Alkoholkrankheit
Der Säufer
Quelle: "Der kleine Prinz" Antoine de Saint-Exupéry; Kapitel 12
Warum trinkst du?
- Den nächsten Planeten bewohnte ein Säufer. Dieser Besuch war sehr kurz, aber er tauchte den kleinen Prinzen in eine tiefe Schwermut.
- »Was machst du da?« fragte er den Säufer, den er stumm vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller Flaschen sitzend antraf.
- »Ich trinke«, antwortete der Säufer mit düsterer Miene.
- »Warum trinkst du?« fragte ihn der kleine Prinz.
- »Um zu vergessen«, antwortete der Säufer.
- »Um was zu vergessen?« erkundigte sich der kleine Prinz, der ihn schon bedauerte.
- »Um zu vergessen, daß ich mich schäme«, gestand der Säufer und senkte den Kopf.
- »Weshalb schämst du dich?« fragte der kleine Prinz, der den Wunsch hatte, ihm zu helfen.
- »Weil ich saufe!« endete der Säufer und verschloß sich endgültig in sein Schweigen.
- Und der kleine Prinz verschwand bestürzt. Die großen Leute sind entschieden sehr, sehr wunderlich, sagte zu sich auf seiner Reise.
Alkoholkrankheit oder Alkoholismus
1. Einleitung
Alkoholismus, eine chronische und in der Regel fortschreitende Suchterkrankung, die durch körperliche und seelische Abhängigkeit von Ethylalkohol gekennzeichnet ist.
Vermutlich ist eine Kombination körperlicher, seelischer, sozialer und erblich bedingter Ursachen für das Entstehen von Alkoholismus verantwortlich. Häufig führt Alkoholismus zu Gehirnschäden oder zu einem frühen Tod. Als relativ risikoarm gilt bei Frauen der Genuss von bis zu zehn bis zwölf Gramm Alkohol (das entspricht einem viertel Liter Bier oder einem achtel Liter Wein) täglich, bei Männern beträgt dieser Grenzwert 20 bis 24 Gramm. Manche Menschen, denen ein Alkohol abbauendes Enzym fehlt (u. a. jeder zweite Asiate), vertragen überhaupt keinen Alkohol.
2. HÄUFIGKEIT VON ALKOHOLMISSBRAUCH
Mehr Männer als Frauen leiden unter Alkoholismus, jedoch nimmt die Trunksucht bei Frauen, aber auch bei Jugendlichen zu. Nach Angaben des deutschen Gesundheitsministeriums von 2004 sind in Deutschland 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig, 2 200 Kinder werden hier jährlich mit einer Alkoholembryopathie geboren. 9 Prozent der Jugendlichen im Alter von 16 bis 17 Jahren missbrauchen Alkohol, 4 Prozent davon sind bereits abhängig. Die 2004 veröffentlichte Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen (ESPAD) ergab, dass 63 Prozent der befragten Schüler in den 9. und 10. Jahrgangsstufen von Regelschulen in den zwölf Monaten vor der Befragung so genannte Alkopops getrunken hatten, nur 6 Prozent hatten in diesem Zeitraum überhaupt keinen Alkohol getrunken. Alkopops sind Mixgetränke aus Limonaden und Spirituosen, die unter Jugendlichen zu einer Art Modegetränk geworden sind, obwohl Kauf und Konsum dieser Getränke für Jugendliche unter 18 Jahren verboten sind. Die Zahl der 10- bis 19-Jährigen, die in Deutschland wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten, nahm von 2000 bis 2002 um 26 Prozent zu.
Nach einer 2003 veröffentlichten Studie der Freien Universität Berlin betragen die durch Alkoholmissbrauch entstandenen volkswirtschaftlichen Kosten in Deutschland pro Jahr etwa 20 Milliarden Euro; berücksichtigt wurden dabei nicht nur Behandlungskosten für „alkoholassoziierte Krankheiten”, sondern u. a. auch Arbeitsausfälle, Arbeitsunfälle, Sachschäden und Frührenten. In Deutschland sterben nach Angaben von 2004 jährlich 42 000 Menschen durch Alkoholmissbrauch.
3. ENTWICKLUNG DER ALKOHOLABHÄNGIGKEIT
Heute geht man davon aus, dass es sich beim Alkoholismus um ein eigenes, vielschichtiges Krankheitsbild handelt. Alkoholismus entwickelt sich meistens über einen Zeitraum von Jahren. Zu den frühen und unauffälligen Symptomen zählt die übermäßige Bedeutung, die der Betroffene der Verfügbarkeit von Alkohol beimisst. Sich diese Verfügbarkeit zu sichern, beeinflusst ihn stark bei der Auswahl seines gesellschaftlichen Umgangs und seiner Aktivitäten. Alkohol wird schließlich immer mehr als stimmungsverändernde Droge konsumiert – und nicht als Lebensmittel oder Getränk, das im Rahmen eines sozialen Brauchs gereicht wird.
Anfangs kann der Alkoholiker eine hohe Alkoholverträglichkeit zeigen: Er trinkt mehr und erlebt dabei weniger unerwünschte Wirkungen als andere. Nach und nach trinkt der Betroffene allerdings größere Mengen, als er vertragen kann, wobei der Alkohol wichtiger wird als persönliche Beziehungen, Arbeit, Ansehen oder sogar Gesundheit. Im Allgemeinen verliert der Betroffene dann die Kontrolle über sein Trinkverhalten und kann immer weniger im Voraus abschätzen, wie viel Alkohol er in einer bestimmten Situation zu sich nehmen wird. Es kann zur körperlichen Abhängigkeit von der Droge Alkohol kommen, was manchmal dazu führt, dass der Kranke den ganzen Tag trinkt, um Entzugserscheinungen zu vermeiden. Alkoholiker reagieren auf Stress oft durch eine besonders starke Ausschüttung des Hormons Hydrocortison und versuchen, dies durch Alkoholmissbrauch zu kompensieren (Alcoholism, 2001).
4. KÖRPERLICHE UND SEELISCHE AUSWIRKUNGEN
Alkohol wirkt unmittelbar toxisch (giftig) und sedativ (beruhigend). Die Unfähigkeit des Alkoholikers, sich während ausgedehnter Phasen des Alkoholmissbrauchs um seine körperlichen Bedürfnisse zu kümmern (z. B. ausreichende Ernährung), verschlimmert das Problem zusätzlich. Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit wird oft ein stationärer Krankenhausaufenthalt erforderlich. Die körperlichen Auswirkungen können mehrere wichtige Organsysteme gleichzeitig betreffen. So kommt es beispielsweise zu unterschiedlichen Störungen des Verdauungstrakts, etwa Magengeschwüren, Bauchspeicheldrüsenentzündungen und Leberzirrhose. Zentrales und peripheres Nervensystem können dauerhafte Schäden davontragen. So gingen im Tierversuch bei Ratten nach 48-wöchigem Alkoholkonsum viele Verbindungen im zentralen Nervensystem verloren. Ursache war die Durchlöcherung des Endoplasmatischen Reticulums, wodurch Nervenzellen mit Calcium überschwemmt wurden; dies könnte Bewegungsstörungen bei Alkoholikern erklären, etwa das Händezittern. Nach chronischem Alkoholmissbrauch bleibt in manchen Gehirnregionen mit grauer Gehirnsubstanz ein permanenter Schaden, während sich Bereiche mit weißer Gehirnsubstanz regenerieren können (Alcoholism: Clinical & Experimental Research, 2001). Chronischer Alkoholmissbrauch verändert außerdem den Haushalt von Hormonen wie Vasopressin (siehe Hypophyse), welche die Wasserausscheidung steuern. Dies ist eine mögliche Ursache für das gehäufte Auftreten von Diabetes insipidus bei Alkoholikern (Alcoholism: Clinical & Experimental Research, 2003). Darüber hinaus fördert Alkohol das Tumorwachstum und damit die Krebsentwicklung, weil Alkohol die Neubildung von Blutgefäßen anregt (Cancer, 2004).
Zudem können Bewusstseinslücken und Halluzinationen vorkommen. Diese Symptome treten neben starkem Zittern bei der schwersten Alkoholentzugserscheinung auf, dem Delirium tremens, das auch bei sofortiger Behandlung tödlich sein kann. Im Gegensatz dazu führt z. B. der sehr schmerzhafte Entzug von Drogen wie Heroin nur selten zum Tod. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass selbst mäßiger – insbesondere aber starker – Alkoholgenuss während der Schwangerschaft beim ungeborenen Kind zu schweren Schäden führen kann, nämlich zu einer Hemmung der körperlichen und geistigen Entwicklung.
5. BEHANDLUNG
Bei der Behandlung der Krankheit erkennt man zunehmend im Alkoholismus selbst das Hauptproblem, dem man sich zuwenden muss, anstatt den Alkoholismus nur als Folge eines tiefer liegenden Problems zu sehen. Die Anzahl spezialisierter Einrichtungen zur stationären Behandlung sowie eigens dafür vorgesehener Abteilungen in allgemeinen Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken steigt rasch. Je mehr der Öffentlichkeit das Wesen des Alkoholismus bewusst wird, desto weniger werden Alkoholkranke sozial gebrandmarkt. Die Betroffenen und deren Familien verbergen ihr Problem zunehmend weniger, so dass die Diagnose nicht mehr so lange hinausgezögert wird. Eine früher einsetzende und verbesserte Behandlung hat zu ermutigenden Heilungserfolgen geführt.
Zusätzlich zur medizinischen Versorgung der körperlichen Störungen und Entzugserscheinungen umfasst die Behandlung auch persönliche Betreuung und Gruppentherapie, die auf eine vollständige, als angenehm empfundene Abstinenz von Alkohol und anderen stimmungsverändernden Suchtdrogen abzielt. Eine solche Abstinenz ist laut gegenwärtigem Stand der Medizin das anzustrebende Ziel. Die zusätzliche Abhängigkeit von anderen Drogen, insbesondere von Beruhigungs- und Schlafmitteln, stellt für Alkoholiker eine große Gefahr dar. Antabus, ein Medikament, das eine heftige Alkoholunverträglichkeit verursacht, solange es sich im Körper befindet, wird manchmal nach dem Entzug eingesetzt. Die Anonymen Alkoholiker sind eine der Selbsthilfegruppen, die Alkoholikern helfen, den Alkoholismus ohne eine formale Therapie zu überwinden.
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