Selbstverletzendes Verhalten (SvV)

Pubertätsritus oder Jugendkrankheit?

Wuppertal (Quelle: epd; Von Sabine Damaschke). Immer mehr Jugendliche in Deutschland verletzen sich absichtlich selbst. Ärzte schlagen Alarm: Immer mehr Jugendliche verletzen sich absichtlich selbst. Nach einer Studie der Universität Ulm hat sich jeder vierte Jugendliche in Deutschland nach eigenen Angaben schon einmal „geritzt“. Was oft aus Neugierde geschieht, kann sich zu einer Sucht entwickeln. Vor allem Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren sind betroffen.

Vor der Kamera holt Francesca eine kleine Tasche aus buntem Bast unter dem Bett hervor. „Das ist mein Notfallkoffer“, sagt sie und zeigt einen Igelball, eine Haarkur, einen Badezusatz und ein kleines Säckchen. Als sie eine Scherbe herauszieht, wird klar, dass ihr kleiner Koffer mehr als eine „Wellness-Tasche“ ist. „Die Scherbe habe ich aus der Jugendpsychiatrie mitgebracht „, erzählt Francesa. „Immer wenn ich mich wieder selbst verletzen will, erinnert sie mich an mein Versprechen, es nicht mehr zu tun.“ Wie ernst Francesca es mit diesem Versprechen meint, zeigt sie in dem Film „Lebenszeichen“ des Medienprojekts Wuppertal. Gemeinsam mit vier anderen jungen Frauen zwischen 16 und 20 Jahren hat sie den 80-minütigen Film konzipiert und gedreht. Das Medienprojekt Wuppertal, das seit 1992 Videos mit Jugendlichen realisiert, bietet ihn bundesweit zur Vorführung in Schulen und Jugendgruppen an. Zum ersten Mal sprechen die Jugendlichen darin offen über ihre Selbstverletzungen, die sie jahrelang schamhaft verschwiegen haben. Ihr öffentliches Bekenntnis verstehen sie auch als Selbstverpflichtung.

„Immer, wenn es mir schlecht ging, habe ich mich geschnitten“

„Ich habe noch alle zwei bis drei Monate einen Rückfall „, gibt Francesca zu. „Aber in spätestens sechs Jahren will ich geheilt sein.“ Drei Jahre „Ritzen“ mit Scherben, Messern und Rasierklingen hat sie hinter sich. „Es war wie eine Sucht“, erzählt sie. „Immer, wenn es mir schlecht ging, habe ich mich geschnitten. „ Das habe sie von ihrem Druck und den schlechten Gefühlen befreit. „Da war nur noch der Schmerz, der mir gezeigt hat, dass ich noch lebe.“ Sich Wunden zufügen, um sich selbst wieder zu spüren, um die Leere, die Angst, den Druck des Alltags zu überwinden – Francescas Überlebensstrategie wird von immer mehr jungen Mädchen gewählt. Nicht zuletzt an sie richtet sich der Film, sagt Projektleiter Andreas von Hören. „Wir zeigen, wie aus einem scheinbaren Pubertätsritus ein Suchtverhalten wird, aus dem die Mädchen wieder herauskommen wollen. „ Der Film erzähle von Hoffnungen, Hilflosigkeit, Versagen, aber auch von Wegen, die Krise zu bewältigen. „Meist beginnen Jugendliche im Alter von 13 oder 14 Jahren mit den Selbstverletzungen“, beobachtet der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Paul Plener. In der Pubertät also, wenn die Emotionen sehr stark sind, eine Abgrenzung von den Eltern stattfindet und die Jugendclique in den Mittelpunkt rückt. „Der Nachahmeffekt ist sehr groß, wenn Freundinnen sich schneiden oder die Selbstverletzung in der Jugendgruppe praktiziert wird“, erläutert der Mediziner. Mehr bei epd.

Versteckte Hilferufe

Die Vorstellung, Jugendliche würden sich in erster Linie selbst verletzen, um demonstrativ Aufmerksamkeit zu erregen, ist meistens falsch. Denn das selbstverletzende Verhalten findet oft über Jahre heimlich statt und wird von den Betroffenen mit großer Scham besetzt.

Quelle: Franz Petermann/Sandra Winkel: Selbstverletzendes Verhalten, Erscheinungsformen, Ursachen, Interventionsmöglichkeiten, Hogrefe Verlag, 230 Seiten, 24,95 Euro.

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