Das Großwohnbauprojekt
Das Großwohnbauprojekt "Mümmelmannsberg"
Diese Wohnanlage auf einem 152 ha umfassenden Gebiet mit 7200 geplanten Wohnungen für 24000 Menschen ist nun das größte Bauvorhaben innerhalb unseres Dorfes, das aber auch der größten Kritik ausgesetzt war und ist und bleiben wird. Sie begann bereits bei den Grundstückskäufen 1965 und als die ersten Planungen bekannt wurden. Die bisher genannten Siedlungen waren auf dem wenig ertragreichen und landschaftlich kaum genutzten Flächen des sandigen Geestrückens errichtet worden, "up de drööge Siet"; diese aber im östlichen Teil des Dorfes, jenseits der Glinder Au, "up de natte Seit", auf dem fruchtbarsten Ackerland, dem Herzstück des bäuerlichen Besitzes. Hier sollte der Bauer auf seiner Scholle für unser aller täglich Brot fortan nicht mehr ackern, pflügen und ernten, nicht mehr am Wachsen und Gedeihen, am Erfolg sich freuen dürfen! Das ging nicht nur dem von früh bis spät sich mühenden Bauern nicht ein, der überdies selbst mit in dem Geschäft stand. Und als man dann noch sehen musste, nachdem die wegen der Konjunkturdämpfung gesperrten Haushaltmittel vom Hamburger Staat am 1. Juli 1970 endlich freigegeben wurden, wie man und mit welcher Eile und Rücksichtslosigkeit zu Werke ging, da blutete nicht nur den ehemaligen Besitzern das Herz, da bäumte sich die Volksseele dagegen auf.
So schrieb das Heimatblatt, der "Billstedter Anzeiger", in jenen Tagen: "Schaufelbagger fressen sich durch ungemähte Felder, so dass sich in jedem, der im Krieg und in den Jahren danach Hunger gelitten hat, das Herz im Leibe umgedreht hat. – Wir haben selbst gesehen, wie ein Schaufellader ein großes Feld streckenweise "abgeerntet" hat, indem er das reife Getreide im Erdboden vermischt zu einem hohen Damm auftürmte. So ist es nicht einmal mehr als Schweinefutter zu verwerten – Sind wir denn wirklich schon so im Wohlstandsdenken befangen, dass wir ruhig mit ansehen, wie unser täglich Brot noch auf dem Halme stehend vernichtet wird?" –
Und ein halbes Jahr später, am 22. 4. 71 nahm das Hamburger Abendblatt unter der Schlagzeile "Ein hoher Schornstein als Wahrzeichen" Stellung zu der Anlage des Heizwerks für das gesamte Wohngebiet und schrieb: "Im Bereich der Wohnanlage Mümmelmannsberg ist lt. "Bebauungsplan" nur ein Heizwerk zulässig. – Eine Beheizung mit Öl ist nicht die Ideallösung, doch waren die Hamburger Gas- und Elektrizitätswerke nicht dazu in der Lage, die Großsiedlung zu versorgen. So bleibt nur die Lösung, das Heizwerk mit Öl zu speisen. – Im Ausbauzustand bedeutet das einen Ölverbrauch von zehn Tonnen in der Stunde. Bei solchem Ölverbrauch befürchtet der Ortsausschuss eine Invasion von Lastzügen zur Deckung des hohen Heizölbedarfs." Und fragt man weiter, wie steht es bei einer solchen Anlage mit dem Problem der Umweltverschmutzung und des Umweltschutzes, so liest man "…Gerade darum wird der Schornstein 79 m hoch, damit die Bewohner der Siedlung wenige Auswirkungen spüren". Nun, es ist nur ein Schornstein, und es sind nicht deren Viele wie seinerzeit in Billbrook, und von deren "Segen" wir und noch viel mehr die Schiffbeker ein Lied zu singen wissen. So bleibt der Schornstein denn mehr als ein "Wahrzeichen", ein "Mahnzeichen" in der Siedlung, in der Landschaft.
Und die warnenden und anklagenden Stimmen verstummen nicht, dass man so etwas baut in unserem Zeitalter, da man in hohen Tönen das Lied von "Umweltverschmutzung und Umweltschutz" singt. Schauen wir den inzwischen fertiggestellten Bauabschnitt an, die langen grauen Häuserzeilen, von denen selbst die eingesetzten Bauarbeiter sagen, "zuviel grauer Beton an monotonen Fassaden". Und dafür schrieb man "einen farbigen Wettbewerb für Kinder und Jugendliche" aus, zu dem ein Vorstandsmitglied der federführenden Bauträgergesellschaft "Neue Heimat" anlässlich des Richtfestes die bedeutsamen Worte gesprochen haben soll: "Der Ruf, dass Teile dieser Bauwerke hier Grauwerke seien – der Bausenator sprach einmal von "Brutalismus" – hat uns auf die Idee gebracht (!), das Beton der Vorbauten und Stützmauern dieser Wohnblocks mit freundlichen Farben zu versehen. Und wir meinen, diese Aufgabe sollte Sache der Kinder und Jugendlichen dieser Wohnanlage sein". (So zu lesen im Hamburger Abendblatt vom 8. 6. 1972).
Ernstlich taucht die Frage auf, ob der Mensch hier wirklich zufrieden, glücklich, heimisch werden kann. Gewiss, es gibt am Hang zur Glinder Au eine stattliche Reihe schöner Eigentumswohnungen mit kleinen Gartenanlagen, und weitere sollen im "Godenwind" folgen. Und wenn auch noch die leeren Flächen diesseits und jenseits der Au mit den bereits vorhandenen Grünflächen des alten Mühlen- und Gutsbesitzes Steinfurth verbunden und weiter ausgebaut werden, so könnte wenigstens hier eine Anlage entstehen, wo der Mensch Erholung und Entspannung vom Alltagsbetrieb finden könnte. Ein anderes Positivum soll nicht unerwähnt bleiben, dass man in dieser Großsiedlung einmal rechtzeitig mit der Erfüllung der schulischen Belange begonnen hat.
Noch ist das große Bauvorhaben "Mümmelmannsberg" nicht beendet, noch mögen Wünsche und Hoffnungen erfüllt und Verbesserungen vorgenommen werden, die den Menschen in der neuen Stadt das Wohnen und Leben darinnen angenehmer, lieb und wert machen; indes die Alteingesessenen ihren Erinnerungen nachgehen und leben und träumen von den schönen Spaziergängen durch die sommerlichen Fluren, den langen "Feldweg" entlang mit seinen hohen Knicks und blühenden Sträuchern, vorbei an duftendem Klee – und goldgelben Kornfeldern, wo Freude im Herzen sich regte beim Anblick der reifen Frucht, der hoch darüber jubilierenden Lerche und die Lungen einatmeten die reine, frische gesunde Luft. Verständlich, dass Wehmut im Herzen der Alten sich regt ob des Wandels im Dorf, der nicht mehr aufzuhalten, nicht mehr zu ändern ist. Soweit der Wandel zum Großstädtischen hin. Noch erstreckt er sich nicht auf das gesamte ca. 700 ha umfassende Gebiet des ehemaligen Bauerndorfs, es gehört dazu jenes weitere, das man von alters her die "Steinbeker Niederung" nennt, und das der Verstädterung bislang nicht zum Opfer gefallen, obwohl sich auch hier vieles verändert hat.
L. Ihnenfeldt
+) Ev.-Luth. Kirchengemeinde Kirche in Steinbek
Kirchsteinbek - Mümmelmannsberg - Oststeinbek
pastor.ostendorf@kirche-in-steinbek.de
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