Ev.-Luth. Gemeindezentrum Mümmelmannsberg mit Kirche

Seit dem Bau unseres Stadtteils mit 19.000 Menschen ist die Kirche vor Ort. Hier sammeln sich Christinnen und Christen verschiedener Herkunft, um miteinander in Gottesdienst und Unterricht ihren Glauben zu stärken. Das tun wir nicht als Selbstzweck, sondern um uns als Gemeinde nachbarschaftlich für ein gutes Miteinander in unserem Stadtteil einzusetzen. Unser Gemeindezentrum steht allen Menschen im Stadtteil offen. Hier findet viel nachbarschaftliche Begegnung statt. Man kennt und man schätzt sich als Nachbar aus „Mümmel“. Gerade die Kirche als besonderer Ort des Gebets und der Besinnung ist hier wichtig, obwohl – oder weil? – sie keinen Turm hat.

Vielleicht kann man sagen, dass die Menschen, die sonntags sich im Gottesdienst versammeln, nicht „zur Kirche“ gehen, sondern sich „als Kirche“ treffen. Jedenfalls geht es herzlich und lebendig zu.

AKTUELLES

Stephan Thieme, Kirchenleute heute, KW 21, Mai 2020

Süßigkeiten

Normalerweise orientiert sich die Woche für mich als Pastor am Sonntag. Montag, Dienstag, Mittwoch lebt noch vom vergangenen Sonntag. Und ab Donnerstag geht es dann auf den nächsten Sonntag zu. Aber als wegen Corona die Gottesdienste ausfielen, fehlte diese Struktur. Der erste Impuls war: Rettet die Gottesdienste! – Aber schon bald merkte ich: Das war nur ein Scheinproblem. Einen Versuch mit einem Online-Gottesdienst habe ich mir abgerungen und bei YouTube eingestellt. Prickelnd war das nicht. Ich fand mich schließlich damit ab, dass Gottesdienste eben für eine Zeitlang nicht möglich waren.

Dann ertappte ich mich dabei, wie ich trotzdem spätestens am Donnerstag anfing zu lesen, was wohl beim nächsten Sonntagsgottesdienst als biblische Lesungen dran wäre. Im Kopf fing ich an eine Predigt zu entwickeln. Ich merkte: Wenn man sich nicht zum Gottesdienst treffen kann, dann kann man über biblische Texte mit Gläubigen und dem Glauben in Kontakt bleiben. Das gabs auch schon in der frühen Zeit des Christentums. Der erste Petrusbrief zum Beispiel ist ein Rundschreiben an Gläubige, die „in der Zerstreuung“ leben. Geschrieben und versandt, um den Kontakt zu halten und sich über den Inhalt des Glaubens zu verständigen.

Seitdem schreibe ich bei Facebook jede Woche eine Meditation zu den Themen des Sonntags. Gedacht ist das als Vorbild und Hilfe für alle, die das Zusammensein mit anderen Christen vermissen. Schon Dietrich Bonhoeffer wusste: „Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf.“ Aber man kann sich untereinander verbunden fühlen, wenn man sich intensiv mit biblischen Stimmen auseinandersetzt. Und das tolle ist: Plötzlich kriege ich Reaktionen von Menschen, die sich mit dem Glauben auseinandersetzen, ohne dass ich sie vorher aus dem Gottesdienst kannte!

Und ich fühle mich dabei mit meiner Tochter verbunden. Die ist Konditorin. Und als ihr Café als gastronomischer Betrieb dicht machen musste, haben die auch sofort einen Online-Lieferservice entwickelt, um Ihre Süßigkeiten an den Mann oder die Frau zu bringen.

Stephan Thieme

Stephan Thieme, Kirchenleute heute, KW 21 Mai 2020

Orientierung an den Schwachen ist möglich!

Ich bin immer noch erstaunt darüber, was alles möglich war, angesichts der Covid19-Pandemie. Vieles, was bis dahin als unverzichtbar galt, wurde gestoppt und einem gemeinsamen Ziel untergeordnet. Gesundheit und medizinische Hilfe für alle! Ich finde, dieses Ziel dürfen wir nie wieder aus den Augen verlieren! Was die Uno, Konferenzen, Revolutionen, Weltanschauungen und Religionen nicht hinbekommen haben – für einen kurzen weltgeschichtlichen Moment wurde sichtbar, dass das Mitgefühl für die Schwächeren die Kraft ist, die diese Welt zusammenhält. Und weltweit waren alle Regierungen bereit, ihre Politik dementsprechend anzupassen.  Wir müssen himmlisch aufpassen, dass das so bleibt!

Denn die anderen Kräfte sind auch da. Und sie sind stark. Die Nichtmitmacher. Die Verweigerer. Diejenigen, die nach Lockerungen schreien und nichts anderes meinen als: Wir wollen die alte Ordnung wiederhaben, wo „Hauptsache ich“ gilt. Diejenigen, die eine solche Haltung auch noch mit dem „Recht auf individuelle Freiheit“ verknüpfen.

Für einen kurzen Moment sind Pflegerinnen und Pfleger, Verkäuferinnen und Verkäufer in den Supermärkten als das wahrgenommen worden, was sie sind: Menschen, die auf der richtigen Spur sind und systemrelevante Berufe ausüben, obwohl sie schlecht bezahlt werden und schlecht angesehen sind. Eine Zeit lang waren sie die Helden, und die Regierenden an ihrer Seite. Aber schon sind diese Zeiten vorbei. Man denkt zwar über eine Bonuszahlung nach – aber um die Milliarden wird an ganz anderen Stellen gekämpft. Und gleichzeitig erscheint in einer Wochenzeitung ein Artikel, wo dieser weltgeschichtlich einmalige Moment als „Kult um die Volksgesundheit“ verunglimpft wird.

Warum rege ich mich an dieser Stelle als Pastor so auf? – Weil ich seit Jesus von Nazareth auf so einen Moment gewartet habe. Denn auch sein Thema war ja: Gesundheit und Fürsorge für alle. „Blinde sehen, Lahme gehen und Aussätzige werden rein!“ – All das bei Jesus in Verbindung mit der Überzeugung, dass das Reich Gottes nahe ist, und dem Glauben daran, dass die Liebe, die in den Menschen lebendig ist, die Regierung übernehmen kann.

Denn genau das habe ich gesehen in den ersten „Corona-Wochen“ – zur Liebe befreite Menschen, die sich um ihre Nachbarn kümmern. Väter, die mit ihren Kindern spielen. Kinder, die mit Kreide auf die Straße malen: „Oma, ich liebe dich!“ Menschen, die ihre Stimme erheben und singen. – Wir erleben die Liebe als die Kraft, die uns erhält und trägt! Dieser Spur können wir dauerhaft folgen und unsere Wirtschaft und unser Zusammenleben danach ausrichten.

Stephan Thieme


Informationen zur aktuellen Lage

Coronavirus (SARS-CoV-2)

Aus gegebenen Anlass bitten wir Sie um Verständnis…

Öffentliche und nichtöffentliche Veranstaltungen bei denen es zu einer Begegnung von Menschen kommt, sowie Versammlungen, unabhängig von der Zahl der Teilnehmenden sind vom Gesetzgeber untersagt.

Es geht darum die Ansteckungsrate zu verlangsamen.

Unser Gemeindezentrum bleibt bis auf weiteres geschlossen.

Wir sind aber für Sie telefonisch und per E-Mail erreichbar.

Bleiben Sie gesund!


ANSTELLE DER PREDIGT

Passionszeit reloaded

26.03.2020

„Ein wunderbarer Tag heute – und noch ruhiger als so mancher Sonntag“, rief ich meinen Bekannten auf der anderen Straßenseite zu, denn Hundespaziergang geht ja noch. „Ja, und sehr schön so!“ – Ein winzig kleiner Virus macht solche Gespräche am Montagmorgen plötzlich möglich. Der Straßenlärm hat deutlich nachgelassen. Unter der Hand ist aus der jährlichen Passionszeit vor Ostern eine Zeit geworden, in der „sieben Wochen (oder auch mehr) ohne Business as usal“ gelebt werden muss. Doch dann eröffnen sich neue Welten, denn auf Karfreitag folgt Ostern und auf Ramadan das Zuckerfest.

Das Kirchenjahr mit seiner Fastenzeit vor Ostern war ein wenig aus dem allgemeinen Bewusstsein gerückt und vom Ramadan im öffentlichen Bewusstsein abgelöst. Es gab und gibt Gruppen von Menschen, die auch in Zeiten, wo das „Business as usal“ verläuft, sich herausziehen und fasten. Sie erinnern sich und andere so daran, dass zum Menschsein auch Phasen gehören, in denen man die Kontrolle verliert und Mächten und Gewalten ausgeliefert ist, die alles durcheinanderbringen. Diese Menschen trauen sich was und machen sich angreifbar, wenn alles scheinbar wie geschmiert läuft. Wir Christen hatten da nach meinem Eindruck in der Selbstdisziplin in den letzten Jahren und Jahrzehnten etwas nachgelassen. Uns fehlte der Mut eine widerständige Erinnerungskultur an solche unschönen Phasen aufrecht zu erhalten – aber Muslime haben diesen Gedanken wieder ins öffentliche Bewusstsein gebracht mit ihrem Ramadan, der stört, verstört und von Vielen als unverständlich abgelehnt wird. Dank und Respekt erst einmal dafür.

Und nun fasten wir gezwungenermaßen plötzlich alle. Ein kleiner Virus mit verstörender Wirkung. Die Passionszeit ist eine Leidenszeit. Krankheit wirft einen aus der Bahn, Menschen sterben und man kann nichts dagegen machen. Andere sind in wirklich systemrelevanten Berufen plötzlich in unmenschlicher Weise gefordert, wieder andere sind von einem Tag auf den anderen aus florierenden Wirtschaftsbetrieben plötzlich in ihrer Existenz bedroht, in Kirchen sind ausfallende Gottesdienste mit einem Mal das Selbstverständlichste von der Welt und Macher finden sich in Quarantäne wieder.

Wir erleben eine Unterbrechung des Laufs der Welt, die man sich vorher kaum vorstellen konnte. Und Einige sind immer noch nicht bereit, sich darauf einzulassen. Wie schwer es ist, einmal nichts zu tun! Wie ungewohnt es ist vom normalen Leben zu fasten und den Kontrollverlust zu ertragen! Wie beängstigend manche Folgen dieses Virus sind! Und auf der anderen Seite: was auf einmal alles möglich ist! Milliarden-Subventionspakte werden geschnürt. Plötzlich ist völlig klar, dass Menschen ein menschenwürdiges Auskommen haben müssen, das ihren Lebensstandard sichert – Ist das womöglich der Einstieg in ein überfälliges bedingungsloses Grundeinkommen? Immerhin kann man ja jetzt sehen, dass die Menschen sich nicht auf die faule Haut legen, sondern sich eine Kreativität entwickelt, die Hausgemeinschaften, Nachbarschaften, ja Stadtgemeinschaften sich völlig neu organisieren lässt! Es schlägt die Stunde der Kreativen und Künstler, die im selben Moment oft finanziell vor dem Nichts stehen.

Es ist jetzt noch überhaupt nicht abzusehen, was uns diese Krise bringen wird. Aber eines können wir mitnehmen aus der Zeit vor Corona. Ich meine das bereits vor langer Zeit festgelegte Motto der Evangelischen Kirche für die Passionszeit vor Ostern in diesem Jahr. Sie schlug nämlich vor, diese sieben Wochen ohne Pessimismus zu verbringen. Und dafür gibt es jede Menge Anzeichen, dass das ein gutes Motto ist. Heute vormittag habe ich z.B. einen Vater mit seinem Kind spielen sehen. Und da ist mir aufgefallen, dass ich so etwas auch schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Ihr Pastor Thieme