Eine Kirche ohne Turm und Glocken
Eine Kirche ohne Turm und Glocken
(Architekt und Künstler planen gemeinsam)
Hamburger Abendblatt vom 14. 7. 1976
Von Kunst am Bau wird meistens erst geredet, wenn das Gebäude schon steht. Künstler und Architekt suchen dann mühsam nach einem Platz, an dem das Wandbild oder die Plastik noch hineingequetscht werden kann. Das Ganze endet fast immer in einem Kompromiss. Eine glückliche Ausnahme bildet das neue Gemeindezentrum am Mümmelmannsberg. Es wird am 15. August eingeweiht. Hier haben die ausführende Architektenfirma Grundmann und Rehder und der Hamburger Bildhauer Hans Kock (56) vom Entwurf an gemeinsam geplant. "Kunstwerke von Kock gibt es in einigen meiner Kirchen", sagt Friedhelm Grundmann, "doch jetzt konnten wir einmal richtig beweisen, dass Kunst am Bau etwas Gemeinsames ist und nicht etwas Zusammengepapptes".
Friedhelm Grundmann (51), Sohn des bekannten Hamburger Museumsdirektors und Denkmalpflegers Günther Grundmann, ist ein alter "Kirchenhase". Der Bau am Mümmelmannsberg ist sein dreißigster und zugleich größter Kirchenbau: die letzte Kirche dieser Größenordnung, die für absehbare Zeit in Hamburg und Schleswig Holstein geplant ist. Gottesdienstraum, Gemeindesaal, Altentagesstätte, Kindergarten und im Keller ein vielräumiges Jugendzentrum sind unter einem Dach vereint. Bei größeren Veranstaltungen verschwinden die Zwischenwände, so dass bis zu tausend Personen Platz haben. Im Nebenhaus sind Wohnungen für Pastoren, Gemeindehelfer, Küster und Kindergärtnerinnen untergebracht. "Aber warum hat Ihre Kirche keinen Turm und keine große Orgel, Herr Grundmann?" "Um die Kirche heutigen Gegebenheiten anzupassen und um das feierliche Element zurückzudrängen, hat man auf dem Darmstädter Kirchebautag 1969 neue Forderungen aufgestellt, die besonders von jungen Theologen unterstützt wurden: keine Kirchtürme und keine Glocken, kein reiner Gottesdienstsaal, sondern ein Mehrzweckraum und keine großen Orgeln." Grundmann ist zwar selber der Meinung, dass man hier mit dem Wunsch, zeitgemäß zu sein, etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, aber er meint: "Einen Turm hätte ich inmitten der riesigen Hochhäuser an dieser Stelle auch architektonisch nicht vertreten können. Ein Kirchturm muss als Wahrzeichen gegen den freien Himmel stehen."
Um aber den sakralen Charakter des Gottesdienstraumes doch zu betonen- er lässt sich in ein Theater mit Bühne und in ein Kino verwandeln – hat der künstlerische Partner des Architekten eine der zehn Meter hohen Außenwände mit einem riesigen gemalten kreuz versehen. Hans Kock hat auch die emaillierten Stahlplatten der weitläufigen Außenfassade eigenhändig bemalt. "Das war nicht ganz einfach", sagt er, "denn die Platten werden erst nach der Bemalung gebrannt und die Farbe verändert sich dabei ganz gewaltig. Das muss man alles vorher einkalkulieren. Im Gottesdienstraum hat Kock die Emporenbrüstung in rhythmisch schwingenden Formen als Betonrelief gestaltet. die Formen wiederholen sich in den Sockeln der plastisch hervortretenden Mauerstützen. "Die endgültige Fassung des Reliefs habe ich erst am Bau entwickelt und gemeinsam mit den Zimmerleuten ausgeführt", sagt Kock. "Wenn man künstlerisch arbeitet, kann man sich nicht streng an seine Entwürfe halten, das hieße, sich selber kopieren."
Die Idee von Grundmann und Kock ist, den Benutzern der Räume das Gefühl von Freiheit und Weiträumigkeit zu vermitteln. Die Freiheit soll sogar so weit gehen, dass man sich dort einfach nur wohlfühlen kann, ohne gleich an Kunst zu denken. Architekt und Künstler haben dazu allen Fragen der Innen- und Außengestaltung gemeinsam durchdiskutiert. Sie sind begeistert von der fruchtbaren Zusammenarbeit. "Aber man kann nicht irgendeinen Künstler mit irgendeinem Architekten zusammensperren", betont Kock.
"Die beiden müssen die gleiche Wellenlänge haben und trotzdem den eigenen Standpunkt hart gegeneinander vertreten können".
Inge Mösch
+) Ev.-Luth. Kirchengemeinde Kirche in Steinbek
Kirchsteinbek - Mümmelmannsberg - Oststeinbek
pastor.ostendorf@kirche-in-steinbek.de
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