Die Anfänge Mümmelmannsbergs
Erste Gedanken
Mitte der 60ger Jahre hatte die Kirchengemeinde Steinbek in Mümmelmannsberg ein ca. 6000 qm großes Grundstück erworben, auf dem das zukünftige Gemeindezentrum errichtet werden sollte.
Dieses Grundstück liegt zwischen der Kandinskyallee und der Paul Klee Straße zum Havighorster Redder hin. Es sollte allerdings noch längere Zeit dauern, bis dieses Gemeindezentrum fertig sein würde.
Die städtische Bauplanung der Neuen Heimat war schon weiter vorangeschritten. Der erste Bauabschnitt mit ca. 3600 Wohnungen sollte 1970 realisiert werden.
Erste Kritik
Schon früh wurde erste Kritik laut. Hier z.B. durch Leopold Ihnenfeldt:
Zitat: "Ernstlich taucht die Frage auf, ob der Mensch hier wirklich zufrieden, glücklich, heimisch werden kann. Gewiss, es gibt am Hang zur Glinder Au eine stattliche Reihe schöner Eigentumswohnungen mit kleinen Gartenanlagen, und weitere sollen im "Godenwind" folgen. Und wenn auch noch die leeren Flächen diesseits und jenseits der Au mit den bereits vorhandenen Grünflächen des alten Mühlen- und Gutsbesitzes Steinfurth verbunden und weiter ausgebaut werden, so könnte wenigstens hier eine Anlage entstehen, wo der Mensch Erholung und Entspannung vom Alltagsbetrieb finden könnte."
Architektenwettbewerb
Am 30.12.1969 lag ein erster Entwurf eines Architektenwettbewerbs für den Neubau eines kirchlichen Zentrums vor. In diesem Entwurf wurden die Rahmenbedingungen des neuen Stadtteils und der Charakter der zukünftigen Gemeinde und ihres Zentrums dargestellt.
Zitat: "Bei der gestellten Aufgabe geht es darum, für die Wirklichkeit der heutigen christlichen Gemeinde den angemessenen baulichen Ausdruck zu finden. Diese Gemeinde stellt sich nicht nur in ihren gottesdienstlichen Versammlungen dar, sondern auch in einer vielgestaltigen Gliederung ihrer Gemeinschaft - entsprechend der Verschiedenheit der Gaben, Aufgaben und Interessen, aber auch der Altersstruktur. Ihr Auftrag, Salz der Erde zu sein, weist sie zugleich in die Solidarität mit der Welt; sie ist mitverantwortlich für die Menschen der heutigen Industriegesellschaft und die Ordnungen, in denen sie leben." (Entwurf 30.12.1969)
Die Einwohnerzahl Mümmelmannsbergs wurde mit ca. 24.000 Menschen angenommen. Davon sollten - laut Plan - ca. 14.000 evangelische Gemeindeglieder sein.
Für diese Größenordnung wurde das Gemeindezentrum konzipiert. Der Gemeindebezirk Mümmelmannsberg sollte in 4 Pfarrbezirke aufgeteilt und mit jeweils einem Pastoren versehen werden.
Gemeindekonzept
Die Arbeitsbereiche Kindergarten (mit 100 Plätzen) , Jugendetage, Sozialarbeit (mit Hoteleinheit) und Altentagesstätte sollten jeweils Haupt- und Nebenamtliche Mitarbeitende bekommen.
Zitat: "Stand bisher das Leitbild möglichst kleiner, lebendiger und überschaubarer Gemeinden mit je einem baulichen Mittelpunkt im Vordergrund, so sieht man jetzt deutlicher, das dies bei der Fülle und Differenziertheit der heutigen gemeindlichen Aufgaben – zumal in solcher städtischen Siedlungssituation – eine Überforderung des Pfarrers zur Folge haben muss. dies gilt auch, wenn für bestimmte Zweige der kirchlichen Arbeit Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Für die Bewältigung dieser verschiedenartigen Aufgaben bedarf es meist nicht nur spezieller Begabungen, sondern auch gründlicher Spezialkenntnisse. So sind z.B. für eine sachgerechte moderne Jugendarbeit pädagogische Begabung und ein ausgebreitetes jugendpsychologisches und pädagogisches Fachwissen unerlässlich; wirkliche Seelsorge an den Menschen der heutigen Industriegesellschaft ist nur dort möglich, wo mit entsprechender Begabung auch die Vertrautheit mit den Erkenntnissen der modernen Soziologie und Psychologie verbunden ist. Die Notwendigkeit zur Spezialisierung wird durch die immer komplizierter werdenden Probleme im heutigen Gesellschaftsleben unterstrichen." (Entwurf 30.12.1969)
Diesem inhaltlichen Gemeindekonzept sollte die äußere Form des Gemeindezentrums entsprechen:
Zitat: "Die Planung der kirchlichen Bauten soll weder bloße Anpassung noch falsche sakrale Überhöhung anstreben, die Bauten sollen sich vielmehr als ein klares sachliches Gegenüber zu den Bauten der neuen Wohnstadt "Mümmelmannsberg" darstellen. Die den einzelnen Orten der Gemeindearbeit zugedachten Funktionen sollen die bauliche Gestaltung prägen, frei von der Bindung an feste Überlieferungsnormen wie von willkürlichen Besonderheiten. Wo Räume vielfältig benutzt werden, muss das ohne den Einsatz komplizierter technischer Mittel möglich sein. Von den eingereichten Arbeiten wird Qualität ohne repräsentativen Aufwand erwartet." (Entwurf 30.12.1969)
Mit diesen durchaus ehrgeizigen Plänen des Kirchenvorstandes der Kirche in Steinbek wurde ein ca. 6.000 qm Grundstück im Herzen Mümmelmannsbergs überplant.
Bis auf die Verwaltung, die weiterhin in Kirchsteinbek geleistet werden sollte, lag das Ideal einer großen christlichen Gemeinde, die neben dem Gemeindeaufbau auch soziale Verantwortung für den Stadtteil wahrnehmen sollte, zugrunde.
Pastor Dr. Manzke drückte das später in seinem Betrag zur Festschrift 1976 in einem Dreischritt aus:
"Kirche als Kirche - Kirche als Diakonie - Kirche als Stätte der Begegnung."
Diese Gedanken und Planungen sollten nun umgesetzt werden:
- Am 7.9.1972 wurden 7 Architekten zum Wettbewerb eingeladen.
- Am 9.3.1973 war Abgabeschluss für die Pläne
- Ostern 1973 stand der Sieger des Wettbewerbs fest.
Es waren die Architekten Grundmann, Rehder und Zeuner mit den Mitarbeitern Peter Suck und Luis Moreno als projektleitende Architekten.
Friedhelm Grundmann und Hans Kock
In seinem Entwurf war es Architekt Grundmann gelungen, die Ansprüche des Kirchenvorstandes umzusetzen und darüber hinaus die Architektur mit der Kunst zu verbinden.
Der Künstler Hans Kock war dafür der ideale Partner.
Zitat: "Die Bewohner des Mümmelmannsberges sollen hier einen Ort finden, den es in dieser Form und mit diesem Aussehen nur hier gibt, der also unverwechselbar ist und mit dem sie sich identifizieren können. Noch vor einigen Jahren wäre dafür ein Kirchturm gebaut worden. Heute ist die Kirche bescheidener geworden und verzichtet auf Glocken und Turm. Besonders inmitten von Hochhäusern, wie hier am Mümmelmannsberg, wäre ein Kirchturm auch architektonisch unangebracht. So mussten andere Mittel gefunden werden, dem Kirchbau seinen Ausdruck zu geben. Die Besonderheit der Gestalt ist nun durch die plastische Form und die starke Gliederung der Baukörper von der Architektur vorgegeben worden und vom Künstler durch die farbigen Bilder der Außenwände, gipfelnd in dem großen Kreuzbild zur Eingangesseite hin, ausgeformt worden. Alle Seiten der Bauten haben von jedem Blickpunkt aus eine andere Form und einen anderen Bildcharakter, so dass es niemals zu Wiederholungen des Gesehenen kommt wie sonst bei den Serienbauten der Umgebung. Dabei ergänzen und entsprechen sich die Architektur und die Kunst so vollständig, dass man von einer übergeordneten Einheit sprechen kann, die nur durch ständige intensive Zusammenarbeit zwischen Architekten und Künstler von Anfang der Planung an bis zum Ende des Baues erreicht werden kann." (Festschrift zur Einweihung von 1976)
Was nun entstehen sollte war weder von der Gemeindekonzeption noch von der architektonischen Gestaltung her Kirche im klassischen Sinne. Die Gemeindekonzeption versuchte theologisch auf die neue städtebauliche und gesellschaftliche Situation zu reagieren und die bauliche Gestalt sollte das nach außen hin sichtbar machen.
Zitat: "'Aber warum hat Ihre Kirche keinen Turm und keine große Orgel, Herr Grundmann?' 'Um die Kirche heutigen Gegebenheiten anzupassen und um das feierliche Element zurückzudrängen, hat man auf dem Darmstädter Kirchebautag 1969 neue Forderungen aufgestellt, die besonders von jungen Theologen unterstützt wurden: keine Kirchtürme und keine Glocken, kein reiner Gottesdienstsaal, sondern ein Mehrzweckraum und keine großen Orgeln.' Grundmann ist zwar selber der Meinung, dass man hier mit dem Wunsch, zeitgemäß zu sein, etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, aber er meint: "Einen Turm hätte ich inmitten der riesigen Hochhäuser an dieser Stelle auch architektonisch nicht vertreten können. Ein Kirchturm muss als Wahrzeichen gegen den freien Himmel stehen." (Hamburger Abendblatt 14.7.1976)
Es entstand ein Gemeindezentrum ohne Turm und Glocken (was ganz ursprünglich eigentlich mitgeplant gewesen war). In Mümmelmannsberg hatte Kirche eine neue Gestalt gefunden.
Zielvorstellungen für das Gemeindezentrum
Inhaltlich wurden die Zielvorstellungen für die Kirche in einer Neubausiedlung am 2.1.1974 in folgenden 4 Thesen dargelegt und ausgeführt.
1. In der urban-säkularen Gesellschaft ist das Reden von Gott vornehmlich eine politische Sache.
2. Der Horizont des Redens und Handelns des biblischen Gottes war immer schon die Politik.
3. Wo immer Gott heute den Menschen zum Handeln herausfordert, da meint er politisches Handeln.
4. Ein unpolitischer Glaube steht in der Gefahr, häretisch zu sein/werden.




