „ich gebe zu, du hast recht“?

Da, wo wir auf den ersten Blick denken: „Hier verliere ich etwas, hier gehe ich als Loser vom Platz“ – da lehren uns  Abraham und Jesus: Du bist nicht der Verlierer, denn du hast nichts verloren!

Du hast etwas aufgegeben, um etwas anderes zu erhalten: die Freiheit, nicht kämpfen zu müssen; innere Ruhe; tragfähige Beziehungen; Platz für neue Perspektiven. Was für ein Gewinn!

 

Gebet

 

Jesus Christus, du befreist.

Wo uns Enge erdrückt, sei du die Weite,

die uns durchatmen lässt.

Wo Streit herrscht, sei du der Frieden,

der uns zusammenführt.

Wo die Liebe verlischt, sei du der Funke,

der Hoffnung möglich macht.

Wo alles am Ende scheint, sei du

die Auferstehung und das Leben.

 

Amen

Die Passionsandacht wurde von Kirsten Puttfarcken-Müller erarbeitet.

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Judika – Schaffe mir recht!

Fünfter Sonntag der Passionszeit, 21. März 2021

Psalm 43

Schaffe mir Recht, Gott, und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Amen

Predigt zu Hiob 19,1 9-27

Lied 365 Von Gott will ich nicht lassen

1)Von Gott will ich nicht lassen,
denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen,
da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand,
den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen,
wo ich auch sei im Land, wo ich auch sei im Land.

2)Auf ihn will ich vertrauen in meiner schweren Zeit;
es kann mich nicht gereuen, er wendet alles Leid.
Ihm sei es heimgestellt; mein Leib, mein Seel, mein Leben
sei Gott dem Herrn ergeben,
er schaffs, wies ihm gefällt, er schaffs, wies ihm gefällt.

 

Fürbitte aus Sinfonnica Oecomenica S. 714

Vaterunser und Segen

Die Andacht wurde von Pastorin Sabine Spirgatis erstellt.

 

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema

„Dir zuliebe?“

1. Korinther 13,4-7 

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber über die Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.


 

„Sieben Wochen ohne Blockaden“ lautet das Motto der diesjährigen Fastenaktion. Was ist eigentlich eine Blockade? Eine Blockade ist zunächst einmal ein militärischer Begriff. Nach der Definition des Dudens ist sie eine „als Druckmittel eingesetzte Absperrung aller Zufahrtswege einer Stadt oder eines Landes.“ Allseits bekannt ist ja die Blockade Westberlins 1948/49, mit der die Sowjets unter der Führung Stalins die Stadt in ihren Machtbereich zwingen wollten. Weniger bekannt hierzulande eine andere Blockade, die sich einige Jahre früher ereignete und bei der es umgekehrt und wesentlich härter zuging: Hitler ließ die Stadt Leningrad, die heute wieder St. Petersburg heißt, durch die Wehrmacht und verbündete finnische, italienische und spanische Truppen von allen Seiten abriegeln, um sie durch Aushungerung zur Kapitulation zu zwingen (tatsächlich starb über eine halbe Million Menschen an Hunger). In beiden Fällen brachten bis zur endgültigen Aufhebung der Blockade Blockadebrecher unter Einsatz ihres Lebens den Blockierten Nahrung und Erleichterung: die Piloten der sogenannten Rosinenbomber im Falle Berlins, von denen etliche durch Unfälle ums Leben kamen, oder die Transportführer, die – im Sommer mit Schiffen und im Winter übers Eis mit Lastwagen – über den Ladoga-See Nahrungsmittel in das belagerte Leningrad brachten und durch Bombardement und Artilleriebeschuss viele Opfer zu beklagen hatten.

Die Liebe, die Paulus in seinem Text besingt, ist so eine Blockadebrecherin. Aber was sind dann in diesem Falle die Blockaden? Hier hilft wieder der Duden, der Blockade auch übertragend als „vorübergehenden Ausfall bestimmter Fähigkeiten“ definiert. Diese Art von Blockade wird zwar auch durch einen äußeren „Feind“ veranlasst, kommt aber in erster Linie von innen, von uns selbst. Der Text spricht folgende Blockaden an, die von der Liebe durchbrochen werden:

Blockade Blockadebrecherin Liebe
Eifersucht:

Ich will den/die andere/n beherrschen

und kontrollieren. Ich werde dabei selbst

von zwanghaften Vorstellungen

und Minderwertigkeitsgefühlen

behindert. Misstrauen engt mich ein.

Vertrauen und Großzügigkeit:

Ich lasse dem/der anderen Freiraum. Mein Verhältnis zu ihm/ihr gestaltet sich freier, zwangloser. Ich schenke dem/der anderen Vertrauen und vertraue dabei selbst auf meinen eigenen Wert.

Groll:

Indem ich dem/der anderen etwas nachtrage,

laufe ich ständig hinter ihm/ihr her und werde

zu seinem/ihrem Sklaven. Wir leben beide in

gegenseitiger, schädlicher Abhängigkeit.

Versöhnungs- und Vergebungsbereitschaft:

Ich versuche den/die andere/n zu verstehen, öffne die geballte Faust zur ausgestreckten Hand. Ich bin zur Aussprache bereit und kehre nichts unter den Teppich. Ich vergesse nicht, aber ich vergebe und weiß, dass ich mir damit nichts vergebe. Wir gehen beide befreit aus der Situation.

Ruhmsucht:

Ich will immer der/die Erste und Beste sein.

Weil mir das nur selten gelinge, stufe ich

mich selbst im Wert herab und erkenne nicht

meinen Eigenwert. Selbst wenn ich immer

ganz vorne sein könnte, wäre ich damit

im wahrsten Sinne des Wortes einsame

Spitze, denn dann wollten die neidischen

anderen nichts von mir wissen.

Großzügigkeit und Gelassenheit:

Ich freue mich, wenn ich mal Erste/r bin, aber ich weiß, dass ich dies nicht immer sein kann und muss. Ich gönne dem/der andere/n, auch mal im Rampenlicht zu stehen. Mich nicht immer mit anderen vergleichen zu müssen, befreit mich von Stress, entkrampft und verbessert mein Verhältnis zu ihnen.

Rücksichtslosigkeit und Eigennutz:

Ich nehme immer meinen Vorteil wahr, auch

auf Kosten anderer.

Vielleicht fahre ich eine Weile gut damit,

aber letztlich schneide ich mir ins eigene

Fleisch, denn die anderen handeln dann

nach dem gleichen Prinzip. Viele individuelle

Egoismen addieren sich nicht zum Gemein-

wohl, sondern zu seinem Gegenteil. Und das

fällt auf mich oder uns zurück. Wenn wir

den ganzen Impfstoff nur für uns behalten

wollen, kommt das Virus irgendwann

aus jenen Ländern zurück, die so keine Herden-

immunität aufbauen konnten

Rücksicht und Achtung des/der anderen:

Wenn ich, statt mich durchzudrängen, dem/der anderen den Vortritt lasse, komme ich danach auch selbst sicher und ohne Stress durch die Tür. Durch mein Verhalten schaffe ich ein kooperatives Klima, das allen, nicht zuletzt auch

mir selbst, zugute kommt. Wir kommen so aus der Sackgasse, in die uns grenzenloser Existenz- und Konkurrenzkampf treibt, heraus. Das Virus hat längerfristig keine Chance, wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen, statt nur eigensüchtige Interessen und Ziele zu verfolgen.

Klingt das alles nicht zu idealistisch? Steckt dahinter nicht ein naiver Glaube an das Gute im Menschen. Was ist, wenn der/die andere meine Rücksicht, meine Vergebungsbereitschaft, mein Vertrauen schamlos ausnutzt? Bin ich dann nicht am Ende der/die Dumme? Sicher, das kann passieren. Aber der/die Dumme sind wir mit Sicherheit nicht, sondern der/die Weise im christlichen Sinne, denn mit der Liebe fahren wir besser, sicher auch schon mal in diesem Leben.

Eine andere Frage: Ist so eine großartige Liebe, wie sie Paulus da besingt, nicht „unmenschlich“? Ja, das ist sie, sie ist ja auch letztlich nicht menschlich, sondern kommt von Gott. Neben schädlichen Viren gibt es wesentlich mehr gute Viren. Und die Liebe ist so ein gutes Virus, mit dem uns Gott infizieren will. Wenn wir das geschehen lassen, wirken wir unsererseits ansteckend auf andere und können vielleicht sogar eine kleine Epidemie der Liebe auslösen.

„Wie du mir, so  ich dir“, sagen wir manchmal und meinen das oft als kaum verhohlene Drohung. Von der Liebe infiziert drehen wir das um: „Wie ich dir, so du mir“ und meinen das als Hoffnung, die sich in der Gleichung „dir zuliebe = mir zuliebe“ ausdrückt. Wir werden so nicht alle Blockaden, die zwischen Menschen bestehen, aufheben, aber wir können und dürfen uns als Blockadebrecher*innen der Liebe betätigen.

Impulsfragen:

  1. Wo und wie kann ich mich als Blockadebrecher*in der Liebe betätigen?
  2. Wem tue ich einen Gefallen, wenn ich jemandem einen Gefallen tue.

 

Psalm 146,7-9 (von der Liebe Gottes)

Der HERR macht die Gefangenen frei.

Der HERR macht die Blinden sehend.

Der HERR richtet die Gebeugten auf.

Der HERR liebt die Gerechten.

Der HERR beschützt die Fremden.

Er unterstützt Witwen und Waisen,

aber die Frevler führt er in die Irre.

 

Gebet:

Gütiger Gott,

gib, dass wir von deiner Liebe angesteckt werden,

dass sie uns hilft, Blockaden zu überwinden,

solche, die andere über uns verhängt haben, und

solche, die wir selbst errichtet haben.

Wir bitten für Menschen, die in erzwungener Isolation leben,

für solche, die in Armut leben, weil andere zu viel für sich selbst beanspruchen.

Mach uns bereit, zu teilen und den Reichtum des Gebens zu erfahren.

Wir bitten dich um deinen Segen auf all unseren Wegen.

Amen

Die Passionsandacht wurde von Reinhodl Trott erarbeitet.

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Lätare

Vierter Sonntag der Passionszeit, 14. März 2021

FREUET EUCH! Der Sonntag Lätare ist von verhaltener, vorsichtiger Freude geprägt. Vorfreude auf das näher kommende Osterfest.

So hören wir denn auch ambivalente Gefühle aus den Texten, die dem heutigen Sonntag zugeordnet sind. Sie sprechen von Freude und Angst, froher Erwartung und Erschrecken. Mitten in der Passionszeit ein Hoffnungsstrahl:

 

Du verwandelst meine Trauer in Freude, du verwandelst meine Ängste in Mut. Du verwandelst meine Sorge in Zuversicht, Guter Gott, du verwandelst mich.

Von dieser Erfahrung erzählt folgende Geschichte aus dem 1. Buch Mose 16:

Abrams Frau Sarai war kinderlos geblieben. Sie hatte eine ägyptische Sklavin namens Hagar und sagte ´eines Tages` zu Abram: »Der HERR hat mir Kinder versagt, aber du könntest mit meiner Sklavin schlafen. Vielleicht kann ich durch sie zu einem Sohn kommen.«

Abram hörte auf seine Frau. So gab Sarai ihm ihre ägyptische Sklavin zur Nebenfrau. Abram ´und seine Familie` lebten damals schon zehn Jahre im Land Kanaan. Abram schlief mit Hagar, und sie wurde schwanger.

Als sie wusste, dass sie ein Kind erwartete, sah sie auf ihre Herrin herab.

Da beklagte sich Sarai bei Abram: »Mir geschieht Unrecht, und du lässt es einfach zu! Ich habe sie dir zur Frau gegeben, aber jetzt, wo sie weiß, dass sie schwanger ist, verachtet sie mich. ´Daran bist du schuld!` Der HERR soll entscheiden, ob du im Recht bist oder ich.«

»Sie ist doch deine Sklavin und gehört dir sowieso«, gab Abram zur Antwort, »du kannst mit ihr machen, was du willst.« Von da an fügte Sarai ihrer Sklavin so viele Demütigungen zu, dass Hagar schließlich davonlief.

Ein Engel des HERRN fand sie in der Wüste bei dem Brunnen, der am Weg nach Schur liegt. Er fragte sie: »Hagar, Sarais Sklavin, wo kommst du her und wohin bist du unterwegs?« Sie antwortete: »Ich bin auf der Flucht vor meiner Herrin Sarai.« Da sagte der Engel des HERRN zu ihr: »Kehre zu deiner Herrin zurück und ordne dich ihr unter und beuge dich unter ihre Hände!«

Er versprach ihr: »Ich will deine Nachkommen so zahlreich machen, dass niemand sie zählen kann. Du bist schwanger und wirst einen Sohn bekommen«, fuhr er fort. »Nenne ihn Ismael (»Gott hört«), denn der HERR hat dich gehört, als du über dein Elend geklagt hast. Dein Sohn wird sein wie ein Wildesel. Er wird mit allen im Streit liegen und von allen bekämpft werden. Selbst seinen Brüdern wird er sich entgegenstellen.

Da nannte Hagar den HERRN, der mit ihr geredet hatte: »Du bist der ›Gott, der mich sieht‹; denn«, sagte sie, »hier konnte ich einen Blick auf den erhaschen, der mich sieht.« Darum nennt man den Brunnen seither »Brunnen des Lebendigen, der mich sieht« Hagar ´kehrte zurück. Sie` brachte Abrams Sohn zur Welt, und Abram gab ihm den Namen Ismael. Abram war 86 Jahre alt, als Hagar ihm Ismael gebar.  (Neue Genfer Übersetzung)

„Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. Ich will dich zu einem großen Volk machen,“ hatte Gott Abraham verheißen. Lange hatten Abraham und Sara auf die Erfüllung dieser Worte gewartet. Inzwischen waren beide alt geworden. Nach menschlichem Ermessen war es unmöglich, dass Sara noch Kinder bekommen könnte. Daher kam sie auf die Idee, sich selbst zu helfen und auch Gott, ein wenig nachzuhelfen.

Sara veranlasste Abraham mit ihrer ägyptischen Sklavin Hagar einen Sohn zu zeugen.  Sarahs Vorschlag entsprach dem Eherecht der damaligen Zeit: Wenn eine Ehefrau keine Kinder bekam, konnte der Mann mit einer Konkubine Kinder zeugen, die rechtlich als Kinder der Ehefrau galten.

Als Hagar dann schwanger wird, bietet ihr das die Chance auf einen sozialen Aufstieg. Ihr Sohn würde der Erbe eines mächtigen Mannes werden. Wie gut tut es ihr, sich durch ihre Schwangerschaft ihrer Herrin Sara überlegen fühlen zu können! Hagar trifft damit den zutiefst schmerzhaften Punkt bei Sara. Die hatte ihr ganzes Leben darunter gelitten, nicht schwanger werden zu können. Sara ist tief gekränkt und verletzt.

Sie beklagt sich bei Abraham. Aber er hält sich raus. Er hat keine Lust, sich in den Streit zwischen seinen beiden Frauen einzumischen. Schließlich, denkt er sich wohl, es war doch Saras Idee gewesen. Er lässt Sara freie Hand, das selbst zu regeln. Und Sara macht nun ihrerseits Hagar das Leben schwer. So schwer, dass Hagar es nicht mehr aushält und davonrennt.

Hagars Geschichte mit dem Gott, den Abraham verehrt, beginnt in der Wüste. Als sie der Verzweiflung nahe ist und nicht mehr weiter weiß, erscheint ihr ein Engel. Der Engel befiehlt ihr zu Sara zurückzukehren. Sie muss überleben, um das Kind zu bekommen.

Aber dann sagt der Engel noch etwas und das sagt er ganz  persönlich zu Hagar. Und da begreift sie, dass dieser Gott keineswegs nur der Gott für Abraham und für Sara ist. Er nimmt sie, die Nebenfrau, als verantwortliche Gesprächspartnerin ernst und macht sie zur Trägerin einer ganz eigenen Verheißung:

Ich will deine Nachkommen so zahlreich machen, dass man sie nicht zählen kann. Du bist schwanger, du wirst einen Sohn bekommen, den sollst du Ismael nennen.

Die Schwangerschaft wurde ihr aufgezwungen, weil Abraham und Sara einen Sohn wollten. Aber Gott spricht sie an als die Mutter ihres Sohnes. Hagar verspürt Freundlichkeit und Wohlwollen, vermutlich das letzte, womit sie gerechnet hat!

Gott selbst spricht hier eine Zusage aus: Du Hagar, bist wertgeschätzt in meinen Augen, auch wenn deine Situation so unerfreulich ist. Das ist die Botschaft, die Hagar mithört.

Dies erinnert uns an eine andere Botschaft. Die lesen wir bei Lukas 2,30. Denn du hast Gnade bei Gott gefunden…Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus (d.h. Gott rettet) nennen, [denn er wird sein Volk retten].

Und unsere Stelle in Gen 16,11 lautet: Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Ismael (d.h. Gott hört) geben, denn der HERR hat auf dein Elend gehört.

Es verleiht Hagar im biblischen Gesamtkontext schon eine gewisse Würde, wie später Maria, angesprochen zu werden. Und genau das ist offenbar auch das, was sie spürt in dieser Begegnung: Gott gibt ihr Würde und Individualität. Er interessiert sich für sie, für ihr Leid, ihr Elend: „denn der Herr hat auf dich gehört in deinem Leid.“

Ganz überrascht und überwältigt klingt es, als ihr aufgeht: Gott wendet sich mir zu, für ihn bin ich nicht die Fremde, sondern die, die er kennt und begleitet. Gott sieht mich, auch wenn ich in einer ausweglosen Lage bin. Gott sieht mich, auch wenn ich scheinbar an einem Nebenschauplatz stehe. Gott sieht mich aus einem übergeordneten Blickwinkel, der über meinen begrenzten und selbstbezogenen Horizont hinausgeht. Und vor allem: Er sieht mich voller Zuwendung.

So kann sie die schwierige Aufforderung des Engels auch mit anderen Ohren hören, dieses: Kehre zu deiner Herrin zurück, und demütige dich unter ihre Hände! (oder: Ertrag ihre harte Behandlung!).

In unserem  Leben wird es auch Situationen geben, die uns „Gewalt antun.“  Nicht unbedingt im körperlichen Sinn, aber so, dass sie uns Chancen versperren, dass sie uns gegen den Strich gehen, dass sie unsere selbst- bestimmte Entscheidung blockieren, unsere Freiheit beschneiden.

Wir würden dann gerne aus dieser Situation ausbrechen, aber oft geht das eben nicht. Entweder lassen es die Umstände nicht zu, oder unsere Möglichkeiten sind begrenzt.  So hatte Hagar als schwangere und entlaufene Sklavin gar keine realistische Alternative zur Rückkehr – außer den Tod.

Es ist gut, dass der Engel Gottes sie findet. Dieser Engel Gottes zwingt Hagar nicht mit Donner und Blitz in Saras Herrschaft zurück. Er sagt: Tu das! – aber damit wird es zu Hagars eigenem Entschluss, Gott Folge zu leisten und diesen Schritt zu gehen.

Obwohl Gott Hagars Situationen nicht einfach aufhebt, sondern ihr die Rückkehr zu Sara zumutet, erkennt sie ihn als den lebendigen Gott, voller liebenden Interesses an ihr, an.

Können auch wir an der Überzeugung festhalten, dass Gott der lebendige Gott ist, der uns sieht, wenn wir in Situationen geraten die uns widerstreben? Können wir glauben, dass Gott uns führt, wenn alles ganz anders kommt, als wir es uns vorgestellt haben? Was ist, wenn die Lage unzumutbar und aussichtslos erscheint, so wie bei vielen Menschen in unserer Zeit?

Können wir dann glauben, dass Gott dennoch der lebendige Gott ist, der uns sieht?  Dass Gott ein Gott ist, der sich uns liebevoll zuwendet und uns zuruft: „Fürchte dich nicht!“ und „Nimm dein Leben fest in die Hand, ich bin mit dir!“

Hagar hat Gott als den Gott einer persönlichen Zuwendung erfahren, mit der sie gar nicht gerechnet hatte. Aber ihre Geschichte zeigt  mir auch, dass wir mit Gott besser überhaupt keine allzu selbstverständliche Rechnung aufmachen. Hagar erlebt Gott ja auch nicht einfach als eine  Art Rechtsanwalt oder Schutzpatron der eigenen Sache, der alles für sie durchsetzt und alles wieder hinbiegt.

Gott zeigt Hagar keinen Ausweg sondern läßt sie ihre schwierige Lage aushalten. Aber gleichzeitig zeigt er ihr eine Perspektive auf und macht ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Gott würdigte Hagar seines Blickes und seiner Fürsorge und seines Interesses an ihr. Und er würdigte sie, Teil einer Geschichte zu werden, die er über viele Generationen schrieb.

Ismael wird geboren, aber es werden noch Jahre vergehen, bis sich Gottes Verheißung an Hagar erfüllt. Wir erfahren erst wieder von ihr, nachdem dann auch Gottes Versprechen an Abraham sich erfüllt. Sara bekommt einen Sohn: Isaak. Eines Tages eskaliert die Situation wieder. Sara verlangt von Abraham, Hagar und Ismael in die Wüste zu schicken.

Wieder weiß Hagar nicht weiter. Und wieder  findet sie der Engel Gottes dort in der Wüste und zeigt ihr einen Brunnen. Wieder hat Gott sie gesehen, ihr Elend und ihre Not hat ihn erbarmt. Gott hat sie gerettet,. Er hat ihr und dem Kind ein Leben verschafft in der Wüste. Er macht seine Verheißung wahr. Sie wird wirklich zu einem großen Volk. (1. Mose 21)

Dieser barmherzige, rettende Gott, der ihr zweimal in der Wüste und der größten Not begegnet, wird ihr Gott, der sie sieht. Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr geredet hatte: Du bist ein Gott, der mich sieht! Denn sie sagte: Habe ich nicht auch hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat?

Für Hagar beinhaltete ihre Lebensgeschichte viele Fragezeichen, aber sie hielt sich an Gottes Zusage und offenbar genügte sie ihr auch. Sie stellt nichts in Frage, was Gott ihr sagt. Sie hört es, sie glaubt es und sie handelt. Welch ein Vorbild!

Sie hat aber auch eine der schönsten Erkenntnisse über Gott, die ich aus dem Alten Testament kenne: Gott ist der Lebendige, der mich sieht!

Können auch wir diesem Bekenntnis Hagars zustimmen? Ist es nicht eher so, dass wir gerne Gott vor unseren eigenen Karren spannen würden? Wir möchten mit Gott Deals ausmachen, damit er in unserem Sinne und nach unseren Vorstellungen unser Schicksal lenken soll. Oder wir belehren ihn darüber, wie er, wenn er doch Gott ist, sich notwendig zu verhalten habe.

Aber Gott hat seine eigenen Pläne, in die er uns mit einbezieht. Pläne, die aber auch über uns hinausgehen. Gott möchte uns Gutes tun, das bleibt unverrückbar. Aber deshalb dürfen wir nicht denken, dass Gott all seine Pläne sich nur um uns drehen lässt und sie um uns und unsere Wünsche herum gestaltet. Diese Erkenntnis könnten wir mit Worten des Wochenpsalmes ausdrücken:

 

Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, wird es ihnen zum Quellgrund und Frühregen hüllt es in Segen.
Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild;
der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.

Psalm 84, 6 – 8,12

 

Gebet

Gott, unser Halt in der Angst,
unsere Zuversicht im Zweifel,
unser Trost in der Traurigkeit:
Wecke in uns die Freude,
dass du nahe bist in Jesus Christus, unserem Bruder.

Ihm sei Ehre allezeit und in Ewigkeit.

Amen

Vater unser

Segen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,

Der tiefer ist als unsere Verzweiflung,

Der stärker ist als unser Glaube,

Bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus

Amen

 

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikantin a.D. Barbara Röbert

 

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema „Das Spiel mit dem Nein“

Exodus Kapitel 1, Vers 15–20

Und der König von Ägypten sprach zu den hebräischen Hebammen, von denen die eine Schifra hieß und die andere Pua: Wenn ihr den hebräischen Frauen bei der Geburt helft, dann seht auf das Geschlecht. Wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben. Aber die Hebammen fürchteten Gott und taten nicht, wie der König von Ägypten ihnen gesagt hatte, sondern ließen die Kinder leben. Da rief der König von Ägypten die Hebammen und sprach zu ihnen: Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst? Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren. Darum tat Gott den Hebammen Gutes. Und das Volk mehrte sich und wurde sehr stark.

 

Die Nachkommen Israels waren fruchtbar, und zeugten Kinder und mehrten sich und wurden überaus stark, so dass von ihnen das Land voll ward.“

So werden am Beginn des 2. Buches Mose die Israeliten in Ägypten beschrieben.

„Ich will euch zu einem großen Volk machen!“ hat Gott versprochen.

„Ich werde euch schon klein kriegen!“ sagt Pharao.

Um dem ungehinderten Anwachsen der Fremden in seinem Land Einhalt zu gebieten, ersinnt Pharao Gegenmaßnahmen. Unterdrückung und Zwangsarbeit haben nicht zum erhofften Geburtenrückgang geführt. Deshalb versucht Pharao direkt Macht über die Geburten zu erhalten. So sollten die beiden Hebammen Schifra und Pua dafür sorgen, dass männliche Neugeborene der hebräischen Frauen nicht überleben.

„Ist es ein Sohn, so tötet ihn; ist’s aber eine Tochter, so lasst sie leben.“

Für die Hebammen ein völlig unmöglicher Auftrag. Ihre Aufgabe ist es, Mutter und Kind dabei zu helfen, die Geburt so sicher wie möglich zu überstehen. Sie sollen dem Kind ins Leben helfen und es nicht töten. Aber sich dem Befehl Pharaos zu widersetzen, kann den eigenen Kopf kosten.

Nun waren Pia und Schifra natürlich nicht die einzigen Hebammen in ganz Ägypten.  Vermutlich hatten sie alle Hebammen zu beaufsichtigen. Sie waren offenbar für die Ägypterinnen genauso zuständig, wie für die zahlreichen hebräischen Frauen. Deshalb war es auch von so entscheidender Bedeutung, wie sie mit dem Dilemma umgingen.

Was ist zu tun? Gibt es einen Ausweg? Haben Pua und Schifra überhaupt eine Wahl, einen Spielraum, den sie nutzen können? Oder fügen sie sich ins Unvermeidliche und sagen: „Wir können ja doch nichts ändern! Wenn wir es nicht tun, dann machen es andere. Wir riskieren doch nur unseren eigenen Kopf.“

Nein, für die Hebammen ist es klar, dass sie Gott mehr gehorchen müssen als dem Pharao. Sie wissen sich Gott verantwortlich und entscheiden sich für das Leben und gegen den Tod. Daher suchen sie im Vertrauen und in Ehrfurcht vor Gott nach einem Ausweg, um das vom Pharao verhängte Urteil abzuwenden. Dabei gehen sie mutig und klug vor.  Sie überlegen sich eine Erklärung, weshalb die hebräischen Jungen am Leben bleiben. Die Lösung, auf die sie kommen, spricht für ihre Weisheit.

Ich kann mir vorstellen, dass die Hebammen die Geburten sehr sorgfältig  vorbereitet haben. Den Frauen haben sie vermutlich geraten, sich Unterstützung von Freundinnen und Nachbarinnen zu holen und die Hebammen erst nach der Geburt zu rufen. Gleichzeitig haben sie auch ihr Kommen so lange hinaus gezögert, dass sie die  Kinder bei der Geburt nicht heimlich töten konnten.

Als der Pharao merkte, dass Die Hebammen seinen Befehl nicht ausführten, ließ er sie erneut zu sich kommen. Er stellte sie zur Rede: „Warum tut ihr das, dass ihr die Kinder leben lasst?“ Schifra und Pua nutzten bei ihrer Erklärung geschickt die von Pharao so verhasste Andersartigkeit der Hebräerinnen. Sie schlagen den Pharao mit seinen eigenen rassistischen Vorurteilen: „Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sie sind kräftige Frauen. Ehe die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie geboren.“

Offenbar fühlte sich der Pharao in seiner Wahrnehmung bestätigt. Er glaubte den Hebammen, denn er verurteilte sie nicht zum Tode. Stattdessen ersann er einen neuen Plan, um die Kinder zu vernichten. Er ließ alle neugeborenen Jungen der Hebräer in den Nil werfen.

Natürlich könnte man jetzt meinen, da hat der Mut der Hebammen doch auch nicht viel bewirkt und was hat ihr Gottvertrauen nun genützt?

Aber bis dahin hatten sie Neugeborenen das Leben gerettet. Sie haben anderen Frauen Mut gemacht, sich nicht in das von Pharao verordnete Schicksal zu fügen. So ist die Zuversicht groß, dass ihr mutiges Zuwiderhandeln, ihre Geistesgegenwart und ihr Gottvertrauen auch weitere Vernichtungsversuche in einen neuen Anfang wandeln können.

Dies erfahren wir immer wieder in den Geschichten der Bibel. Die Rettung Mose und der Weg Gottes mit seinem Volk sind ein Beispiel für die Spielräume, die Gott uns eröffnet.

 

Impulsfragen:

  • In welcher Situation brauche ich mehr Freiheit und Mut, um mich zu widersetzen?
  • Wann ist heute von mir Haltung gefragt?  Wo eröffnen sich mir Spielräume?

 

Psalm 8 in leichter Sprache

Gott, du bist mächtig. Dein Name strahlt überall auf der Erde!

Es ist wunderbar: Du zeigst am Himmel, wie groß du bist.

Kinder rufen nach dir. Babys schreien. So rühmen sie dich.

Sie sagen damit: Du bist klug und weise.

Gott, du bist größer als die Pläne von bösen Leuten.

Wir sehen den Himmel an und merken:

Du hast ihn mit deinen eigenen Fingern gemacht.

Den Mond und die Sterne, du hast sie gestaltet.

Was sind wir Menschen dagegen? Was sind unsere Kinder im riesigen Weltall?

Aber du denkst an uns. Du hast uns lieb!

Ja, du hast uns Menschen wunderbar gemacht, fast so herrlich wie dich selbst.

Mit Schönheit hast du uns gekrönt. Einzigartig sind wir.

Du gabst uns den Auftrag: Auf alle deine Werke sollen wir aufpassen.

Die Vögel unter dem Himmel und alle Fische im Meer.

Ja alles, was sich im Meer bewegt.

Gott, du bist mächtig. Dein Name strahlt überall auf der Erde!

Es ist wunderbar: Himmel und Erde sind in deinen Händen.

 

 

Gebet:

Durch dich, Gott, bin ich groß. Durch dich bin ich einmalig.

Für dich Gott, bin ich ein Mensch, dem du etwas zutraust.

Bei dir darf ich Mitverantwortung für die Schöpfung übernehmen. Danke.

 

Vater unser

 

Segen:

Gott, segne uns den Weg, den wir jetzt gehen.

Gott, segne uns das Ziel, für das wir jetzt leben.

Du, Immerdar und Immerdar.

Segne uns, wenn wir arbeiten und ruhen.

Segne uns das, was unser Wille sucht.

Segne uns das, was unsere Liebe braucht.

 Segne uns das, worauf unsere Hoffnung ruht.

Gott, segne unseren Blick,

auf dass wir, von dir gesegnet sind.

(Anneliese Hecht)

Die Passionsandacht wurde von Barbara Röbert erarbeitet.

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Okuli

Dritter Sonntag der Fastenzeit, 07. März 2021

 

Epheser 51Nehmt euch also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder. 2Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist. Genau so hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben –als Opfer und als Duft, der Gott gnädig stimmt. (…) 8Früher habt ihr nämlich selbst zur Finsternis gehört. Aber jetzt seid ihr Licht, denn ihr gehört zum Herrn. Führt also euer Leben wie Kinder des Lichts! 9– Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

(Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

Letzten Sonntag bin ich vom Hauptbahnhof zurück nach Oststeinbek gelaufen. – Corona macht’s möglich! Viel habe ich auf diesen 15 Kilometern gesehen. Besonders beeindruckt hat mich der Eingang der Wichernschule in Horn. Über dem Eingang steht dort ein Satz aus der Bergpredigt: „Ihr seid das Licht der Welt!

 

Wie anders tönt diese Zusage den SchülerInnen entgegen, als das Motto, das auf meinem ersten Gymnasium stand: „Nicht für die Schule lernen wir, sondern für’s Leben.“ Und das stand da natürlich auf Latein. Und stammte von Seneca, einem römischen Philosophen. Und schon das lies einen – nachdem man es mühsam entziffert hatte – ziemlich klein erscheinen. Und auch der erhobene Zeigefinger war für mich gut sichtbar: „Egal, was Du hier erleidest: Sei nicht undankbar oder wehleidig! Du lernst schließlich für’s Leben! Damit aus Dir mal was wird!“

 

„Ihr seid das Licht der Welt!“: Da wird nichts, da muss nicht etwas anders werden, da muss sich keiner lang machen, wie ein Jojo: Wer hier durchgeht, der ist schon wer! Und nichts Geringeres als das Licht der Welt! Wow!

 

Ich denke, viel zu oft ist uns das nicht bewusst! Viel zu oft haben wir das Gefühl nicht zu reichen, nicht zu genügen: Entweder sind wir zu klein oder zu groß, zu dick oder zu dünn, zu gescheit oder zu dumm. Aber das Gegenteil ist der Fall: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Mich berührt dieser Satz über der Wichernschule sehr. Und ich hoffe, alle die ihn lesen, spüren ihn in sich. Ganz tief.

 

Im heutigen Abschnitt aus der Bibel geht der wichtigste Theologe des Neuen Testaments den nächsten Schritt. Im Epherserbrief schreibt Paulus: Nehmt euch also Gott zum Vorbild! Ihr seid doch seine geliebten Kinder. Und führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist.

 

Ok, das mir einer sagt, ich bin das Licht der Welt, damit komme ich irgendwie klar, aber: Gottes Beispiel folgen? – Wie soll das bitte gehen? Denn Gott und ich – sind wir zwei nicht grundverschieden?

Und überhaupt: Überall da, wo sich Menschen als Götter aufspielen, da verwandeln sie sich doch in Tyrannen: Eltern, die sich für Götter halten, werden hart und autoritär. Ärzte, die sich für Götter in Weiß halten, werden kalt und abweisend. Politiker, die sich gottgleich wähnen, lassen keine andere Meinung mehr zu. Forscher fragen nicht mehr nach Grenzen. Den Mächtigen sollten wir wohlwollend, aber kritisch begegnen, denn wenn wir Macht haben, droht sie uns zu korrumpieren. Und auch Seneca hat es gerade andersherum gemeint, als die Gründer meines Gymnasiums es meinten, er war kritisch gegenüber dem Schulsystem seiner Zeit und schrieb: „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“ Und so ist das viel zu oft wohl noch heute. Leider.

 

Führt euer Leben so, dass es ganz von der Liebe bestimmt ist. Genau so hat auch Christus uns geliebt und sein Leben für uns gegeben.

Paulus hatte ein sehr konkretes Bild vor Augen: Er hatte das Bild Gottes vor Augen, das ihm damals bei Damaskus den Blick verschlug. Das ihn erblinden ließ: Das Bild Jesu Christi.

Das Bild des Gottessohnes, der nicht nach Macht und Ansehen strebt. Das Bild dessen, der seine Herrlichkeit vielmehr verlässt, um mir, um Dir gleich zu werden.

Christus als lebendiges Beispiel, dem wir folgen sollen…

Und die Wege Gottes, die unsere Wege werden sollen: Wege herab vom hohen Ross. Wege, die uns unsere Liebe zu gehen heißt. Wege, auf denen ich mich selbst verschenke und hingebe. Wege der Güte, der Gerechtigkeit und der Wahrheit, wie Paulus schreibt.

 

Ich hoffe sehr: Dass diese Wege möglich sind, wissen wir, weil wir sie ja schon gegangen sind! Ich hoffe: Wir haben schon die wunderbare Erfahrung gemacht, wie es ist, sich zu verschenken, sich hinzugeben. Und selbst wenn noch nicht: Am Vorbild Jesu sehen wir, dass Gottes Wege gangbar sind, denn er ist sie uns vorangegangen. Dietrich Bonhoeffer schreibt dazu in seinem Buch über die Nachfolge: „Allein darum können wir so sein, wie er war, weil er war, wie wir sind.“

Wir können sein, wie Jesus, weil Jesus war, wie wir sind: Da ist nichts vom großen, erhobenen Zeigefinger! Da ist nichts von Strecken und viel zu viel Unvermögen! Das ist vielmehr die ausgestreckte Hand, die meine Hand greift und die mich mit in die Richtung nimmt, in die der gegangen ist: Jesus Christus. Und zu ihm gehöre ich schon längst. Mit Christus bin ich schon längst aufs engste verbunden:

„Ihr seid doch Gottes geliebten Kinder, daher sollt ihr seinem Vorbild folgen.

Ihr seid Gottes geliebte Kinder, daher könnt ihr seinem Vorbild folgen.“

 

Lasst Euch das in den Ohren zergehen: Ihr seid Gottes geliebte Kinder!

 

Und dann kommen mir die 10 Gebote in den Sinn, die wir gerade im Konfirmandenunterricht durchnehmen und lernen und für uns mit Inhalt füllen.

Und auch diese 10 Gebote, sie beginnen nicht einfach mit „Du sollst, du sollst nicht, du sollst, du sollst nicht.“ Die 10 Gebote haben vielmehr eine Überschrift, ohne die sie kaum einen Sinn hätten, weil sie nicht erfüllbar wären. Aber es gibt da eben diese Überschrift und sie lautet: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat.“

Gott hat uns in die Freiheit geführt. Und er führt uns auch heute in die Freiheit. Und diese Freiheit gilt es zu bewahren, damit wir uns nicht selbst in eine neue Knechtschaft führen.

 

Wenn ich nun versuche, mir diese innere Freiheit zu bewahren, so das kann bedeuten, dass ich meine festgefahrenen Meinungen aufgeben muss. So kann das heißen, dass ich meine Vorstellungen vom Leben, so wie es sein sollte, aufgeben muss.

Wenn ich nun versuche, mir diese innere Freiheit zu bewahren, so das kann bedeuten, dass Eltern ihre autoritäre Erziehung aufgeben. Und dass sie ihren Kindern was zutrauen und auch auf sie hören. Dass sie ihnen helfen, ihr Leben so zu leben, wie es zu ihnen (den Kindern) passt.

Wenn Menschen sich diese innere Freiheit, die Gott schenkt, bewahren wollen, dann kann das bedeuten, dass sich Ärzte der Knochenmühle Krankenhaus entziehen. Und dass sie ein Ohr nicht nur für meine Lunge, sondern auch für meine angeknackste Seele haben. Dass sie das wieder spüren, und darauf hoffen, weswegen sie dieser einmaligen Berufung gefolgt sind.

Wenn Menschen der Freiheit Gottes folgen, dann kann das bedeuten, dass Politiker an Jesus denken, wie er da zu Gründonnerstag die Füße wusch. Und dass sie sich auf den Grund und Anfang ihres Dienstes besinnen und dass sie sich wieder selbst zu Dienern machen.

Vielleicht denkt ein Forscher wieder neu über die Ordnung der Schöpfung Gottes nach. Und er wird gewahr, dass er selbst Teil dieser Schöpfung ist. Und dass er nicht alles versucht, nur weil es möglich ist und ohne, dass die Folgen absehbar wären.

Die alles entscheidende Frage ist aber: Wenn Du die Freiheit Gottes lebst, was bedeutet das dann? Heute? In der kommenden Woche? Was solltest Du lassen? Was solltest Du tun? Und: Wie solltest Du es tun?

 

Wenn dann aber die Schere in Deinem Kopf sofort wieder aufgeht und Du denkst: „Das kann ich auch nicht! Ich kann nicht wie Christus leben!“, dann stellt Paulus dem etwas entgegen. Er schreibt: Früher habt ihr nämlich selbst zur Finsternis gehört. Aber jetzt seid ihr Licht, denn ihr gehört zum Herrn. Führt also euer Leben wie Kinder des Lichts! – Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Gott will uns nicht verändern. Gott hat uns verändert! Gott will uns nicht erst an seinen Tisch einladen, er feiert bereits mit uns! Und dieses Bewusstsein für unsere Nähe zu Gott und seinem Handeln – denkt Paulus – lässt meine Nachfolge dem Vorbild Jesu gelingen:

Führt also euer Leben wie Kinder des Lichts! – Denn das Licht bringt als Ertrag lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Du bist das Licht der Welt!

Die Andacht wurd zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

 

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Weltgebetstag 05.03.2021

Vanuatu

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema „Von der Rolle“

Jeremia Kaptiel 1, Vers 4–8 Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

 

„Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler.“

 

Diese Worte legte Shakespeare dem Jacques in „Wie es euch gefällt“ im zweiten Akt in den Mund. Das Leben als Bühne zu beschreiben, ist eine beliebte Metapher. Doch dieses Bild ist näher an der Realität als man oft denkt. Denn alle Menschen wachsen in ihrem Leben in eine Rolle hinein.

Jedes Leben eines Menschen wird von äußeren und von inneren Faktoren bestimmt. Einerseits gibt es die Kultur, die Umwelt, die persönlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Andererseits gibt es die Innenwelt des Individuums, die wiederum ganz andere Faktoren bei vielleicht gleichen äußeren Bedingungen mit in den Ring wirft. Hier kommen dann die Talente, Stärken und Schwächen, Vorlieben, Neigungen mit ins Spiel, die wiederum beeinflusst sind von der Energie, der Lust oder Angst, von Freiheit oder Blockaden und vielen weiteren Faktoren. All dies ist eine Art Knetmasse in unseren Händen, die wir in der Bedeutung für uns selbst und unser Leben neu und anders formen könnten, wenn wir denn wollen. Das Leben ist in gewisser Weise ein noch völlig unfertiges Drehbuch, das für jeden Menschen ganz viel an kreativem Potenzial beinhaltet.

Doch wer hat schon am Anfang seines Lebens eine Bedienungsanleitung, dieses Potenzial zu wecken und so seine Rolle im Leben zu finden?

Auch Jeremia ging es so. Gott wählte ihn aus, um zum israelischen Volk zu sprechen. Doch Jeremia zweifelt. Er fühlt sich zu jung, zu unerfahren; er weiß nicht, ob er dieser Rolle gewachsen ist.

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

So lesen wir es im ersten Kapitel bei Jeremia. Gott erklärt Jeremia, dass er noch vor der Geburt dafür bestimmt ist, seine Rolle anzunehmen. Er hat gar keine Wahl.

„Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ Diese Frage kennen wir alle aus unserer Kindheit. Im Laufe des Lebens richten wir uns aus und suchen ein Betätigungsfeld, dass uns erfüllt. Wir suchen unsere Berufung – daher ja auch das Wort „Beruf“. Doch scheuen wir oft vor unseren Wünschen zurück. Kann ich das? Wird es mich erfüllen?

Mal ehrlich: Sind wir uns immer sicher, dass wir den Beruf ausführen, zu dem wir berufen sind? Viele fühlen sich nicht fähig, der inneren Stimme zu folgen und sich auf das Wagnis einzulassen, genau das zu tun, wofür man „bestimmt“ ist. Dies sind die eigenen Blockaden, das fehlende Selbstbewusstsein, die Versagensängste. Aber auch äußerliche Blockaden sind zu überwinden, wie zum Beispiel die eigene wirtschaftliche Situation.

Gott hat uns unsere Talente mit in den Mutterleib, in die Wiege gelegt und wir müssen nur die Zeichen erkennen und ihnen folgen. Das ist einfach gesagt.

Woher nehmen Menschen den Mut, ihre Rolle anzunehmen und die Ängste zu überwinden? Wie schafft es eine Greta Thunberg, sich vor die UN-Versammlung zu stellen und Missstände anzuprangern? Woher nahm Martin Luther den Mut, sich gegen den Papst zu stellen?

Es geht auch allgemeiner: Wieso wird ein Mensch Krankenpfleger? Wieso Schauspieler?

Es ist die Berufung von Gott. Man kann sie spüren, wenn man es zulässt.

Und wir können dieser Berufung folgen, denn Gott gibt uns die Kraft, die wir brauchen. Jeden Tag aufs Neue.

Man braucht keine Angst zu haben, einen Weg einzuschlagen, denn Gott hat uns diesen Weg mitgegeben. Und noch etwas: Er verspricht uns, dass er bei uns ist und uns erretten wird.

Also, wagen wir es: Haben wir keine Angst und nehmen wir unsere Rolle an, denn wir können Gott vertrauen!

 

Amen

 

Psalm 34:

Ich will den Herrn loben allezeit;

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des Herrn,

dass es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den Herrn

und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Da ich den Herrn suchte, antwortete er mir

und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude,

und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der Herr

und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des Herrn lagert sich um die her,

die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

Wohl dem, der auf ihn trauet!

Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen!

Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

 

Wir beten:

Herr,

lass mich die Ruhe finden, damit ich die Talente finde, die in mir schlummern

und gib mir den Mut, Blockaden einzureißen, um deinen Weg gehen zu können.

Sei bei mir, wenn ich zweifle und gib mir die Kraft, die ich brauche, um deinen Plan zu verwirklichen.

Führe mich und halte mich.

Amen

 

Vaterunser

 

Segen:

Mögen auf dem Weg Deines Lebens immer wieder Zeichen erscheinen,

die Dir sagen, wohin Du unterwegs bist.

Mögest Du die Kraft haben, die Richtung zu ändern,

wenn Du den alten Weg nicht mehr gehen kannst.

Die Passionsandacht wurde von Volker Kasch erarbeitet.

 

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Reminiszere

Erster Sonntag der Fastenzeit – 28. Februar 2021

Jesaja 5, 1-7

57 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte.

3Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

5Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

7Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

(Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

So das einigermaßen bekannte Gelassenheitsgebet von Reinhold Niebuhr.

Zum ersten Mal bin ich auf dieses Gebet gestoßen, als es mir meine Mutter mitbrachte und ich mich fragte: „Warum eigentlich?“ Aber Geduld ist schon eines meiner Themen: Oft fällt es mir schwer, auszuhalten, dass Veränderungen so viel Zeit brauchen. Oder dass andere ein anderes Tempo haben als ich. Am schwersten fällt es mir aber geduldig auszuhalten, wenn ich etwas nicht auf die Reihe bekomme – und zwar am besten gleich:

Neulich z.B. wollte ich ein Workout mit meinem neuen Fitnessarmband starten. Aber das Display reagierte einfach nicht. Oder ging wieder zurück auf den Startbildschirm. Beim dritten Versuch habe ich das Armband in die Ecke geworfen.

Geduld ist endlich, aber: Man kann sie üben.

Im heutigen Jesajatext ist Gott mit seiner Geduld am Ende. Und zwar völlig. Jahrelang und auf ganz unterschiedlichen Wegen hat er versucht, sein Volk Israel von einem Weg mit ihm – mit Gott zu überzeugen. Aber die Menschen gingen immer wieder in andere Richtungen. Und nun lässt er seinen Propheten Jesaja ein lyrisch wunderschönes, aber inhaltlich schreckliches Lied singen: das Lied von einem Weinberg, der trotz all der vielen Bemühungen keine Frucht trägt und den der Winzer darum nun wüst lassen wird, ohne Pflege und ohne Schutz.

Geduld (oder Gelassenheit, Beharrlichkeit) gehört neben Barmherzigkeit, Beten, Fasten und natürlich Glaube, Liebe Hoffnung zu den christlichen Tugenden. Christinnen und Christen sollten sich also in Geduld üben, in Beharrlichkeit üben. Luther begründet das mit der unerschütterlichen Gewissheit, gerechtfertigt zu sein, also bereits alles gewonnen zu haben. Allerdings sollte Geduld auch seine Grenzen haben. Doch dazu später.

Zunächst aber: Wenn Christinnen und Christen sich in Geduld üben sollen, wie können wir das tun?

  1. Zunächst ist wohl das Bemühen entscheidend, im Hier und Jetzt zu sein.

Meine Geduld droht immer dann zu reißen, wenn ich gedanklich schon ein paar Schritte weiter bin, als es die Wirklichkeit ist:

Wenn ich z.B. Sport treibe, dann sehe ich mich schon viel fitter, als ich es tatsächlich bin. Und dann enttäuscht mich mein Tempo, enttäuscht mich mein Spiegelbild. Und ich kann die tatsächlich geschafften Entwicklungen – die ja zu meinem sportlichen Ideal führen! – gar nicht wahrnehmen und feiern.

Oder wenn ich eine elektrisierende Vorstellung davon habe, wie unser Team sich weiterentwickeln könnte und sollte. Aber da stellen immer wieder einige kritische Zwischenfragen oder haben ganz andere Ideen, dann stellt das meine Geduld auf die Probe. Statt dass ich wahrnehme, wieviel Energie und Engagement die Kritiker einbringen.

Je mehr ich im Hier und Jetzt bin, desto geduldiger kann ich all meine Energie und Klugheit in den nächsten Schritt, in bewusst gesetzte Teilziele stecken.

 

  1. Dann kann ich mich fragen, ob es immer die gleichen Situationen und Anlässe sind, die mich ungeduldig machen.

Ich bekomme z.B. Schweißausbrüche, wenn ich basteln soll oder wenn ich anderen etwas vormachen soll, von dem ich denke, sie könnten das viel besser.

Vielleicht hat das etwas mit der Schule zu tun. Jedenfalls habe ich in solchen Situationen schnell ein Prüfungsgefühl und reagiere unsicher und dünnhäutig und werde dann ungeduldig. Weil ich aus dieser Situation einfach nur raus will.

Aber wenn ich weiß, in welchen Situationen ich ungeduldig werde, dann kann ich mich bewusst auf solch einen Anlass einstellen und gelassener und spielerischer das Ganze angehen. Oder ich kann alternativ derartig stressende Situationen vermeiden. Weil ich nun wirklich weiß: Das ist nichts für mich!

  1. Mit Rückschlägen rechnen und Wartezeiten nutzen

Veränderungsprozesse kosten Zeit, oft viel Zeit. Und garantiert wird es zu Rückschlägen kommen. Das weiß jeder, der schon mal mit dem Rauchen aufhören wollte oder die Mitarbeit im Haushalt in seiner eigenen Familie erhöhen wollte. Ganz zu schweigen von Veränderungen in Teams oder gar der Gesellschaft. Änderungen brauchen viel Zeit und es wird Rückschläge geben!

Das zu erkennen, verhilft mir wiederum zur notwenigen inneren Einstellung: Ich bleibe im Hier und Jetzt und gehe den nächsten Schritt an und träume mich nicht schon ans Ende des Prozesses. Und auch investiere ich meine Kräfte an den Stellen, wo sie etwas bewirken, statt zu verpuffen.

Vielleicht schenken mir Wartezeiten und Rückschläge sogar unverhoffte Chancen: Ich kann die Zeit, die das Warten schenkt, nämlich nutzen. Für intensive Zusammenarbeit mit anderen beteiligten Menschen. Für innere Korrektur. Oder auch für völlig andere Dinge.

  1. Suche Dir MitstreiterInnen!

Und dann: Geh nie ein Projekt allein an! Du musst Dich nicht allein durchwurschteln! Nie! Es gibt immer Leute, die in eine ähnliche Richtung wollen. Oder Menschen, die Dich um Deiner Selbstwillen unterstützen möchten! Such Dir also unbedingt MitstreiterInnen. Und geht alles – von der Planung, über die Durchführung, bis zur Auswertung – gemeinsam an. Das mag manchmal kompliziert scheinen, ist aber am Ende viel hilfreicher und angenehmer, als alles alleine durchzuziehen. Und manchmal bekommst Du auch Unterstützung von Leuten, mit denen Du nicht gerechnet hast. Nimm sie an!

Aber auch, wenn Du Dich wunderbar in Geduld geübt hast: Manchmal sind Dinge auch einfach nicht dran. Egal, wie gut gedacht und wünschenswert sie auch sein mögen. Und es kann sein, dass Du mit einer zündenden Idee kommst und keiner will sie hören.

Besonders bitter ist es, wenn Du mit einem Projekt scheiterst und ein paar Monate später versucht es ein anderer und – hat Erfolg. Das liegt daran, dass es auf den richtigen Zeitpunkt ankommt: Ideen und Wünsche sind nicht für alle Zeiten gleich passend und hilfreich. Es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an, sie zu zünden. Niemand würde z.B. mitten im Winter im Garten pflanzen wollen. Aber es gibt unsere innere Uhr und die zieht uns jetzt fast von alleine in den Garten und in die Gartencenter. (Nun ja, unsere innere Uhr würde uns ins Gartencenter ziehen, wenn das denn ginge…) Meine Erfahrung ist: Achte auf Dein Gefühl! Es gibt Ideen, da denkst Du: „Man müsste eigentlich mal…“ Aber Du bekommst den Hintern nicht hoch. Aus gutem Grund wahrscheinlich! Und dann kannst Du andererseits bei einer Idee einfach nicht sitzen bleiben, weil Du weißt und spürst: Das ist es! Und zwar genau jetzt! Wenn das so ist, dann leg alles andere zur Seite und geh Deine Idee mit voller Kraft an! Nutze Deine Chance!

 

Aber ein Letztes ist mir wichtig: Wir haben schon gewonnen… Ihr erinnert Euch Luther: Bei Gott haben wir schon alles gewonnen und alles wird gut ausgehen. Das darf uns die Freiheit schenken, auch gewagte Sachen und Ideen anzugehen. Das darf uns den Mut schenken, Versuche zu wagen und auch scheitern zu können. Denn nur durch Versuch und Scheitern – trail and error – hat sich die Menschheit, hat sich jeder einzelne von uns weiter und zu dem entwickelt, der wir sind. Erinnert Euch, wie oft ein Kind versucht, aufzustehen und hinfällt, um dann endlich laufen zu können – irgendwann, nach 1000 vergeblichen Versuchen. Wagt etwas! Scheitert! Und versucht etwas Anderes und mit einem anderen, variierten Zugang.

Und dann kann man am Ende – wenn man alles versucht hat – auch Projekte ganz einstellen. Denn es gibt auch Grenzen den Geduld – es muss sie geben! Und das ist nicht schlimm! Schlimm wäre es, noch nicht einmal den Versuch zu wagen. Aber wenn wirklich nichts geht, dann kann man sich auch einen neuen Job, eine andere Stadt oder ganz andere Ideen suchen. Oder eben seinen Weinberg endlich loszulassen und links liegen zu lassen, dass etwas ganz anderes aus ihm werde.

Um dann mit voller Kraft und aller Hoffnung eine andere der Möglichkeiten zu wählen, die Gott und Dein Leben Dir schenken.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden! Andacht zum Thema „Alles auf Anfang“

Sprüche, Kapitel 823 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. 29Als Gott dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, 30da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. (Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

In diesen Versen hören wir die „Weisheit“. Die „Weisheit“ findet sich in der Bibel vor allem im Buch der Sprüche als eine literarische Gattung. Sie bemüht sich, das Leben zu ordnen und tut dies auf Grundlage menschlicher Erfahrungen. Immer wieder begegnet die Vorstellung, dass das, was Menschen tun – positiv oder negativ – auf sie zurückfällt: positiv oder eben negativ. So ist das ausgesprochen spannende und manchmal erheiternde biblische Buch der Sprüche voller Ratschläge „der Weisheit“ oder auch eines „Vaters“ und voller Sprichworte, wie z.B.: 1117Ein barmherziger Mann nützt auch sich selber; aber ein herzloser schneidet sich ins eigene Fleisch.

Hier nun verortet sich „die Weisheit“ ganz in der Nähe Gottes: Von Ewigkeit her sei sie eingesetzt und auch als Gott Himmel und Erde schuf, sei sie schon dabei gewesen. Auch als emotional beschreibt „die Weisheit“ ihre Nähe zu Gott: Sie sei seine Lust gewesen. Und dann wird es besonders interessant: Was sie tut, beschreibt „die Weisheit“ als spielen: Ich war Gottes Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; 31ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Die Weisheit spielt? Erfahrung, die Dinge des Lebens einordnen und lernen sind eng verbunden mit Spielen?

Der Duden kennt natürlich das Spielen von Gesellschafts- und Glücksspielen und verbindet es eng mit Kindern. Aber er bietet auch eine etwas andere Bedeutung und definiert spielen als „sich zum Vergnügen, Zeitvertreib und allein aus Freude an der Sache selbst auf irgendeine Weise betätigen, mit etwas beschäftigen.“ Wenn ich nun dieses Verständnis von Spielen mit Weisheit, also Erkenntnis, Lernen, dem Einordnen von Lebenszusammenhänge und letztlich mit Lebensglück verbinde, dann ist der Ratschlag „der Weisheit“: Spielt mehr! Spielt mehr und ihr lernt für Euer Leben! Spielt mehr und ihr findet Lust bei Gott und Lust an den Menschenkindern! Spielt mehr und ihr gewinnt Lebensglück!

Nun frage ich mich persönlich: Wann habe ich das letzte Mal gespielt? Und um Brettspiele geht es hier ja nicht! Wann habe ich das letzte Mal aus reinem Vergnügen, einfach als Zeitvertreib oder aus Spaß an der Freud‘ mich mit irgendetwas beschäftigt? – Ich müsste lange nachdenken! Und das ist erschreckend! Ich lese gerne, ich wandere gerne, ich streife gerne durch Städte, aber ist das „spielen“? Vielleicht. Aber eher gemeint ist wohl eine leidenschaftliche und eben nicht zielorientierte Beschäftigung mit irgendeinem Steckenpferd, einfach, weil es mich fasziniert, mir Spaß macht und mich ausfüllt.

Warum „spiele“ ich so wenig? Sicher: Mein Tag ist eng getaktet. Und ich bemühe mich redlich, all die vielen, verschiedenen Jonglierkugeln meines Lebens in der Luft zu halten. Aber die Antwort ist doch viel erschreckender: Ich drohe zu verlernen, wie man spielt. Ich habe tief verinnerlicht, dass alles einem Zweck dienen sollte. Dass ich meine Zeit nicht vergeuden sollte. Dass mich Spiele nicht weiterbringen. Dass Spiele nervige Wettbewerbe, wer der Bessere ist, sind. Dass mich die so unglaublich intensiven Spiele von gestern heute schon nicht mehr interessieren und also die Beschäftigung mit ihnen kaum der Mühe wert ist. Vielleicht ist es aber ganz anders: Vielleicht verliere ich das Interesse an einem Spiel schlicht, weil ich schon alles über dieses Spiel oder durch dieses Spiel gelernt habe, was es zu lernen gibt. Denn wie es scheint, lernen wir kaum besser, als wenn wir spielen.

Zum Vergnügen, Zeitvertreib und allein aus Freude an der Sache selbst auf irgendeine Weise betätigen, mit etwas beschäftigen… Wie schön wäre das denn! Ein Urlaub für die Seele: Endlich Spielraum in meinem Alltag, der mich meine Lust an meinem Leben, an Gott und an den Menschenkindern spüren lässt. Endlich Spielraum in meinem Alltag, in dem ich mich im Ausprobieren, im Nachsinnen, in plötzlichen Erfolgen, im Zusammensetzen all der Puzzleteile verlieren kann. Um dann… Aber nein! Das wäre mindestens einen Schritt zu weit!

Impulsfragen

  1. Was spielte ich früher gerne? Was heute?
  2. Bin ich ein „anderer Mensch“, wenn ich spiele? Welche Seiten von mir kommen dabei raus?
  3. Wann ist ein Mensch für mich weise?
  4. Womit würde ich mich gerne „zum Vergnügen, Zeitvertreib und allein aus Freude an der Sache selbst auf irgendeine Weise betätigen, mit etwas beschäftigen“? Was könnte mich daran hindern, es zu tun?

 

Wochenpsalm

Psalm 911Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

3Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.

4Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.

Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,

vor dem Pfeil, der des Tages fliegt, 6vor der Pest, die im Finstern schleicht,

vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

7Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten,

so wird es doch dich nicht treffen.

8Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Frevlern vergolten wird.

9Denn der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

10Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.

11Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

13Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.

14»Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.

15Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören;

ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.

16Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.

 

Gebet und Vaterunser

 

Segen

Der Segen des Gottes von Sarah und Abraham,

der Segen Jesu Christi, von Maria geboren

und der Segen des Heiligen Geistes, der über dich wacht, wie ein guter Vater und eine gute Mutter über ihr Kind,

er komme auf dich und bleibe bei dir, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Invokavit, Impulse zum Ersten Sonntag der Fastenzeit 

21. Februar 2021

Evangelium nach Johannes, Kapitel 1321 Als Jesus das gesagt hatte, war er im Innersten tief erschüttert. Er erklärte ihnen: „Amen, amen, das sage ich euch: Einer von euch wird mich verraten.“22 Da sahen sich die Jünger ratlos an und fragten sich: „Von wem spricht er?“23 Einer von seinen Jüngern, den Jesus besonders liebte, lag bei Tisch an der Seite von Jesus.24 Ihm gab Simon Petrus ein Zeichen .Er sollte Jesus fragen, von wem er gesprochen hatte.25 Der Jünger lehnte sich zurück zu Jesus und fragte ihn: „Herr, wer ist es?“ 26Jesus antwortete: „Es ist der, für den ich ein Stück Brot in die Schüssel tauche und dem ich es gebe.“ Er nahm ein Stück Brot, tauchte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot.

27Sobald Judas das Brot genommen hatte, ergriff der Satan Besitz von ihm. Da sagte Jesus zu ihm: „Was du tun willst, das tue bald!“28 Von den anderen am Tisch verstand keiner, warum Jesus das zu Judas sagte.29 Weil Judas die Kasse verwaltete, dachten einige, dass Jesus zu ihm gesagt hatte: „Kauf ein, was wir für das Fest brauchen.“ Oder sie dachten: Jesus hat ihm aufgetragen, den Armen etwas zu geben.30 Als Judas das Stück Brot gegessen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. (Übersetzung: Basisbibel, online: www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/BB)

 

Wie frei sind wir eigentlich in unseren Entscheidungen? Inwieweit haben wir unser Leben in den eigenen Händen? Bis zu welchem Punkt ist unser Leben „planbar“?

 

Oder andersherum gefragt: Was ist eigentlich in unserem Lebenslauf vorherbestimmt? Wie groß ist der Einfluss unseres Umfeldes, all der Sachzwänge, in denen wir stecken? Und was ist eigentlich „Schicksal“?

 

Die Pisastudie hat ja schmerzhaft deutlich gemacht, wie schwer es für Kinder aus „einfachen Verhältnissen“ ist, auf’s Gymnasium zu kommen:

Schafften 27% der Beamtenkinder diesen Schritt, waren es nur 11% die aus einem Arbeiterhaushalt kamen und 12% hatten arbeitslose Eltern.

Ein schlauer Kopf und Lernwille machen offenbar nur einen Teil der Aufstiegschancen aus…

 

Oder nehmen wir die aktuelle Diskussion um Flächenverbrauch und den Sinn von Einfamilienhäusern:

Die Zeit hat deutlich gemacht, dass – egal, ob noch weitere Bauflächen ausgewiesen werden oder nicht – sowieso nur noch diejenigen bauen können, die etwas geerbt haben. Für die meisten anderen wird ein eigenes Haus, eine eigene Wohnung schlicht zu teuer werden.

Der Traum von Adenauers Häuslebauern ist ausgeträumt. So oder so.

 

Oder: Habt Ihr die NS-Prozesse in Itzehoe und Neuruppin zur Kenntnis genommen? Da werden einer 95jährigen KZ-Sekretärin und einem 100jährigen KZ-Wachmann die Prozesse gemacht.

Beide geben an, sie hätten von all dem nichts gewusst. Und hätten eh keinen Anteil an den grauenhaften Massenmorden gehabt.

Aber genau darum geht es in diesen Prozessen: Verantwortung an Anteil und Freiheit der „kleinen Rädchen“ am großen Ganzen!

 

Wie frei sind wir in unseren Entscheidungen?

Oder andersherum gefragt: Welche Gestaltungsfreiräume haben wir eigentlich in unserem Leben? Welche Rolle spielen Umfeld, Sachzwänge und – das „Schicksal“?

 

Am Abend, von dem uns das Johannesevangelium vorhin berichtet hat, kippte bei Jesus plötzlich die Stimmung. (Gut, dass nicht nur mir sowas ab und an passiert!)

Jesus hatte gerade einen sehr intensiven Abend mit seinen engsten Freundinnen und Freunden verlebt – es war der Abend, bevor es losging mit Verhaftung, Geißelung und Schauprozess…

– Jesus hatte seinen Freundinnen und Freunden die Füße gewaschen und sie so spüren lassen, wie lieb wir Menschen Gott sind und was Gott alles für uns zu tun bereit ist.

– Jesus hatte noch mal in einer kurzen Rede verdeutlich, wie wichtig ihm Gastfreundschaft, Nächstenliebe und radikale Hilfsbereitschaft sind: „Wer jemanden aufnimmt, der nimmt mich auf“, hatte er gesagt.

Und eben dann kippte seine Stimmung. Er wurde „betrübt im Geist“ und dann kippte ein Dominostein nach dem anderen die Stimmung der ganzen, gemütlichen Runde. Klar – nach solch einem Satz: „Einer von Euch wird mich verraten.“

 

Und dann tunkt Jesus sein Brot in das Essen, gibt es Judas Iskariot und damit ist klar, wie es weiter gehen wird: Für Judas, für Jesus, für seine Freundinnen und Freunde und selbst für uns.

 

Wie frei sind wir eigentlich in unseren Entscheidungen?

Und was ist Sachzwang, gar „Schicksal“?

Denn: Hatte Judas überhaupt eine Chance, sich anders zu verhalten?

Hat Jesus ihn gar zum Verräter gemacht, weil er ihm das getunkte Brot gab?

Oder hätte die Geschichte für Judas auch anders ausgehen können?

 

Philosophen, Theologinnen und ganz normale Leute haben sich solche Fragen oft gestellt. Und spätestens, wenn Du durch Krankheit und Leid in der Patsche sitzt, stehst Du vor ihr: Wie ist es eigentlich so gekommen? Und dann im nächsten Schritt vielleicht sogar: Wie konnte Gott das zulassen?

 

Einige sagen, dass Gott die einen Menschen zum Heil beruft und andere zum Unheil.

Für Judas wäre die Wahl Gottes also schlecht gelaufen und er hätte – wie der Pharao – nie eine Chance auf einen anderen Ausgang der Geschichte gehabt.

 

Andere sagen, der Mensch könne sich frei entscheiden.

Nach diesem Konzept hätte Judas also selbst gewählt, Jesus zu verraten und lief quasi sehenden Auges ins Verderben.

 

Wieder andere sagen, alle Menschen wären zum Guten berufen, aber irgendetwas in uns wird immer wieder zum Bösen gezogen – so, wie unsere Hand magisch vom Handy angezogen wird. Und dann tobt da in uns ein Kampf… Aber der Ausgang dieses Kampfes ist offen. Und zwar bis zum Schluss.

 

Und es sind wirklich viele äußere Umstände, die unser Leben formen und gestalten:

Mein Elternhaus, Kindheit und Jugend, das Umfeld und die Kultur meiner Geburt habe ich mir ebenso wenig ausgesucht, wie die Stadt – Berlin – in der ich aufgewachsen bin:

Wer wäre ich heute, wo würde ich stehen, wenn ich Kind syrischer Eltern wäre oder der Sohn von Putin?

 

Und auch mein Aussehen, meine Auffassungsgabe, meine Gesundheit sind mir in weiten Teilen mitgegeben worden.

 

Und dann kommen Schule, Freunde und selbst meine große Liebe hinzu: Hätte ich eine andere Fortbildung besucht, würde mein Leben wohl ganz anders aussehen.

Nennt es Zufall, nennt es göttlichen Plan:

Das ist mein Leben. Und ich muss mit ihm klarkommen. Und das komme ich auch! Denn ich bin sehr glücklich, wie es verlaufen ist, wie sich eins aus dem anderen ergeben hat, wie ich gewachsen bin und wie es jetzt ist. Jetzt in diesem Augenblick! Und ich freue mich auf jeden einzelnen Tag, der kommt und bin gespannt, was noch alles kommen wird.

Nichts von all dem nehme ich als selbstverständlich!

Und noch weniger ist verdient!

All das ist für mich ein großes Geschenk! Und mir ist schmerzlich bewusst, wie viele andere Menschen ein viel härteres Leben führen müssen.

 

So fällt es mir besonders leicht, Gottes Gnade in meinem Leben wahrzunehmen. Denn Gott wendet sich mit seiner Liebe, seiner Zuwendung jedem von uns zu. Und selbst in den harten Kloppern meines Lebens konnte ich Gottes Gegenwart erfahren. Und damit meine ich, dass Gott uns weder die schönen, noch die bitteren Dinge des Lebens schenkt oder aufnötigt. Und schon gar nicht hat Gott unser Leben bis ins Kleinste und bis zum Ende durchgeplant. Aber Gott begegnet uns in all dem. Er ist wie ein guter Vater, eine gute Mutter, er ist wie eine Freundin, ein Freund, der uns im Leben begleitet, der manches gut anlegt oder wendet, der aber eben nicht Schicksal spielt. Denn:

Wir sind keine Marionetten!

Wir sind Gottes Gegenüber!

Wir sind um Weniges kleiner von ihm geschaffen, als er selbst ist.

Wir sind Gottes Partnerinnen und Partner.

Und er nimmt uns ernst, traut uns manches zu. Er begleitet uns segnend und liebevoll. Und gestaltet mit uns – im Team – diese Welt.

 

Und so können wir uns auch gegen ihn entscheiden.

Können grobe Fehler machen.

Oder andere werden – aus ihren Beweggründen – an uns schuldig.

Und vielleicht hat Gott – wie ein Vater – schon so ein Gefühl, wie es wohl mit uns werden könnte. Aber wir selbst haben es in der Hand. Und können aus dem, was wir im Leben vorfinden und was sich in seinem Lauf ergibt, so viel formen und gestalten.

 

Judas hat sich gegen das Leben entschieden.

Oder er wollte mit seiner Entscheidung Jesus zwingen, endlich seine Macht zu zeigen und die Menschen zu sich zu bringen.

Aber Gott hat eben einen anderen Plan: Gott zwingt nicht. Sondern er ruft. Gott ruft und lädt ein: In die Gemeinschaft mit ihm und in sein Team des Lebens. Und er möchte, dass wir seinem Ruf folgen – aus freien Stücken.

 

Und am Ende ist es mit Judas‘ Entscheidung so, wie es so oft im Leben ist – auch in unserem Leben:

Gott gebraucht, Gott formt selbst das Bittere und manch falsche Entscheidung zu etwas Gutem, zum Segen:

Jesus wird nach Judas‘ Verrat ausgeliefert. Und er stirbt.

Aber ohne diesen Tod, hätte er nicht zu etwas Größerem werden können, hätte er nicht auferstehen können – damit wir leben.

 

Die Passionszeit, die Vorbereitung genau auf diese Geschichten und Ereignisse hat am Mittwoch, am Aschermittwoch begonnen.

Eine der Fastenaktionen – 7-Wochen-ohne – steht unter dem Motto „Spielraum! – 7-Wochen-ohne Blockaden“.

Wir können die kommenden sieben Wochen nun für uns nutzen, wenn wir wollen.

Und wir können gerade in all den Blockaden und Hindernisse der Jahre 2020 / 2021 eine Ahnung davon bekommen, an welchen Stellen Gott uns in all der Bedrängnis auf weiten Raum stellt und uns Möglichkeiten zum Handeln schenkt. Wir können mutig und beharrlich und mit viel Kreativität all die Begrenzungen, unter denen wir leiden, Stück für Stück nach außen schieben und unseren Lebensspielraum erweitern – um dann immer wieder gute Entscheidungen des Lebens zu fällen.

 

Wir können genau an dieser Stelle auch unsere Nachbarinnen und Nachbarn, all unsere Nächsten und Liebsten im Blick behalten und für ihren Spielraum streiten. Und wo wir selbst zu Blockierern werden, können wir sie frei geben.

 

An den Stellen aber, an denen wir nicht weiterkommen, lasst uns Geduld und Beharrlichkeit aufbringen. Lasst uns nicht vorschnell klein beigeben. Lasst uns vielmehr gewiss sein, dass Gottes Liebe und Zuwendung wirken und Leben schaffen wird, auch da, wo wir derzeit vielleicht nur Leid sehen.

 

Solche Geschichten lasst uns leben und erzählen:

Geschichten von Freiheit und Abenteuer.

Geschichten von Gott und uns.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Estomihi, Sonntag vor der Passionszeit – 14. Februar 2021

Jesaja 58, 1-9

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen? Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8  Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten.

Gestatten Sie mir, die Betrachtung dieses an sich sehr ernsten Textes mit einem recht trivialen Erlebnis einzuleiten, dass ich vor etlichen Jahren, genauer gesagt Jahrzehnten, hatte. Damals, in meinen jungen Jahren, hatte ich einen polnischen Brieffreund namens Zygmunt, mit dem ich korrespondierte, natürlich noch ganz altmodisch mit Papier, Briefumschlag und Marke, wie das in jener Zeit noch üblich war. Einmal besuchte ich ihn seinem damaligen Wohnort, der Stadt Toruń (deutsch Thorn). Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Landsleute war Zygmunt alles andere als religiös. Dennoch ließ er sich dazu überreden, mit mir in eine polnische Messe zu gehen. Beim Mittagessen nach dem Gottesdienst witzelte er in Bezug auf das schlechte Wetter, eigentlich hätten wir jetzt besseres Wetter verdient, wo wir doch so schön fromm in die Kirche gegangen seien. Ich sah mich nun nicht zu tiefgründigen theologischen Erwiderungen in der Lage, und schon gar nicht auf Polnisch. Ich antwortete daher auf dem gleichen Niveau und sagte, er habe so viele Sünden auf dem Buckel, dass da ein einmaliger Gottesdienstbesuch nicht ausreiche. Zygmunt behielt allerdings das letzte Wort, indem er einwandte, er müsse doch so viel arbeiten, dass er gar keine Zeit zum Sündigen habe. Das ließ ich dann so stehen, denn ich wusste, dass er tatsächlich im Schichtbetrieb in einer Fabrik malochte.

So ganz Unrecht hatte Zygmunt ja mit seiner zunächst recht albern klingenden Bemerkung, treuer Gottesdienstbesuch müsse doch mit gutem Wetter belohnt werden, gar nicht. Hand aufs Herz: Sind wir wirklich völlig frei von solchen Gedanken? Haben wir vielleicht nicht doch schon einmal insgeheim gedacht: Eigentlich dürfte es mir etwas besser gehen, der liebe Gott müsste mich doch irgendwie dafür belohnen, dass ich ein so guter Christ bin.  Mit einer solchen Meinung befänden wir uns übrigens in bester biblischer und christlicher Gesellschaft. Viele Menschen in der Bibel, aber auch die Mitglieder nichtchristlicher Religionen, gehen davon aus, dass rituelle Handlungen – Opfer, Gebete, Gelübde, gottesdienstliche Zusammenkünfte – letztlich Gott oder die Götter günstig stimmen und zu verdientem Wohlergehen führen müssten. Die alten heidnischen Römer fassten dies mit dem Satz „Do ut des“ zusammen, d.h. „Ich gebe dir[Gott] etwas, damit du mir etwas gibst.“ Ist das grundsätzlich falsch? Ich komme noch einmal auf diese Frage zurück.

Dieser Zusammenhang zwischen frommem Verhalten und Wohlergehen ist ja oft auch Menschen bekannt, die dem Christentum und der Kirche distanziert gegenüberstehen, bzw. sie unterstellen ihn dann als Motiv uns, den sogenannten Frommen. Das geschieht oft durch ironische Bemerkungen wie bei meinem alten Freund Zygmunt. Aber sie unterstellen uns häufig auch noch etwas anderes, nämlich Heuchelei. Das schlägt sich dann in Bemerkungen nieder wie: „Was? Die wollen Christen sein. Die rennen jeden Sonntag in die Kirche, behandeln aber ihre Mitmenschen wie Dreck!“

Das Erstaunliche und für uns vielleicht Ärgerliche ist, dass der Verfasser unseres Predigttextes auf der Seite solcher modernen Kritiker zu stehen scheint. Er bezieht sich auf soziale Missstände, für die er seine Zuhörer bzw. Leser verantwortlich macht. Anschaulicher als in unserem Predigttext werden diese Missstände von Nehemia, einem Zeitgenossen des Propheten, beschrieben. In dem nach ihm benannten biblischen Buch heißt es (Nehemia 5, 1-4):

Die Männer des einfachen Volkes und ihre Frauen erhoben aber laute Klage gegen ihre jüdischen Stammesbrüder. Die einen sagten: „Wir müssen unsere Söhne und Töchter verpfänden, um Getreide zu bekommen, damit wir zu essen haben und leben können“. Andere sagten: „Wir müssen unsere Felder, Weinberge und Häuser verpfänden, um in der Hungerzeit Getreide zu bekommen.“ Wieder andere sagten: „Auf unsere Felder und Weinberge mussten wir Geld aufnehmen für die Steuern des Königs. Wir sind doch vom selben Fleisch wie unsere Stammesbrüder; unsere Kinder sind ihren Kindern gleich und doch müssen wir unsere Söhne und Töchter zu Sklaven erniedrigen. Einige von unseren Töchtern sind schon erniedrigt worden. Wir sind machtlos und unsere Felder und Weinberg gehören anderen.

Mit anderen Worten: Viele hatten sich in Notzeiten, etwa aufgrund von Missernten, verschuldet. Sie mussten Kredite aufnehmen, um Saatgut zu kaufen, zu einem von unserem heutigen Verständnis unglaublichen Zinssatz von 75%. Wenn sie diese Schulden nicht zurückbezahlen konnten, mussten sie ihre Kinder in die Schuldknechtschaft verkaufen, d.h. die Kinder mussten als Sklaven die Schulden auf den Feldern der Kredithaie abarbeiten. Am schlimmsten kam es aber, wenn auch das nicht ausreichte und sie ihre eigenen Felder und Weinberge, d.h. die Produktionsmittel, verkaufen mussten. Dann konnten sie nur noch als mittel- und landloses Proletariat in die Städte abwandern und als obdachlose Bettler auf die Mildtätigkeit  barmherziger Menschen hoffen.

Ja, schlimme Zeiten und schlimme Zustände waren das damals, mögen wir selbstgefällig sagen. Aber zum Glück gehört das längst der Vergangenheit an, oder wenn es das auch heute noch gibt, dann höchstens irgendwo in der Dritten Welt, in so einer Bananenrepublik. Wir haben ja, Gott sei Dank, einen Sozialstaat, der sich um solche Probleme kümmert, so dass eigentlich niemand hungern oder unter Brücken schlafen müsste. Gerade in der jetzigen Corona-Zeit haben doch viele die Großzügigkeit der öffentlichen Hand erfahren. Und von Wucherzinsen sind wir  meilenweit entfernt.

Da ist sicher etwas dran. In der Tat scheint bei uns niemand unter der extremen materiellen und sozialen Not zu leiden, welche die Propheten Jesaja und Nehemia so drastisch in Bezug auf ihre Zeitgenossen schildern. Der Sozialstaat, den viele auch schon für übertrieben halten, ist in der Tat eine gute Sache. Letzten Endes ist er eine Folge christlichen Predigens und Handelns, das aller Kritik und Unkenrufen zum Trotz im Laufe der Geschichte Gutes bewirkt hat, was wir heute als ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen. So scheint das, was Jesus im sogenannten Weltgericht positiv in Bezug auf seine Nachfolger sagt, auf den ersten Blick eine adäquate Beschreibung unseres Sozialstaates zu sein.

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist.

   Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt.

   Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt.

   Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet.

   Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.

   Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen (Matthäus 25,35-39)

Aber die Frage bleibt: Können wir uns wirklich von dieser Verantwortung freikaufen, etwa, indem wir den Sozialstaat mit unseren Steuern finanzieren oder wohltätige Organisationen durch Spenden unterstützen? In gewisser Weise schon, wenn wir erkennen und akzeptieren, dass Steuerhinterziehung und Geiz keine Option für Christen sind. Aber so wichtig das liebe Geld ist, es ist nur die „halbe Miete“. Nicht nur unser Geld, sondern wir selbst sind gefragt.

„Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut“ (Vers 7). Erinnert Sie dieser Satz des Propheten in unserem Predigttext an etwas? Dieses aus „deinem Fleisch“, bezogen auf den Mitmenschen, kommt auch in einer anderen Bibelstelle vor, die die meisten von Ihnen sicher gut kennen. Haben Sie eine Idee, welche ich meine? – „Das ist Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch“, sagt Adam im Schöpfungsbericht, als ihm Eva als Partnerin zugeführt wird.“. Und etwas weiter heißt es dann „die beiden werden ein Fleisch sein“ (1. Mose 2,23.24). Das bezieht sich nicht, wie es oft gesehen wird, ausschließlich auf die Ehe. Adam und Eva repräsentieren die Menschheitsfamilie in ihrem Ursprung. „Mein Fleisch“ – das bezieht sich nicht nur auf mich selbst, sondern auch auf meine Frau; aber nicht nur auf meine Frau, sondern auch auf meine Landsleute, meine „Stammesbrüder“, wie es bei Nehemia heißt; aber nicht nur auf meine Landsleute, sondern auf die ganze Menschheitsfamilie, die ihren Stammbaum auf Adam und Eva zurückführt.

Donald Trump ist jetzt zwar erst einmal von der politischen Bühne abgetreten, aber sein Wahlspruch „America first“ ist in Amerika noch sehr lebendig. Aber auch diesseits des Atlantiks, in unserem „christlichen Abendland“ ist uns dieses Denken nicht fremd. Das wird an dem unwürdigen Grapschen nach den Impfstoffen deutlich: Hauptsache, wir oder unser Volk sind versorgt, die anderen mögen sehen, wo wie bleiben.

Wenn ich den anderen, das andere Volk nicht als gleichberechtigten Partner annehme, oder meine, mir oder meinem Volk auf Kosten des Anderen etwas Gutes zu tun, schneide ich mir buchstäblich ins eigene Fleisch, weil der oder die Andere ja mein Fleisch ist („Das ist Bein von meinem Bein, und Fleisch von meinem Fleisch“). Es ist, als verstümmelte ich meinen eigenen Körper. Tue ich dagegen dem/der Anderen etwas Gutes, tue ich mir damit auch selbst etwas Gutes. Das hat auch die Psychologie bestätigt.

In unserem Predigttext kritisiert Jesaja das Fasten, das stellvertretend für alle Formen gottesdienstlichen oder frommen Handelns steht,  und fordert stattdessen, sozusagen als dessen eigentliche Erfüllung, soziales Handeln. Bedeutet dies nun,  dass wir uns nur sozial engagieren sollen, und auf so „frommen Kram“ wie Gottesdienst, Kirchenbesuch, Beten, Fasten u.s.w. verzichten können?

Keineswegs! Auch Jesus hat sich neben seiner umfangreichen Heilungs- und Predigttätigkeit immer wieder Auszeiten für sich mit Gott genommen, auf Bergen, in Tempel und Synagoge, im Garten Gethsemane. Soziales Engagement und Gottesdienst in umfassendem Sinne gehören zusammen wie zwei Sphären einer Kugel oder zwei Schalen einer Muschel. Gottesdienst ohne tätige Nächstenliebe ist gar kein Gottesdienst. Umgekehrt reibe ich mich im sozialen Engagement auf, wenn ich mir nicht diese Auszeit mit Gott nehme. Aus dem Gottesdienst gehe ich gestärkt wieder hinaus zum Dienst am Nächsten und an und in der Welt.

Am Ende hatte mein polnischer Freund Zygmunt also doch Recht. Durch den Gottesdienstbesuch verbessert sich zwar nicht unbedingt das Wetter, dafür kann er aber einen Einfluss auf das Klima haben, sowohl das weltweite meteorologische als auch das soziale zwischenmenschliche Klima.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott

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Sexagesimä – 07. Februar 2021

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Letzter Sonntag nach Epiphanias – 31. Januar 2021

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Dritter Sonntag nach Epiphanias – 24. Januar 2021

Buch Rut, Kapitel 1 Es war die Zeit, als das Volk Israel noch von Richtern geführt wurde. Weil im Land eine Hungersnot herrschte, verließ ein Mann aus Betlehem im Gebiet von Juda seine Heimatstadt und suchte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen Zuflucht im Land Moab. Der Mann hieß Elimelech, die Frau Noomi; die Söhne waren Machlon und Kiljon. Die Familie gehörte zur Sippe Efrat, die in Betlehem in Juda lebte. Während sie im Land Moab waren, starb Elimelech und Noomi blieb mit ihren beiden Söhnen allein zurück. Die Söhne heirateten zwei moabitische Frauen, Orpa und Rut. Aber zehn Jahre später starben auch Machlon und Kiljon, und ihre Mutter Noomi war nun ganz allein, ohne Mann und ohne Kinder. Als sie erfuhr, dass der Herr seinem Volk geholfen hatte und es in Juda wieder zu essen gab, entschloss sie sich, das Land Moab zu verlassen und nach Juda zurückzukehren. Ihre Schwiegertöchter gingen mit. Unterwegs sagte sie zu den beiden: „Kehrt wieder um! Geht zurück, jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr vergelte euch alles Gute, das ihr an den Verstorbenen und an mir getan habt. Er gebe euch wieder einen Mann und lasse euch ein neues Zuhause finden.“

Noomi küsste die beiden zum Abschied. Doch sie weinten und sagten zu ihr: „Wir verlassen dich nicht! Wir gehen mit dir zu deinem Volk.“ Noomi wehrte ab: „Kehrt doch um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Habe ich etwa noch Söhne zu erwarten, die eure Männer werden könnten? Geht, meine Töchter, kehrt um! Ich bin zu alt, um noch einmal zu heiraten. Und selbst wenn es möglich wäre und ich es noch heute tun würde und dann Söhne zur Welt brächte – wolltet ihr etwa warten, bis sie groß geworden sind? Wolltet ihr so lange allein bleiben und auf einen Mann warten? Nein, meine Töchter! Ich kann euch nicht zumuten, dass ihr das bittere Schicksal teilt, das der Herr mir bereitet hat.“

Da weinten Rut und Orpa noch mehr. Orpa küsste ihre Schwiegermutter und nahm Abschied; aber Rut blieb bei ihr. Noomi redete ihr zu: „Du siehst, deine Schwägerin ist zu ihrem Volk und zu ihrem Gott zurückgegangen. Mach es wie sie, geh ihr nach!“

Aber Rut antwortete: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des Herrn soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!“

Als Noomi sah, dass Rut so fest entschlossen war, gab sie es auf, sie zur Heimkehr zu überreden. So gingen die beiden miteinander bis nach Betlehem. (Übersetzung: Basisbibel)

Liebe Gemeinde,

seltsam:

eine der schönsten, eine der bekanntesten Geschichten der Bibel – und ich habe noch nie über sie gepredigt. Gut: Bei Hochzeiten schon!

„Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. 1Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden“, das ist einfach eine Steilvorlage für Hochzeiten! Aber darüber hinaus? In bald 25 Jahren noch nicht einmal über diesen wundervollen Text gepredigt!

 

Wohlan also – stellt Euch folgende Geschichte vor:

 

Ein Paar zieht mit seinen beiden Söhnen von Deutschland in die Türkei. Denn dort wollen sie leben. Und das tun sie offensichtlich gut, denn die beiden Söhne heiraten türkische Frauen.

 

Dann aber sterben – wie das oft im Leben ist – die drei Männer (Vater und Söhne) viel zu früh.

Und zurück bleiben die drei Frauen, die nun vor der Entscheidung stehen, wie es weitergehen soll.

 

Die Mutter entscheidet, zurück nach Deutschland zu gehen und legt ihren Schwiegertöchtern nah, in ihre Herkunftsorte und Herkunftsfamilien zurück zu kehren und also in der Türkei zu bleiben. Und das tut die eine auch.

Die andere aber sagt zu ihrer Schwiegermutter nach langen Überlegungen und langem Ringen eben diesen Satz: „Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. 1Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden.“ Und dann geht sie tatsächlich mit. Und die beiden fangen noch einmal neu an. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Die beiden Frauen in dieser Geschichte heißen Noomi (die Schwiegermutter) und Rut (die Schwiegertochter). Und sie ziehen von Israel nach Moab und am Ende eben wieder zurück.

 

Zugegeben: Man muss ein wenig um die Ecke denken, wenn man wissen will, was diese Geschichte jenseits von Frauenfreundschaft und Familienherzschmerz mit uns zu tun hat.

 

Die Feststellung z.B., dass Migration etwas Uraltes ist:

Schon immer zogen Menschen in fremde Länder und fingen dort neu an. Und das hatte ganz unterschiedliche und gute Gründe. Manchmal mussten sie auch wieder zurückkehren: Wie Noomi etwa, die dann ihre Schwiegertochter mitbringt. Oder hier im Osten Hamburgs all die Deutschen, die einst in die unterschiedlichsten Ecken Russlands gezogen waren. Weil es da Arbeit gab. Und die dann wieder zurückkehrten. Nach 2. Weltkrieg, Stalinismus und nach der Wende von 1989:

Es gibt gute Gründe aus der Heimat wegzuziehen. Und das war offensichtlich schon immer so. Und ich habe einen riesigen Respekt vor Menschen, die ihr Leben in die eigenen Hände nehmen, mutige Entscheidungen fällen und neu anfangen. Und in den meisten unserer Familien gibt es Menschen, die diese schwere Entscheidung fällen mussten. Meine Familie z.B. kommt zum einen Teil der Legende nach aus Südfrankreich. Der andere Teil kam aus ehemaligen Westpreußen. Und diese beiden Familienteile trafen sich dann bei Aachen. Ich aber wuchs in Berlin auf, um mit meinen Kindern über Reutlingen, Kiel, Wuppertal nach Oststeinbek zu ziehen:

Migration ist Teil unserer Familien. Migration ist Teil unserer Geschichte! Haben wir also Respekt vor allen, die sich solche Schritte trauen! Und helfen wir ihnen, wo wir können! Nehmen wir sie auf! Und lassen sie Teil unseres Lebens werden, dass wir gemeinsam „Heimat“ finden.

 

Denn darum geht es in dieser Geschichte auf der Metaebene:

Wie nehmen wir Verantwortung füreinander wahr?

Und was schenkt uns Heimat? Wie finden wir sie?

 

Heimat: Bei meiner Freundin hängt ein Schild im Flur, auf dem steht: „Ich bin da zuhause, wo sich mein Handy automatisch ins Internet einwählt.“ Und da ist sicher etwas dran!

 

Mit Sicherheit aber hängen Verantwortung und Heimat eng zusammen:

Denn da, wo Menschen für mich Verantwortung übernehmen, da bin ich zuhause, da ist meine Heimat. Und auch da, wo ich meinerseits Verantwortung übernehme, da bin ich zuhause, da ist meine Heimat.

In dieser Geschichte hier wird das auf den Punkt gebracht: Noomi und Rut übernehmen füreinander Verantwortung. Und da, wo dann die andere ist, da ist für sie Heimat.

 

Wie stark die menschliche Bindung, die daraus entsteht, sein kann, wird an dann an der Rückkehrgeschichte deutlich: Noomi entscheidet, in ihre alte Heimat und Kultur zurückzukehren – nach all diesen Jahren! – und das ist wohl ein großer Schritt. Aber die Bindung zwischen ihr und ihrer Schwiegertochter ist inzwischen so eng, dass diese mitzieht. Und in der Folge Teil der Kultur, des Volkes und der Religion ihrer Schwiegermutter wird: Rut wird Jüdin – so eng ist die Beziehung zwischen den beiden Frauen. Da, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, da entsteht Heimat – ein weiter und hilfreicher Raum.

 

Ich habe einen Freund, dessen Eltern zogen einst mit ihm aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet nach Deutschland. Viele ihrer Familie taten das damals. Und heute wohnt ihre große Familie in Deutschland, in Holland und in Schweden.

Mein Freund konnte hier bei Hamburg mit viel Arbeit eine Autowerkstatt aufbauen; seine Kinder haben sie mittlerweile übernommen. Und er selbst engagiert sich – neben Familie und Firma – in der örtlichen Politik, in der Flüchtlingshilfe, bei Charity-Veranstaltungen und im Vorstand einer Kirchengemeinde: Wo Menschen wechselseitig Verantwortung übernehmen, da entsteht Heimat. Und beide Seiten finden wahre Schätze. Und das sind dann auch keine „Migranten“ mehr oder „Geflüchtete“ oder gar „Türken“, „Russen“ oder „Polen“. Es sind Deutsche. Und wir sind gemeinsam Teil einer Nation, Teil einer Kultur. Wir sind Nachbarn, vielleicht Freunde und immer häufiger auch: eine Familie. Und das macht mich froh!

 

Ein letzter Gedanke: Manchmal müssen wir kluge und mutige Entscheidungen fällen. Bei diesen Entscheidungen können wir einander beraten. Aber jeder und jede von uns muss diese Entscheidungen für sich selbst fällen:

 

Noomi, die Schwiegermutter fällte einst die Entscheidung von Israel nach Moab zu ziehen. Und das war eine mutige und wahrscheinlich auch kluge Entscheidung.

Als ihr Mann starb, rappelt sie sich auf, zieht Bilanz und fällt wiederum eine mutige Entscheidung, sie will für ihren Teil zurück in die alte Heimat ziehen. Und auch das ist keine leichte und darum eine mutige Entscheidung.

Vor ihren Schwiegertöchtern hat Noomi Respekt. Ihre Schwiegertöchter liegen ihr am Herzen, also gibt sie ihnen einen Rat, lässt diese aber dann selbst entscheiden. Und die eine entscheidet sich zu bleiben und in ihre Herkunftsfamilie zu gehen, die andere aber entscheidet sich, mit ihrer Schwiegermutter zu ziehen:

Manchmal müssen wir kluge und mutige Entscheidungen fällen. Und jeder und jede von uns muss diese Entscheidungen für sich fällen. Und wir können dies so oder so tun.

 

Und damit möchte ich Mut machen, diese Verantwortung für sich selbst auch anzunehmen und Entscheidungen nicht aus dem Weg zu gehen oder sie auf die lange Bank zu schieben – dadurch wird alles nur noch schwerer! – sondern mutig und dann klug zu entscheiden. Die Entscheidungen anderer sollten wir hingegen natürlich absolut respektieren. Auch, wenn wir es vielleicht anders gemacht hätten.

Und bei all dem sollten wir darauf zu vertrauen, dass es

Menschen gibt, die uns gut beraten und dass uns unser Bauchgefühl schon die richtigen Hinweise gibt.

Wir sollten darauf vertrauen, dass uns selbst aus schwierigen oder gar falschen Entscheidungen etwas Gutes erwachsen kann und dass wir jederzeit neu entscheiden können.

Und schließlich sollten und können wir darauf vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint und dass ER – mit allem, was er kann – unsere Entscheidungen segnen wird. Damit wir Heimat finden, an dem Ort und mit wem das Leben uns zusammenbringt. Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Zweiter Sonntag nach Epiphanias – 17. Januar 2021

Liebe Gemeinde, Zu Beginn des Jahres steht ein Wunder im Mittelpunkt des 2. Sonntages nach Epiphanias. Gott, der Herr erscheint sichtbar in der Welt.

Die Hochzeit zu Kana

Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht zu dem Dienern: Was er euch sagt, das tut. Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Der Evangelist Johannes stellt dieses Wunder an den Empfang, damit alle verstehen, wer Jesus ist. Zu Beginn sollen wir, die Leser*innen begreifen und glauben, dass Jesus nicht ein gewöhnlicher Gast auf diesem Fest ist, sondern, dass er, der von Gott Gesandte ist.

Wir sehen das Bild einer Hochzeitsgesellschaft. Sie feiern im höher gelegenen Stock. Der Tisch ist reich gedeckt. Der Wein fließt reichlich. Die Gäste sind ausgelassen.

Im Nebengebäude spielt sich, währenddessen eine hektische Szene ab: Die Diener stellen fest, dass der Wein alle ist. Einer der Gäste und seine Mutter sind ebenfalls im Keller. Keiner weiß, warum. Als Jesus, und seine Mutter wieder in den Hochzeitssaal zurückgekehrt sind, hat sich das Wasser in den Steinkrügen, zu Wein verwandelt. Es wurde dort gelagert wird, um den Gästen Füße und Hände zu waschen. Die Diener bekommen alles mit. Sie tragen eine Kostprobe des neuen Weins zum Küchenchef. Der weiß von nichts, stellt ungehalten fest, dass der bessere Wein erst jetzt ausgeschenkt wird. Weder der Küchenchef, der Bräutigam, noch die Hochzeitsgesellschaft bekommen wirklich mit, was das Problem war und wie es gelöst wurde. Das Fest kann seinen ungestörten Gang gehen. Die Diener im Keller stellen staunend fest: Sie haben soeben ein wunderbares Zeichen miterlebt.

 

Welch ein Auftakt, das erste Zeichen Jesu macht deutlich: Die Zeit der Freude hat begonnen, ebenso die Zeit der Gottverbundenheit, die Zeit der Lebensfülle.

Beim Lesen dieses Textes habe ich das Bild der fröhlichen, lachenden und tanzenden Menge vor Augen. Das weckt in mir die Sehnsucht nach einer hoffnungsvolleren Zeit. Denn zurzeit durchleben wir alles andere als freudige und ausgelassene Zeit. Das Grau des Alltags bietet kaum Abwechslung, das Treffen und Feiern mit Menschen, die uns am Herzen liegen, ist beschwerlich geworden. Wir bleiben, bis auf einige Ausnahmen, zu Hause. Das zehrt an den Kräften. Vielen Menschen geht der Wein ihrer Lebensfreude aus. Diese Tief- Zeit scheint die Erinnerungen an Hoch-Zeiten zu verblassen.

Gott möchte, dass sich in unserem Leben die Momente häufen, in denen wir uns fühlen wie das Brautpaar bzw. die Gäste auf dieser Hochzeitsgesellschaft in Kana: Sie wissen, dass die Krüge randvoll mit gutem Wein gefüllt sind und sie weiter feiern können. Das Fest ist nicht vorbei, es kann weiterhin gelacht, getanzt werden. Jesus sorgt durch sein Wunder dafür, dass die Freude ungetrübt weiter gehen kann.

Was hilft dieses Wunder heute für mein Leben, meinen Glauben?

Gott möchte, dass wir unser Leben mit Freude leben. Ein Leben voller Freude darüber, anderen Menschen eine Freude zu machen, die Aufgaben, die uns gestellt sind, anzunehmen. Du kannst es, weil du die schöpferischen Kräfte in dir nutzen kannst. So denkt Gott uns aller Leben. Er ist ein Freund des Lebens. Vertrau dich ihm an, um deinen Durst nach Leben zu stillen. Liebe deine Leben, wie er dein Leben liebt. Halte dir selbst nicht mehr vor, was dir schon längst vergeben ist. Schaue nach vorn und nicht nach hinten. Lass die Freude in dir groß werden, auch im Alltag. Vertraue der schöpferischen Kraft Gottes, dass sie auch dich verwandeln möchte und kann.

Denn das Weinwunder in Kana macht uns aufmerksam auf das Wunder der Schöpfung, der Neuschöpfung durch Gottes Wort und Gottes Geist. Denn Gott verwandelt auch heute noch.

„Siehe ich verkündige euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Dies sprach der Engel den Hirten zu. Später in Kana den Brautleuten und den Gästen, heute soll sie uns allen widerfahren. Er möchte es so. Darum ist er Mensch geworden und hat unter uns gelebt, darum ist er von den Toten auferweckt worden, damit wir auch auferweckt werden aus einem freudlosen unerfüllten Leben hinein in ein Leben in Fülle und Freude. Glauben wir das? Mit diesem Glauben kann die Verwandlung unseres Lebens durch Gottes schöpferische Kraft geschehen.

Amen.

Gebet

Gott, du lädst uns ein zu deinem Fest

Wir bitten dich für alle, die etwas zu feiern haben:

Den Gastgebern schenke Großzügigkeit, den Gästen Freude.

Liebenden schenke Glück und Warmherzigkeit miteinander,

Jubilaren Dankbarkeit und Zufriedenheit.

 

Gott, was wir nicht ändern können, legen wir in deine Hände. Sei du bei uns, wenn sich das Leben um uns verdunkelt.

Trauer und Kummer trage du mit. Dein hoffnungsvolles Licht lass leuchten in den Krankenzimmern, den Pflegeheimen und Hospizen. Sei du bei den Sterbenden und schenke ihnen die Zuversicht, dass deine Herrlichkeit dem Tod das letzte Wort nimmt.

Vaterunser

 

Und der Friede Gottes , der höher ist als alle Vernunft,

der tiefer ist als unsere Verzweiflung,

der stärker ist als unser Glaube,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis

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Erster Sonntag nach Epiphanias – 10. Januar 2021

Römerbrief, 12

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2. Sonntag nach Weihnachten – 03. Januar 2021

Lukas 2, 41-51

Dieses Mal keine gedruckte Version, sondern per Video:

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

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Neujahr – 01. Januar 2021

Verlag am Birnbach Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen

 

Jahreslosung 2021 : Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lukas 6, 36)

 

Im Corona-Jahr veränderte sich viel auf meinem Arbeitsweg zwischen Rödingsmarkt und Michel. Wo sonst unzählige Touristen zu finden sind und Büromenschen mittags Lokale und Geschäfte bevölkern, blieb es leer. Inmitten dieser Leere wurden sie plötzlich sichtbar: die zahnlose Frau aus dem Balkan, die täglich an der Brücke sitzt mit ihrem Pappschild „ich bin krank“. Der alte Mann, der mit seiner ganzen Habe eine Bank belegt oder der gestrandete Russe, der vor dem Supermarkt unentwegt seine Sicht der Dinge unter die Leute bringt.

Einige Menschen von Tausenden, die auf der Straße leben oder zumindest doch in bedrückenden Verhältnissen. Menschen, an denen man meist schnell vorbeigeht, ohne so genau hinzuschauen.

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist, sagt Jesus im Lukas-Evangelium.

 

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und wissen nur zu gut, dass man sich anstrengen und behaupten muss, um etwas zu erreichen. Daraus allerdings den Umkehrschluss zu ziehen, dass jemand, der am unteren Ende der Gesellschaft steht sich nicht genug bemüht hätte, wäre wohl zu kurz gedacht und würde dem einzelnen Menschen nicht gerecht.

Dennoch haben wir es ja nicht anders gelernt. Oder wie war es früher zuhause, wenn unsere

Eltern uns in den Ohren lagen? Eine 5 im Diktat? Tja, dann hast du wohl nicht genug geübt, hieß es. Keine Lehrstelle gefunden? Das liegt bestimmt an deiner vorlauten Art. Selbst Schuld geben. Und wenn der Kollege wieder nicht befördert wird? Wenn im Freundeskreis eine Ehe in die Brüche geht? Na ja, das kommt doch wohl nicht von ungefähr. Wahrscheinlich irgendwie selbst Schuld….

 

Ursache und Wirkung. Jeder ist seines Glückes Schmied.

 

Eine Haltung, die es leicht macht, Abstand zu halten zu denen, die es einfach nicht geschafft

haben, ein Leben zu führen, wie es – aus unserer ganz persönlichen Sicht- sein sollte.

Helfen tut man natürlich trotzdem, Geld spenden oder die aussortierte Winterjacke zur

Kleiderkammer bringen, klar. Aber länger über die Schicksale der Menschen nachdenken? Eher nicht.

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Jesus verlangt viel von uns. Nämlich nicht nach unseren eigenen Maßstäben zu unterscheiden, wer unser Mitleid vermeintlich verdient hat und wer nicht. Sondern ein offenes Herz für alle Schwachen zu haben. Ob sie uns nun in Gestalt der gebrechlichen Nachbarin begegnen, als entlassener Strafgefangener, als verwahrlostes Kind, als Flüchtling aus Somalia oder als Bettler mit einem klappernden Kaffeebecher in der Hand.

 

Das wiederum verlangt einen Perspektiv-Wechsel. Beim Blick auf das Gegenüber sollten wir nicht nur unsere eigenen Werte zugrunde legen. Vielmehr ist es wichtig, sich in den Anderen

hineinzuversetzen und sich selber dabei mal für einen Augenblick zu vergessen. „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist“ – so heißt es in einer alten indianischen Weisheit.

 

Die Zeitschrift „Hinz und Kunzt“ hat viel dazu beigetragen, die Lebenswege der Obdachlosen

bekannt zu machen. Arbeit weg, Frau weg, Wohnung weg. Den Halt verloren und abgestürzt.

Ja, in einem Leben, das sich auf der Straße abspielt ist etwas schief gelaufen. Aber selbst

Schuld? Wer hätte das Recht zu so einem Urteil?

Auf den ersten Blick haben wir offensichtlich alles richtig gemacht. Wir haben ein Dach über dem Kopf und jeden Tag genug zu essen. Klar, wir haben dafür gearbeitet, uns an die gesellschaftlichen Regeln gehalten. Und so schwer war es nun auch wieder nicht, dann und wann die Zähne zusammen zu beißen.

 

Aber wo endet der eigene Verdienst und wo war einfach Glück im Spiel oder der immense Vorteil, im richtigen Umfeld und der richtigen Familie aufzuwachsen?

Und wie oft sind wir selber schon in die Irre gelaufen, wurden aber mit sanfter Hand oder auch durch einen kräftigen Knall wieder auf den richtigen Weg gebracht? Da hat sich vielleicht ein Lehrer ganz besonders gekümmert, als eine wichtige Prüfung in Gefahr war. Oder die Eltern haben finanziell unter die Arme gegriffen, als das Geld nicht für die Miete reichte. Und die Freundin, der Freund hat einen vor einer großen Dummheit bewahrt. Gott sei Dank!

 

Tatsache ist: auch wir haben unsere Schwächen und Fehler. Aber die zeigen wir nicht gerne und zum Glück können wir sie ja meist hinter unserer bürgerlichen Fassade und ein paar

wohlgesetzten Worten verbergen. Dennoch: die Liste unserer Defizite ist uns meist sehr präsent.

Oft mehr als das, was uns gut gelungen ist. Wir wissen, was wir nicht können und wo wir unsere Ziele nicht erreicht haben und mögen es uns selber nur schwer verzeihen.

Vielleicht ist es einer der Gründe, warum wir oft einen Bogen machen um die Menschen, die uns in Fußgängerzonen und Hauseingängen mit ihrem Elend so unangenehm nahe kommen: wir könnten in ihren Gesichtern etwas sehen, das uns bekannt vorkommt. Ihre Geschichten könnten uns erinnern an unsere eigene Verletzlichkeit, unser eigenes Versagen, unsere Angst, unsere Schuld, unsere tiefe Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe.

 

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Wie gut, dass Gott nicht aufrechnet! Dass er nicht eine Liste schreibt von unseren Verdiensten und uns nur genau soviel Barmherzigkeit zukommen lässt, wie uns danach zustünde. Nein, Gottes Barmherzigkeit ist nicht die kleinliche Rechnung eines Buchhalters. Sie ist ein warmer Strom, wenn wir vor Kälte zittern. Sie ist das Licht, das unsere Dunkelheit hell macht. Sie ist die Luft, die uns nach überstandener Not durchatmen lässt. Und sie wird verteilt mit einem gerüttelten, geschüttelten Maß, das am Ende übervoll ist.

Wer selber in schwierigen Lebensabschnitten Gottes unendliche Güte erfahren hat, der wird

Anderen nicht nur ihre Fehler vorrechnen. Sondern der wird großzügig. Öffnet sein Herz. Lässt sich überraschen, was hinter dem vermeintlichen Bild unseres Gegenübers alles so zutage kommt: ein Mensch, ein Kind Gottes!

 

Durch eine zugewandte Haltung verbinden wir uns mit den Schwächsten der Gesellschaft.

Wir sind nicht länger die gönnerhaften Wohltäter, die peinlich berührt ein Bröckchen in die Schale werfen und dann schnell weitergehen. Sondern wir werden zu Mitmenschen, die den Segen, den wir selber erfahren haben, weiter verschenken. Die den Gescheiterten ein Stück Würde zurückgeben.

 

Darum: Seid barmherzig, so wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikantin Kirsten Puttfarcken-Müller

 

Spendenkonto „Mitternachtsbus“: Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit

Haspa: IBAN: DE76 2005 0550 1230 1432 55

 

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1. Sonntag nach dem Christfest – 27. Dezember 2020

Lukas 2, 25-39

Und siehe, ein Mensch war in Jerusalem mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war auf ihm. Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach: Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel.

Und sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was von ihm gesagt wurde. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass viele in Israel fallen und viele aufstehen, und ist bestimmt zu einem Zeichen, dem widersprochen wirdund auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen –, damit aus vielen Herzen die Gedanken offenbar werden. Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt. Nach ihrer Jungfrauschaft hatte sie sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth.

Andacht:

Der Predigttext erinnert Sie wahrscheinlich an eine vertraute Szene aus den weihnachtlichen Gepflogenheiten: Die Begegnung der ganz alten mit der ganz jungen Generation;  Oma und Opa nehmen ihren neugeborenen Enkel in Empfang und in die Arme. Meine Frau und ich hatten in diesen Tagen selbst die Gelegenheit dazu.

Die Geschichte, die im Predigttext erzählt wird,  macht zwei Verhaltensweisen deutlich, die bei betagten Menschen zu beobachten sind, wnn sie den jungen Nachwuchs hautnah erleben.

Da ist einmal Simeon, der jetzt ruhig und in Frieden mit seinem Leben abschließen kann, weil er weiß, dass sein Lebenswerk getan ist und dass es weitergeht, besser gesagt, dass in dem Kind Zukunft und Verheißung liegen. Seine Haltung ist passiv, im guten Sinne des Wortes, d.h. er lässt vertrauensvoll Gutes durch Gott geschehen: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren“ (Vers  29)

Etwas anders ist es bei Hanna. Bei ihr führt die Begegnung mit dem Kind noch einmal in ihren alten Tagen zu einer neuen Initiative in ihrem Beruf, besser gesagt in ihrer Berufung, als Prophetin. Sie wird noch einmal ganz neu aktiv, als Verkünderin der Taten Gottes: „…. Sie pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“ (Vers 38).

Zufrieden und würdevoll in den Ruhestand gehen, wobei hiermit nicht nur die Pensionierung gemeint ist;  oder noch einmal neu für andere aktiv werden – das sind zwei gleichwertige Optionen, die den Älteren, von uns oft als Senioren bezeichnet, zur Verfügung stehen. Dies geschieht sehr häufig, aber keineswegs ausschließlich in der Begegnung mit Enkeln.

Nun können sich Enkel und Großeltern zur diesjährigen Weihnachtszeit gar nicht so unbefangen begegnen, denn der Schatten von Corona liegt darüber. Über allem schwebt jetzt das Damoklesschwert der Infektion und stört die Idylle.

Bei dem Begriff Damoklesschwert fällt Ihnen vielleicht ein Wort aus dem Predigttext ein, das auch dort die auf den ersten Blick schöne und idyllische Geschichte stört. „Und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen.“ (Vers 35) – verkündet Simeon der Maria. Und dieses Schwert ist nicht nur Bedrohung wie das Damoklesschwert, sondern harte, unausweichliche Realität. Die junge Mutter, die jetzt ihr neugeborenes Kind in den Armen hält, wird einst als reife Frau den blutenden Leichnam ihres erwachsenen Sohnes in den Armen halten, wie es die bildende Kunst eindringlich in der Pietá darstellt. So enthält diese Weihnachtsgeschichte, symbolisiert durch das Schwert,  im Kern schon die Passionsgeschichte und einen Hinweis auf den Tod. Das ist aber nicht das letzte Wort, denn Simeon spricht in seiner Weissagung vom Fallen und Aufstehen vieler. Damit ist für beides dieselbe Gruppe gemeint ist (was in der Luther-Übersetzung nicht so deutlich wird), d.h. diejenigen, die fallen, sind auch diejenigen, die wieder aufstehen. Da im Griechischen für „Aufstehen“ dasselbe Wort steht wie für „Auferstehung“, ist dies ein Hinweis auf Tod und Auferstehung. Dies gilt zunächst für Jesus, dann aber auch für Christen in seiner Nachfolge.

Die frohe Botschaft ist also, dass auch wir nach dem Fall auf das Aufstehen/die Auferstehung hoffen dürfen. Mit Auferstehung verbinden wir in der Regel ein Leben nach dem Tode. Dies ist auch richtig. Kritiker des Christentums tun dies  aber gerne as bloße Vertröstung ab, die bestenfalls das Leiden in dieser Welt leichter ertragen lässt und schlimmstenfalls dazu verleitet, Unrecht geduldig hinzunehmen und nichts dagegen zu tun. Ungeachtet dieser Kritik hätten wir aber auch als Christen gern schon so etwa wie eine Auferstehung auch in diesem Leben.

Das ist ja auch in dem Text mit „Fallen und Aufstehen“ durchaus angedacht. Fallen und Aufstehen erleben wir auch in diesem Leben immer wieder. Sie kommen letztlich von Gott, aber sie haben auch viel mit unserem Handeln und Nichthandeln, mit unserem Wollen und Nichtwollen, mit unseren Entscheidungen zu tun. Das lässt sich am Beispiel unserer derzeitigen Krise zeigen.  Sie erinnert allerdings zunächst einmal nur an das Fallen, denn das Einzige, was zurzeit nicht fällt,  sind die Zahlen der Toten und Infizierten.

Ich denke und vertraue auf Gott, dass wir aus dieser Situation wieder aufstehen werden. Dazu ist auch unser Tun gefragt, d.h. beide Handlungsweisen, die jeweils durch Simeon und Hanna verkörpert werden, sind in der Pandemie gefragt. Da ist einmal die Gelassenheit des Simeon. In seinem Sinne lasse ich vieles sein, was ich eigentlich nicht unbedingt brauche  – große Partys, weite Reisen, überfüllte Weihnachtsmärkte, gesellige Weihnachtsfeiern und genieße ruhig das scheinbar Wenige, mit dem ich mich zufrieden geben muss. Kein Gegensatz, sondern eine Ergänzung hierzu ist die Handlung der Hanna. In ihrem Sinne engagiere ich mich, setze mich aktiv für hygienische Praktiken ein, komme mit allen, einschließlich Querdenkern und Coronaleugnern ins Gespräch.

Die Pandemie wird einmal überwunden sein, aber es geht auch darüber hinaus um die weitere Zukunft. Das ist ja auch die Faszination der traditionellen Weihnachtsgeschichte, der hoffnungsvolle Blick über die aktuelle Gegenwart hinaus in die Zukunft. Das geschieht besonders beim Anblick eines neugeborenen Kindes, das noch die ganze Zukunft vor sich hat.

Bei diesem besonderen Kind in unserem Text, dem „Christ“kind, geht es aber auch um eine besondere Zukunft, das Auf-uns-Zukommen des Reiches Gottes. Dieses wurde dann durch den erwachsenen Christus, durch sein Wirken, seinen Tod und seine Auferstehung eingeleitet.

Wir können dieses Kommen in dankbarer Gewissheit „passiv“ annehmen und empfangen, wie Simeon, oder ihm aktiv zuarbeiten wie Hanna. Beides sind gleichwertige Reaktionen. Wichtig ist, dass wir bei all dem nicht die große Zukunft aus dem Blick verlieren,  auch wenn die eigene persönliche Zukunft in diesem Leben mit jedem Tag weiter  dahinschwindet. Andernfalls könnte es leicht dahin kommen, dass uns der Vorwurf der jungen Leute, wir klauten ihnen die Zukunft, oder verhielten uns nach dem Motto „nach uns die Sintflut“ zu Recht träfe.

Durch das Christkind ist etwas Neues in diese Welt gekommen, an dessen Gestaltung wir uns beteiligen sollen und dürfen. Dazu haben wir einen Auftrag, der für jede/n unterschiedlich aussehen kann.

Allerdings müssen wir den Zeitpunkt erkennen, an dem wir diesen Auftrag erhalten. Das bedeutet auch geduldiges, aufmerksames Warten, wie es Simeon und Hanna vorlebten. Dann kommt dieses Kind irgendwann zu uns und fordert uns auf aufzustehen. Das ist mir bildhaft durch meinen zweijährigen Enkel deutlich geworden. Wenn wir als Erwachsene während der Feiertage so herumsaßen, kam er manchmal zu uns und sagte mit entsprechenden Gesten „auf“. Damit forderte er uns auf, aufzustehen, tätig zu werden, etwas mit ihm  oder für ihn zu tun. Auf diese Weise half er uns buchstäblich auf die Sprünge. So geschieht es auch durch das Christkind. Diese Aufforderung kann durch z.B. ein Ereignis geschehen, durch das wir auf einmal unseren Auftrag erkennen.

Ich möchte hierzu mal aus meiner eigenen Erfahrung erzählen. Vor acht Jahren predigte ich schon einmal hier in der Auferstehungskirche über diesen Text. Damals suchte ich selbst noch nach einem Auftrag Gottes in meinem Leben. So sagte ich in meiner damaligen Predigt „…wir [können] wie Hanna darauf vertrauen, dass auch im Alter noch eine Aufgabe auf uns wartet. Ich spüre gerade das oft in mir, wenn ich mir […] klarmache, dass sich in einigen Jahren auf die Pensionierung zugehe und mich frage: Was soll ich dann mit den zwanzig Jahren, die mir nach der Statistik der Lebenserwartung noch zustehen, anfangen? Wir können darauf vertrauen, dass eine Aufgabe  [auf uns wartet]  von der wir im Moment vielleicht noch nichts ahnen.“

Gut zwei Jahre später sah ich dann tatsächlich für mich einen solchen Auftrag, so wie Hanna, wenn ich auch noch nicht ganz so alt war. Es war genau an meinem 63. Geburtstag, als mich eine Bekannte zufällig beim Einkaufen traf und fragte, ob ich am Aufbau einer Flüchtlingshilfe in Glinde mitwirken wolle. Ich bejahte dies und erfülle diesen Auftrag bis heute. Mir wird aber inzwischen auch langsam bewusst, dass ich mich nicht ewig daran festhalten kann und mich auf den Zeitpunkt einstellen muss, an dem dieser Auftrag erledigt ist und ich mich wie Simeon beruhigt zurücklehnen kann.

Lassen Sie mich zusammenfassend sagen: Als Menschen, auch als Christen, leiden wir an und in dieser Welt, erleben in ihr unseren Fall. Gott aber liebt diese Welt und ist in dem Kind von Bethlehem Teil von ihr geworden. Er hat sie erlebt und erlitten, ist in ihr auferstanden und hat sie dadurch erlöst.

Die ganze endgültige Fülle dieser Erlösung und Auferstehung erleben wir noch nicht in unserer Zeit und in unserer Welt, ebenso wenig wie  dies Hanna und Simeon gleich damals nach ihrer Begegnung mit dem Kind im Tempel erlebten. Aber wir erleben hier und heute schon unsere ganz persönliche Weihnacht, unsere persönliche Begegnung mit dem Kind – dort, wo wir aufstehen, wo wir unseren Auftrag erkennen und damit beginnen, schon etwas von der künftigen Welt Gottes in dieser Welt in Angriff zu nehmen oder vielleicht sogar zu verwirklichen. Wir erleben sie aber auch dort,  wo wir erkennen, dass unser Auftrag erledigt ist und wir uns zur Ruhe legen können. So oder so ist dann auch durch uns schon ein Stück der Liebe Gottes zu seiner Welt sichtbar geworden. Und von dieser Liebe ist auch in dem  Lied „Gott liebt diese Welt“ (Nr. 409) die Rede.

Gebet:

Wir bitten dich

für die vielen Opfer der Pandemie,

für die Menschen, die mit ihnen leiden und sich ihnen doch nicht nähern dürfen.

für jene, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und in Depression leben,

für die, die  jetzt unter extremer Isolation leiden,

für ein friedvolles Zusammenlegen der Generationen

Wir bitten dich insgesamt für den Frieden in der Welt,

für den Frieden untereinander,

für den Frieden mit deiner Schöpfung,

für den Frieden mit uns selbst,

für den Frieden mit dir.

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott.

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2. Weihnachtstag – 26. Dezember 2020

Votum:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.

 

Dieses Weihnachtsfest verlief für uns alle ganz anders als wir es uns vorgestellt hatten, liebe Gemeinde. Das ganze Leben hat andere Vorzeichen und Prioritäten bekommen. Deutlich und spürbar ist es für uns alle, wie verletzlich unser Leben ist und wie sehr wir uns alle schützen müssen vor einem kleinen Virus.

Und dennoch ist es Weihnachten geworden, auch ein Virus kann Weihnachten nicht verhindern. Es verhindert zwar, dass wir Weihnachten nicht so feiern können, wie wir es gewohnt sind, mit den Gottesdiensten, den gemeinsam gesungenen Liedern, den Begegnungen und Gesprächen. Es verhindert Weihnachten nicht!

Für viele Menschen fühlt sich diese Zeit an, als ob ein großer schwerer Sturm über uns hinweg fegt. Diese Erfahrung teilen wir mit vielen Menschen in Deutschland, in Europa, ja der ganzen Welt.

 

So empfindet es auch die Malerin Beate Heinen. Sie malt jedes Jahr ein Bild zu Weihnachten. Dabei nimmt sie das vergangene Jahr in den Blick und fragt sich, welches gesellschaftliche Thema das wichtigste gewesen ist? Ihre Antwort setzt sie mit der Weihnachtsgeschichte in Beziehung und malt dazu ein Bild. In diesem Jahr heißt es: Gott mit uns- im Sturm der Zeit.

Mit kräftigen Farben malt sie eine große Welle Inmitten dieser Welle ein Boot mit Menschen, Kinder sind auch dabei. Im Vordergrund steht die Heilige Familie. Die Welle umhüllt dieses Boot. Es findet Schutz in mitten dieser Welle, in diesem Sturm. Maria auf dem Bild steht im Mittelpunkt. Wir sehen sie ganz deutlich. Sie hält das Kind im Arm und gleichzeitig eine Kerze, das Licht. Es erleuchtet die umliegenden Menschen. Das Kind hält die Augen geschlossen, ob es schläft, ist nicht eindeutig. Es strahlt jedenfalls Ruhe aus. Ruhe in dieser bedrohlichen Situation, da die Wellen und Wogen hochschlagen. Nicht alle Menschen sind gelassen und beruhigt auf diesem Boot. Es gibt auch Menschen, denen ist die Angst ins Gesicht geschrieben. Mit aufgerissen Augen schauen sie uns an. Sie scheinen die Bedrohung zu spüren und fürchten sich. „Fürchtet euch nicht“ spricht der Engel zu den Hirten. Vertraut auf Gott und seht, „euch ist ein Kind geboren, welcher ist der Christus!“ Es ist Weihnachten geworden. Gott ist auf die Erde zu uns Menschen gekommen. Das Licht leuchtet- auch für euch!

Miteinander sind die Menschen unterwegs in den Stürmen der Zeit. Auf dem Bild werden sie bewahrt.

Im vergangenen Jahr sind leider viele Menschen umgekommen, im Meer, in den Krankenhäusern. Wir können nicht die Welt retten, aber wir können uns mit ihnen solidarisieren. In dieser Zeit ist kein innerer Rückzug gefragt, sondern unser Mitgefühl gefragt.

Die heilige Familie, das Kind, das Licht macht dieses Bild hell und hoffnungsfroh. Das Licht steht für Hoffnung. Gott ist in Jesus Mensch geworden, damit er uns Menschen nahe sein kann. Nicht irgendwelchen Menschen, sondern Dir und mir, allen möchte er nahe sein, damit wir mit Hoffnung und Zuversicht haben können.

An diesem Weihnachten wird deutlich, dass Gott uns nicht vor den Stürmen in unseren Leben schützen kann, er aber bei uns ist auf unserem Lebensboot. Gott kann nicht verhindern, dass wir in diesem Boot hin und her schaukeln und ordentlich durchgerüttelt werden, aber er will uns die Angst nehmen. Das Boot hier auf dem Bild ist wie in einer Höhle geborgen und beschützt. Der Sturm bringt das Boot nicht zum Kentern. Das weihnachtliche Licht strahlt hell. Die Hoffnung ist, dass wir geborgen sind und gehalten werden. Das Licht der Welt ist zu uns gekommen. Es ist Weihnachten! AMEN

 

 

Gebet

Guter Gott,

du bist Mensch geworden, klein und verletzlich. In Christus kommst du zu uns und bist uns nahe. Dafür sind wir dir dankbar.

Wir bitten dich für alle Menschen, die einsam und verzweifelt sind. Stelle Ihnen Menschen an ihre Seite. Lass es in ihrem Leben hell werden.

Wir bitten dich für die Menschen, die um ihr Leben bangen müssen, sei es durch Krankheit, oder durch Hunger, Krieg und Gewalt. Nimm dich ihrer an. Sei Du ihnen Licht, so dass sie neue Hoffnung und Lebensmut finden können.

Wir bitten dich für alle Menschen, die sich danach sehnen, dass ihr Leben heil wird. Berühre sie, lass sie dich spüren.

 

Guter Gott, es ist Weihnachten geworden. Öffne unsere Herzen für dich. Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis

 

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Heiligabend 2020

An Heiligabend, dem Ersten und dem Zweiten Feiertag wird die Auferstehungskirche zwischen 10.00 und 18.00 Uhr festlich beleuchtet, geschmückt und geöffnet sein. Besucherinnen und Besucher erhalten so die Möglichkeit zur individuellen, weihnachtlichen Einkehr. Gleichzeitig können das Friedenslicht und eine kleine Weihnachtsüberraschung mitgenommen werden.

Ab Heiligabend ist ein Gottesdienst der Gemeinde im Internet zu sehen:

Weihnachtsspecial für Kinder mit Gemeindepädagogin Ines Hombach:

Andere Angebote (Predigten zum Mitnehmen, Impulse auf Instagram und Youtube, Predigten zum Mitnehmen etc.) werden nun geplant werden.

Eine Bitte haben wir: Spenden Sie bitte für Brot für die Welt! Allein in Oststeinbek kamen jedes Jahr bis zu knapp 4.000 Euro zusammen. Diese wichtige Unterstützung für die internationalen Partner der evangelischen Kirchen drohen nun wegzufallen. Hier die Kontoverbindung:

IBAN: DE 10 1006 1006 0500 5005 00 Verwendungszweck: „Hilfe weltweit“ plus Ihr Name und Adresse.

Wir danken Ihnen sehr!

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Gottesdienst zum 1. Advent

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Predigt vom 5. Juli 2020

  1. Sonntag nach Trinitatis – Röm 12,17-21 (II)

Liebe Gemeinde,

kommende Woche bin ich wieder auf dem Friedhof. Und darf einen Menschen, eine Familie, auf dem letzten Weg begleiten. Und das mache ich wirklich sehr gerne! Zum Ende meiner Ansprache kommt dann immer der Abschied. Und dieser Abschied gehört für mich zu einem der schönsten und hilfreichsten Abschnitte unserer Liturgie:

Wer ihn oder sie geliebt und geachtet hat, trage diese Liebe und Achtung weiter.

Wen er oder sie geliebt hat, danke ihm oder ihr alle Liebe.

Wer ihr oder ihm etwas schuldig geblieben ist an Liebe in Worten und Taten, bitte Gott um Vergebung.

Und wem sie oder er wehgetan haben sollte, verzeihe ihr oder ihm, wie Gott uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten.

So nehmen wir Abschied, mit Dank und im Frieden.

 

Abschied nehmen. Mit Dank. Und im Frieden. Ich finde: Darum geht es. Aber: Nicht nur bei Beerdigungen! Denn mit Dank und im Frieden sollten wir jeden Tag auseinander gehen. Sollten wir jeden Tag beenden.

Paartherapeuten empfehlen ja dringend auch sich nach einem Streit nie ohne Versöhnung einfach umzudrehen und einzuschlafen. Aber: Wie schnell wähle ich diese scheinbar einfachere Lösung des Umdrehens und Wegschlafens?

Und wenn Ihr alleine an Eure letzte Woche zurückdenkt: An welchen Tagen – Sonntag, Montag, Dienstag… – ist es Euch gelungen diesen Tag – ein wundervolles, wertvolles Geschenk Gottes –im Frieden und mit Dank zu beenden?

Wer ihn oder sie geliebt und geachtet hat, trage diese Liebe und Achtung weiter.

Und wem sie oder er wehgetan haben sollte, verzeihe ihr oder ihm, wie Gott uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten…

Am Grab sind mir diese Worte unendlich wertvoll. Und hilfreich. Aber im Grunde kommen sie zu spät: Wenn sie nur und erst am Grab gesprochen und gelebt werden und nicht zuvor schon, als man es noch gemeinsam konnte. Und welche Last tragen wir mit uns herum – jeden Tag, jede Sekunde – wenn wir unversöhnt sind, wenn wir diese tiefe Dankbarkeit nicht in uns tragen?

Und darum geht es Jesus mit seinem „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet“ erst einmal um einen selbst:

Versöhnung soll nach einem Streit erst einmal mich versöhnen. Und den Frieden wieder herstellen: In mir. Mit meinem Leben. Und – mit dem anderen. Versöhnung dient also nicht in erster Linie dem Anderen oder gar dem Weltfrieden. Versöhnung dient mir. Und führt mich in mir über den Frieden wieder zum Dank. Denn wer mit sich selbst nicht im Reinen, nicht im Frieden ist, der wird mit anderen seinen Krieg ausfechten. Oder auch gegen sich selbst. Und wenn er auch nur mit 68 die nächste Diät anfängt.

Vielleicht kann mir das die Wut aus den Segeln nehmen, wenn ich anderen den Frieden nicht gönnen will: Von einer Versöhnung habe ich am meisten. Weil ich all den Sch… endlich hinter mir lassen kann. Und mein Leben wieder ins Gleichgewicht bringen. Um dann neu und befreit anzufangen.

Und noch eine Beobachtung hilft mir einen anderen, mit dem ich verquer liege, in Frieden gehen zu lassen. Biblisch drückt sich das so aus: „Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Rache ist vielleicht ein sehr starkes Wort. Aber auch Rachegefühle stecken ja in uns. Wir haben nur gelernt, sie zu verbergen. Und Gott sagt: Darum musst Du Dich nicht kümmern! Und: Wie oft habe ich es erlebt, dass Menschen etwas später auf die Füße gefallen ist, dass ich zutiefst ungerecht und ärgerlich fand?

Leute, die sich nach Streitigkeiten im Freundeskreis auf die andere Seite schlugen, mich plötzlich nicht mehr kannten, ohne wirklich auch nur einmal nach meiner Sicht zu fragen…

Leute die sich immer nach Vorne drängeln, um im Bus in der ersten Reihe zu sitzen und die dann später – selbstverständlich! – das größte Stück Kuchen schaufeln…

Oder der HSV, der all die Jahre nicht abgestiegen ist, obwohl die so grottig spielten…

Wie oft ist das Leuten später auf die Füße gefallen, was ich zutiefst ungerecht und ärgerlich fand! Es ist also nicht meine Aufgabe, die Balance der Gerechtigkeit wieder herzustellen. Damit muss ich mich nicht auch noch rumschlagen! Denn ich habe mit meiner Seite und mit meinen Verletzungen schon genug zu tun. Den anderen darf ich da getrost in Frieden gehen lassen. Und ihm – wenn ich all das dann irgendwann wirklich hinter mir habe – dereinst sogar alles Gute wünschen und Gottes Segen. Und dann ist mein Leben wieder vollends im Gleichgewicht.

Versöhnung spielt sich also in mir ab. Sie ist eine Änderung der Wahrnehmung, der Haltung. Und ich habe am meisten davon, wenn ich mich versöhnen lasse…

 

Paulus meint nun aber Im Römerbrief: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Und da steckt ja nun schon die eine und die andere Einschränkung drin!

Zu Einen: Einen billigen Frieden darf es nicht geben!

Jesus selbst war einer, der anderen durchaus seine Meinung um die Ohren hauen konnte (und Paulus auch): Erinnert Euch nur, wie Jesus die Händler aus dem Tempel schlug – mit Worten und mit seinem Gürtel. Oder wie Paulus in seinen Briefen den Gegner ihr Fett abgab. Und so gibt es eine Menge Streitigkeiten, die müssen wir einfach aushalten. In denen dürfen wir nicht klein beigeben. Es gibt Auseinandersetzungen, da ist es unsere Aufgabe beharrlich zu bleiben.

Und das sind all die Streitereien, bei denen es uns in Familie, Freundschaft und Gemeinde darum geht: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben, miteinander umgehen, dass jeder und jede Platz zum Leben, Luft zum Atmen und zur Entfaltung hat.

Und das sind all die Auseinandersetzungen, die ich unter der Überschrift „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ einsortieren kann: Wann immer das pralle Leben mit Füßen, mit Gewalt, mit lauten Worten getreten, bedroht und zerstört wird, will ich nicht klein beigeben! Nur um endlich meinen Frieden zu haben. Denn das wäre ein Scheinfrieden! Wenn Schwächere oder Randgruppen bedrängt werden, dann möchte ich mich mutig auf ihre Seite stellen.

Ein Vorbild ist mir da Ghandi und natürlich Jesus. In ihrer Beharrlichkeit. In ihrer Klarheit. Mit ihrer Liebe. Zu Opfern, aber auch zu Tätern, zum Leben eben. Ghandi und natürlich Jesus sind mir ein Vorbild, mich nicht wegzuducken und es mir einfach zu machen, aber auch die richtige Energie in einen Streit zu stecken: Nämlich keinen Hass, der auf Hass antwortet. Nämlich keine eigene Gewalt, die nur wieder neue Gewalt hervorruft. Und auch keine Parteibildung, die aus einem „Wir“ ein zerstörerisches „Wir“ und „die anderen“ macht.

Die richtige Energie stecke ich in einen Streit, der sich lohnt, in Beharrlichkeit. Voller Liebe zum Leben und zu jedem einzelnen Menschen. Und auch die Bedürfnisse all der beteiligten Menschen möchte ich den Blick bekommen. Aber auch klar benennen, wo Grenzen überschritten und Schwächere unterworfen werden. Denn ein billiger Friede ist kein Frieden, er ist nur Scheinfrieden. Unter der Decke aber schwelt der Konflikt, schwelt die Gewalt.

 

Der andere Vorbehalt des Paulus führt mich dann wieder an den Anfang zurück: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“

„Soviel an euch liegt…“ Wahrscheinlich ist das am Schwersten: Aufbauend damit umzugehen, wenn ein anderer mir einfach nicht vergeben kann. Und immer wieder die alten Geschichten bei ihm oder ihr aufploppen. Oder die verschiedenen Abneigungen mir immer wieder ins Gesicht schlagen.

„Soviel an euch liegt…“ schreibt hierzu Paulus… Und es liegt leider nicht alles, vielleicht sogar das wenigste bei uns. Auf soviel haben wir keinen Einfluss. Und schon gar nicht auf die Haltung, die Einstellung eines anderen. Aber was wir ändern können, das können, das sollten wir ändern. An uns. Und unserer Wahrnehmung, unserer Haltung: Auch der andere ist immer ein Mensch, der Glück will, der geliebt werden will, der mit seinen Verletzungen zu kämpfen hat. Den anderen wieder als Mensch, als Mitgeschöpf Gottes in den Blick bekommen und nicht nur seine Taten, hier beginnt Versöhnung. In mir. Oder um es mit dem ollen Albert Schweitzer zu sagen:

Wir alle sind „Leben inmitten von Leben, das Leben will.“ AMEN.

Die Predigt wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm.

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Predigt am 14. Juni 2020

1. Sonntag nach Trinitatis, Apg 4,32-37

 

Liebe Gemeinde,

was hat diesen Josef bloß bewegt?

 

Verkauft seinen Acker und legt das Geld den Aposteln, den Jüngern Jesu zu Füßen!

 

Ganz am Anfang der christlichen Gemeinden war das.

Also Jesus gerade gestorben war.

Und es dennoch weiter- und sogar bergauf ging mit seiner Gemeinde.

 

Josef war ein Reisegefährte des Paulus.

Er war ein guter Prediger.

Heute wäre er vielleicht Prädikant. Also schon einigermaßen engagiert in der Gemeinde.

 

Aber das, was hier von Josef erzählt wird, ist ja ein wiederkehrendes Motiv in der Bibel:

Menschen, die mit Gott unterwegs sind, die hauen voll rein für ihn.

Menschen, die von Gottes Liebe berührt wurden, die geben voller Liebe einen und auch mehr aus.

Menschen, den Anteil gegeben wird an Gottes Wirken, die wollen Teil seines Teams werden. Mit dieser oder jener Fähigkeit. Mit ihrem Geld. Mit ihrer Zeit.

 

Denkt nur an die Kollekte für die verarmte Gemeinde in Jerusalem, um die Paulus bittet.

Oder denkt an den Reichen Jüngling, der Jesus fragt, was er tun soll, um ganz dicht bei Gott zu sein und der es nicht packt, seinen Besitz dann loszulassen.

Oder denkt dran, dass mit Jesus ständig das Brot geteilt wurde, ständig Menschen geheilt wurden, ständig nach dem nächsten gemeinsamen Schritt gefragt wurde.

 

Es geht darum, die Liebe Gottes zu teilen.

Und Teil seines Wirkens zu werden.

 

Und genau darum geht Josef hin und verkauft seinen Acker.

Weil die Gemeinde irgendein gutes Projekt am Laufen hatte.

Und Gottes Liebe und Gegenwart unter die Menschen brachte.

 

Und nun frage ich mich: Warum ich nicht?

Ok, ich habe keinen Acker, aber:

Ich bin weit davon entfernt mich von meinem Besitz zu lösen und mit radikaler Großzügigkeit was ich habe und andere gebrauchen können zu verschenken.

 

Und nein, das liegt nicht daran, dass ich Schiss hätte, es könne mir so gehen, wie Melinda und Bill Gates:

Da gibst Du viel, da gibst Du dein halbes Vermögen. Und irgendwelche Verschwörungstheoretiker unterstellen Dir, Du wollest die Welt zwangsimpfen.

 

Wobei ja, in 19 Jahren Pfarramt ist mir auch immer wieder dieser unangenehme Zug begegnet, den es in unseren Gemeinde geben kann:

Da engagiert sich wer über alles Maßen und auch noch selbstlos für die Gemeinschaft.

Und dann kann irgendein anderer das nicht aushalten.

Und dann unterstellt der oder die hintenrum egoistische Eigeninteressen.

Oder zerrt am Steuerrad, weil er oder sie, viel lieber andere Schwerpunkte setzen möchte.

 

Aber das ist es bei mir nicht!

 

Vielleicht ist es eher die Angst, zu kurz zu kommen.

 

Oder es ist der Sog meines Wohlstands: Wer hat, der will noch mehr!

 

Oder meine mangelnde Radikalität liegt daran, dass es unter uns in Gemeinde und Kirche dieses Vorbild, diese allgemeine Haltung nicht gibt. Und darum tue ich es auch nicht.

 

Oder ich sehe nicht den Bedarf nicht, die große Not, die ich lindern könnte,

nicht das begeisternde und damit zwingende Projekt, hinter dem ich mit Haut und Haaren stehen würde.

 

Und selbst in meiner Zeit bei den Methos habe ich den biblischen Zehnten nicht gegeben. Denn das sagt ja die Bibel:

„Gib 10% all Deiner Einnahmen für Gott.“

Denn alles, was Du hast, ist von Gott.

Wobei solch eine Regelung auch nicht unbedingt etwas mit einer Herzenshaltung zu tun haben muss, sondern schlicht eine klar geregelt Steuer wäre, ein Mitgliedsbeitrag quasi.

 

Und wir geben als Mitgliedsbeitrag eben 9% on Top auf unsere Lohnsteuer.

Wenn wir denn im Solidarsystem der Kirche sind.

Und wenn wir überhaupt Einkommenssteuer zahlen.

 

Wenn Du also 100 Euro Einkommenssteuer & Co. zahlst, dann zahlst Du 109 Euro.

Und diese 9 Euro gehen – abzüglich Dienstleistungsprämie für den Staat – an die Kirche.

Und die schüttet das dann aus.

 

Und dann geben die meisten von uns Kollekte und wir spenden hier und dort.

Und das kann ganz schön viel sein!

Ich bin dankbar für unsere vergleichsweise hohen Kollekten und für all die Daueraufträge und auch für die ein oder andere Erbschaft.

Aber dennoch ist es keine allgemeine Bewegung.

Radikale Großzügigkeit ist unter uns keine Haltung, die unsere Gemeinde und Kirche so faszinierend anziehend machen würde, wie es damals bei Josef wohl der Fall gewesen sein muss.

 

Vielleicht gäbe es sogar Gründe, das auch gar nicht zu wollen:

Eine persönlich schwierige Lage, in der man steckt.

 

Oder Druck und Zwang. Denn die gaben damals freiwillig aus einem übervollen Herzen heraus und waren ja keine Kommunisten.

 

Oder auch Geld und Kraft und Zeit, die gar nicht da ankommt, wo sie biblisch hingehört, könnte mich abhalten.

Denn biblisch geht das Geld vor allem in die Unterstützung der Armen.

Und in die Kommunikation des Evangeliums.

Es gibt also gute Gründe, die mich von Josef‘ Beispiel abhalten könnten.

Aber es gibt noch gewichtigere mich von ihm inspirieren zu lassen.

Und neben überquellender Liebe

und begeisternden Projekten

ist das der Kampf gegen den Mammon!

 

Ihr wisst schon Jesu Satz, dass man nur einem dienen könne: Gott oder dem Geld.

 

Und das stimmt wohl: Meist wollen wir von dem, was wir haben noch mehr.

Und darum können wir nur dem Geld, dem Besitz folgen

oder Gott

und den Menschen, die er uns zeigt.

 

Also: Hau’s raus!

Lass es geh’n!

 

Denn alles, was Du hast ist ein Geschenk Gottes!

Schenk es ihm zurück, indem Du Dich engagierst!

Und wenn es stimmt (was wir glauben) nämlich dass im Himmel Fete sein wird

und wenn Du außerdem nichts mitnehmen kannst in Deinem letzten Hemd,

dann lass Deinen Reichtum fahren!

Er ist nur Mittel zu einem Zweck, den Du ihm gibst.

Und was gäbe es Sinnvolleres und Schöneres und Bewegenderes, als mit sein Geld, seinen Besitz, seine Fähigkeiten und seine Zeit andere zu widmen?!

Und das hat alles mit der Liebe Gottes zu tun, um die es uns Christinnen und Christen geht:

Lassen wir uns durch Gott berühren!

Lassen wir uns lieben!

Um dann Gottes Liebe weiterzugeben.

 

Und darum ist unser Umgang mit Geld, ist unser Geben eine zutiefst geistliche Haltung:

An unserem Umgang mit Geld wird deutlich, wo wir stehen:

Ob wir der Angst folgen – oder der Zuversicht.

Ob wir uns von Gott weiten lassen – oder eng bleiben.

Ob wir eine Aufgabe, einen Platz in Gottes Team gefunden haben (wie Josef) – oder noch suchen.

 

Und es kann so unendlich frei machen, Großzügigkeit zu lernen:

Die ökumenische Gemeinschaft im französischen Taizé gibt zum Jahresende alles weg, was sie noch auf den Konten hat, und fängt neu an:

Um Gutes zu tun.

Und um Gott eine Chance zu geben, mit ihrer Gemeinschaft eben auch wieder neu zu starten.

Das ist für mich ein schönes Vorbild für ein Leben aus Gottes Hand!

 

Und wir?

Was sollen wir mit diesem Text heute tun?

Unsere Gemeinde engagiert sich schon sehr:

Wir haben vergleichsweise hohe Kollekten.

Wir haben Dauerspender für die Stelle von Ines Hombach.

Unsere Orgel wurde letztes Jahr nur aus Spenden finanziert.

Die Nähdamen sitzen schon wieder im Keller uns hoffen, dass unser Basar trotz Corona stattfinden kann.

Wir haben eine ökumenische Partnerschaft nach Südafrika. Wobei es hier nicht ums Geld geht!

Wir engagieren uns für Geflüchtete und haben unsere Häuser, unser Leben für sie geöffnet.

Und es gibt neue Projekte, wie Zeit zu zweit

Unsere Gemeinde engagiert sich schon sehr!

 

Und genau hier sollten wir weitermachen!

 

Wir sollten uns selbst und einander motivieren, noch großzügiger zu werden.

Dass man von uns auch sage (wie von Josef‘ Gemeinde), wir seien ein „Herz und eine Seele!“ Und hätten gleichzeitig immer noch die Türen weit offen für andere Menschen.

 

Und: Welche Kraft – welche Power und Anziehungskraft – hätten wir, wenn wir uns zusammentäten, wirklich zusammenlebten?!

 

Wir würden einander und diesen Ort noch viel mehr prägen.

 

Und wir selbst würden Josefs Erfahrung noch viel häufiger machen:

 

Wer schenkt, macht sich selbst glücklich.

Wer am meisten gibt, hat selbst besonders viel davon. AMEN.

Die Predigt wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm

 

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Predigt am 07. Juni 2020

Liebe Gemeinde,

das Beste kommt zum Schluss.

Zumindest beim Essen ist das bei mir so.

Und auch beim Gottesdienst.

Denn nach viel Musik, nach einigen Gebeten und nach vielen, vielen Worten, da kommt im Gottesdienst der Segen. Und der ist für mich das Beste:

Der Segen, den ich empfange. Und der Segen, den ich spende.

Viele stehen dann da und öffnen ihre Hände. Um Gottes Segen zu empfangen. Der quasi von mir abgeleitet wird und auf Euch gerichtet wird, wie von einer Parabolantenne. Dass er Euch voll erwische, der Segen Gottes.

Und im Segen ist dann alles, was man braucht: Er ist voller Kraft. Er ist volle Zuwendung. Voller Liebe. Der Segen schenkt Dir Leben. Und Gelassenheit. Und die unverbrüchliche Gegenwart Gottes.

Der Segen kommt von außen, kommt vom lebendigen Gott, geht durch einen anderen Menschen hindurch und wird Dir dann zuteil. Segen wird Dir geschenkt – kann nur geschenkt, gespendet werden von einem anderen – und ist dann in Dir, bleibt bei Dir. Kann Dir durch nichts und niemanden genommen werden.

 

Ihr erinnert Euch sicher, wie Mose ganz am Anfang nicht so recht wollte oder konnte, als Gott ihm sagte, er solle das Volk Israel in die Freiheit führen. Und ja, es gibt Situationen im Leben, da muss man seinen Mann, seine Frau stehen, muss ordentlich was raushauen und sich auch angreifbar machen. Und man hat dann keine Ahnung: Reicht meine Kraft? Will ich das wirklich? Was werden die Nachbarn sagen? Und wieso eigentlich immer ich?!

Mose wollte damals Gott einen Korb geben und sagte: „Chef, ich kann nicht reden! Wie soll dieser Pharao da auf mich hören?“ Und dann kann man wunderbar erkennen, wie Gott uns segnet: Wenn Gott etwas von uns will, dann lässt er uns damit nie allein. Wirklich nie! Wenn da ein schweres Gespräch auf Dich wartet. Oder viel zu viel Arbeit. Wenn da eine Krise oder eine Krankheit ist. Oder wenn Du vor der Aufgabe Deines Lebens stehst: Dann lässt Gott Dich nie allein mit all dem:

Zu Mose sagt er: „Wenn Du nicht meinst reden zu können, dann nimm doch Aaron mit, Deinen Bruder. Und ihm gebe ich die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Und Aaron kann Euch und das Volk segnen. Und dann werde ich bei Euch sein, wird alles da sein, was Ihr braucht. Und so soll er sprechen:

Der Herr segne dich und behüte dich;

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

 

Und dann führen Mose und sein Bruder Aaron das Volk Israel aus der Gefangenschaft in die Freiheit. Sie führen sich und das Volk durch persönliche Krisen und auch durch schwere Auseinandersetzungen. Und oft dachten sie auf ihrem Weg: „Unsere Kraft reicht nie und nimmer!“

Aber am Ende kamen sie dort an, wo Gott sie haben wollte: Im gelobten, im verheißenen Land.

Gott öffnet Dir Lebensräume. Er gibt Dir Aufträge. Und manchmal kann das auch alles ganz schön schwer werden, aber: Gott lässt Dich nie allein! Er schenkt Dir seinen Segen. Und in dem steckt alles, was Du für Deinen Weg brauchen wirst. Gott stellt Dir Menschen an die Seite. Nimm diese Menschen wahr! Und lass sie an Dich ran! Und dann geht gemeinsam, als Team Euren Weg. Denn:

Gott segnet mit seinem Segen von Mensch zu Mensch. Nie können wir uns selbst die Hände auflegen und uns segnen! Immer brauchen wir die Hände, den Segen eines anderen Menschen und manchmal sogar – in besonderen Momenten – gleichzeitig die segnenden Hände mehrerer Menschen.

Und genauso wirkt Gott, genauso begleitet er uns, so schenkt er seinen Segen: Gott segnet uns, wenn wir uns einander zuwenden. Gott segnet uns, wenn wir einander wahrnehmen, wirklich wahrnehmen und erkennen. Gott segnet uns, wenn wir innehalten in all dem, was uns so umtreibt und uns Zeit und Aufmerksamkeit schenken, spontan und mitten im Trubel des Alltags. Gott segnet uns, wenn wir seine Liebe in die Welt tragen und uns verschenken. Wenn wir andere heilen von ihren Verletzungen. Wenn wir kämpfen. Gegen Rassismus. Gegen Ungerechtigkeit. Gegen jede Gewalt.

Gott segnet uns, wenn wir uns einander zuwenden und einander die Hände auflegen – im übertragenen Sinn oder tatsächlich – und einander spüren lassen: „Ich bin für Dich da. Und ich wünsche Dir alles erdenklich Gute. Und was immer ich habe, das teile ich mit Dir.“ Gott segnet Menschen durch Menschen. Und er verbindet uns miteinander. Dass wir endlich spüren: Wir sind eins. Und er – Gott – ist mitten unter uns. Und dann los – husch, husch – ran an den nächsten Schritt:

Sei gespannt. Und offen, neugierig auf das, was kommt!

Und das ist vielleicht die einzige Einschränkung, die es bei Gottes Segen geben kann. Und es gibt sonst ja keine Einschränkungen, keine Bedingungen: Alle können den Segen empfangen und niemandem darf oder müssen wir ihn vorenthalten: Weder Schwarzen vielleicht oder Homosexuellen und auch Menschen nicht, die nicht oder anders an Gott glauben – wenn jemand anders ist also Du (und das sind die meisten), dann ist das kein Grund, ihm Gottes Segen vorzuenthalten: Denn wer nach Gottes Segen verlangt, wer sich wünscht, von uns gesegnet zu werden, den dürfen, den müssen wir segnen. Und unser Segen wird seine Wirkung – garantiert! – entfalten. Alle dürfen wir also segnen. Und:

Alle dürfen wir segnen. Denn auch, wenn hier in der Lutherbibel die Überschrift über unseren Abschnitt (nachträglich!) eingefügt wurde: Der priesterliche Segen, so ist Segnen nichts priesterliches. Zumindest nicht in dem Sinne, dass nur Priester oder Pastorinnen segnen dürften.

Sondern: Wenn wir einander segnen, dann ist unser Segen priesterlich. Dann werden wir einander zu Priestern Gottes. Dann werden wir zu Vermittlern des göttlichen Segens. Zu Parabolantennen für Gottes große Gnade und Liebe. Segnet also einander! Denn es gibt wenige Einschränkungen, wenn wir einander segnen: Jeder darf gesegnet werden. Und jeder darf und soll segnen.

Aber eine Einschränkung gibt es dann doch. Und die kann es in sich haben: Wir müssen nämlich offen sein für Gottes Segen. Wirklich offen. Denn ein Leben mit Gott und seinem Segen ist nicht wie eine Fahrt auf der Autobahn: Wunschziel ins Navi eingeben. Auto gepackt. Motor gestartet und dann los, rauf auf die Autobahn und dann mit Tempomat durchgeheizt bis ans Ziel Deiner Träume. So läuft ein Leben mit Gott und seinem Segen nicht. (Oder nur sehr, sehr selten.) Sei darum nicht traurig, wenn Dein Leben anders verläuft. Und hab bloß kein schlechtes Gewissen! Sondern sei gespannt, sei offen für das, was kommt, wenn Gott dich segnet! Denn ein Leben mit Gott und seinem Segen ist eher wie eine Fahrt über die Landstraße, wie eine Tour über die Dörfer. Und Du hast dann Dein Ziel natürlich im Kopf und all die Wege, die Gott uns baut, als Gefühl im Herzen. Und dann bist Du offen bei Deiner Landpartie mit Gott, offen an jeder Kreuzung: Lass Dir also Zeit. Höre in Dich hinein. Hol die Karte aus dem Handschuhfach und studiere sie mit Lust! Berate Dich mit Deinem Aaron da an Deiner Seite. Und dann entscheidet: Wo geht es lang mit Gott, rechts oder doch eher links? Oder: geradeaus, Euren Weg weiter. Und wenn Gott Euch dann wieder einmal einen besonders schönen Ausblick nur so hingezaubert habt, dann fahrt links ran. Und genießt das Leben, unsere Welt in all seiner Schönheit. Macht oft Pausen. In all den Gasthäusern und Cafés am Rand der Straße. Und seid offen für Begegnungen mit fremden Menschen. Denn besonders die Fremden können mit ihrem Segen zu wahren Engeln für Euch werden.

Das ist die einige Einschränkung, die es gibt: Ihr müsst Euch wirklich für Gottes Segen öffnen.

Und dann zu jeder Zeit all die großartigen Möglichkeiten, die Gott Euch zu bieten hat, erwarten.

Denn wenn Euch etwas versagt bleiben sollte, dann war das vielleicht gar nicht Euer Ding, wie Ihr dachtet. Dann hat Gott vielleicht noch was viel Besseres für Euch auf Lager. Öffnet Euch also, öffnet Euch wirklich für Gottes Segen.

 

Und klar: Das Leben ist kein Ponyhof und auch keine reine Urlaubsfahrt! Wenn es also in Eurem Spiel des Lebens etwas zu tun gibt, eine Baustelle etwa oder gar einen Unfall. Dann steigt aus! Und packt mit an! Macht Euch die Hände richtig schmutzig. Und helft! Denn Gott schenkt Euch seinen Segen. Und Ihr seid selbst ein Segen. Für alle anderen Menschen. Und diese wunderbare Geschenke haltet nie zurück!

AMEN.

Die Predigt wurde zur Verfügun gestellt von Pastor Kelm

 

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Videobotschaft: Pfingstgrüße in 13 verschiedenen Sprachen

“Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.”

In der gemeinsamen Videobotschaft der beiden Hamburger Kirchenkreise steht die Verbundenheit zwischen den Menschen im Vordergrund. Pfingsten lädt dazu ein, Unterschiede und Sprachbarrieren zu überwinden und sich aufeinander einzulassen.

„Die Pfingstgeschichte erzählt davon, dass der Heilige Geist macht, dass wir einander verstehen auch wenn wir ganz andere Sprachen sprechen. Der Heilige Geist ebnet Unterschiedlichkeiten nicht ein, sondern bringt uns zusammen in unserer Vielfalt“, erläutert Pastor Frank Engelbrecht, St. Katharinen.

Die Vielfalt innerhalb unserer Kirchengemeinden wird auch in der Videobotschaft deutlich. 13 Menschen haben in 13 Sprachen an dem Clip mitgewirkt: Finnisch, Plattdeutsch, Italienisch, Kreol, Koreanisch, Russisch, Tamil, Gälisch, … und Dänisch sind dabei. Hören Sie genau hin – wie viele Sprachen können Sie erkennen?

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Andacht zum Sonntag Exaudi (Höre!) am 24. Mai 2020

Jeremia 31, Vers 31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: „Erkenne den HERRN“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Im heutigen Bibelabschnitt geht es um einen Bund, den Gott mit seinem Volk schließen will: Gott bietet einen Vertrag an – und will sich auch selbst an ihn halten. Solch einen Bund hatte Gott bereits mit Abraham geschlossen, mit Noah (an den erinnert uns ein jeder Regenbogen) und später wird er ihn in und durch Jesus Christus uns Menschen anbieten.

Ich finde, diese Worte des Propheten Jeremia passen recht gut in unsere Zeit mit all ihren Bündnissen. Heute scheinen Verträge nicht mehr viel zu bedeuten. Und es erschreckt mich sehr, wie durch ein vielseitiges „Ich zuerst!“ feste Bündnisse in Frage gestellt werden, die bisher unser Leben sicher machten. Denken Sie nur an den Austritt der Briten aus der EU oder den Zerfall der Verlässlichkeit der USA. Aber auch bei Fußballspielern ist ein Vertrag oft nicht das Papier wert, auf dem er steht…

Hier aber träumt ein Prophet (ein Querdenker Gottes und glaubensbewegter Gottesmann) von einem all umfassenden Neuanfang. Er träumt von einem neuen, gemeinsamen Leben, wo andere nur noch an den allgemeinen Niedergang glauben konnten.

Dabei kann ich mir gut vorstellen, wie Jeremia damals fassungslos durch den zerstörten Tempel Jerusalems ging und wie jeder Schritt gut zu hören war. Durch das Knirschen der zerbrochenen Scheiben unter seinen Schuhsohlen. Denn die Babylonier hatten den Tempel zerstört und das Volk verschleppt… Ich kann mir gut vorstellen, wie es noch nach den verbrannten Rollen der heiligen Schrift roch. Und wie die verkohlten Überreste der heiligen Gegenständen noch schemenhaft in den Ecken standen. Dabei sollte doch gerade der heilige Tempel die Pracht des Königreiches Salomos ebenso ausdrückten, ebenso, wie die Größe des Glaubens Israels und die Größe seines Gottes. Nun aber: Alles zerstört! Alles am Ende! Überall Tod und Vertreibung! Und es schien fast so, als habe Gott seinen Job hingeschmissen und gekündigt…

In all dem steht nun aber Jeremia und spürt mitten im Niedergang die Gegenwart Gottes. Und er predigt Gottes Angeboten des Lebens. Und er berichtet von Gottes Segen. Und vom Neuanfang. Und von Vergebung. Und von einem unverbrüchlichen Leben in der Nähe Gottes. Jeremia redet von all dem, was nie geklappt hat und was immer gescheitert ist. Seit Generationen: dem verlässlichen, friedlichen, versöhnten Miteinander. Die einen nennen Jeremia einen Propheten und Botschafter Gottes. Die anderen aber kurz und bündig „Narr“ und „Phantast“.

Ich muss zugeben: Bei unseren heutigen Themen liegt mir auch die Skepsis, die Jeremia entgegenschlug, nicht so fern.

Und trotzdem! Und gerade jetzt! Ich treffe Hochzeitspaare, die sich von Corona nicht beeindrucken lassen. Stattdessen dringen sie zum Kern ihres Festes vor: ihrer Liebe, ihrem Versprechen. Und trotz aller Beschränkungen werden sie das feiern, nun eben im kleineren Kreis, mit den Menschen, auf die es wirklich ankommt.

Ich lese von Menschen, die sich gegen den Rassismus wenden, der asiatisch aussehenden Menschen nun gehäuft entgegenschlägt.

Und ich weiß auch, dass der Winter des Populismus und des nationalen Egoismus, der so erschreckend viele Länder gerade schwer erschüttert, nicht ewig sein wird.

Aber vor allem weiß ich, dass Gott treu ist. Auch im Chaos. Und gerade im Leid. Dann, wenn kein anderer mehr da zu sein scheint. Gott ist treu! Und er wird treu bleiben!

Baue also Dein Leben auf Gottes Verlässlichkeit auf! Stelle es nicht auf den schwenkenden Boden der Angst, der einfachen Antworten und des scheinbar schnellen Erfolgs! Denn Gott ist treu! Er steht zu seinem Vertrag, den er mit Dir geschlossen hat – oder Dir angeboten hat, sodass Du nur noch einschlagen musst. Und Jeremia spricht ja davon, dass Gott seinen Bund nicht auf ein Stück Papier schreibt, sondern in die Herzen der Menschen. Jeremia berichtet davon, dass Gott Menschen anrührt und verändert. Und Gott beginnt damit, dass er all unsere „Altlasten“ aus dem Weg räumt. Sodass wir neu anfangen können. Jetzt.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Thorsten Kelm.

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Andacht zum Sonntag Rogate (Betet!) am 17. Mai 2020

Spruch der Woche aus Psalm 66, Vers 20:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir Wendet.

 

Wochenpsalm: 95,1-7

1 Kommt herzu, lasst uns dem Herrn frohlocken

und jauchzen dem Hort unsres Heils!

2 Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen

und mit Psalmen ihm jauchzen!

3 Denn der Herr ist ein großer Gott

und ein großer König über alle Götter.

4 Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde,

und die Höhen der Berge sind auch sein.

5 Denn sein ist das Meer, und er hat’s gemacht,

und seine Hände haben das Trockene bereitet.

6 Kommt, lasst uns anbeten und knien

und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat.

7 Denn er ist unser Gott

und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand. Wenn ihr doch heute auf seine Stimme hören wolltet:

 

Text zur Predigt Matthäus 6, 5-16:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Predigt:

Das Thema dieses Gottesdienstes ist das Gebet. Warum beten wir Menschen eigentlich? Die Antwort wird deutlich, wenn wir uns klarmachen, dass „beten“ von dem Wort bitten kommt. Wir bitten eine höhere Macht um etwas, was nicht ganz selbstverständlich ist und sich nicht so leicht verwirklichen lässt. So lernen schon Kinder das Gebet kennen und zu gebrauchen. Hierzu eine kleine Episode aus meiner Grundschulzeit:

Ich hatte mir angewöhnt, vor Klassenarbeiten zu beten, d.h. um Erfolg zu bitten. Mein Freund und Sitznachbar Norbert, der im Gegensatz zu mir nicht aus einem christlich gesinnten Elternhaus kam, fand dies interessant und wollte es auch ausprobieren, zumal meine Praxis anscheinend nicht ganz erfolglos blieb. Da er aber Gebete nur als auswendig gelernte Texte kannte und nicht gewohnt war, sie wirklich selbst zu formulieren, funktionierte er einfach das damals bekannte Kindergebet „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm‘“ um zu „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich mit einer Eins-bis-Zwei davonkomm‘“

Wir mögen darüber lächeln, aber wir  haben wohl alle schon einmal in schwierigen Situationen oder vor Ereignissen mit ungewissem Ausgang, vor einem Examen, einem Vorstellungsgespräch, während einer Krankheit gebetet.

Ist das nun falsch? Sicher nicht. Schließlich werden wir in vielen Bibelstellen dazu ermuntert, Bitten vor Gott zu bringen. Und in Rom haben jüngst führende Vertreter von Christen, Muslimen und Juden die Gläubigen der drei Religionen aufgerufen, für eine Überwindung der Coronakrise zu beten. Problematisch ist nur, wenn das schon alles ist und sich unsere Beziehung zu Gott darauf beschränkt. Der vielleicht fromm gemeinte Spruch „Not lehrt beten“ meint ja dann im Grunde nichts anderes als: Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, wenn ich nicht ein noch aus weiß, fällt mir als letztes (verzweifeltes) Mittel noch das Beten ein.  Beten erscheint dann mitunter auch als Handlungsersatz. Die logische Folgerung bzw. Umkehrung wäre dann: Je mehr ich mir selber helfen kann, je mehr Mittel, Fähigkeiten und Helfer mir zur Verfügung stehen, desto weniger brauche ich das Gebet oder dann auch Gott. Von ungebrochenem Fortschrittsglauben beflügelt könnten wir dann so allmählich oder irgendwann einmal ganz auf das Gebet verzichten. Wenn, ja, wenn da dieser Fortschrittsglaube, wie jetzt in der Coronakrise,  nicht hin und wieder einen Dämpfer bekäme, der uns zum Innehalten und Umdenken zwingt. Freilich sollten wir dies als Christen, in gut gemeintem Einstehen für den Glauben, nicht allzu eilfertig oder gar schadenfreudig ausnutzen, indem wir auf diese Krisen und Nöte verweisen und dann das Gebet als Rettungsschirm anbieten. Damit würden wir nämlich das Gebet und vielleicht den christlichen Glauben überhaupt aus unserem normalen Alltag verbannen und zu einer Randerscheinung machen, wie etwa den Verbandskasten im Auto oder in der Hausapotheke, den wir hoffentlich nie benutzen müssen und so ein wenig verstauben, veralten und verkümmern lassen.

Hier ist es hilfreich, uns einmal vor Augen zu halten, was Jesus in diesem Abschnitt der Bergpredigt, den wir als Predigttext gehört haben, über das Gebet sagt. Erstaunlicherweise gibt er denen Recht, welche die Wunschmentalität, die oft hinter Gebeten steht, erst einmal in Frage stellen, indem er sagt: „Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.“ Die logische Ergänzung lautet: Ihr braucht deshalb keine lange und ausführliche Wunschliste vorzutragen.

Hier stellt sich dann aber die Frage: Wenn Gott ohnehin weiß, was wir brauchen und – so nehmen wir an – es uns auch gibt, warum sollen wir dann überhaupt beten?

Nun, im Gebet geht es wie gesagt nicht in erster Linie darum, eine Wunschliste vorzutragen, sondern Gott als Gegenüber zu akzeptieren und respektieren; zu erkennen, dass wir als Menschen nicht das Maß aller Dinge sind, sondern dass wir von Gott abhängig sind und eine Verantwortung vor ihm haben. Deshalb kommt auch in dem Vaterunser, das uns Jesus nicht so sehr als auswendig zu lernenden Text, sondern als Mustergebet lehrt, in den ersten Sätzen das Wort „ich“ oder „wir“ gar nicht vor, sondern da ist nur von Gott die Rede. Das kommt besonders in der Bitte „Geheiligt werde dein Name“ zum Ausdruck.

Also, erst einmal nehmen wir Gott als das erhabene Gegenüber wahr; danach dürfen wir dann  auch auf unsere Bedürfnisse zu sprechen kommen, die alle in der Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ zusammengefasst werden. Luther hat diese Bitte in seinem Katechismus folgendermaßen erklärt:

Was heißt denn täglich Brot? Alles, was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, als: Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

Diese von der landwirtschaftlichen Umwelt des sechzehnten Jahrhunderts geprägten Beispiele können wir ein wenig abwandeln und in Bezug auf unser eigenes Informationszeitalter ergänzen, etwa folgendermaßen: Unser tägliches Brot bedeutet funktionierende Software und Technik,  harmonische Familie, gute Kollegen, freundliche Vorgesetzte, Anstand und Rücksicht, verantwortungsvolle Regierung, Disziplin bei den Abstandsregeln,  gesunde Umwelt u.s.w.

Es kommt aber jetzt gar nicht so sehr auf Einzelheiten an. Wir können uns ruhig beispielhaft auf das „tägliche Brot“ im engeren Sinne beschränken. Dazu fällt mir eine Szene aus einer Sitcom ein, die ich einmal vor Jahren gesehen habe. Darin versammelt eine streng matriarchalische Mutter ihre große Familie am Mittagstisch um sich und lässt sie erst mit dem Essen beginnen, nachdem sie ihr anschauliches Tischgebet gesprochen hat. In dem Gebet dankt sie auch für das tägliche Brot, d.h. sehr konkret für die eingekauften Lebensmittel. Einmal wagt es ein schon erwachsenes Kind zu fragen: „Aber was hat denn das Brot mit Gott zu tun? Das haben wir doch im Supermarkt gekauft?“ In der Tat hätten wahrscheinlich auch wir damit Probleme, das im Supermarkt gekaufte Brot mit Gott in Verbindung zu bringen. Wenn,  dann würden wir das eher in Bezug auf das Getreide tun, das Gott so schön hat gedeihen lassen, u.a. dadurch, dass er uns genügend Regen schickt. Bis es vom Getreidehalm zum Brot kommt, sind aber lauter menschliche Aktivitäten erforderlich, zumindest die des Bauern, des Müllers und des Bäckers. Wo ist da noch Platz für Gott?

Aber genau das ist es. Gott hat sich, wie die Schöpfungsgeschichte zeigt, entschlossen, den Menschen zu seinem Partner auf der Erde zu machen. Der Mensch ist allerdings ein problematischer Partner, der vieles durcheinanderbringt, so dass ohne ihn in der Schöpfung eigentlich alles viel besser liefe. Gottes Schöpfung braucht uns nicht unbedingt, aber wir brauchen sie. Was wir haben und genießen ist Produkt göttlichen Segens und menschlicher Arbeit zugleich. Das eine schließt das andere nicht aus, wir können nicht beide gegeneinander ausspielen. Das kommt auch in dem Mustergebet Jesu, im Vaterunser zum Ausdruck, in dem es heißt: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden“. Mit „Himmel“ ist hier natürlich nicht der atmosphärisch sichtbare Teil des uns umgebenden Weltalls gemeint, der wie die Erde auch nur Werk und Teil der Schöpfung Gottes ist. Es ist vielmehr der unserer Vorstellung entzogene jenseitige Bereich Gottes, in dem wir auch nach unserem Tode mit ihm vereint zu werden hoffen. Eigentlich ist es klar und logisch, dass Gottes Wille in diesem Himmel geschieht. Anders ist es auf der Erde. Die hat ja Gott seinem problematischen Partner, dem Menschen, ein Stück weit zu verantwortlicher Verwaltung und Gestaltung überlassen, so dass da manches nicht im Sinne des Erfinders, d.h. des Schöpfers, verläuft. Gottes Wille soll aber, wie schon im Himmel, auch auf der Erde zur Geltung kommen, und das durch die Mitarbeit des Menschen.

Aber so wie wir als Menschen sind, bleiben wir hinter den Anforderungen, die Gott an uns als Verwalter seiner Schöpfung stellt, zurück, das heißt, wir bleiben ihm etwas schuldig und müssen so  auf die Nachsicht Gottes hoffen, also auf die Vergebung dieser Schuld. Außerdem bleiben wir als Menschen uns untereinander vieles schuldig. Eine vielleicht berechtigte, aber unbarmherzige Einforderung dieser Schuld, sei es die Schuld der Menschen gegenüber Gott oder der Menschen untereinander, führte zu unerträglichen Härten und schüfe viel Leiden. Nicht umsonst sind ja die Begriffe für Schuld und Schuldiger im Vaterunser aus dem Bereich des Ökonomisch-Finanziellen genommen. Wörtlich müsste die entsprechende Bitte heißen: „Erlass uns unsere Schuld, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen“. Ein Blick in die Geschichte veranschaulicht das beispielhaft. Ohne den Schuldenschnitt von 1953 wäre Deutschland nach dem selbstverschuldeten Schlamassel nie wieder auf die Beine gekommen. Und ohne einen Schuldenschnitt großen Stils werden wir auch aus den durch Corona und die Klimakatastrophe verursachten Problemen nicht wieder herauskommen.

Diese Probleme entstehen dadurch, dass wir als Menschen und Gottes Mitarbeiter immer wieder der Versuchung erliegen, das, was in dem Begriff „tägliches Brot“ enthalten ist, nicht als Lebensmittel, sondern als Machtmittel zu benutzen, auf Kosten anderer und der Umwelt, denen wir schaden,  wodurch wir uns aber letztlich selbst ins eigene Fleisch schneiden. Nur Gott kann und wird uns letztlich vor dieser Versuchung bewahren. Daher die Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“. D.h. „Lass uns nicht allein in der Versuchung“. Die Versuchung überwinden können wir letztlich nur mit Hilfe einer höheren Macht, und so endet das Mustergebet Jesu dort, wo es begonnen hat, bei Gott.  „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“

Lassen Sie mich zusammenfassen:

Ein Gebet ist kein Wunschzettel oder Wunschkonzert. Wir werden uns darin vielmehr bewusst, dass wir nicht das Maß aller Dinge sind, sondern dass da ein Gegenüber, Gott, ist, dem wir unsere Existenz verdanken und von dem wir zu verantwortlicher Mitarbeit berufen sind. Das Gebet ist wie ein Werkstattgespräch, in dem wir über Gelungenes und Nichtgelungenes sprechen können. Gott will, das in der Werkstatt unseres Lebens ein gutes Betriebsklima herrscht. So ist das Gebet, wenn wir es gemeinsam sprechen, nicht nur ein Ort der Geborgenheit, sondern auch der Verbundenheit untereinander.

Gott ist dann wie ein geduldiger Meister, der uns berät und hilft und zu dem wir mit unseren Problemen kommen können. Er biegt auch so manches Werkstück, das wir verbockt oder verbogen haben, wieder zurecht, damit wir dann in seinem Sinne weiter ans Werk, an unser Lebenswerk gehen. Dies kommt auch im Lied 494 Ausdruck.

Lied „In Gottes Namen fang ich“ EG Nr.  494

In Gottes Namen fang ich an, was mir zu tun gebühret; mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen tut, ist allenthalben recht und gut und kann uns auch gedeihen.

Gott ist’s, der das Vermögen schafft, was Gutes zu vollbringen; er gibt uns Segen, Mut und Kraft und lässt das Werk gelingen; ist er mit uns und sein Gedeihn, so muss der Zug gesegnet sein, dass wir die Fülle haben.

Nun, Jesu, komm und bleib bei mir. Die Werke meiner Hände befehl ich, liebster Heiland, dir; hilf, dass ich sie vollende zu deines Namens Herrlichkeit, und gib, dass ich zur Abendzeit erwünschten Lohn empfange.

In Gottes Namen fang ich an, was mir zu tun gebühret; mit Gott wird alles wohlgetan und glücklich ausgeführet. Was man in Gottes Namen tut, ist allenthalben recht und gut und kann uns auch gedeihen.

Gott ist’s, der das Vermögen schafft, was Gutes zu vollbringen; er gibt uns Segen, Mut und Kraft und lässt das Werk gelingen; ist er mit uns und sein Gedeihn, so muss der Zug gesegnet sein, dass wir die Fülle haben.

Nun, Jesu, komm und bleib bei mir. Die Werke meiner Hände befehl ich, liebster Heiland, dir; hilf, dass ich sie vollende zu deines Namens Herrlichkeit, und gib, dass ich zur Abendzeit erwünschten Lohn empfange.

 

Gebet:

Herr, wir danken dir für deine Gegenwart in unserem Leben.

Zeige uns deinen Weg für uns und hilf uns, ihn zu gehen.

Wir bitten dich für deinen Beistand in dieser Krise,

in der vieles, was uns selbstverständlich schien, in Frage gestellt ist.

Wir bitten dich für jene, die unter Krankheit, Isolierung und Trennung leiden.

Lass jene, die in ihrer Existenz bedroht sind, Trost und Hilfe erfahren.

Führe die helfenden Hände jener, die im medizinischen Bereich wirken,

und gib Weisheit denen, die verantwortungsvolle Entscheidungen treffen müssen.

Hilf uns, bei unserem Tun dein Reich im Auge zu haben, dessen letzte Erfüllung nur von dir kommen kann.

Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir

und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht über dich

und gebe dir Frieden.

Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Prädikant Reinhold Trott.

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Andacht zum Sonntag Kantate (Singet!) am 10. Mai 2020

Spruch der Woche aus Psalm 98, Vers 1:

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder (alle Bibeltexte nach Luther 2017).

 

Psalm der Woche

Psalm 98, 1 Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

2 Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.

3 Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

4 Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!

5 Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!

6 Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!

7 Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

8 Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich 9 vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten.

Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

 

Wochenlied „Du meine Seele singe“, Evangelisches Gesangbuch, Nr. 302

1) Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2) Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig ungetrübt.

5) Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.

8) Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen Seinen Ruhm;
der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in Sein Zelt,
ist´s billig, daß ich mehre / Sein Lob vor aller Welt.

Text: Paul Gerhardt, 1653

Text zur Predigt – 2. Chronik 5, 2-5, 12-1

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf 5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

12 Und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des HERRN, 14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

 

Predigt

Eine alte, wunderschöne Geschichte: Die Bundeslade, eine uralte Truhe mit den beiden Tafeln der zehn Gebote, wird in den neuen Tempel getragen. Die Truhe ist der Ort der Gegenwart Gottes. Salomon hatte, nach all den Kriegen seines Vaters, des alten Königs David, eine Zeit des Friedens und den Reichtum seines Volkes genutzt: Gott hatte er ein Haus gebaut, das sowohl die Größe seines Volkes, als auch die Herrlichkeit Gottes widerspiegelte. Und nun wird Einweihung gefeiert: Das Volk und die Priester tragen die Bundeslade aus der alten Hütte herbei und überführen sie unter Musik in den neuen, wunderschönen Tempel. Welche eine Freude! Welch ein Glanz! Welch ein Fest! Plötzlich ist die lebendige, herrliche Gegenwart Gottes mitten in diesem Fest, mitten unter all diesen Menschen zu spüren: Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig!

Gegenwart und Herrlichkeit in einem Gottesdienst oder Fest zu spüren und zu teilen ist keine Selbstverständlichkeit! Einen dichten, lebendigen, inspirierenden Gottesdienst können wir nicht „machen“. Manchmal wird er uns aber geschenkt.

Heute, am Sonntag Kantate – Singet! – ist alles anders, als in dieser alten Geschichte: Wir feiern wir bewusst keinen Gottesdienst in Oststeinbek. Denn nur 16 Menschen dürften nach der Verordnung des Landes Schleswig-Holstein in unsere Auferstehungskirche und das unter erheblichen Auflagen. Streit um die Plätze und Unmut über all die freien Plätze wären vorprogrammiert, denn regelmäßig feiern mehr als 50 Menschen in Oststeinbek miteinander. Die überall üblichen Hygieneauflagen hingegen finde ich sinnvoll und gut, denn es gilt angesichts der Ansteckungsgefahr Menschenleben zu schützen. Und dennoch fehlt mir meine Gemeinde. Mir fehlen gemeinsames Gebet, kräftiger Gesang und das liturgische Miteinander.

Mir fällt auf, wie wichtig mir unsere Gottesdienste sind, welche Kraft und Inspiration sie mir schenken, wie sie mich trösten und mir hilfreiche Hinweise mitgeben für die Woche, die vor mir liegt. Und manchmal – eigentlich erstaunlich oft! – spüre ich auch die kräftige Gegenwart Gottes, wenn wir singen, wenn wir beten, wenn wir gemeinsam über Gottes Wort nachdenken. Und ganz zu schweigen von unserer Gemeinschaft im Anschluss an jeden Gottesdienst. Aber so ist das eben in dieser Corona-Zeit: Vieles, was wir genießen oder sogar zum Leben brauchen fehlt oder kann nicht so gelebt werden, wie wir es gewohnt sind und nun gerne hätten. Für mich sind das vor allem die Gemeinschaft mit Menschen und die Freiheit hingehen zu können, wohin ich will. Diese Einschränkungen werden uns eine Weile beschäftigen. Es gibt Forscher, die sagen, es gäbe keine Zeit nach Corona, es gäbe nur ein Leben mit Corona. Und ja: Ich kann mir derzeit kaum vorstellen, wie wir Heiligabend in unserer Kirche feiern können. Aber wenn das so sein sollte: Welche Dinge sollten wir dann genau darum in unserem Alltag leben und bewahren? Wie können wir unseren Alltag so verändern, dass wir genießen können, was wir brauchen? Welche neuen Möglichkeiten gäbe es, die wir ausprobieren könnten? Auf was können wir nicht warten, bis „alles vorbei ist“ und müssen neue Wege finden, es zu leben? In der Kirchengemeinde drucken wir darum die Predigten aus und stellen sie im Internet zur Verfügung – und noch mehr Menschen finden plötzlich Zugang zu ihnen. Wir schreiben Briefe und stellen sie mit einem Gruß „über den Zaun“ selbst zu – und wissen plötzlich viel mehr voneinander. Und auch telefonieren wir mehr miteinander oder treffen uns in Videokonferenzen – und reden vielleicht noch mehr als vorher miteinander. Wir öffnen jeden Tag unsere Kirche – und viel häufiger als sonst, wird sie genutzt. Aber es gibt auch Dinge, die können wir nicht einfach ersetzen oder neu erfinden. Und es fällt nun schmerzlich auf, wie wichtig uns etwas ist, was vordem beinahe selbstverständlich erschien: Die Gemeinschaft im Gottesdienst. Die Kraft des gemeinsamen Singens. Die Inspiration und der Trost, wenn man einander in die Augen schauen kann. Das gemeinsame Lachen bei einer Tasse Kaffee. Nichts von dem, was unser Leben ausmacht und schön macht, ist selbstverständlich! Wir sollten es mit vollen Zügen genießen! Und uns freuen, dass uns dieser Augenblick geschenkt wird. Und wenn er ausbleibt, sollten wir die Kraft und das Licht der Erinnerung in uns bewahren! Gott wird uns neue Augenblicke der Gemeinschaft schenken. So, wie es einmal war. Oder auch ganz anders. Denn Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig.

Seien Sie gesegnet, Ihr / Euer Pastor Thorsten Kelm

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Aktion

Welche beiden Dinge habe ich in den letzten Wochen schätzen gelernt?

Worauf könnte ich verzichten?

Schreiben Sie mir (per Mail oder Briefkasten am Pastorat) oder rufen Sie mich an. Ihre Antworten baue ich (anonym) in meine nächste Andacht mit ein. Ich freue mich sehr über Ihre Antwort!

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de

Tel. 040 – 714 868 21

Instagram: @luthermansfriend

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Andacht zum Sonntag Jubilate am 03. Mai 2020

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes Amen

 

Wir begehen gemeinsam den 3. Sonntag nach Ostern. Er trägt den Namen Jubilate übersetzt: Jubelt.

Vielen von uns ist in diesen Tagen und Wochen alles andere als zum Jubeln zu Mute. Angst, Ungeduld und Sorgen bestimmen eher unser Lebensgefühl als Jubel und unbeschwerte Lebensfreude.

Und dennoch halte ich es wichtig, sich vor Augen zu führen, worüber wir uns freuen können. Der Text für den Sonntag kann eine Hilfe sein.

 

Johannes 15,1-8: Jesus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Lied EG Nr. 628 Gelobt seine Treu

 

EG 628 Gelobt seine Treu

 

1)Gelobt sei deine Treu, die jeden Morgen neu

uns in den Mantel deiner Liebe hüllt, die jeden Abend wieder,

wenn schwer die Augenlider, das schwache Herz mit Frieden füllt.

 

2) Wir wolln dem Namen dein im Herzen still und fein

lobsingen und auch laut vor aller Welt. Nie hast du uns vergessen,

schenkst Gaben unermessen, tagtäglich deine Hand uns hält.

 

3) Kleidung und Brot gibst du, der Nächte Ruh dazu,

und stellst am Morgen über jedes Dach des Taggestirn, das helle;

und mit der güldnen Welle des Lichts nimmst du das Ungemach.

 

4) Gelobt drum deine Trau, die jeden Morgen neu

uns deine abgrundtiefe Liebe zeigt. Wir preisen dich und bringen

dir unser Lob mit Singen, bis unser Mund im Tode schweigt.

 

 

Unser Leben lebt von Beziehungen. Ohne andere Menschen, ohne Eltern, Partner*in, Geschwister, Freunde, die es gut mit uns meinen, können wir nicht leben. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen den Austausch mit anderen, das Mitteilen vom Erlebten und Gefühltem. Wir brauchen den Austausch, um uns zu vergewissern, um zu lernen und zu reifen.

Wir brauchen eine gute Qualität von Beziehungen. Die Erfahrungen von Wärme, Zuneigung und Geborgenheit sind elementar wichtig für unsere Seele, für unser gedeihliches Zusammenleben. Angst, Sorge, Misstrauen dagegen lähmen und verhärten uns, machen das Miteinander schwer, bisweilen unerträglich.

Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben

Dieser Vergleich bringt ganz klar zum Ausdruck: Gott und die Menschen gehören zusammen. Bleibt bei mir, sagt Jesus, bleibt im Glauben, bleibt in der Gemeinschaft der Christen. Diese Worte sind eine Einladung von Jesus an uns: Du kannst mit allem, was du auf dem Herzen hast, zu mir kommen. Du kannst Trost und den Halt finden, ganz gleich in welcher Lebenslage du dich befindest. Bleibe bei mir.

Bleibt bei mir

Diese Einladung richtet der Schreiber des Johannesevangeliums an Christen, die unter Druck geraten sind, die sich zu Jesus Christus bekennen. Ihnen schärft er ein, am Glauben festzuhalten. Ohne mich könnt ihr nichts tun. Johannes richtet diese Worte an die Christen nicht nur in dem Wissen, dass es ein rein menschliches Wort ist, sondern, das macht der Schreiber des Evangeliums von Beginn an deutlich. Im Logos, im Wort, kommt Gottes Wort zur Sprache. Dieses Wort ist im Johannesevangelium die göttliche Liebe, die sich in der Liebe Jesu Christi zeigt und diese im liebevollem geschwisterlichen Umgang untereinander sicht –und spürbar wird: Ohne die göttliche Liebe könnt ihr nichts tun, bleibt in dieser Liebe, ihr lebt von ihr. Diese Liebe ist die Quelle eurer Kraft, sie ist der Grund eures Lebens, sie ist das, was euch trägt, hält und lebendig macht. Gebt diese empfangene Liebe an die Mitmenschen weiter. Das ist die Botschaft der Weinstock-Rede Jesu.

Diese Einladung möchte den Hörer*innen Mut machen, am Glauben an Jesus Christus festzuhalten.

Liebe Leser*innen, in dieser Zeit wird besonders spürbar, dass wir einander brauchen. Der Austausch, die Wärme, die Geborgenheit, der Zuspruch des Freundes, der Freundin sind elementar wichtig für unser Leben. Ohne die Gewissheit, als Mensch geliebt zu sein, können wir die erfahrene Liebe an andere nicht weitergeben. Sie ist Lebensmittel.

Wir spüren aber auch noch etwas anderes in dieser Zeit: unser Leben ist zerbrechlich, verletzbar und endlich. Und wir können letztlich nichts dagegen tun.

Natürlich können und sollen wir uns und andere schützen und besonders achtgeben. Doch bei aller Um – und Vorsicht bleibt ein Restrisiko bestehen. Dies ist nicht nur in dieser Coronazeit so, sondern dies galt auch schon vorher. Diese Einsicht ängstigt uns und es stehen uns momentan wenige Ablenkungen zu Verfügung, dieser Angst zu entfliehen. Gegen die Angst hilft das Bild vom Weinstock. Vertrauen wir, dass wir als Rebe am Weinstock Gottes hängen, dann müssen wir uns nicht sorgen. ER sorgt für uns, ER pflegt uns. Dieser Glaube schenkt neuen Lebensmut. Mit allem, was uns Menschen persönlich ausmacht, sind wir gehalten. Diese Einladung ist ein Geschenk. Gegen die Angst hilft nur das Wagnis des Glaubens.

Ganz konkret müssen wir alle täglich die Frage beantworten: Was gibt meinem Leben Halt? Das Evangelium für diese Woche gibt darauf eine eindeutige Antwort. Unser Leben lebt von Beziehungen, es lebt von vom Glauben an die Liebe, die von Gott kommt. Diese Liebe ist es, die unser Leben erst ermöglicht. Sie ist unser aller Lebenselixier. In ihr zu bleiben, mit ihr zu leben, sie weiterzugeben, ist wirkliches Leben. Leben, das der Angst standhält. Darum: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“ In diesem Vertrauen leben zu können und zu dürfen, ist wahrlich ein Grund zum Jubeln. Nehmen wir es an! – Amen.

 

Gebet

Gott, Quelle unseres Lebens, mit allem, was uns auf dem Herzen liegt kommen wir zu dir und legen es in deine Hände. Wir bitten dich: Nimm von uns, unsere Angst und stärke unser Vertrauen, dass Du bei uns bist. Lass uns spüren, dass wir mit deiner Liebe beschenkt sind, so dass wir einander diese Liebe unter uns Menschen weitergeben können AMEN

Vaterunser

Es segne und behüte uns, der allmächtige Vater, der Sohn und der Heilige Geist

Amen

Die Andacht wurde von Pastorin Sabine Spirgatis zur Verfügung gestellt.

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Andacht zum Misericordias Domini, 26.04.2020

1. Petrus 2, 21-25

Eingangspsalm (Luther 2017)

231 Ein Psalm Davids.

Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch

im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

 

Epistel und Predigttext (1. Petrus 2, 21-25)

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Evangelium (Luther 2017): Johannes 10,11-16

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,

denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

 

Predigt: 1.Petrus 2,21-25,

Liebe Gemeinde,

ich beginne mal mit dem Schluss des Predigttextes, und zwar damit, wie der Verfasser, der im Namen des Apostels Petrus schreibt, seine Zielgruppe schildert, eine kleine christliche Gemeinde in der heutigen Türkei, die den Brief vorgelesen bekommt.  Er bezeichnet sie als vormals irrende Schafe, die jetzt Jesus Christus, ihren Hirten gefunden hätten.

 

Können wir uns heute damit identifizieren? Unter normalen Umständen hätten wir als moderne Menschen sicher Schwierigkeiten damit, uns als eine Herde blökender Schafe zu betrachten, die hinter einem Hirten hertrottet. Vielmehr sind wir es gewohnt, uns als autonome selbstbewusste Menschen und Bürger zu sehen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen.

 

Aber wir leben ja nicht in normalen Zeiten. Jetzt in der Krise merken wir, wie ständig Entscheidungen für uns getroffen werden. Wir fühlen uns in der Tat wie irrende Schafe. Wir wissen nicht, wohin es geht und wie lange dieser Zustand des Umherirrens andauern wird. Wir möchten vielleicht sogar, dass da „Hirten“ auftreten und uns klare Weisungen geben, uns sagen, wo es langgeht, obwohl uns gerade das Evangelium und auch alttestamentliche Texte die Unzulänglichkeiten menschlicher Hirten, der „Mietlinge“, vor Augen führen.  Da ist es gut und ernüchternd zu sehen, dass auch einige dieser „Hirten“, auf die wir uns vielleicht allzu sehr verlassen möchten, in dieser Krise ein Stück Demut lernen. So z.B. Boris Johnson: Unmittelbar nach seiner Ansteckung hatte er sich noch bewusst kämpferisch gegeben und tapfer durchgehalten, bis zuletzt, bis ihn das Virus niederstreckte. Als er aus der Intensivstation kam, präsentierte er sich dann aber nicht mehr als blonder Hüne, der – quasi wie der Heilige Georg den Drachen – das Virus überwunden hätte, sondern sagte bescheiden, er verdanke sein Leben dem medizinischen Team, das ihn behandelt habe. Dem können wir als Christen zustimmen und die alte lateinische Weisheit ergänzen: medicus curat, natura sanat, Deus salvat = Der Arzt pflegt, die Natur macht gesund, Gott heilt.“ Viele Ärzte sehen dies auch so, sehen sich eben nicht als „Halbgötter in Weiß“ und wollen auch nicht als Helden hochstilisiert werden, sondern als Helfer und Unterstützer wirken, denen in der gegenwärtigen Krise auch die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten bewusst ist.

 

Als Christen wissen wir auch, dass wahre Heilung von Gott über Jesus kommt, dass – wie das Evangelium sagt – Christus der wahre und hütende Hirte ist. Was aber nicht frommes Hände-in-den-Schoß legen bedeutet, denn  – um in dem biblischen Bild zu bleiben – Schafe lassen sich ja von dem Hirten auch nicht das Gras ins Maul stecken, sondern müssen sich schon selbst auf die Beine und die Suche machen. Was für das Pflegepersonal gilt, gilt auch für uns: Unser Tun ist Teil des Heilungsprozesses.  Wenn wir hierfür aber von der Heiligen Schrift ganz klare, konkrete Handlungsanweisungen erwarten, werden wir enttäuscht. Der Text sagt uns eben nicht haargenau, wo es in unserer jeweiligen aktuellen Situation lang- und weitergeht. Aber er stellt uns Christus als Vorbild hin. Vorbild bedeutet, dass wir ein Bild vor uns haben, nach dem wir uns richten. Aber wir müssen dann selber unser eigenes Bild malen, das bei den einzelnen ganz unterschiedlich ausfallen kann. Wenn sich zwei Künstler denselben Gegenstand anschauen, um ihn abzubilden, werden daraus sehr unterschiedliche Bilder. Ein Kommentator hat es einmal in Bezug auf das Folgen in den Fußstapfen Jesu so ausgedrückt: Es ist, wie „wenn der Vater den Weg durch den hohen Schnee bahnt“; dann „folgt ihm das Kind in den gleichen Fußstapfen nach und doch in ganz anderer Weise“. Derselbe Kommentator erklärt das Wort Vorbild, griechisch υπoγραμμός (hypogrammόs) wörtlich als „Schreibmuster, das zu eigenem Schreiben anregen […] vom bloßen Kopieren bis zu Neuentwicklungen gehen kann“. So entwickelt jede/r seine/ihre eigene ganz individuelle Schrift. Dabei muss aber die Schrift immer noch als solche erkennbar, d.h. lesbar bleiben.

 

Lassen Sie mich dieses Beispiel von den väterlichen Spuren im Schnee noch durch ein eigenes Erlebnis, besser gesagt Miterlebnis ausführen. In meiner Grundschulzeit war einmal eine winterliche Schulwanderung auf den ca. 600 m hohen Eisenberg, eine Erhebung im nahen Mittelgebirge meiner hessischen Heimat, angesagt. Ziel war ein Ausflugslokal auf dem Gipfel. Unterwegs ging ein Teil der Klasse verloren. Im Schneegestöber kamen sie vom Weg ab. Doch sie handelten dann richtig. Sie gingen auf ihren eigenen Spuren zurück, bis sie wieder auf die Spuren der Lehrerin und der übrigen Klasse stießen. Denen folgten sie und kamen dann sicher im warmen Lokal an, wurden mit Hallo begrüßt und erzählten von ihrem Abenteuer.

 

Dabei hatten sie ja einiges auf sich nehmen müssen. Sie mussten sich viel länger als wir anderen der Kälte und Nässe aussetzen. Entsprechendes gilt auch für den Weg auf den Spuren Jesu. Aber Jesus nachfolgen ist dann doch noch einmal etwas anderes, oder? Können wir das als normal Sterbliche, die keine Helden oder Märtyrer sind, überhaupt? Und wie sollen wir uns das gerade in der jetzigen Situation vorstellen? Christus nachfolgen heißt ja aufstehen und handeln, aber genau das können wir ja im Moment schlecht, sofern wir nicht gerade zu den systemrelevanten Personen, den „Helden“ in den Heil- und Pflegeberufen und im Lebensmitteleinzelhandel gehören. Sind wir mehrheitlich nicht dazu verdammt, Hause zu sitzen und unter dieser erzwungenen Untätigkeit regelrecht zu leiden?

 

Weiterhelfen kann hier vielleicht einer, der auch dazu verdammt war zu sitzen, aber nicht in einem gemütlichen Zuhause, sondern im Gefängnis: Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag sich am Gründonnerstag zum 65. Male jährte. In seiner Zelle schrieb er über das Thema Leiden:

 

„Man muss damit rechnen, dass die meisten Menschen nur durch Erfahrungen am eigenen Leibe klug werden. So erklärt sich erstens die erstaunliche Unfähigkeit der meisten Menschen zu präventivem Handeln jeder Art – man glaubt eben selbst immer noch, um die Gefahr herumzukommen bis es schließlich zu spät ist; zweitens die Stumpfheit gegenüber fremden Leiden […] Christus – so sagt die Schrift – erfuhr alles Leiden aller Menschen an seinem Leibe als eigenes Leiden […] er nahm es auf sich in Freiheit. Wir sind gewiss nicht Christus und nicht berufen, durch eine Tat und eigenes Leiden die Welt zu erlösen, wir wollen uns nicht Unmögliches aufbürden und damit quälen, dass wir es nicht tragen können […], aber wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wir an der Weise des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreienden und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt […]. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrung am Leibe der Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.“

 

Bonhoeffer selbst hat so gehandelt, indem er wahres Mitleid suchte, d.h. indem er das sichere amerikanische Exil verließ, um nach Deutschland zurückzukehren und dort mit seinen Brüdern und Schwestern zu leiden. Er bezahlte dies mit seinem Leben, brachte also sich selbst zum Opfer. Dies ist übrigens auch mit der zentralen Osterbotschaft, dem Opfer in christlichem Sinne gemeint. In diesem Sinne kann auch in unserer Situation von Leiden und Opfer die Rede sein. Im Vergleich zu dem, was Bonhoeffer und andere Christen auf sich nehmen mussten, mag unser jetziges Leiden freilich trivial klingen, ist aber dennoch nicht unwichtig. Worin besteht es?

 

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde ja immer mal wieder die Meinung geäußert, man könne doch nicht das ganze Wirtschaftsleben wegen einer ziemlich kleinen Risikogruppe lahmlegen. Das wäre doch ein zu großes Opfer. Diese Vorstellung setzt freilich voraus, dass dennoch ein Opfer gebracht werden soll, nämlich von jener kleinen Gruppe besonders gefährdeter Menschen. Und manche von diesen haben dann sogar schon, sei es unter moralischem Druck der Öffentlichkeit, sei es aus eigenem altruistischem Entschluss, ihre Bereitschaft bekundet, dieses Opfer für die Mehrheit der Jüngeren auf sich zu nehmen. Nun wird hier freilich eine archaische Opfervorstellung wiederbelebt, die Einzelne dem Wohle der Gemeinschaft opferte. Gerade solche Opfer hat Jesus durch sein eigenes Opfer am Kreuz überflüssig gemacht (Hebräer 10,18), ein für allemal.

 

In Bezug auf die Coronakrise bedeuten das Leiden und das „Opfer“, zu dem wir als Christen aufgefordert sind, mit dieser Risikogruppe und für sie Unangenehmes auf uns zu nehmen. Für manche ist es echtes Leiden, für Menschen, die erhebliche Einkommensverluste hinnehmen müssen, oder solche, die sehr gesellig sind und von dem Kontakt mit anderen vor allem auch außerhalb der Familie leben, ganz zu schweigen von denen, die durch das Virus Angehörige verloren haben, oder von denen, die dann nicht einmal von einem geliebten Menschen Abschied nehmen dürfen. Für viele andere aber, zu denen ich auch mich selbst zähle, sind es jedoch eher ein paar relativ leicht zu verschmerzende Unannehmlichkeiten.

 

So gesehen und auch nach Bonhoeffer ist Leiden nicht einfach ein passives Erdulden, sondern ein aktives, freiwilliges, vielleicht sogar freudiges Auf-Sich-Nehmen. Die christliche Tat kann auch „Sitzen“, ein Verharren in Gebet und Hoffnung sein. Neulich stieß ich auf einen Bibelvers, der so klingt, als wäre er für die Coronakrise geschrieben: „Ihr Leute meines Volkes, geht in eure Häuser und schließt die Türen hinter euch zu. Haltet euch für kurze Zeit verborgen, bis das Strafgericht vorüber ist“ (Jesaja 26,20).  Wenn wir „Strafgericht“ nicht einseitig moralisch verstehen, sondern als einen Weckruf, der uns auch darüber nachdenken lässt, wie wir unser Leben nach dieser „kurzen Zeit“ gestalten wollen, dann ist das alles andere als passiv.

 

Und „danach“? In unmittelbarer Nähe des zitierten Jesaja-Verses heißt es: „…deine Toten werden wieder leben, die Leichen meines Volkes werden auferstehen“. Aber auch schon für das Diesseits wird für uns das gelten, was meine durchfrorenen und durchnässten Klassenkameraden damals in der Eisenberg-Geschichte erlebten: Sie wurden im warmen und trockenen Ausflugslokal mit ihren Freunden wiedervereint und konnten sich ihnen mitteilen. Das wünsche ich uns allen. Amen.

 

Lied zum Mutmachen: Nr 373, 1*3*5*6 (Jesu, hilf siegen)

 

Fürbittengebet

Herr, wir bitten dich für alle, die liebe Menschen verloren haben,

auch für jene, die nicht von den Verstorbenen Abschied nehmen durften.

Stärke alle, die jetzt Verzweiflung und Langeweile quält oder die sich Sorgen um ihre Arbeit und ihre Zukunft machen.

Wir bitten dich auch für den häuslichen Frieden in den Familien, der durch die Enge und die jetzt

geltenden Einschränkungen bedroht ist.

Wir befehlen dir jene an, die hohe Verantwortung in der Politik, der Medizin und der Wissenschaft tragen. Gib, dass sie verantwortungsvoll und weise handeln.

So bitten wir dich für alle, die ein Hirtenamt für andere ausüben

und danken dir für den einen wahren Hirten, Jesus Christus.

Amen.

 

Segen (sogenannter irischer Reisesegen)

Zurzeit müssen wir Abstand voneinander halten. Das gilt aber nicht in Bezug auf Gott. Er hält nicht Abstand zu uns, und für müssen nicht auf Distanz zu ihm gehen. Das kommt in dem Segen zum Ausdruck.

 

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu weisen.

Der Herr sei hinter dir, um dich vor heimtückischen Anschlägen zu schützen.

Der Herr sei neben dir, um dich zu umarmen.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der Dreieinige Gott.

Amen.

Die Andacht wurde vorbereitet von Prädikant Reinhold Trott

 

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Gedanken zum 1. Sonntag nach Ostern – Quasimodogeniti

19. April 2020

Jesaja, Kapitel 40, Verse 26-31

Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat! Seht ihr dort das Heer der Sterne? Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl. Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei. Aus der Menge, vielfältig und stark, darf kein einziger fehlen.
Wie kannst du da sagen, Jakob, wie kannst du behaupten, Israel: Mein Weg ist dem HERRN verborgen! Mein Recht entzieht sich meinem Gott!“
Hast du’s noch nicht begriffen? Hast du es nicht gehört? Der HERR ist Gott der ganzen Welt. Er hat die Erde geschaffen bis hin zu ihrem äußersten Rand. Er wird nicht müde und nicht matt. Keiner kann seine Gedanken erfassen.
Er gibt dem Müden neue Kraft und macht den Schwachen wieder stark.
Junge Burschen werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen.
Aber die auf den HERRN hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde.

                    Text nach der Basisbibel

Lied HELuM 83 „Wo Menschen sich vergessen“

 

In Konflikten sagt man ja gern: „Bleib ganz bei Dir! Erzähle, was das mit Dir macht – ohne Vorwürfe – dann kann der andere damit umgehen und es ändert sich (vielleicht) etwas!“

„Bleib ganz bei Dir…“ Ich finde, wir sind in diesen Corona-Zeiten sehr, vielleicht viel zu sehr auf uns selbst zurückgeworfen:

Letztens habe ich mich dabei ertappt, wie ich einem älteren Herren, der grad ihren vorgeschriebenen Einkaufswagen aus dem Blick verloren hatte, für ein paar Sekunden am liebsten die letzte Klopapierpackung geklaut hätte: „Muss die denn so viel bunkern?!“

Oder ich ärgere mich darüber, dass andere spazieren gehen, während ich doch so vorsichtig bin.

Oder ich denke: „Warum nehmen unsere Krankenhäuser überhaupt Leute aus anderen Ländern auf? Werden noch genug Plätze für uns frei bleiben?“

Oder Hamburger an unseren Schleswig-Holsteiner Küsten?

Oder ich leide darunter, dass ich ja abgeschottet und eingeschränkt leben muss – mit Haus und Garten, Familie und vor allem gesund.

Diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen und vielleicht ertappen Sie sich bei ähnlichen Gedanken…

Wir lassen uns viel zu sehr auf uns selbst zurückwerfen! Und haben darum viel zu oft viel zu schnell nur noch uns im Blick, mit unseren Bedürfnissen und unseren Problemen. Die ja wirklich auch nicht ohne sind, das will ich gar nicht abstreiten.

 

Jesaja hatte damals mit Leuten zu tun, die auch in ziemlichen Schwierigkeiten steckten und nicht mehr wussten, wie es weitergehen sollte. Er rät diesen Menschen, deren Land zerstört und besetzt war, die verschleppt wurden, den Blick zu heben: Richtet eure Augen nach oben!

Und das ist ganz praktisch gemeint: Heute habe ich mich z.B. dabei ertappt, wie ich hinter meinem Mundschutz den Blick zu Boden gerichtet habe und dann durch die Menge pflügte… Wie war das noch mit dem Mindestabstand?! Richtet eure Augen nach oben!

 

Wenn ich die Augen hebe und meine Mitmenschen sehe und Gott, dann kommt mein Seelenleben wieder ins Gleichgewicht.

Wenn ich die Augen hebe, dann verliere ich meine Bedürfnisse und Nöte nicht aus dem Blick. Ich weiß, was sich ändern, was ich noch regeln muss. Aber ich sehe auch all das, was mein Leben reich macht. Was ich dazugewonnen habe und auch in diesen Corona-Zeiten!

Wenn ich die Augen hebe und meine Mitmenschen sehe, dann spüre ich auch ihre Sorgen, wie auch ihre Stärken. Und ich erkenne mich in ihnen und kann mit ihnen mitfühlen. Und dann wünsche ich ihnen nur das Beste. Und ich wünsche mir, dass wir all das gemeinsam wuppen und bin bereit auf andere zuzugehen. Mit einem Lächeln, einem Dank, einer Geste, einem Anruf, einem Brief… Und wenn ich mich zuwende, dann sehe ich plötzlich wieder mich. Und all meine Stärken und Möglichkeiten. Richtet eure Augen nach oben!

Wenn ich die Augen hebe und Gott wahrnehme, erfüllt mich das zu allererst mit Dank. Dank dafür, dass Gott die Welt so wunderbar geschaffen, dass er Leben schenkt und uns erhält. Wenn ich die Augen hebe und Gott wahrnehme, spüre ich wieder Hoffnung und ein Ziel, ruhige Gewissheit und Gottes Großzügigkeit, die auch mich großzügig sein lässt.

 

Gebet

Gütiger Vater,

ich danke Dir für alle Menschen, die in diesen Tagen so unglaubliches leisten: In den Regierungen, Krankenhäusern, Pflegeheimen, Gemeinden und Familien. Hab Dank für ihre Liebe, ihre Kraft, segne sie!

Ich danke Dirfür alles, was in unserem Leben möglich ist, was gelingt und uns reich macht: Die Nähe zueinander, unser Wohlstand, unsere Sicherheit, den Frühling. Lass uns all das genießen, daraus Kraft schöpfen und ein Lob finden für dich.

Ich danke Dir für allen Zusammenhalt auch über Grenzen hinweg.

Und ich bitte Dich für all die Krisenregionen unserer Welt: für den Corona-Hotspot USA, für die Flüchtlinge am Mittelmeer, für Syrien und den Hunger in Afrika. Auch wenn wir den Kopf nun voll haben: Lass uns spüren, dass wir eins sind und dass in unserer Einheit Segen und Stärke liegen. Und gib, dass wir uns einsetzen, wo wir es können: Für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Und nun geh mit uns durch die Woche: Schenke uns Gelassenheit und Momente der Begegnung mit Dir. Segne unser Tun und Lassen. Geh Du mit uns, gütiger und treuer Gott.

Amen.

Herzliche Grüße, Ihr / Euer Pastor Thorsten Kelm

 

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Ostern 2020

Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Halleluja!

Liebe Gemeinde, der Ostergottesdienst beginnt mit diesem RUF, den auch heute alle Christen der Welt sprechen!

Sie können das Osterlicht zu Hause anzünden.

Ihre Osterkerze leuchtet.

Ein ganz anderer Morgen heute

An diesem Ostermorgen ist vieles anders. Oststeinbek/Havighorst ist stiller geworden. Wir können uns nicht gegenseitig besuchen. Und dennoch wissen wir: wir sind nicht allein und können uns an diesem Ostermorgen miteinander freuen. Jede/r an seinem Ort zu Hause, in der Natur. Wir sind gemeinschaftlich miteinander verbunden!!! Wir dürfen uns heute nicht in der Kirche treffen, um gemeinsam zu feiern, zu singen und zu beten. Und dennoch kann ein jeder/eine jede in diesen Osterjubel für sich oder in der Familie einstimmen.

Ein ganz anderer Morgen damals

Wir lesen das Osterevangelium. Markus 16, 1-8

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

 

Liebe Gemeinde,

Es ist still, der Morgen noch jung. Die Natur erwacht als die Frauen sich aufmachen zum Grab. Sie haben wohlriechende Salben zubereitet, um den verstorbenen Jesus zu salben: ein letzter Liebesdienst. Sie sind traurig, ratlos. Mit dem Tod von Jesus, sind ihre Zukunftspläne, ihre Hoffnungen auf eine bessere Welt zunichte gemacht. Sie haben keine Idee, wie es weiter gehen soll. Gott sei Dank haben sie jetzt eine Aufgabe. Jetzt, hier auf dem Weg zum Grab.

Sie wissen zwar nicht, wie sie den großen Stein vom Grab weggewälzt bekommen. Dennoch machen sie sich auf den Weg. Sie vertrauen darauf, dass es für dieses Problem eine Lösung gibt. Welche wissen sie nicht.

Als sie am Grab eintreffen sehen sie, dass der Stein weg ist und Jesus nicht mehr im Grab liegt. Rat- und hilflos stehen die Frauen vor einem großen Loch. Vor einem großen Loch in ihrem Leben. Was sie dann zu hören bekommen ändert alles, was sie zu wissen glauben:

„Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss den Sündern ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.“

Ein Morgen, der den Tod entmachtet hat

Erinnert euch! Jesus hält sein Wort! Es ist die Erinnerung, die eine Brücke schlägt zwischen Jesus und den Frauen. Jesus hat vom Tod geredet – und von der Auferstehung, vom Kreuz – und vom Leben. Es ist kein Zufall: Als die Nacht schwindet und der Sonne immer mehr weicht, wird das Grab mit dem großen Loch zu einem Zeichen, dass der Tod entmachtet ist und keine Angst mehr verdient. Dennoch fliehen die Frauen. Sie können nicht glauben, was sie gehört und gesehen haben, unvorstellbar ist es. Sie begreifen Schritt für Schritt die Osterbotschaft: Sie ist ein Aufruf, aus dem Dunstkreis des Todes herauszutreten. Wider gegen die Resignation, hin zur Hoffnung.

Die Auferstehung Jesu ist von Anfang an geglaubt worden: Jesus ruft den Namen von Maria, sie hört und glaubt. Jesus begegnet den Emmausjüngern, sie erkennen ihn, mit dem Herzen und am Brechen des Brotes. Allen Jünger*innen ist gemein, dass sie durch die glaubende Begegnung ihr Leben neu ausgerichtet haben. Sie begriffen, dass ihre Hoffnungen nicht mit Jesu begraben wurden. Aus der anfänglichen Angst und Traurigkeit ist neuer Lebensmut erwachsen. Die Jünger*innen stehen auf- mitten im Leben. Der Glaube an die Auferstehung hat sie alle damals verwandelt. Dieser Glaube kann uns auch heute verwandeln.

Uns allen ist Auferstehung verheißen. Es wird eine neue Osterwelt Gottes geben. Schon jetzt begegnen uns kleine Zeichen dieser großen Auferstehung: Solidarität und Rücksichtnahme, die Nachbarschaftshilfe, die Verarztung und Pflege an den Betten der Kranken und alten Menschen. Kleine Osterspuren ahnen wir in der Erfahrung der Genesung, in der Sehnsucht und Vorfreude, uns nach dieser besonderen Zeit wiederzusehen, gemeinsam zu feiern, zu singen.

In diesem Sinne frohe und gesegnete Ostern!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. AMEN

 

All unsere Bitten, unseren ganzen Dank fassen wir in dem einen Gebet Jesu zusammen:

Vaterunser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

So segne und behüte uns alle der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiligerer Geist

Amen.

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis.

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Die folgenden Gedanken hängen heute, am Karfreitag, in der Kirche zum Mitnehmen! Kommen Sie vorbei!

Gedanken zu Karfreitag 2020

Karfreitag feiern wir in Oststeinbek traditionell eine Andacht zur Sterbestunde Jesu. Um 15.00 Uhr. Diese Andacht gehört für mich zu den wichtigsten und bewegendsten Gottesdiensten des ganzen Jahres. Sie ist Teil 1 von zwei Gottesdiensten, die unbedingt zusammengehören. Teil 2 wird dann einer unserer Gottesdienste am Ostersonntag sein: entweder zum Sonnenaufgang oder um 10.00 Uhr, den wir als Familiengottesdienst feiern.

Karfreitag will ich das Leiden und den Tod Jesu aushalten.

Ich finde, wir gehen viel zu oft über das Leiden und den Tod von Menschen hinweg. Auch dem eigenen Tod stellen sich wohl die wenigsten Menschen. Vielleicht liegt das daran, dass man bei Leiden und Tod schnell mit seinem Latein ans Ende kommt. Dass man keine Handlungsstrategien für sie hat. Keine Worte. Ich denke aber: Ziemlich lange können, ja müssen wir Leiden und Tod wohl erst einmal „nur“ aushalten. Wobei unser Aushalten oft schon so unendlich viel ist. Denn: Haltet einmal die Hand eines Menschen, der leidet, dann wisst Ihr was ich meine. Da muss man nicht viel sagen, aber das (Aus-) halten hilft unendlich.

Allerdings meine ich nun nicht, wir Leiden und Sterben hinnehmen müssen, wenn es eine Chance gibt etwas zu tun, zu kämpfen. Und vor allem unnötiges Leiden, ungerechten Tod müssen wir, dürfen wir nicht hinnehmen, sondern sollten für das Leben kämpfen. Das tut auch Gott. Er kämpft für das Leben.

Hier zum Beispiel, an diesem Karfreitag: Gott setzt sich für das Leben von uns Menschen ein. Gott gibt stellvertretend alles, was er geben kann: sein eigenes Leben. Um all die Lücken zu schließen, die in unserem Leben zu anderen, zu Gott und in uns selbst aufreißen, weil wir tun, weil wir lassen, darum gibt Gott sich selbst hin. Und schließt all die Lücken. Und schenkt Heilung. Gott handelt Karfreitag radikal konsequent, sagte Jesus doch einmal: „Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt.“ (Joh 15,13)

Ich finde: Das kann man auch dieser Tage wunderbar beobachten:

Was für mich unendlich kostbar ist, ist die Zeit, die ich mit anderen Menschen verbringen darf! Im Alltag fällt das gar nicht so auf und ich halte all die kleinen und großen Kontakte für normal. Manchmal habe ich auch abends keine Worte mehr, weil ich so viel geredet habe. Zuweilen nervt mich all die Interaktion gar. In diesen Wochen erlebe ich aber, wie kostbar jeder einzelne Kontakt ist. Und was ich mir entgehen lasse, mir selbst nehme, wenn ich an anderen vorbei hetze und einen vielleicht entscheidenden Augenblick verpasse.

In der 3. Corona-Woche mache ich mir so langsam Gedanken, was ich an kostbaren Erfahrungen aus dieser schweren Zeit behalten will, wenn alles wieder losgeht. Mehr Priorität für andere Menschen gehört auf jeden Fall dazu!

Und Dankbarkeit für all die Menschen, die mein Leben erst möglich machen, an denen ich im Alltag aber allzu oft vorbeihaste. Und es ist ja krass, welche Berufe uns auf einmal als „systemrelevant“ auffallen: Kassiererinnen im Supermarkt, Erzieher in der KiTa, Pflegerinnen in den Altenheimen… Wenn all diese Menschen so wichtig sind, sollten wir sie auch anerkennen, wenn alles wieder losgeht. Wir sollten dankbar sein, dass sie ihren Job machen. Und: Wir sollten ihnen auch mehr Geld für ihre Arbeit geben: „Niemand liebt mehr als einer, der sein Leben für seine Freunde einsetzt…“

 

Gut. Darum geht es also an diesem finsteren Tag, an Karfreitag: Jesus stirbt. Damit wir leben können. Und ich weiß, das ist schwer auszuhalten. Aber vielleicht sollten wir die Liebe Gottes einfach annehmen. Wie die Liebe eines anderen Menschen: Liebe und Zuwendung anzunehmen, fällt ja oft so schwer.

Lest selbst, wie der Evangelist Markus die Geschichte erzählt! (Und viel mehr tun wir in der Andacht an Karfreitag zur Sterbestunde Jesu auch nicht: Wir singen, wir beten kurz und dann hören wir das Evangelium des Karfreitags.) Und halten aus. Das eine, wie das andere:

Mk 15,20b (nach der Basisbibel, Link unten) Und sie führten Jesus aus der Stadt, um ihn zu kreuzigen. 21 Da kam ein Mann vorbei. Es war Simon von Zyrene, der Vater von Alexander und Rufus. Er kam gerade vom Feld zurück. Den zwangen sie, für Jesus das Kreuz zu tragen. 22 Und sie brachten ihn zu der Stelle, die Golgota heißt, das bedeutet übersetzt „Schädelplatz“. 23 Sie wollten ihm Wein zu trinken geben, der mit Myrrhe versetzt war. Aber er nahm ihn nicht.

24 Dann kreuzigten sie ihn. Sie verteilten seine Kleider und losten aus, wer was bekommen sollte.

25 Es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

26 Auf einem Schild stand der Grund für seine Verurteilung: „Der König der Juden“.

27 Mit Jesus kreuzigten sie zwei Verbrecher. Den einen rechts, den anderen links von ihm.

28 […]

29 Die Leute, die vorbeikamen, lästerten über ihn. Sie schüttelten ihre Köpfe und sagten: „Ha! Du wolltest doch den Tempel abreißen und in nur drei Tagen wieder aufbauen. 30 Rette dich selbst! Steig vom Kreuz herunter.«

31 Genauso machten sich die führenden Priester  zusammen mit den Schriftgelehrten  über ihn lustig. Sie sagten: „Andere hat er gerettet. Sich selbst kann er nicht retten. 32 Der Christus, der König von Israel, soll jetzt vom Kreuz herabsteigen. Wenn wir das sehen, glauben wir an ihn.“ Auch die beiden Verbrecher, die mit ihm gekreuzigt waren, verspotteten ihn.

33 Es war die sechste Stunde, da breitete sich im ganzen Land Finsternis aus. Das dauerte bis zur neunten Stunde.

34 In der neunten Stunde schrie Jesus laut: „Eloï, Eloï, lema sabachtani?“ Das heißt übersetzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

35 Als sie das hörten, sagten einige von denen, die dabeistanden: „Habt ihr das gehört? Er ruft nach Elija.“

36 Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf eine Stange und hielt ihn Jesus zum Trinken hin. Er sagte: „Lasst mich nur machen! Wir wollen mal sehen, ob Elija kommt und ihn herunterholt.“

37 Aber Jesus schrie laut auf und starb. 38 Da zerriss der Vorhang im Tempel  von oben bis unten in zwei Teile. 39 Ein römischer Hauptmann stand gegenüber vom Kreuz. Er sah genau, wie Jesus starb. Da sagte er: „Dieser Mensch war wirklich der Sohn Gottes.“

Basisbibel

 

Eigene Gedanken!

Welche Gedanken kommen Euch jetzt?

Woran bleibt Ihr hängen?

Was ärgert Euch, was lehnt Ihr ab?

Und vor allem: Was macht Euch Mut? Was gibt Euch Kraft? Was freut Euch? Das haltet fest:

 

 

Noch ein paar meiner Gedanken – Hohn & Spott

Ich finde es immer wieder krass, wie oft Menschen, die etwas wagen, die sich für andere einsetzen, die mal etwas ab von der Spur tun, Hohn und Spott ernten. Bei Jugendlichen habe ich das beobachtet: Wenn da einer Lust auf die Schule hat, eine etwas anderes trägt, einer freiwillig mithilft, eine mutig eigene Gedanken formuliert, dann macht sich garantiert jemand über ihn oder sie lustig. Aber selbst in einer unserer Gemeindegruppen ist mir das Schmähwort von den „Gutmenschen“ schon begegnet. Weil wir uns engagierten für und mit den Geflüchteten. Und weil das ja nicht helfe. Sondern alles nur noch schlimmer mache, darum seien wir „Gutmenschen“. Und das war nicht positiv gemeint.

Auch hier in diesem Text: Kaum auszuhalten, all der Hohn, der Spott! Woher stammt dieser Reflex in uns? Welche Verwundungen verbergen sich dahinter?

Ich möchte gern achtsam sein. Und die Vielfalt feiern. Und erstmal nachdenken, bevor ich werte. Und als Chance, als Ergänzung begreifen, wenn eine anders lebt, wenn einer sich so wunderbar engagiert.

 

Verlassenheit

„Mein, Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, schreit Jesus als letztes, bevor er stirbt. Und auch, wenn ich weiß, dass das Vers 2 aus Psalm 22 im biblischen Alten Testament ist. Und dass dieser Psalm mit einem Lobpreis Gottes endet. Möchte ich mich trotzdem nicht vorschnell auf die versöhnliche und harmlose Seite ziehen lassen: Das Kreuz ist kein Schmuckstück, sondern ein bestialisches Marterinstrument! Und die Einsamkeit Jesu hier erschütternd und sowas von völlig fern jeglicher „bright side of life“! Zum Aushalten von Leid und Tod habe ich ja schon oben etwas geschrieben… Nun aber noch etwas zur Verlassenheit an sich:

Ich weiß, dass niemand von uns allein ist! Egal, wie rau und unübersichtlich sich das Leben manchmal anfühlt: Immer gibt es eine, die an uns denkt. Einen, der dankbar ist, dass es uns gibt. Wir sagen einander das nur viel zu selten! Wir lassen einander das nur viel zu wenig spüren! Aus irgendeiner Sorge heraus… Und dann kann es sich anfühlen, als stünden wir allein da, aber: Nie bist Du allein! Da gibt es Menschen! Leute, die notfalls einfach nur Dein Leid aushalten. Die aber am liebsten das Leben mit Dir feiern würden.

Und dann ist da Gott. Gott ist Dir nah, wie sonst niemand! Er segnet und begleitet Dich. Er will, dass Dein Leben gelingt. Und wenn Dein Leben gerade den Bach runter geht, dann teilt er auch Dein Leid. Und lässt nicht los. Weil er Gott ist. Und weil er selbst das Leid erfahren, erlitten hat: Als sein Sohn litt und starb. Als Jesus sich verschenkte. NIE bist Du allein! Halt diesen Gedanken fest!

 

Ein Fremder erkennt’s!

Am Ende erkennt wieder einmal ein Fremder, was da gerade geschieht und was das bedeutet! Bei Jesu Kreuzigung war es ein römischer Hauptmann. Im Märchen vom nackten Kaiser war es ein Kind. Oft sind es die Fremden, die erkennen, was geschieht. Und uns sagen könnten, was das für uns bedeutet. Ich selbst kennen das von meinen Umzügen von Berlin nach Kiel, von Kiel nach Reutlingen, von Reutlingen nach Kiel, von Kiel nach Wuppertal und von Wuppertal nach Oststeinbek: Was ich alles sehe, spüre, rieche, wenn ich irgendwo neu bin! Wie mir viele Zusammenhänge spontan klar werden! Wie ich auch als Neuer kein Problem habe, gegen bestehende Strukturen aufzubegehren! Und Neues zu wagen. Und Offensichtliches anzusprechen. Irgendwann droht mich dann aber die Systemblindheit zu umarmen und ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr!

Ich möchte mir eine gewisse Fremdheit erhalten! Immer wieder aus den Routinen ausbrechen. Nach dem Blick der Fremden fragen. Unbekannte Wege für meine Pendelwege suchen. Und dann am Wegesrand das Kleine entdecken. Das Anliegende anpacken. Das Vergangene beenden. Und Neues wagen…

 

Ostersonntag feiern wir das Leben. Heute, Karfreitag (und in dieser schlimmen Zeit) halten wir Leiden und Tod aus. Und weichen doch nicht. Denn zwischen Karfreitag und Ostersonntag liegt der Durchgang vom Tod zum Leben. Und wir sind schon mittendrin. Miteinander. Und Gott ist mitten unter uns.

 

Segen

Karfreitag gehen wir schweigend – ohne Segen – auseinander. Aber ein Bibelwort geht mit uns, aus dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher, Kapitel 5, Vers 23:

„Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“

 

Das wünsche ich Dir und Ihnen!

Ihr Thorsten Kelm

 

 

Gebet

Jesus, heute sind wir ganz bei Dir. Wir denken an Deine Liebe zu uns und danken Dir. Wir denken an Dein Leiden, Dein Sterben und es tut uns weh. Wir bitten Dich: Lass uns ganz bei Dir sein, denn Du bist bei uns und verlässt uns nie, treuer Gott.

Jesus wir gestehen Dir, dass es uns so oft nicht gelingt, nach Deinen Vorstellungen zu leben: Wir haben Angst vor der Zukunft, verlassen uns viel zu wenig auf Dich und kosten uns so selbst Nerven und Kraft.

Wir gaben zurück, was Du uns schenkst und teilen viel zu wenig: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Wir bitten Dich: Lass uns Dir nah sein, lass uns einander nah sein und schenke uns Deinen Frieden.

Wir bitten Dich für Menschen, die in diesem Augenblick leiden: Die Corona–Kranken, den Flüchtlingen in den überfüllten Lagern, den Menschen in Syrien und den anderen Krisenherden unserer Welt. Lass Du uns die drängenden Probleme nicht aus den Augen verlieren und gib, dass wir es wagen so zu leben, dass Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sich durchsetzen.

Sei gelobt Gott, für Deine große Liebe und Treue. Sei gelobt, weil Du unser Leben so wunderbar gemacht hast und es erhältst. Sei gelobt, weil Du Gott bist, der Ewige und Allmächtige.

Amen. 

 

Im Evangelischen Gesangbuch (EG) finden Sie Lieder zur Andacht:

Lied 97,1-3 Holz auf Jesu Schulter

85,1+2+9+10 O „Haupt voll Blut und Wunden“

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Torsten Kelm.

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de / Instagram: @luthermansfriend

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Zuversicht — sieben Wochen ohne Pessimismus

Passionsandacht zum 08.04.2020

Sieben Wochen lang war es für viele Menschen der Leitgedanke gewesen, mit Zuversicht den Alltag zu gestalten. Zuversichtlich leben fällt in diesen Tagen schwerer denn je. Tagtäglich sind wir Menschen gefordert mit den jetzigen Einschränkungen umzugehen. Unser aller Leben hat sich grundlegend geändert. Homeoffice, Kurzarbeit, Lernen von zu Hause etc. Viele Vorhaben sind einfach gestrichen oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Ungewissheit ist groß; keiner weiß, wie lange diese Situation noch anhalten wird. Dieses ist schwer auszuhalten. Zurzeit bleibt uns nur, Tag für Tag zu leben und diesen sinnvoll zu gestalten. Aber was heißt hier “nur“? Auch das ist eine Aufgabe, die nicht jeden Tag leicht fällt. Dennoch können wir versuchen, unsere Tage mit Zuversicht zu beginnen. Mit gelingt es am Besten, wenn ich mir vor Augen führe, worüber ich dankbar bin. Es sind meist die sogenannten kleinen Dinge des Lebens, die auf einmal in den Vordergrund rücken: Die Hilfsbereitschaft vieler Menschen, freundliche und ermutigende Worte am Telefon. Ihnen fallen bestimmt noch mehr Alltagssituationen ein, wofür Sie persönlich dankbar sind. Dankbar sein zu können erleichtert es uns, den Blick auf das halbvolle Glas zu richten. Dagegen ist es nicht hilfreich, das Schlechte und Schwere so stark zu betonen. So wird alles Gute, was es im Persönlichen, in der Gemeinde, wie auch gesamtgesellschaftlich gibt, leicht vergessen und hat nicht die Kraft, gegen die trübe Stimmung anzukommen.

Leben bedeutet Veränderung und wir stehen jeden Tag neu vor der Aufgabe – aber wir sollten nicht in einer deprimierten Stimmung hängen bleiben, sondern unsere Aufgabe annehmen und mit Hoffnung in die Zukunft sehen, ohne dass wir immer schon wissen, was kommen wird

„Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin“, ruft Paulus uns Leser*innen in der Karwoche zu (Römerbrief 8,24). Die christliche Hoffnung begründet sich durch den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Glaube und Hoffnung gehören zusammen. Paulus erinnert uns daran, dass der Glaube an Jesus Christus Hoffnung auf eine Welt ist, die noch aussteht.

Keiner weiß, was kommen wird, wie lange alles dauern wird, wie die Welt nach der Pandemie aussehen wird. Trotzdem können wir hoffen, dass uns alles zum Besten dient. Hoffnung ist nicht das Wunschdenken, das immer alles so wird, wie ich es möchte. Hoffnung ist immer ungewiss. Sie hat keine Beweise, und sie gibt keine Garantien. Hoffnung beinhaltet das Vertrauen, dass ich die Kraft bekomme, anzunehmen zu können, wie es kommt, und das alles am Ende zum Besten dient. Zu dieser Hoffnung verhelfe uns der Glaube an den dreieinigen Gott. Amen.

 

Lied:

Meine Hoffnung und meine Freude,

meine Stärke, mein Licht:

Christus meine Zuversicht,

auf dich vertraue ich

und fürcht mich nicht,

auf dich vertrau ich

und fürcht mich nicht.

Kanon aus Taizé

Die Passionsandacht wurde von Pastorin Sabine Spirgatis erarbeitet.

 

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Andacht zum Palmsonntag Palmarum, 05. April 2020

Markus 14, (1-2) 3-9

Liebe Gemeinde, diese Andacht können Sie im Hause feiern. Nehmen sie sich Zeit und wenn Sie mögen, zünden sie ein Kerze an.

Wochenspruch:
Der Menschensohn muss erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.

Joh 3, 14b-15

 

Wir beten den Psalm 69

Gott, hilf mir!

Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;

Ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.

Ich habe mich müde geschrien,

mein Hals ist heiser.

Meine Augen sind trübe geworden,

weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

Ich aber bete zu dir, Herr, zur Zeit der Gnade;

Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

Errette mich aus dem Schlamm,

dass ich nicht versinke,

dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen,

und aus den tiefen Wassern;

dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge

und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.

Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich;

Wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit

und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte,

denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

Nahe dich zu meiner Seele und erlöse sie,

Gott, deine Hilfe schütze mich!

Amen


Lied EG 14

Dein König kommt in niedern Hüllen,

ihn trägt der lastbarn Es’lin Füllen,

empfang ihn froh, Jerusalem!

Trag ihm entgegen Friedenspalmen,

bestreu den Pfad mit grünen Halmen,

so ist’s dem Herren angenehm.

 

Evangelium zur Predigt:

Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.

Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Markus 14,(1–2)3–9

 

Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem sitzend auf einem Eselsfüllen und begleitet von der jubelnden Menge, die ihren König begrüßt, steht bei Johannes und ist sicher vielen bekannt. Es ist ein eindrückliches Bild und prägt auch durch den Namen Palmsonntag unser Bild vom Beginn der letzten Tage Jesu vor seiner Kreuzigung.

Aber da gibt es noch eine andere Geschichte zu Palmarum. Sie ist unser heutiger Predigttext und handelt von der Salbung in Bethanien. Sie steht bei Markus. Im Zentrum dieser Geschichte steht nicht die Hosianna rufende Menge, die später genauso laut kreuziget ihn ruft, sondern eine namenlose Frau, die auf ihre Weise erkennt, welchen Weg Jesus gerade geht und dem sie durch ein besonderes Geschenk ihre Liebe ausdrückt.

Bethanien, ein kleiner Ort nahe Jerusalem. Dort ist Jesus, ein Teil seiner Jünger und andere Männer, zu Gast im Hause Simon des Aussätzigen. Zu Gast bei einem Aussätzigen? Seltsam, ein Aussätziger hat ein Haus? Fürchtet sich denn niemand sich anzustecken? Vielleicht ist Simon einer der vielen Kranken, die Jesus einmal geheilt hatte. Vielleicht hatte Simon auch nur eine harmlose, nicht ansteckende Hautkrankheit. Wir wissen es nicht.

Simons Haus war sicher kein Palast, eines Königs würdig, eher eine Hütte. Jesus saß zu Tisch in diesem Haus. Und dann geschieht etwas vollkommen Ungewöhnliches: eine Frau betritt den Raum, mitten hinein in diese Männergesellschaft. Sie hat ein Fläschchen mit Nardenöl bei sich, das sie zerbricht. Sie schüttet dieses sehr kostbare Nardenöl über den Kopf von Jesus. Dieses Öl war außerordentlich kostbar. Es wurde aus der Wurzel einer Pflanze gewonnen, die nur im Himalaya wuchs und hatte den Wert von 300 Silbergroschen, zu damaliger Zeit soviel wie der ganze Jahreslohn eines Tagelöhners.

Empörung macht sich breit. Wer ist diese Frau, die gleich mehrere Tabus auf einmal bricht:

  • Sie betritt ein Haus, in dem nur Männer zu Tisch sitzen, wie zu jener Zeit üblich. Frauen hatten da mit Ausnahme der Gastgeberin nichts zu suchen.
  • Sie zerbricht eine Alabaster-Flasche mit einem kostbaren Öl
  • Sie gießt es ohne zu fragen über Jesu Kopf.

Wer ist diese Frau? Sie hat keinen Namen. Man weiß nicht woher sie kommt. Wie kam sie zu Jesus? Außer, dass sie ein teures Öl besitzt, weiß man nichts von ihr. Sie sagt kein Wort. Sie handelt nur.

Hat sie den Auftrag, Jesus kurz vor seinem Tod zu salben, von Gott bekommen? Kannte sie ihn schon persönlich oder wusste sie nur aus Erzählungen von seinen Wundertaten, von den Heilungen vieler Menschen?

Die Männer ringsherum verstehen sie nicht. Sie sehen nur Verschwendung und unerhörtes Verhalten. Nur Jesus versteht sie und lässt sie gewähren. Sie gießt das Öl über seinen Kopf. Sie salbt ihn. Der Duft des Nardenöls ist betörend. Er beruhigt das Herz, verringert die Angst und schenkt inneren Frieden. Genau das, was Jesus braucht, denn er weiß, was auf ihn zukommt. Aus einer „empörenden“ Tat wird eine Szene liebevoller Hingabe. Eine Szene, die an das Hohelied Salomos erinnert, in dem die Braut sagt: „Solange mein König mir nahe ist, verbreitet mein Nardenöl seinen Duft.“ Die unbekannte Frau behandelt Jesus wie einen König und Jesus nimmt sie an wie ein Bräutigam seine Braut.

Dann weist Jesus die Männer zurecht: „Lasst sie in Frieden… Sie hat ein gutes Werk an mir getan… Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ Und weiter: „Wahrlich ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man sich auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“ Der ganz besondere Duft der Narde mit seiner besonderen Wirkung wird bei allen Gästen Simons die Erinnerung an diesen Tag, an diese Szene wachhalten.

Und wir, die wir Palmzweige schwingen und Blumen auf den Altar stellen, die wir Brot und Wein zu seinem Gedächtnis teilen, sollen hören und tun, was sie getan hat, zu ihrem Gedächtnis, wann immer das Evangelium von der Salbung in Bethanien verkündet wird.

Amen

 

Lied EG 91

Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken,

mich in das Meer der Liebe zu versenken,

die dich bewog, von aller Schuld des Bösen

uns zu erlösen.

 

Wir beten das VaterUnser

Amen

 

Segen

Gesegnet seid ihr, die ihr euch auf Gott verlasst

Und eure Zuversicht auf Gott setzt.

Ihr seid wie ein Baum, am Wasser gepflanzt,

der seine Wurzeln zum Bach streckt.

Wenn Hitze kommt, fürchtet ihr euch nicht,

eure Blätter bleiben grün.

Ihr sorgt euch nicht, wenn ein dürres Jahr kommt,

ohne aufzuhören bringt ihr Früchte.

Gesegnet seid ihr.

Gehet hin in Frieden!

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung erarbeitet von der Gottesdienstprojektgruppe

(Kaiken Junge, Rüdiger Grünthal, Hartmut Junge, Volker Kasch).

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Bittet, so wird euch gegeben!

Passionsandacht 01.04.2020

Matthäus 7,7-11

7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

9 Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete?

10 Oder der ihm, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete?

11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

 

Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie ich einmal in der 9. Klasse richtig Streit mit einem guten Freund von mir hatte. Mein Freund hieß Erik und ich sehe uns noch heute in der Pause auf dem Schulhof stehen…

Ich bin sicher, Ihr kennt das auch: Da gerät man mit einem Freund oder einer Freundin oder meinetwegen auch mit einem Bruder oder einer Schwestern, den Eltern oder den Lehrern derart in Streit, dass da im Bauch nur noch Wut ist. Und ein Wort gibt dann das andere.

Wenn man hinterher so darüber nachdenkt, dann weiß man eigentlich gar nicht mehr genau wie das so los gegangen ist. Wer da angefangen hat. Um was es da eigentlich genau ging. Und wer nun wirklich recht hat. Und wer schuld.

Bei mir und Erik damals hatten wir beide schuld. Denn wir hatten einander falsch verstanden. Und uns dann tüchtig übereinander geärgert. Und dann gab ein Wort das andere.

Und was das Schlimme war: Eigentlich war es völlig unwichtig, wer nun recht gehabt hatte und wer schuld. Eigentlich habe ich mir nur gewünscht, dass wir irgendwie auf einander zu gehen könnten. Und sagen könnten: „Lass uns neu anfangen. Tut mir leid!“

Aber so einfach ist das nicht. Denn da könnte mir ja ein Zacken aus der Krone fallen oder ein Ast abbrechen. Denn wer gibt schon gerne zu, dass er einen Fehler gemacht hat? Ich jedenfalls nicht.

Dieses Problem: „Wie komme ich aus dem wieder raus, was ich einmal begonnen habe, und das onhe mein Gesicht zu verlieren?“, haben viele Leute und nicht nur ich oder vielleicht auch Ihr. Und weil viele Leute Angst haben, ihr Gesicht zu verlieren, deshalb hat Jesus einmal, als er einer ziemlich großen Menschenmenge erklärte, wie dass mit Gott und uns Menschen ist, eine kleine Geschichte erzählt:

„Stell Euch vor, Ihr wärt Eltern und Euer Kind käme zu Euch und sagte: ‚Ich habe Hunger. Gib mir bitte ein Butterbrot,‘ würdet ihr ihm etwa einen Stein geben?

Oder stellt Euch vor, Euer Kind käme zu Euch und sagte: ‚Gib mir einen Fisch. Ich habe Hunger!‘ Würdet ihr ihm eine Schlange geben? Nein, sicher nicht!

Und nun überlegt mal,“ sagte Jesus, „Wenn Ihr schon versuchen würdet, jemandem, der euch um etwas bittet, den Wunsch zu erfüllen, wieviel mehr würde das Gott tun? Gott, der Euch liebt? Der Euch annimmt? Der Euch so haben will, wie Ihr eben seid? Genau! Gott wird Euch geben, worum Ihr ihn bittet!”

Ich mag diese einfache Geschichte sehr! Und ich glaube, Jesus hatte im Sinn, dass wir Gott wirklich um alles bitten können, was uns am Herzen liegt. Sei es um Beistand bei Angst vor der Schule. Oder wenn es zuhause Krach gibt. Sei es bei Streit mit Freunden. Oder, wenn ich mir wirklich große Sorgen mache, so, wie gerade. Und natürlich kann ich Gott bitten, mir zu verzeihen, wenn ich spüre, dass das nötig ist. Gott gibt einem, was man braucht. Und Gott öffnet seine Tür, wenn eine klingelt und was von ihm will.

 

Mit Erik hat sich dieser Streit damals nicht einfach so gelöst. Wir waren noch eine zeitlang zielich stinkig aufeinander. Aber mir hat eines geholfen: Obwohl ich da ganz sicher Dreck am Stecken hatte, wußte ich, dass Gott mich so annehmen würde wie ich bin.

Auch wenn ich mir selbst meine Stänkerei, meinen Ärger und meine Wut nicht so einfach verzeihe konnte, wußte ich: Gott kann das. Gott verzeiht mir. Und er fängt neu mit mir an. Und weil Gott mit mir neu anfängt, deshalb konnte ich auch hoffen, dass Erik wieder neu mit mir anfängt. Und darum habe ich Gott gebeten: Lass uns neu anfangen. Und wir haben neu angefangen. Erik und ich.

Das ist es, was Jesus in seiner Geschichte meinte, als er sagte: „Geht mit dem, was Euch Freude macht zu Gott. Aber geht auch mit dem, was Euch Angst macht oder Sorgen zu ihm. Sprecht mit Gott. Denn das meint beten: Beten kann wirklich jeder! Denn ein Gebet ist kein formvollendetes Schreiben an den Herrn Bundespräsidenten. Zu Gott zu beten, ist mit ihm zu sprechen, genau so, wie man mit einer guten Freundin oder einem guten Freund spricht.

Traut Euch das! Probiert es aus! Und wenn Ihr an Gottes Tür klopft, dann öffnet er. Wenn Ihr ihn bittet, dann gibt er Euch, was Ihr braucht. Wenn Ihr ihn sucht, so wird er sich finden lassen. Und wenn Ihr einmal „schuld seid“, dann fängt Gott mit Euch neu an, wenn Ihr ihn darum bittet.

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Torsten Kelm.

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de / Instagram: @luthermansfriend

 

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Andacht zum Sonntag Judika, 29. März 2020

Hebräerbrief, Kapitel 13, Verse 11-14

 

Hebräer 13

11 Beim Sündopfer bringt der Oberste Priester das Blut der Opfertiere ins Heiligtum. Ihre Körper werden außerhalb des Lagers verbrannt.

12 Darum hat auch Jesus außerhalb des Stadttores gelitten. Denn durch sein Blut wollte er das Volk heilig machen.

13 Lasst uns daher zu ihm hinausgehen vor das Lager. Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte.

14 Denn wir haben hier keine Stadt, die bestehen bleibt. Sondern wir suchen nach der zukünftigen Stadt.

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/basisbibel/bibeltext/

 

Am Ende des 1. Jahrhunderts schreibt ein gebildeter Christ, dessen Namen und dessen Aufenthaltsort wir nicht kennen, einen Brief an eine christliche Gemeinde in Italien. Vielleicht in Rom. Eigentlich ist sein Brief gar kein Brief, sondern eine lange Predigt in 13 Kapiteln. Am Ende dieser Predigt, die wir als Hebräerbrief kennen, kommt der Verfasser schließlich auf den Tod Jesu zu sprechen. Und er vergleicht den Tod Jesu mit einem alten Ritual aus dem Alten Testament und dem Großen Versöhnungstag des Judentums, Jom Kippur. An Jom Kippur wird im Alten Testament das Allerheiligste im Jerusalemer Tempel mit dem Blut von Tieren besprengt. Eine Opferhandlung zur Sühne für Tun und Unterlassen der Menschen. Das Blut wäscht gewissermaßen die Sünden weg. Die Opferreste der Tiere wurden dann draußen vor der Stadt verbrannt.

Der Hebräerbrief vergleicht nun dieses alte Ritual zu Jom Kippur mit dem Tod Jesu. Dieser Vergleich ist sinnvoll, denn der Autor konnte zum einen davon ausgehen, dass Jom Kippur den Empfängern seines Briefes bekannt war. Und zum anderen transportiert er natürlich mit diesem Vergleich Jom Kippur – Kreuzweg Jesu auch eine Botschaft, eine Theologie:

Denn den Tod Jesu auf der zentralen Hinrichtungsstätte vor den Toren Jerusalems, der Schädelstätte Golgatha, versteht der Autor als Opferung Jesu. Für uns alle, für alle Welt und alle Generationen:

 

Wo sonst der Abfall verbrannt wurde, vor der Stadt ist Jesus für uns gestorben, damit er – so meint es dieser Brief – die Teilung der Welt aufhebt.

Damals war die Teilung theologisch begründet, aber auch schon – ganz wie heute – kulturell oder von der unterschiedlichen Herkunft her:

Damals teilte sich die Welt zwischen rein und unrein. Zwischen heilig und unheilig. Zwischen drinnen und gut und draußen und zu Verdammnis bestimmt. Und Sünde, Schuld trennt, separiert, zerstört Gemeinschaft.

Diese Teilung hebt der Opfertod Jesu auf, so unsere Zeilen: Denn das Heiligste und Reinste und Unschuldigste überhaupt, der Sohnes Gottes, Gott selbst, opfert sich für jeden der unrein und unheilig und unwürdig ist. Und verändert damit das Wesen dieses Menschen und macht den Unreinen rein. Und den Unheiligen heilig. Und den Unwürdigen zutiefst würdig. Weil sein Blut – wie das Blut der Opfertiere zu Jom Kippur – allen Dreck abwischt. Und weil darüber hinaus Jesus alle Grenzen aufhebt:

Denn der Reine geht dorthin und stirbt dort, wo kein Heiliger sonst freiwillig hingeht. Nämlich auf die andere Seite der Grenze geht er, um seine Aufgabe zu erfüllen. Zu den Unreinen. Auf den Abfallhaufen vor der Stadt.

Indem er diese Grenze, die Menschen von Menschen trennt, einfach überschreitet, schenkt er den Unwürdigen und Ausgeschlossenen eine unvergleichliche Würde. Und aller Opferkult, ja aller Kult überhaupt, alle verzweifelte (und aussichtslose!) Anstrengung, es recht zu machen und Gott nah zu kommen, wird damit absolut überflüssig und reine Kraft- und Zeitverschwendung. Denn: Wir sind heilig. Und rein. Und würdig. Weil Gott zu uns kommt und wir Anteil an seiner Reinheit, Heiligkeit und Würde bekommen.

Vllt. kann man sich das so vorstellen, wie die Begegnung eines Penners mit der Queen (Nun, zumindest in den Zeiten vor Corona und den Telefonbildern der Queen): Wenn sie einem Menschen die Hand gibt, färbt etwas von ihrem Glanz und ihrer Würde und ihrer Aufmerksamkeit auf den anderen ab. Und er wird heller, würdiger und genießt die Aufmerksamkeit, die ihm sonst versagt wird.

Allerdings gibt es bei der Queen und Jesus bzw. dem Penner und uns einen Unterschied: Sobald die Kameras abgeschaltet sind, kehrt bei dem Penner wohl langsam wieder die Dunkelheit ein. Während Würde und Heiligkeit, die die Begegnung mit dem Sohn Gottes schenken, durch nichts und nie aufgehoben werden kann. (Und um es deutlich zu schreiben: Bei Gott gibt es keine großen Unterschiede zwischen vermeintlichen Königen und Pennern. Und zu wem Jesus wohl zuerst gegangen wäre, scheint mir auch recht klar…)

Soweit zur Opfertheologie des Hebräerbriefes. Und egal, wie man zu ihr steht: Das Aufregende, ja Explosive und unendlich Verheißungsvolle ist diese Kernbotschaft:

Gott akzeptiert keine Grenzen und Mauern und Gräben zwischen ihm und Menschen.

Und er überschreitet diese Grenzen nicht „einfach“, sondern mit inspirierender Konsequenz, ja Radikalität.

Das finde ich aufregend! Und die Sehnsucht Gottes, die unendliche Liebe, die ich dahinter entdecke, sind Grundlagen meines Lebens. Sie ist feste Grundlage gegen alle Hoffnungslosigkeit und alle Angst. Sie schenkt Handlungsmöglichkeiten gegen alle alten und neuen Grenzen und Egoismen. Von der Liebe möchte ich mich treiben lassen. Nicht von der Angst.

Ich bitte Sie jetzt, sich eine Minute zu nehmen. Und an die kommende Woche zu denken. Und an einen Menschen, der ihnen in dieser Minute spontan in den Sinn kommt: Einen, den Sie nur kurz gesehen haben und der hoffnungslos im Abseits saß. Eine, die sich nicht selbst zu helfen wusste, und Sie dachten: „Ob ich vielleicht…?“ An einen Fremden auf der Straße oder am Telefon… Eine, bei der Sie sich gerne melden würden, aber nicht genau wissen, ob Sie…? Einen, mit dem sie im Streit liegen und keine von Ihnen sagt mehr ein wirkliches Wort… Eine, die schwierige Fragen hat und wo sie nicht sicher sind, ob Sie wirklich…

Gott schenkt uns genau diesen Menschen. Und er schenkt uns alles was wir nun brauchen. Und vielleicht, vielleicht überschreiten Sie in der kommenden Woche diese eine verdammte Grenze. Und das Reich Gottes, die Liebe, fängt eben nicht mit großen theologischen Wahrheiten und theoretischen Konzepten an, sondern mit kleinen aber beherzten Schritten inmitten aller Unmöglichkeit und Angst.

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastor Torsten Kelm.

Mail: pastor.kelm@kirche-in-steinbek.de / Instagram: @luthermansfriend

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Meine Zuversicht ist bei Gott

Passionsandacht 25.03.2020

 

Psalm 62

Stille zu Gott

Ein Psalm Davids, vorzusingen, für Jedutun.

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde.

Wie lange stellt ihr alle einem nach, wollt alle ihn morden, als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer?

Sie denken nur, wie sie ihn von seiner Höhe stürzen, sie haben Gefallen am Lügen; mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.

Sela.

Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.

Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde.

Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, / der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.

Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, / schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.

Sela.

Aber Menschen sind ja nichts, große Leute täuschen auch; sie wiegen weniger als nichts, so viel ihrer sind.

Verlasst euch nicht auf Gewalt und setzt auf Raub nicht eitle Hoffnung; fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.

Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört: Gott allein ist mächtig,

und du, Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er’s verdient hat.

 

***

Kennen Sie auch einen richtigen Optimisten? So einen, der auch dann noch gut gelaunt ist, wenn Andere schon längst nicht mehr lachen können? Der nach dem Motto lebt: „don`t worry – be happy“ (sorge dich nicht, sei einfach glücklich).

Natürlich ist positives Denken eine wunderbare Eigenschaft. Aber einfach jede Schwierigkeit mit einem Scherz auf den Lippen beiseite wischen? Das funktioniert wohl doch nicht. Wenn es dann wirklich hart auf hart kommt, kann man mit dieser Einstellung ziemlich unsanft auf dem Boden der Realität landen.

„Meine Zuversicht ist bei Gott“, heißt es in Psalm 62. Zuversicht, das klingt auf den ersten Blick erstaunlich, denn der Beter des Psalms scheint in höchster Bedrängnis zu sein. Er fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Menschen, die ihm übelwollen haben es auf ihn abgesehen.

Auch wenn es zum Glück nicht immer um Leben und Tod geht, hat jeder doch schon Zeiten erlebt, in denen alles ins Wanken gerät. Schlimme Nachrichten in der Familie, Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz, Streit unter Freunden. Situationen eben, die man nicht einfach mit einem sonnigen Lachen überspielen kann.

Der Beter des Psalms verzweifelt bei aller Not nicht, denn er weiß sich aufgehoben in Gott.

Vertraue auf Gott – ER steht allezeit an deiner Seite. Das ist die Botschaft des Psalm 62.

Lass deine Angst los! Vertraue auf den Schutz, den Gott dir schenkt und auf die Wege, die ER dir aufzeigt.

 

Zuversicht, das ist mehr als Optimismus. Wer zuversichtlich in die Zukunft schauen kann, hat ein Fundament, das auch Stürmen stand hält.

Der Zuversichtliche blendet Schwierigkeiten nicht aus, er kann mit Schicksalsschlägen umgehen, denn er weiß sich gehalten durch das Vertrauen ins Leben, durch das Vertrauen in Gott. Auch wenn einem das Wasser manchmal bis zu Hals steht, lassen sich doch immer Spielräume und Auswege finden.

Der Kern der Zuversicht wird in dem berühmten Satz von Vaclav Havel deutlich: „Es geht nicht um die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern um die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht“.

Zuversicht haben wir alle in diesen Wochen und Monaten bitter nötig. Wir sind bedrängt von einem unsichtbaren Feind, dem Corona-Virus.  Immer mehr Menschen werden krank, viele sterben. Unser Leben verändert sich auf eine Weise, die wir nie für möglich gehalten hätten.

„Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele, denn er ist meine Hoffnung.“

Bei allem, was uns sorgt und bedrückt, bei aller Ungewissheit, die uns quält, können wir dieser Zeit doch auch Sinn geben. Wir können den erzwungenen Rückzug in unsere Wohnungen nutzen, um dem nachzuspüren, was uns trägt: die Liebe Gottes.

Liebe, die wir weitergeben können an diejenigen, die unsere Hilfe brauchen. Liebe, mit der wir all Jenen danken können, die bis zu Erschöpfung arbeiten, um Leben zu retten. Liebe, aus der vielleicht am Ende dieser schweren Zeit ein neues Miteinander zwischen den Menschen entsteht.

Wer nicht nur gebannt auf die Krise schaut, sondern auch auf die Möglichkeiten, die wir trotz allem haben, der kann sich Zuversicht bewahren und Gott danken.

Denn ER ist unser Heil, unsere Ehre und der Fels unserer Stärke.

 

Amen.

 

Kleine Notfall-Apotheke für trübe Stunden

Zuversicht wächst aus der Erfahrung. Wenn man zurückblicken kann auf Situationen, die trotz aller Schwierigkeit gut ausgegangen sind oder aus denen ganz überraschend Gutes entstanden ist, bleibt beim nächsten Mal gelassener.

Ein persönliches Ritual ist es, sich täglich positive Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen auf bunte Zettel zu schreiben. Kleine Dankgebete, die man zusammengefaltet in einem Glas aufbewahren kann. Ebenfalls in diesem Glas sammeln kann man Bibelverse oder Psalm-Worte, die einem besonders zu Herzen gehen.

Wenn dann mal wieder ein Tag ganz grau und voller Hindernisse ist, können Sie diese Zettel auffalten und lesen. Das wird Sie daran erinnern, dass es immer irgendwie weitergeht und die Lebensfreude wiederkommen wird.

So wird die Seele zuerst still, dann dankbar und letztlich zuversichtlich vor Gott.

Die Passionsandacht wurde von Kirsten Puttfarcken-Müller erarbeitet.

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Andacht zum Sonntag Lätare, 22. März 2020

Jesaja 66, 10, 14

Operngesang der Vögel – bitte klicken

Freue dich, freuet euch!

Liebe Gemeinde, diese Andacht können Sie im Hause feiern. Nehmen sie sich Zeit und wenn Sie mögen, zünden sie ein Kerze an.

Gebet:

Barmherziger Gott, mit allen was mir auf dem Herzen liegt, komme ich heute zu dir:

In deine Hände lege ich, was mich ängstigt und mir Sorgen bereitet.

Ebenso breite ich vor dir alles aus, was mir Freude macht, wofür ich dankbar bin und wonach ich mich sehne.

Nimm alles gnädig an und schenke mir deinen Trost und deine Zuversicht. Dieses erbitte ich durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn

Amen

 

Lesung von Jesaja 66, 10-14

Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart. Saugt euch satt an ihrer tröstenden Brust, trinkt und labt an ihrem mütterlichen Reichtum! Denn so spricht der Herr: Sehr her: Wie einem Strom leite ich den Frieden zu ihr und denn Reichtum der Völker wie einen rauschenden Bach. Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln. Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste auch ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost. Wenn ihr das seht, wird euer Herz sich freuen und ihr werdet aufblühen wie frisches Gras

 

Liebe Gemeinde,

„Freuet euch,“ so ruft es uns der Prophet Jesaja mitten in der Passionszeit zu.

Können wir uns in dieser Zeit freuen, wo uns tagtäglich Nachrichten erreichen, die uns Sorgen bereiten und uns ängstigen?

Wir sind alle mehr oder weniger verunsichert. Jeden Tag gibt es neue Auflagen, unser öffentliches Leben wird mehr und mehr eingeschränkt und auch unsere Bewegungsfreiheit ist auf das Notwenigste reduziert. Wir alle müssen in großer Geschwindigkeit Lebensgewohnheiten verändern.

Hilft es, wenn ich ihnen zurufe. Freut euch, Freu dich! Was tröstet in einer solchen Situation?

Wie ging es damals den Israeliten, denen der Prophet Jesaja diesen Satz zurief. Auch sie hatten Unheil erlebt, die einen im Exil in Babylon, die anderen, die in Israel geblieben waren und unter den Besatzern litten. Sie alle konnten kaum auf eine bessere Zukunft hoffen. Doch diese verspricht Gott den Israeliten.

Jesaja vergleicht Gottes Handeln mit der Fürsorge einer Mutter für ihren Säugling, für ihre Kinder: Sie nährt und tröstet sie.

 

Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet, spricht Gott. Wenn Eltern ihre Kinder trösten, nehmen sie sie in den Arm, beruhigen sie und trocknen die Tränen. „Es wird alles wieder gut,“ ist der Satz den sie sagen. Sie vertrauen darauf, dass es so sein wird, auch wenn die Eltern dies im Moment nicht garantieren können. Und das Kind? Es glaubt daran, es vertraut, weil es die Eltern sind, die es gut mit ihm meinen. So lässt sich das Kind trösten. Und es wird dann auch alles wieder gut. Es braucht eine vertrauensvolle Beziehung, damit Trost gelingen kann.

Wir können darauf vertrauen, dass diese Zusage auch uns gilt. Dass Gott gegenwärtig bei uns ist und uns nährt und tröstet wie eine Mutter. Es sind Worte, die uns trösten wollen und Gesten, die uns diesen Trost fühlen lassen können.

Lasst uns in dieser Zeit auf diese Worte vertrauen, dass Gott uns tröstet.

Wenn wir uns alle wiedersehen, holen wir das; in „die Arme nehmen“, die Hände schütteln, nach.

Auch diese Freude drüber können wir schon jetzt spüren! Freute euch, freue dich!

AMEN

 

Liedvers 171,1:

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unseren Wegen. //:Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.://

 

Vaterunser

 

Liedvers 171,2-4

  1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden.

//:Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten.://

  1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen.

//:Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen.://

  1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns durch deinen Segen.

//: Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unsern Wegen.://

 

Gott behüte dich, er lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.

 

Amen

Die Andacht wurde zur Verfügung gestellt von Pastorin Sabine Spirgatis.

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„Ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.“

Passionsandacht 18. März 2020

Sich in das Leiden hineinbegeben

 

Herzlich willkommen zur Passionsandacht. Wie Sie wahrscheinlich wissen, bedeutet das Wort Passion „Leiden“.  Ich frage mich, wo kommt das Leiden, die Zerbrechlichkeit des Lebens in unserem Alltag vor? Höchstens in der Tagesschau jeden Abend? Meistens halten wir das Leiden möglichst von uns fern. Das ist völlig in Ordnung, denn so schützen wir uns vor Überwältigung. Anders ist die Situation, wenn es uns oder nahestehende Menschen direkt trifft. Aber Gott hält Schmerzen nie von sich fern. In Christus hat er sich ganz in das Leiden der Welt hineinbegeben. Das tut er heute auch noch. In dieser besonderen Zeit des Kirchenjahres, der Passionszeit, können wir uns mit Gott verbinden.

Wir wollen also heute das Leiden in unserem Leben, im Leben von anderen und in der Welt bedenken.

Wir singen das Lied aus dem Gesangbuch Nr. 637,

Der Lärm verebbt

 

Wir beten:

Ewiger, heiliger, geheimnisreicher Gott,

Ich komme zu dir.
Ich möchte dich hören, dir antworten.
Vertrauen möchte ich dir und dich lieben,
dich und alle deine Geschöpfe.
Dir in die Hände lege ich Sorge,
Zweifel und Angst.
Ich bringe keinen Glauben
und habe keinen Frieden.
Nimm mich auf.

Sei bei mir, damit ich bei dir bin, Tag um Tag,

Führe mich, damit ich dich finde

und deine Barmherzigkeit.

Dir will ich gehören,

dir will ich danken,

dich will ich rühmen,

Herr, mein Gott.

Amen                                                      (Gebet von Jörg Zink)

 

Unser Bibeltext für heute scheint nicht so recht in das Thema „Sieben Wochen Zuversicht“ zu passen. Er steht nämlich im Buch Hiob. Sie kennen wahrscheinlich die Geschichte Hiobs, aber ich möchte Sie kurz daran erinnern, was ihm alles passiert ist. Danach werden wir eine Zeit der Stille halten.

Hiob ist sehr reich, er hat viel Land und große Herden Vieh. Er und seine Frau haben 10 Kinder, sieben Söhne und drei Töchter. Hiob ist ein gerechter, frommer Mann, der viel Gutes tut. Bis er eine „Hiobsbotschaft“ nach der anderen bekommt. Aus dieser Geschichte stammt nämlich unser Begriff „Hiobsbotschaft“.

Hiobs Rinder und Esel werden gestohlen. Hiobs Schafe sterben durch ein Feuer. Die Chaldäer stehlen seine Kamele. Außerdem werden die Diener getötet, die sich um die Tiere kümmern. Und dann kommt das schlimmste Unglück: Das Haus, in dem Hiobs Kinder zusammen Geburtstag feiern, stürzt in einem starken Wüstensturm ein. Alle seine Kinder sind tot.

Zunächst duldet er das Unglück tapfer, sagt: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen, der Name des HERRN sei gelobt.“ (1,21). Dann bekommt Hiob am ganzen Körper Geschwüre und hat schreckliche Schmerzen. Und zum Schluss verliert er auch noch die Unterstützung seiner Frau – denn sie findet seine Frömmigkeit jetzt lächerlich und fordert Hiob auf, sich von Gott loszusagen. Er versteht nicht, warum das alles passiert, und ist verzweifelt. Er verflucht den Tag, an dem er geboren wurde.

Drei Freunde Hiobs kommen, um bei ihm zu sein. Bald fangen sie an, auf ihn einzureden. 35 lange Kapitel des Buches sind voll mit den Erklärungen, Anschuldigungen und Ratschlägen der Freunde sowie mit Hiobs verzweifelten Antworten und Klagen. Aber noch am Anfang, in Kapitel 2, lesen wir etwas Interessantes über die Ankunft der drei Freunde (Hiob 2, 12-13):

Sie erhoben von ferne ihre Augen auf und erkannten ihn nicht wieder. Sie erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeglicher zerriss sein Obergewand, und sie streuten Aschenstaub auf ihr Haupt zum Himmel hin. Dann saßen sie mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte lang. Keiner sprach ein Wort, denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.

Ich lade Sie jetzt ein, genau wie Hiobs Freunde in der Stille zu sitzen, einfach bei ihm in seinem Schmerz zu sein. Schließen Sie für ein paar Minuten die Augen, bevor Sie weiterlesen.

 

 

Bei Hiob 30, 24-31 lesen wir:

Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?  Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen?

Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine verdorren vor Hitze.

Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

 

Wer würde in dieser Situation nicht verzweifeln?  Ein Mensch schreit und klagt sein Leid.

Es ist ein sehr ehrlicher, offener Text. Ein zeitloser Text. Diese Geschichte wurde vor etwa 4.000 Jahren geschrieben und ist immer noch aktuell.

Lesen wir einige Verse noch einmal:

..wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?

Hiob stellt eine rhetorische Frage. Wer wird einem Verunglückten sagen, es sei nicht erlaubt, in der Not zu schreien und alles zu tun, um Hilfe zu bekommen? Das Bild der ausgestreckten Hand aus den Trümmern ruft in uns wahrscheinlich Fernsehbilder hervor, etwa von Erdbeben in der Türkei oder von zerstörten Gebäuden nach Bombenangriffen in Syrien. Helfer suchen nach Überlebenden, halten auch immer wieder inne, um vielleicht eine Stimme zu hören oder eine ausgestreckte Hand zu entdecken.

 

Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen?

Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.

In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

Warum passiert mir das? Womit habe ich das verdient? Habe ich in meinem Leben nicht genug getan, um anderen in Not zu helfen? Solche Fragen lassen Hiob nicht los. Es kocht in ihm vor Wut und Verzweiflung. Er spürt die Ungerechtigkeit ganz körperlich, wie einen Überfall erlebt er seinen Absturz und den kompletten Zerfall seines Weltbildes. Im Buch Hiob wird eine Frage erörtert, die man bis dahin nicht gewagt hatte zu stellen, die aber heute noch aktuell ist: Warum leiden die Gerechten?  Oder; etwas moderner ausgedrückt: „Wieso lässt Gott das zu?“

Das Buch Hiob macht deutlich: Diese Frage wird anders sein, je nach eigener Erfahrung: Wer direkt vom Unglück betroffen ist, wird nicht einfach sagen können: Gott macht alles gut.

 

Lesen Sie noch mal auf die starken Bilder der Verse 28 bis 30:

Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine verdorren vor Hitze.

Im letzten Vers fasst Hiob das Ganze zusammen: Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und meine Flöte zur weinenden Stimme. Hiob ist ganz körperlich gezeichnet, er beschreibt seine Schmerzen und innere Zerrissenheit in drastischen Bildern, die auch an viele Psalmen erinnern. Lesen Sie zum Beispiel Psalm 102, Vers 7: Ich bin wie die Eule in der Einöde, wie das Käuzchen in den Trümmern. Oder denken Sie an Psalm 22,2 Warum hast du mich verlassen? Diese Worte hat auch Jesus am Kreuz gesprochen. Wir können uns mit unserem eigenen Leid in dieses Leiden hineinbegeben.

 

Es ist für Hiob ein ganz langer Prozess, der hier in vielen Kapiteln beschrieben wird. Erst am Ende des Buches wird klar, dass dieser Prozess notwendig und richtig war. Anders als seine Freunde nämlich redet Hiob in Klage und Anklage zu Gott, während seine Freunde über Gott reden. Das wird noch vor unserem Text im Vers 20 deutlich: Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich. Mit seinen Schreien möchte er durch ihre Lautstärke und Eindringlichkeit das Schweigen Gottes durchbrechen. Er sehnt sich nach Kontakt, nach Kommunikation. Er lässt damit nicht von Gott ab, und im Kapitel 38 wird seine Beharrlichkeit belohnt, denn Gott spricht endlich zu ihm.

Die Geschichte Hiobs steht in einer langen Tradition von Leidenden und Klagenden in der jüdischen Geschichte, eine Tradition, die vor ihm begann und durch die Jahrhunderte bis heute weitergetragen wurde. Anlass genug zum Klagen hat das jüdische Volk ja immer gehabt.  Das wir vor Kurzem an die Befreiung von Ausschwitz vor 75 Jahren erinnert haben ist ein aktuelles Beispiel.

Mit diesem Text werden wir auch an all das Leid in der Welt erinnert. Für mich bedeuten diese Worte: Es darf geklagt, geschrien werden! Die Opfer von Hanau und anderen Anschlägen, das Leiden der Menschen in Syrien oder an der Grenze zu Griechenland, die verlassenen Kinder in den Flüchtlingscamps, die Hungernden im Jemen und an vielen anderen Orten, wo schreckliche Konflikte herrschen und Katastrophen das Leben zerstören. Heutzutage wird uns auch immer wieder klar, wie die Schöpfung leidet und unsere Mitgeschöpfe, ganze Landschaften und das Klima von uns Menschen zerstört werden.

 

Ich lade Sie ein, für leidende Menschen und Geschöpfe eine Kerze anzuzünden. Wenn Sie mögen, sprechen Sie Ihr Gebet laut. Sie können aber auch in der Stille eine Kerze anzünden. 

 

Wir beten das Vaterunser

 

Wir singen zum Schluss das Lied aus dem Gesangbuch Nr. 473

Mein schönste Zier

 

Segen:

Es segne und behüte uns Gott:

Grund, der uns trägt,

Kraft, die uns aufrichtet,

Leben, das uns bewegt,

Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen

 

Die Passionsandacht wurde von Maureen Trott erarbeitet.

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21. Oktober 2021 19:00 Die flinken Nadeln Angelika Szeliga
22. Oktober 2021 15:30 Zwergenkirche Oststeinbek Ines Hombach
24. Oktober 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikantin Puttfarcken-Müller
24. Oktober 2021 18:00 Jugendgottesdienst Oststeinbek Ines Hombach
28. Oktober 2021 9:30 Literaturkreis Pastorin Spirgatis
28. Oktober 2021 19:30 Men’s Talk Pastor Kelm
31. Oktober 2021 10:00 Gottesdienst zum Reformationstag Oststeinbek Pastorin Spirgatis
4. November 2021 19:00 Die flinken Nadeln Angelika Szeliga
5. November 2021 15:30 Zwergenkirche Oststeinbek Ines Hombach
6. November 2021 10:00 Bibel-Entdecker-Tag Ines Hombach

Bitte beachten Sie die folgenden Hinweise für die Besuche an unseren Gottesdiensten:

  • Verzichten Sie bitte bei Symptomen auf eine Teilnahme.
  • Max. Teilnehmer_Innen zahl: 36 Personen.
  • Die Kontaktdaten werden nach den staatlich vorgegebenen Aufbewahrungsfristen vernichtet.
  • Halten Sie bitte Abstände von 2 Metern ein.
  • Bitte verzichten Sie auf Gesang.
  • Bitte halten Sie die gängigen Hust-Nies-Abstands-usw Etiketten ein.
  • In den Bankreihen kann der Mund-Nasen-Schutz abgesetzt werden.

Wir freuen uns sehr auf die gemeinsamen Gottesdienste!

Grundlage des am 7. Juni 2020 beschlossenen Sicherheits- und Hygienekonzepts für Gottesdienste in der Auferstehungskirche der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Kirche in Steinbek sind die Landesverordnung über Maßnahmen zur Bekämpfung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in Schleswig-Holstein sowie die Handlungsempfehlung Kirchliches Leben im weiteren Verlauf der Corona-Pandemie der Nordkirche in ihrer jeweils aktuellen Ausgabe.


 

Gottesdienste in Oststeinbek:

22. Oktober 2021 15:30 Zwergenkirche Oststeinbek Ines Hombach
24. Oktober 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikantin Puttfarcken-Müller
24. Oktober 2021 18:00 Jugendgottesdienst Oststeinbek Ines Hombach
31. Oktober 2021 10:00 Gottesdienst zum Reformationstag Oststeinbek Pastorin Spirgatis
5. November 2021 15:30 Zwergenkirche Oststeinbek Ines Hombach
7. November 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Prädikant Trott
14. November 2021 10:00 Gottesdienst Oststeinbek Pastor Kelm
14. November 2021 18:00 Jugendgottesdienst Oststeinbek Ines Hombach
21. November 2021 10:00 Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag Oststeinbek Pastorin Spirgatis & Pastor Kelm
28. November 2021 10:00 Gottesdienst zum 1. Advent Oststeinbek Pastor Kelm
5. Dezember 2021 10:00 Gottesdienst zum 2. Advent Oststeinbek Pastorin Spirgatis
12. Dezember 2021 10:00 Gottesdienst zum 3. Advent Oststeinbek Pastor Kelm
19. Dezember 2021 10:00 Gottesdienst zum 4. Advent Oststeinbek Prädikant Trott
24. Dezember 2021 11:00 Heiligabend Oststeinbek Diakonin Hombach
24. Dezember 2021 16:00 Heiligabend Oststeinbek Pastorin Spirgatis & Pastor Kelm