Unterlagen zum Architektenwettbewerb
Engerer Wettbewerb für den Neubau
Engerer Wettbewerb für den Neubau eines kirchlichen Zentrums in Hamburg-Kirchsteinbek am Havighorster Redder.
Erläuterungen der Wettbewerbsaufgabe
I. Die Wohnsiedlung "Mümmelmannsberg"
Struktur
Das geplante Wohngebiet liegt am Ostrand des im Zusammenhang bebauten Stadtgebietes. Östlich und nördlich schießen Satelitenquartiere an. ("Aufbauachse" Oststeinbek / Glinde, Bergedorf, Havighorst). Die Bundesstraße B 5, die Bundesautobahn und die Talzone der Glinder Au trennen das Baugebiet von den vorhandenen Stadtteilen ab; im Osten grenzen landwirtschaftlich genutzte Flächen an. Dieser "isolierten" Lage entspricht die Konzeption der Planungsbehörden der Freien und Hansestadt Hamburg für diesen Stadtteil, die ihn als funktionell autark ausweist. Lediglich die Versorgung mit langfristigen Gütern übernimmt das im Aufbau begriffene "Regionalzentrum" Billstedt und natürlich die Innenstadt Hamburgs. Die Arbeitsplätze für die Bevölkerung sind vorrangig in der Kernstadt (Dienstleistungen) und in den Industriegebieten in der Elbniederung (Billbrook, Hafen), vorrangig für Frauen des Wohngebiets werden Arbeitsplätze im Gewerbegebiet erwartet. Die Wohnanlage wird in zwei Bauabschnitten errichtet werden ein erster Bauabschnitt mit 3600 Wohnungen (und Folgebedarf), der ab 1970 realisiert werden soll, kann an vorhandene Sielleitungen im Havighorster Redder und Mümmelmannsberg angeschlossen werden. Ihre Höhenlage begrenzt den Bauabschnitt auf die 24,5 m Höhenlinie. Der zweite Bauabschnitt mit weiteren 3.600 Wohnungen kann erst entstehen, wenn umfangreiche überörtliche Straßenbaumaßnahmen erfolgt sind sowie der U-Bahn-Anschluss gebaut ist: ein Termin kann heute nicht genannt werden. Diese Realisierungsstufen haben zur Folge, dass der erste Abschnitt ohne in sich abgerundete städtebauliche Anlage wird und trotzdem eine nahtlose Erweiterung erfolgen kann. Das verkehrliche Rückrat des voll ausgebauten Stadtteils wird die nord-süd-gerichtete Sammelstraße sein. Dieser sollen die zentralen Einrichtungen bandartig zugeordnet werden.
Erschließung
Individualverkehr
Als äußere Erschließungsstraßen sind die folgenden Straßenzüge vorgesehen:
Die Bundesstraße B 5 tangiert den Stadtteil südlich; sie ist eine der wesentlichen Radialstraßen der Hamburger Stadtregion und wird deshalb weiter ausgebaut. Bis Ende
1972 wird im Raum Horn/Billstedt eine neue Schnellstraße zur Verfügung stehen, die den heutigen Verkehrsengpass im Verflechtungsbereich der Billstedter Hauptstraße, Möllner
Landstraße und Washingtonallee entlastet. Der Verkehrsknoten an der Autobahnauffahrt soll zu einem späteren Zeitpunkt ausgebaut werden. Im Norden wird für den Raum Glinde/Oststeinbek eine neue Ortsumgehung, die an die Möllner Landstraße und Glinder Straße / Schiffbeker Höhe, Hermannsthal anschließt, geplant. eine nord-süd-gerichtete Sammelstraße soll den Stadtteil an zwei Hauptverkehrsstraßen anschießen. Als stadtteilverbindender Straßenzug wird zunächst die Trasse Steinbeker Hauptstraße-Mümmelmannsberg und Havighorster Redder ausgebaut. Bei der Gestaltung des inneren Erschließungsnetzes wurde besonderer Wert auf ein übersichtliches und leicht begreifliches Straßennetz gelegt.
Öffentlicher Nahverkehr
Der erste Bauabschnitt wird mit Bussen bedient, die über die Umgehung Oststeinbek und die Möllner Landstraße den U-Bahnhof Billstedt erreichen. Für den Endausbau ist der Bau einer U-Bahnstrecke geplant. Vom 4-gleisigen Bahnhof Billstedt wird eine Strecke unter der Straße Havighorster Redder den zentralen Bereich des künftigen Stadtteils erreichen. Hier ist der Bahnhof geplant, der mit seinen Ausgängen die Bereiche westlich und östlich der Sammelstraße erreicht.
Fußgängerbeziehungen
Der U-Bahnhof wird der wesentliche Ziel- und Quellpunkt der Fußgängerströme in der Wohnanlage sein. Im Zentrumsband ist ein Fußgängerbereich vorgesehen, der Bezüge zu den angrenzenden Wohnbereichen hat; er wird außerdem an die Naherholungsgebiete Boberger Dünen (Marschlandschaft der Vierlande) und der Glinder Au angeschlossen. Im Glinder Au-Tal werden Wegbeziehungen entwickelt, die sich nach Osten und Westen (unter der Autobahnbrücke hindurch) in vorhandene öffentliche Grünanlagen fortsetzen.
Gestaltung
Das Baugebiet ist eine flache Kuppe mit einem flachen Osthang und einem stärkeren Nordhang zum Glinder-Au-Tal. Die Baumassengliederung soll diese Topographie sichtbar erhalten und , soweit möglich, unterstreiche. Zu der Hamburger Stadtlandschaft wird diese Wohnanlage eine wesentliche Ergänzung sein. Sie wird den Geesthang entlang der B 5 markieren, nach Osten eine neue Bebauungsgrenze gegenüber der angrenzenden landwirtschaftlichen Zone darstellen, im Norden das Glinder-Au-Tal zu einem städtischen gliedernden Grünzug umformen. Die Wohnanlage markiert darüber hinaus dem von Süden auf der Bundes-Autobahn heranfahrenden Autofahrer die Abfahrt Billstedt. Die isolierte Lage des Baugebietes von beachtlicher Größe bot die Möglichkeit, eine in sich geschlossene städtebauliche Gesamtform zu gestalten. Diese soll eine den Standort in der wachsenden und zum Teil amorphen Stadtlandschaft gemäße ordnende Funktion übernehme; sie soll unverwechselbar sein im Gesamtaufbau und in der Einzelausformung. Diesem Anliegen sollte u.a. die Forderung dienen, anstelle fließender Übergänge Kontraste zwischen bebauten Gebieten und angrenzender Landschaft mit "harten" und eindeutigen Grenzen zu formen. Eine strenge und "steinernde" städtische gesamt- und Einzelgestaltung der Wohnanlage war deshalb erwünscht. Dies galt für die Form der Nutzung der Freiflächen im besonderen Maße. Angeregt war die Ereiterung der straßenbegleitenden Fußwege u Begegnungsflächen sowie die Anlage von "Spielstraßen". Dem erläuterten allgemeinen flächenstrukturellen Anliegen (Nutzungsverflechtung) folgend, wird der gestalterischen Integration der Folgeeinrichtungen im Zentrumsbereich mit den Wohngebäuden und –bereichen eine besondere Bedeutung zugemessen. Auf die einwandfreie Besonnung und Belichtung wird Wert gelegt; deshalb sind mindestens 2 H Gebäudeabstand und eine Süd- bis Westorientierung einer Hausseite von Familienwohnungen einzuhalten. Gleiche Bedeutung wird der Wohnruhe zugemessen. Die privaten Verkehrsflächen (Stellplätze und Garagen) sollen gestalterisch einwandfrei eingebunden werden. Lufthygienische Untersuchungen haben ergeben, dass infolge der Emissionen des Industriegebietes Billbrook im Planungsgebiet nur Wohngebäude bis 8 Geschosse und im Norden bis 12 Geschosse zugelassen werden können. Der Geesthang südlich der B 5 soll aufgeforstet und am Südhang des Wohngebietes möglichst Schutzpflanzungen vorgesehen werden, um eine Verwirbelung der aufsteigenden Luft zu erreichen.
Die städtebauliche Einordnung des Gemeindezentrums
Die Fläche für das Gemeindezentrum ist Teil des genannten Zentrumsbandes entlang der Sammelstraße. Sie hat in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft eine besonders bevorzugte Lage in diesem Funktionsnetz. Die erläuterten Fußwegbeziehungen verbinden die Fläche in Nord-Südrichtung mit den anderen Einrichtungen des Zentrumsbandes und in Ost-Westrichtung mit den angrenzenden Wohnblöcken (und den zentralen Einrichtungen des späteren 2. Bauabschnittes). Der städtebauliche Entwurf geht davon aus, dass diese Wegebeziehungen das Gemeindezentrum aktivieren; sie sollen deshalb mit den öffentlichkeitsbezogenen Teilen verknüpft werden, ohne jedoch das interne Gemeindeleben durch Einblicke, Lärm etc. zu stören. Das im Bebauungsplanentwurf eingetragene Signum für einen Weg dient dem erläuterten städtebaulichen Zweck, innerhalb des Zentrumsverbandes einen vom Straßenverkehr zusätzlichen unabhängigen Fußgängerbereich zu schaffen. Die Wegeführung auf dem Grundstück ist beliebig, innezuhalten sind die Anschlusspunkte an der Nord- und Südgrenze. Die Zufahrt zum Grundstück kann nur von der westlich verlaufenden Wohnstraße aus erfolgen. Südlich grenzt ein Grundstück der Post an; auf diesem wird eine Vermittlungsstelle, ggf. eine Verbindung mit einem kleinen Postamt errichtet werden. Im westlich angrenzenden Wohnblock sind dem ost-west-gerichteten Fußgängerbereich zugeordnete Läden vorgesehen. Der benachbarte Wohnungsbau wird sicherlich im Montagebau errichtet werden; dunkelroter Ziegelstein ist als Ergänzungsmaterial bisher vorgesehen. Das Einkaufszentrum dürfte ebenfalls im Montagebau ausgeführt werden.
II. Die Gemeinde
1. Grundsätzliches
Bei der gestellten Aufgabe geht es darum, für die Wirklichkeit der heutigen christlichen Gemeinde den angemessenen baulichen Ausdruck zu finden. Diese Gemeinde stellt sich nicht nur in ihren gottesdienstlichen Versammlungen dar, sondern auch in einer vielgestaltigen Gliederung ihrer Gemeinschaft – entsprechend der Verschiedenheit der Gaben, Aufgaben und Interessen, aber auch der Altersstruktur. Ihr Auftrag, Salz der Erde zu sein, weist sie zugleich in die Solidarität mit der Welt; sie ist mitverantwortlich für die Menschen der heutigen Industriegesellschaft und die Ordnungen, in denen sie leben. Die Formen für die neuen Strukturen der gemeindlichen Wirksamkeit sind in der gegenwärtigen Umbruchsituation noch weithin offen. Es wäre zu begrüßen, wenn die eingereichten Arbeiten auch dafür Ideen und Vorschläge beizutragen vermöchten.
2. Zur Gemeindestruktur
In den letzten Jahren zeichnet sich ein Wandel in den Anschauungen über die erwünschte Größe und den Aufbau der Gemeinde ab. Stand bisher das Leitbild möglichst kleiner, lebendiger und überschaubarer Gemeinden mit je einem baulichen Mittelpunkt im Vordergrund, so sieht man jetzt deutlicher, das dies bei der Fülle und Differenziertheit der heutigen gemeindlichen Aufgaben – zumal in solcher städtischen Siedlungssituation – eine Überforderung des Pfarrers zur Folge haben muss. dies gilt auch, wenn für bestimmte Zweige der kirchlichen Arbeit Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Für die Bewältigung dieser verschiedenartigen aufgaben bedarf es meist nicht nur spezieller Begabungen, sondern auch gründlicher Spezialkenntnisse. So sind z.B. für eine sachgerechte moderne Jugendarbeit pädagogische Begabung und ein ausgebreitetes jugendpsychologisches und pädagogisches Fachwissen unerlässlich; wirkliche Seelsorge an den Menschen der heutigen Industriegesellschaft ist nur dort möglich, wo mit entsprechender Begabung auch die Vertrautheit mit den Erkenntnissen der modernen Soziologie und Psychologie verbunden ist. Die Notwendigkeit zur Spezialisierung wird durch die immer komplizierter werdenden Probleme im heutigen Gesellschaftsleben unterstrichen. Von daher legt sich das Modell einer neuen Gemeindegestalt nahe: Eine Großgemeinde, die durch ihre Gliederung nach Pfarrbezirken (parochiale Gliederung) und nach Aufgabengebieten (funktionelle Gliederung) überschaubar ist. Durch die zweifache Gliederung soll die Gemeindebildung erleichtert und die Wirksamkeit der Gemeindearbeit erhöht werden. Mittelpunkt der Gemeinde ist ein kirchliches Zentrum, in dem bestimmte pfarramtliche Aufgaben – einheitlich für die ganze Gemeinde- zusammengefasst und in die Hand dafür besonders vorgebildeter Pfarrer (oder anderer kirchlicher Mitarbeiter) gelegt sind. Den Modellfall einer solchen Gemeindegestalt baulich zu klären, ist das ideelle Ziel dieses Wettbewerbes.
Das der Planung zugrunde liegende Konzept sieht vor:
a) das neu entstehende Wohngebiet "Hamburg-Mümmelmannsberg" bietet für die Bildung einer Kirchengemeinde, die endgültig etwa 14.000 Evangelische umfassen wird, günstige räumliche Voraussetzungen. Baulicher Mittelpunkt der Gemeinde wird das Gemeindezentrum am Havighorster Redder sein, das bei diesem Wettbewerb geplant werden soll. Die Gemeindearbeit wird so auf die Pfarrer und die sonstigen kirchlichen Mitarbeiter verteilt, dass deren jeweilige Gaben und Kenntnisse am besten genutzt werden können. Der Fächer der Angebote wird etwa folgendes umfassen:
Gottesdienste (in unterschiedlichen Formen, zum Tei8l gleichzeitig), seelsorgerlicher Dienst (auch Beichte) Beratung in Ehe- und Erziehungsfragen Jugendveranstaltungen (mit der Möglichkeit von Konfirmandenunterricht) kulturelle und gesellige Veranstaltungen Ausstellungen Gruppenarbeit von beruflichen, altersmäßigen und anderen Interessengruppen. Außerdem ist vorgesehen, einige Räume zur freien Benutzung für Gespräche, für Meditation und für das Lesen von Büchern und Zeitschriften anzubieten. Die Gemeinde ist in 4 Pfarrbezirke eingeteilt. Im zu bauenden kirchlichen Zentrum sind zunächst 2 Pfarrwohnungen einzuplanen. Die später evtl. noch erforderlich werdenden Pfarrwohnungen sind nicht Gegenstand des Wettbewerbs. Verwaltungstechnisch ist die Gemeinde der Gesamtgemeinde Kirchsteinbek angeschlossen. Es bedarf deshalb nicht der Bereitstellung besonderer Räume für Verwaltungszwecke.
III. Die Bauaufgabe
1. Grundsätzliches
Die Planung der kirchlichen Bauten soll weder bloße Anpassung noch falsche sakrale Überhöhung anstreben, die Bauten sollen sich vielmehr als ein klares sachliches Gegenüber zu den Bauten der neuen Wohnstadt "Mümmelmannsberg" darstellen. die den einzelnen Orten der Gemeindearbeit zugedachten Funktionen sollen die bauliche Gestaltung prägen, frei von der Bindung an feste Überlieferungsnormen wie von willkürlichen Besonderheiten. Wo Räume vielfältig benutzt werden, muss das ohne den Einsatz komplizierter technischer Mittel möglich sein. Von den einreichten Arbeiten wird Qualität ohne repräsentativen Aufwand erwartet.
2. Raumprogramm
a) Großer Raum für gottesdienstliche Gemeindeveranstaltungen (Größe ca. 250 qm einschl der Flächen für Chor, Orgel und Orchester). Der Raum soll vorwiegend den Gottesdiensten der Gemeinde dienen, aber gleichzeitig so variierbar sein, dass er auch für Laienspiele, Bildmeditationen, Abendmusiken und Gemeindeveranstaltungen (Vorträge, Aussprachen u. a.) zu verwenden ist. (Ein besonderer Gemeindesaal ist nicht vorgesehen) Gewünscht wird ein heller und festlicher Raum, in dem man gerne weilt. Für die verschiedenen Möglichkeiten an Veranstaltungen und besonders für die gottesdienstlichen Handlungen und ihre Orte – Altar, Kanzel, Taufe, Gemeinde und Chor mit Orgel und Orchester – soll eine freie Ordnung gefunden werden, die der spezifischen Mitwirkung der einzelnen Elemente im und am Gottesdienst entspricht. In wieweit diese Ordnung zu Gliederungen in unterschiedliche Raumzonen führt, ist eine Frage der architektonischen Lösung. Einige Punkte sollen dabei beachtet werden: Raumform und Sitzanordnung sollen so gewählt werden, dass sich ein guter Kontakt zwischen Pfarrer und Gemeinde, aber auch der Gemeindeglieder untereinander ergibt. (Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch der Chor ein Teil der Gemeinde ist.)
+) Ev.-Luth. Kirchengemeinde Kirche in Steinbek
Kirchsteinbek - Mümmelmannsberg - Oststeinbek
pastor.ostendorf@kirche-in-steinbek.de
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